Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Geschichte allerorten / History at every pace

Natürlich sind alle Orte, die wir betreten, mit Geschichten durchzogen. Diese Alltäglichkeit von Geschichte führt ja dazu, dass wir uns heimisch fühlen, wenn es positive Geschichten sind – oder unangenehm wenn es negative Geschichten sind, seien es nun persönliche oder gesellschaftliche. Allerdings denken wir nicht alltäglich daran, sondern haben eher ein Gefühl, gerade wenn es sich um Alltagsorte handelt die wir oft betreten und deren Alltäglichkeit dazu führt, dass wir sie eher als Statisten und Bühnenbild wahrnehmen und nicht als Ding an sich.

Museen sind ja Stätten, die den Alltagsobjekten die Möglichkeit geben als Symbol über sich selbst “hinauszuwachsen” oder, umgekehrt, einen Anstoß für eigene Geschichten zu geben. Aber Landschaften, Gebäude, Straßenzüge – das sind keine Dinge die ins Museum passen. Ihre Alltäglichkeit und das Immer-Da-Sein machen sie fast unsichtbar.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder gesehen, wie Landschaften, Gebäude, Straßenzüge aus dieser Alltäglichkeit herausgenommen werden – und zwar durch Abbildungen, Fotos, Zeichnungen, die genau diese in anderen Zeiten zeigen. Soweit ich weiß, ist das in Berlin häufig zu finden, und auch an anderen Orten habe ich es schon gesehen.

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Fotos von dem Ort, an dem man gerade steht, vor 30, 60, 100, 300 Jahren – immer verbunden mit der Frage, die dann ganz automatisch aufgeht: was war anders? Der Geist vergleicht, sieht auf die Unterschiede in Architektur und Technik. Wer noch etwas geschichtsbegeisterter ist, kann eventuell sogar politische oder gesellschaftliche Ereignisse zu den Jahreszahlen unter den Bildern assoziieren. Das Besondere daran ist, finde ich, dass diese Abbildungen aber nicht in einem musealen Raum gezeigt werden, den wir mit einer bestimmten Erwartungshaltung betreten, sondern wie in unserer medialen Gesellschaft üblich “einfach so”, nebenher. Als Begleitung auf dem Weg, beim Warten auf die Bahn, auf die grüne Ampel.

Ausstellungen an Bauzäunen sind ja seit mehreren Jahren ein Dauerbrenner, Google zeigt hierfür mehr als 6 Seiten Einträge. Bauzäune in allen Formen und Farben, meist als “temporäre Ausstellung” genutzt. Mit Künstlern, Infos, Fotos, Geschichte, Werbung. Der Bauzaun als Gratis-Werbe- & Infofläche aller Art ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Und einmal hatte ich hier schon über die Zwischen-Ausstellung mit historischen Portraitfotos am Bauzaun des neuen berliner Schlosses berichtet (Spree Side Gallery), auch der seit Jahren bestehende Bauzaun der neuen U-5 in Berlin ist ein gutes Beispiel dafür. Reklamefläche in groß, gefüllt mit Infos, Unterhaltung und historischen Fakten.

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Im Gegensatz zu den Ausstellungen am Bauzaun sind historische Abbildungen  etwa an einer U-Bahn-Station oder einer Hauswand eine dauerhafte Einbettung in die Umgebung. Die Pressestelle der BVG sagte auf Anfrage dazu: “Auf den denkmalgeschützten Bahnhöfen werden, in Abstimmung mit der Denkmalbehörde, die Werbetafeln durch historische Abbildungen ersetzt. Die Auswahl der Fotos bezieht sich auf das nahe Umfeld der Bahnhöfe und soll einen Bezug zu dem heutigen Stadtbild und dem historischen Stadtbild herstellen.” ich würde mal sagen: es funktioniert! Und diese Bilder führen dazu, dass Menschen kurz innehalten und einen Gedanken daran verschwenden was früher war, sich kurz oder auch länger zeitlich, geschichtlich verorten. Kinder stellen Fragen dazu, Erwachsene lassen sich in der Zeit treiben. Viele schauen auf das offensichtlich Andere: Pferdekutschen, andere Kleidung, andere Häuser. Andere sehen die Ähnlichkeiten, stellen fest dass manche Gebäude die gleichen geblieben sind. Dass man vielleicht gerade direkt davor steht, vor dem einzigen noch originalen Gebäude einer 200 Jahre alten Abbildung. Es ist eine kleine Chance, sich selber im Lauf der Zeit zu verorten. Darüber nachzudenken was war und was ist – und was eventuell sein wird.

Auch wenn historische Abbildungen vielleicht nur eine mediale Berieselung sind und keine Sache, die man wirklich jetzt “erziehungstechnisch” einsetzt – der Effekt ist doch vorhanden. Wir denken nach. Ein Anfang!

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

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ENGLISH VERSION

Of course, every place we step on is laden with history. This ubicuity of history is what makes us del “at home” at certain places, when its positive histories we are associating with a given place – and makes us feel uncomfortable if these histories are negative ones, be they personal or concerning the whole society. But we are not constantly thinking of this history surrounding  us, especially when we are confronted with everyday places that we wander every day. this prosaicness makes us think of history as a stage setting or an extra. And not as the THING it actually is.

Museums are places that offer the possibility to present everyday objects as symbols. In this context they can be “more” than just themselves, they can offer the opportunity to get our own history in a context. But landscapes, buildings, streets – these are no objects that would fit into any museum. Their prosaicness and their “Being – continually – there” make them almost invisible to the everyday eye.

In the last years there have been several times that I saw how landscapes, buildings, streets, have been removed from this ubiquity  – using paintings, photographies and drawings that show just these landscapes or buildings in other, past times. as far as I know this is a recurring phenomenon at Berlin and I´ve seen it at other cities as well. Images of the places that you are standing right now: images from 30, 60, 100, 300 years ago.

and theres a question that rises almost automatically: what was different then? Our mind starts comparing: differences in architecture, people, fashion. If you are even more interested in history you might even associate some political or societal events with the dates mentioned at the images. The special thing about this is, that these are not part of a museal presentation of objects, they are not part of some surrounding where you are supposed to learn something, to get educated. Rather, they are just with us, accompanying us at a moment when we are waiting for the lights to change to green, for the metro to arrive.

Expositions at building fences are a major thing for some years now, German Google has more than 6 pages of entries on this topic. Building fences in every form and shape and color, mostly being used as “temporary expositions”. They sport artists, information, photos, advertising. The building fence as a free place for information and advertisement – that has been common knowledge for some years now. And I even mentioned the temporary exposition of photographies at the building site for the New Berlin CAstle (Spree Side Gallery) – the building fence of the new metro in the centre of Berlin is another excellent example. Advertisement for the building, the architect, filled with photos and information on the history of the place.

But on the contrary to these examples historical images in a metro station or at a building are being constant. They accompany us for a much longer time frame. And they make people stop, think things over, get them to locate themselves in the river of history, have a look at their position in order to other centuries. You may stop for some seconds or for a longer time. Children ask about the things they see at the image, adults drift dreamily through the times. Many look at the obvious: the buildings that changed  – or not. That maybe you are standing just in front of the only remaining building of the image. Its an opportunity to see yourself as related to past and future. To think about what was and what may be. And even when historical images could count as “only” a new form of media and not something you use to educate people – its the same thing. We start to think, and thats always a good start.

 


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Mal eben zwischendurch: Müller-Karpe zum Antikenhandel 

Hier ein Interview mit Michael Müller-Karpe zum Antikenhandel: ZEIT Müller Karpe

Und nochmal als url:

http://www.zeit.de/2015/09/illegaler-handel-raubkunst-islamsicher-staat-gesetz


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Stonehenge MOOC bei Iversity: ein gemischtes Vergnügen / The Stonehenge MOOC at Iversity: mixed feelings.

Die Wahrheit über Stonehenge von Schebacca!

und von FishDish!

Die Fotos oben zeigen, dass Stonehenge in unserem kulturellen Gedächtnis GANZ weit oben steht. Weiter oben als das Forum Romanum und wahrscheinlich genausoweit wie die Pyramiden. Witzchen, Fotos, Weiterverarbeitung von Stonehenge in unserem Alltag sind immer da und werden von jedem verstanden. Faszinierend. Es gibt sogar ein Stonehenge-Spiele-Set, das ich unserem Hausflur fand. Gesellschaftsspiele mit Druiden und Sarsensteinen… dazu gehört schon einiges an Popularität.

In den letzten beiden Monaten habe ich einen MOOC bei Iversity.org belegt – einem Anbieter von MOOCs bei dem ich vorher noch nie unterwegs war. Gratis, wie viele MOOC-Anbieter, und interaktiv. Der Kurs zum Thema Stonehenge kam mir gerade recht, denn Stonehenge ist ja, wie gesagt, als eins DAS der bekanntesten archäologischen Zeugnisse weltweit natürlich geradezu prädestiniert dazu, etwas über die Vorgeschichte und ihren Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft und ihren Umgang mit der Vorgeschichte zu sagen. Was auch eines der Ziele und  Anspruch des Kurses war: die gesellschaftlichen Umgänge mit Stonehenge und unseren persönlichen Zugang dazu kennenzulernen.

Generell ist es so, dass Iversity anders arbeitet als etwa Coursera. Die Aufteilung der Kurse ist nicht strikt in einen Video-Bereich, einen Materialien- und einen Chat-Bereich getrennt: hier gibt es Materialien, Videos, weiterführende Links und den Kontakt zu anderen Studierenden alles auf einer Seite. Video gucken und gleichzeitig die Fragen der Mitstudierenden lesen und durch weiterführende Medien scrollen? Kein Problem! Das war eine schöne Erfahrung, allerdings bietet Iversity im Gegenzug keine App, was für mich als Menschen mit wenig Freizeit schwierig ist. Ich sehr & höre meine MOOCs sehr gerne auf dem Arbeitsweg, zum Beispiel. Dafür brauche ich jedoch eine App, da mein Empfang gerade im ÖPNV teilweise sehr schlecht ist. Das ist für mich ein definitiver Nachteil.

Aber gut. Schau ich die Videos eben unregelmäßig abends zuhause, zumal sich dieser MOOC auch für sehr kurze Sequenzen (zwischen 2-3 Minuten) entschieden hat. Dies bedeutet, dass man relativ fix auf den Punkt kommt und es nicht lange dauert. Allerdings ist es immer von Nachteil wenn die Videos ins Hörsälen mit schlechter Akustik aufgenommen werden, mal ganz abgesehen vom unglaublichen Charme dieser weißgestrichenen Säle und Pulte. Geräusche von außerhalb des Hörsaals sind ebenfalls zu hören – das alles ist so mittelschön. Was man ebenfalls lernt (und das war nun schon in einigen MOOCs zu sehen) ist, dass die Büros der gefilmten Professoren nur so halb gemütlich sind. Heizungsrohre, schlechte Akustik, der Charme eines Toilettenhäuschens – da war schon alles dabei. Das mögen visuelle Nebensächlichkeiten sein wenn man wirkliche etwas LERNEN will, aber bei einem Video stört es eben doch. Nur scheint das noch nicht bei den Filmenden angekommen zu sein. Soweit also das Drumherum des Kurses.

Stonehenge bot zunächst eine Einführung in die Geschichte des Fundortes – und zwar sowohl der prähistorischen als auch der Forschungsgeschichte. Schön kurze Sequenzen, teils aus dem Büro und teils vor Ort (also in Stonehenge) gefilmt. Informatives über die Entstehung von Stonehenge, die landschaftliche Einbettung und die ersten und derzeitigen Forschungen. Der zweite Teil des Kurses bestand dann daraus, die diversen künstlerischen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen Stonehenge aufscheint, zu zeigen und ihre Diversität darzustellen. Das wurde auch gemacht, denn über Lyrik, Musik, Architektur und Literatur war alles dabei. Auch die Bedeutung für einige neuere NEW-AGE-angehauchte Religionen wurde angerissen ebenso wie die Bedeutung des Tourismus.

Da blieb der Kurs jedoch leider stehen. Es ist schön zu wissen, dass die Beatles und Rolling Stones Stonehenge besucht haben und das diverse Künstler Stonehenge in ihrem Werk bearbeitet haben. Dass es eine Diskussion über die Ausstellung von Knochen im neuen Besuchercenter gibt. WARUM jedoch haben sie das getan? Welche soziokulturelle Funktion erfüllte der Fundort für die jeweilige Zeit? Wie ändert sich die Bedeutung des Fundortes oder gibt es mehrere, gleichzeitige, je nachdem wen man fragt? Antworten hierzu wurden entweder angedeutet oder erschlossen sich aus Nebensätzen. Symbol für Britannien – Symbol für die neue Ära des Wassermannes – Symbol für das, was Menschen gemeinsam erreichen können. Undsoweiter. Leider wurden sie jedoch nicht explizit angegangen. Nicht, dass ich hier eine stundenlange Abhandlung möchte, aber eine explizitere Wortwahl würde es auch tun. Oder das Einladen von Menschen, die eben eine andere Meinung zu Stonehenge haben als die den MOOC ausrichtende Universität von Buckingham.

Dieser Teil der “social Responses” wurde also zwar durchgezogen, aber so kurz gehalten dass man am Ende nichts weiter hat als einen Überblick über die einzelnen Werke und/oder Gruppen für die Stonehenge Bedeutung/en hat. Insofern ist “Stonehenge” zwar ein informativer Kurs gewesen, aber mehr als das eben auch nicht.

ENGLISH VERSION

The truth about Stonehenge:

and from FishDish!

The photos above indicate that Stonehenge occupies a major place in our cultural memory. Higher than possibly the Forum Romanum and at least as high as the pyramids. Jokes, photos and everyday versions of Stonehenge in our everyday life are commonplace. Everybody with a Western background gets what they are about. Its fascinating. There is even a Stonehenge-play that I found at our entrance door one day.

In the last two months I have been attending a MOOC at Iversity.org – a website offering MOOCs that I hadn’t previously tried out. Its free, as so many MOOCs are and very interactive. The course on Stonehenge sounded great because Stonehenge is, as I mentioned, one of THE most known archaeological sites worldwide. And its predestined to serve as a background when you want to get a message on prehistory and its influence on todays life & the arts across. Because that was one of the self declared goals of the MOOC: to show the ways modern society responded and interacted with the archaeological site of Stonehenge.

In a general way, Iversity works slightly different than Coursera (which I attend mostly). The course presentation has no clear cuts between the course videos, links and the contact area to other students. Here, its all in one. You may watch the video and have a look at the links and other materials, or chat with other students at the same time. Thats nice! But unfortunately Iversity doesn’t offer any app until now, so viewing the videos on my way to work is out of the question. Thats rather a backdrop for people who don’t have much time (like me) and like to have access to the videos whenever they get time to do this.

But well, I´ll see the videos at home at night, even more so because this MOOC decided to offer very short video sequences, about 2-3 minutes long instead of the usual 15-20 minutes. That means that Dr. Graeme Davis gets right to the point and concentrates on the essential. But its always a visual disadvantage if you shoot the videos at the auditorium at the  University where there´s always bad acoustics. And the unconvincing atmosphere of these white washed halls is another point. You hear everything from outside the auditorium, so all this is not very welcoming. What you´ll also learn (and I saw this at various MOOCs already) is that the offices of the lecturers are not very cosy as well. Heating pipes, bad acoustics, the charm of a restroom  – I have seen quite a few things up to now. These may be visual negligibilities if you want to learn something, but in a video these things are likely to deflect you from the content of the MOOC.

Stonehenge offered firstly an introduction of the history of the site – the evolution of the prehistoric site as well as a history of the investigations at Stonehenge and its surrounding landscape. The sequences have been filmed at the University as well as on site, and you’ll learn many things about the formation of Stonehenge, its landscape surroundings and the first and contemporary investigations. The second part of the MOOC consisted in presenting the various responses that evolved to Stonehenge, be it in the arts, architecture, literature and society in general. There was a wide diversity of responses and quite a few of them were presented in the MOOC – even the meaning it has for some New Age religions and the importance of tourism for the whole region.

But that was where the course stopped. Unfortunately. Its nice to know that the Beatles and the Rolling Stones visited Stonehenge and that various artists used Stonehenge in their art or used it as an inspiration. And its cool to know that there was a lively debate on the exposition of prehistoric human bones at the new Stonehenge visitor center by Neo-Druid-inspired groups and the public in general.

But: WHY did the artists and the public in general respond in their specific ways to Stonehenge? What sociocultural function did the site fulfill during the various phases of response that it received? Are there changing meanings to the site or may there be various at the same time, depending on whom you ask? The answers to these questions were only partially given or could be deduced from half sentences. A symbol for Britania – a symbol for the new era of Aquarius – a symbol for what people can do when working together. And so forth. But the meaning were in no way attacked directly. Dr. Davis settled for the explanation that Stonehenge attracts people pecause it remands us of what people can do when working together, so that would be the basic explanation of Stonehenge´s fascination of the times. Hm, well. Its not that I would like to wish a two hour sermon on the diverse meanings of Stonehenge, but some more explicit and detailed words would have been nice. Or how about inviting people that have another perception of Stonehenge than archaeologists have? Also, I was rather surprised to hear sentences like that one of the “stranger uses” of Stonehenge has been its reception in contemporary architecture. Whats so surprising about Stonehenge being an inspiration to architects?

So, this part of “social responses” has been present, but it was rather short, giving you an overview of the works and / or groups that “use” Stonehenge in certain ways. Stonehenge has thus been an informative nice course, but nothing that I would consider doing again.


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Ich Mann – du Frau. Gender in der Archäologie im Archäologischen Museum Colombischlössle Freiburg. / Me man – You woman. Gender in Archaeology at the Archaeological Museum COlombischlössle.

Ich Mann - Du Frau Colombischloessle sprachederdingeblog

Mann? Frau? Und: warum Mann oder Frau? “Ich Mann – Du Frau” im Colombischloessle. sprachederdingeblog

Großartigerweise habe ich es tatsächlich geschafft, die Ausstellung zu besuchen bevor sie wieder schließt. Aber wichtig: sie ist verlängert worden! Bis zum 17. Mai 2015! Deshalb gleich hierzu Anfang der Rat: Besuchen Sie diese kleine, feine Ausstellung. Kein Zögern, die Reise lohnt sich.

Das Archäologische Museum Colombischlössle in Freiburg im Breisgau, ist ein wunderbarer, kleiner, luftiger Bau mit einem lichtdurchfluteten inneren zentralen Treppenhaus, um das herum sich die Säle mit den Dauer- und Wechselausstellungen gruppieren. Klein, aber fein, deshalb sind es auch “nur” 1 Raum im Keller, 4 Räume im Erdgeschoss und noch einmal soviele im 1. OG. Die Größe hat aber nichts mit der Qualität zu tun. Heute und hier erstmal der Update zur Sonderausstellung “Ich Mann, du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“, demnächst dann auch zur Dauerausstellung!

Die Sonderausstellung nimmt das gesamte Erdgeschoss ein und empfängt einen bereits neben dem Treppenaufgang mit rot-blau gestalteten Badezimmern. Inklusive Spiegeln, in denen man sich sehen kann. Bin ich eher der männlich, blau gehaltene Typ? Oder doch eher das süßliche Rot-Pink? Das ist aber auch das einzige Mal, in dem die Ausstellung diese Genderrollen vorführt. Denn die Ausstellung an sich verzichtet ganz bewusst auf farbliche Zuordnungen, die Wiederholung von Genderrollen und dergleichen, sondern fokussiert sich vor allem auf Eines: das Hinterfragen dieser Stereotypen. Und das macht sie so dezent, dass man erst einmal selber immer wieder in die typischen Mann-Frau-Zuschreibungen reinfällt, bevor ein kleiner Ausstellungstext, eine Frage an der Wand oder eine schlichte Information einen zurückholt und aufzeigt, dass man gerade selber das gemacht hat, was man typischerweise meistens macht: Dinge zuordnen. In Schemata, die uns anerzogen sind und uns seit Jahren begleiten.

Gehalten ist die lichtdurchflutete Ausstelung in den Farben hellbeige. Texte werden auf einem rot-blau-gemusterten Grund gegeben, der einen seltsam unzuschreibbaren Lila-Ton ergibt. Also genau im Sinne des “Nicht-Zuordnen-Könnens”! Und schon bevor dem Betreten des ersten Saales gibt eine kleine Texttafel Ausdruck davon, worum es hier geht. Gender-Zuschreibungen: sind sie “normal”? Zeitbeständig? Einfach “gegeben”? Oder entsprechen sie eben nicht vielmehr dem jeweiligen Jetzt, sind gesellschaftspolitisch gewollt und forciert?

Jeder Raum steht unter einem Motto, das an der Wand Aussagen trifft., wie etwa: Die Archäologie gibt den Objekten ein Geschlecht. Großartige Aussage, klar formuliert, und dazu eine Aussage, die einen stutzen klässt. die ARCHÄOLOGIE gibt den Objekten ein Geschlecht? Sind denn die Geschlechterrollen nicht fest und immer gegeben? Heißt das also, dass WIR daran beteiligt sind, dass diese Rollen vergeben werden? Aktiv? Also: wir könnten das auch anders machen? Nachdenken setzt ein.

Ich Mann - du Frau. sprachederdingeblog

Ich Mann – du Frau. sprachederdingeblog

Die Ausstellungsstücke an sich werden erst einmal ganz neutral, ohne Zuschreibungen präsentiert. Vor hellem Grund, in kleinen Vitrinen. Schaut man sich die Objekte und Objektensembles an, merkt man selber wie man sich ein Bild dazu macht. Gold, Schmuck? Frauen! Falsch. Hier sind es mächtige goldene keltische Halsringe (torques) die von beiden Geschlechtern getragen werden. Zwei Grabensemble mit Skelett und Topf? Sicher Frauen! Nein – hier liegt der Teufel im Detail. Das Grab mit Topf und Knöpfen gehört der Frau, das mit Topf und Pfeilspitzen dem Mann. Und so geht es in jedem Raum, immer etwas themaitsch geordnet? Welche Objekte werden denn voin der Archäologie Männern & Frauen zugeordnet? Darum geht es im ersten Saal? Und was ist mit paläolithischen Figurinen, die swohl weiblich als auch männnlich sein können? Und was ist mit den Goldringen in Saal 3? Mit den Skeletten in Saal 4? Wer wird wie bestattet? Und vor allem, immer wieder: welche Rolle spielen die Archäolog*innen bei der Zuschreibung der Geschlechter aufgrund von Objekten? Natürlich können manche Stereotypen widerlegt werden, wenn weitere Wissenshcaften wie etwa die Anthropologie Skelette als weiblich/männlich identifizieren können und usneren Objektzuschreibungen damit widersprechen. Der Mann mit den beiden Kindern im Grab. Der Weber. Alles Dinge, die wir intuitiv erst einmal ganz anders eingeordnet hätten.

Problematisiert wird jedoch hier auch ganz stark, was geschieht, wenn einfach nur Objekte da sind. Objekte, denen WIR eine Rolle zusprechen. Objekte, die durch uns sprechen und Dinge sagen, die WIR als natürlich empfinden – nicht vielleicht jedoch ihre Nutzer in der Vergangenheit. Das wird immer wieder angesprochen und in Begleittexten auch ganz deutlich thematisiert. Wie etwa das Thema Visualisierungen: zeichnerische Rekonstruktionen zeigen häufig das, was der Zeichner als normal und üblich findet – nicht immer aber die Realität der Vergangenheit. Rollenzuschreibungen zeigen das, was der Ausgräber und Interpreteur als normal emofindet – nicht das, was die Menschen der Vergangenheit für ihre Lebensrealität hielten.

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Über die gesamte Ausstelung hinweg wird diese sehr einfache und hocheffektive Strategie durchgehalten. Objekte fordern unsere zuschreibung geradezu heraus – wer in sich hineinhört bekommt klare Antworten. Mann – Waffen. Frau – Schmuck. Selbst mit sensibilisiertem Auge gelingt es mir nicht, diese Zuordnungen nicht automatisch aufkommen zu lassen. Und durch die wirklich kurzen Texten an den Vitrinen und die längeren, eindeutigen, reflektierten Texte der Wandtafeln wird all das, was der Kopf automatisch produziert, in Frage gestellt.

Ich Mann – Du Frau” ist eine der besten Ausstellunge, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Nicht nur, weil sie eben diese Problematik sichtbar macht und Sterotypen des Sehens hinterfragt. Sondern auch, weil sie Probleme der Archäologie sichtbar macht. Wer trifft hier die Zuschreibungen? Warum? Wie dienen diese politischen und gesellschaftlichen Wünschen? Ganz klar haben es die Austellungsmacher hier gemacht: Archäologie ist keine neutrale Wissenschaft. Sie trifft Zuschreibungen, die gesellschaftspolitischen Einfluss haben. Die Ansprüche zementieren – oder diesen widersprechen können! Sie öffnet dem ublikum die Augen dafür, dass es an uns liegt, hier Einfluss zu nehmen. An uns als Wissenschaftler*innen und an uns als “Publikum” – wir alle können beeinflussen was und wie wir sehen und Rollen zuschreiben. In diesem Sinne war der letzte Raum auch die logische Fortsetzung der archäologischen Objekte: hier können an einem Baum Fotografien angefasst werden. Männer und Frauen schauen uns an, auf der ückseite ihrer Fotografien steht, wer sie sind und was sie machen. Das nette junge Mädchen eine Fallschirmjägerin? Der bärtige Herr ein Sozialarbeiter?

Und was schaut uns aus den Spiegeln an, die dazwischen hängen? Wir selbst. Wer sind wir und was machen wir selber aus unseren Rollen?

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Was ist meine Rolle? Ich Mann – du Frau. sprachederdingeblog

 ENGLISH VERSION

Let me have one thing clear before I start off: Its just great that I made it to this exposition! Before it ends! And, beware: its open till may 17th, so go there and visit. You wont regret it.

The Archaeological Museum Colombischloessle at Freiburg /Breisgau in South Germany is a wonderful, small, breezy building with a light-flooded inner staircase, around which all the rooms are situated. Its small but great – even if its “only” one room in the basement, 4 rooms at the ground floor and another four at the first floor, used for the permanent and non-permanent exhibitions. So, size is not a criterion for quality! Right here and today I´ll write about the non-permanent exhibition “Me man – you woman. Fixed role models since the beginning of time?” (“Ich Mann – du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?”), and at some later point I´ll also do something on the permanent exhibition as well.

The special exhibition can be seen in 4 rooms at the ground floor and welcomes you right next to the counter. There, you’ll be facing tow bathroom interiors, complete with tooth brush, cosmetics and mirrors where you may see yourself. Do you feel attracted to the blue, masculine version? Or rather the sweet little pink one? That´s the only point where gender roles are being simply „repeated“ at the exposition. All the other objects, texts, even the exhibition design are carefully aimed at challenging our present gender role models gently but forcefully. And a small text makes this clear, before you even enter the first room. There are no typical assignations of color, repetitions of gender roles and the like. The exhibition centers on the challenging of these culturally induced roles – and it does so very gently. You´ll be noticing that you automatically assigned gender roles when you look at the objects and the exposition will make you notice that you did. So, its YOU that’s assigning here. You are putting seemingly “neutral” objects into categories you yourself assign to them. Welcome to the patterns that you learned all your life – and now try to unravel them visiting this great exhibition.

The light-flooded rooms are designed in a rather neutral white, peppered with texts and sentences on violet ground, made out of minuscule red and blue squares. So: is it red – or is it blue? Can you name it? That’s right what the exhibition is all about. Why are you so sure of a color? Or of a gender role model? Are these assignations “always there”? Or have they been ascribed by us? Aren´t they rather socially induced, favored by political currents?

Every room has a motto that is displayed prominently at the wall: “Archaeology assigns a gender to objects”, for example. Great, clear statements that make you wonder: so, Archaeology assigns sex and gender? Are these roles not just a given thing that Archaeology “unearths”? Does this mean that we are implicated when it comes to these assignations? Do we have an active role? Which means: we can change these roles? Challenge them?

The objects themselves are being presented in small display cases, neutral and without any adscription of gender and sex. If you look at them, you assign gender automatically, based on your culturally educated mind. Gold, jewelry? Women! Wrong. These are celtic neck rings (torques), worn originally by men and women alike. Two burials with one pot each? Women! Wrong again. The details show that the skeleton with a pot and buttons is a woman, the one with a pot and arrowheads is a man. And so it goes on, every room shows one aspect of these adscriptions. Which objects are traditionally assigned to men and women by archaeologists and non-archaeologists? That’s the point in the first room. The second focusses on Paleolithic figurines that can be interpreted as men or women. In many cases the adscription can be at least doubted. And what about the neck rings in room 3? The burials in room 4? Who is being buried which way? Is a skeleton with weaving implements automatically a woman, displaying thus just our own gender adscriptions to certain tasks?

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And, above all: what’s the role of archaeologists in these adscriptions? Of course, some stereotypes can be challenged, especially when other disciplines have a hand in getting more details on the objects and the skeletons concerned. Many times I would have assigned gender roles automatically to all these objects and this is just the point: when there is only an object, just one find. In this case we almost automatically assign gender to this object and its use. The objects speak to us, but we can only understand their language when we assume that it’s the same cultural language as ours. And it may differ greatly from the cultural use of them in the past, in their original site and place. This dilemma is displayed in every room, again and again: The assignations of gender and sex are ours. Whether if it´s in scientific texts or visual reconstructions: we play our role in stabilizing our own gender roles and transporting them to the past. I´ve never in my life seen this problem publicly displayed. Short, poignant texts outline the influence of scientists in the adscription of gender roles to past cultures, thus consolidating our own gender roles. What we perceive as normal role models is being transported to the past, many times without any doubts. But is it not about the reality of the past instead of inducing our IDEA of the past?

The whole exhibition is focused on challenging these perceptions. And it does so with a highly simple and effective strategy: The objects challenge us to assign our gender roles automatically – if you listen to yourself you´ll always get clear answers by your unconscious. Weapons? – men! Jewelry, pots? – Women! Even with a certain sensitization I have not been able to prevent this automatic reaction to the objects. But the short text at the display cases and the longer ones at the walls show you that you´re simply wrong. Differents sciences are putting so many data together that stereotypic assginations are just not longer possible. But even with all these data, its our mind that assigns roles. Your mind played a trick and the reality has been totally different from your assumption.

Me Man – You Woman” has been one of the best exhibitions I’ve seen lately. Not only because it shows the problematic adscriptions of gender and makes clear how stereotypic our ideas and assignations are. But also, because it clarifies the problems of archaeology itself. Who makes these assignations? Why? How does this serve the current political and social backgrounds? The exhibition shows that archaeology is no neutral, nice science working in an ivory tower. Our doings affect how we all see the past – and if the past is a mere simple extension of the present or not. Archaeologists have a job that influences sociopolitical currents. We can go with the flow – or not. We can challenge gender role models – we as archaeologists and we as the public. This exhibition makes it very clear that its up the very one of us to take our choice. So, the last room of the exhibition is the clear statement of this active role everybody can have. It has only one object in it: a tree with many small photographies of ordinary people. On the back, there are the professions of these people, and they, as well as the whole exposition contradict our automatic perception of the person on front. The nice little woman – a former professional army parachutist? The man with the formal beard and suit – a social worker?

And what is it between these photos? Small mirrors. Look at one and you will see: yourself. Who are you and what role do you choose?

Ich Mann - du Frau. sprachederdingeblog

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Die Rabattschlacht oder: wie wir uns selber devaluieren. / Discount battle or: how we devaluate ourselves

 

Cornelius Holtorf "Archaeology is a brand"

Cornelius Holtorf “Archaeology is a brand”

Anlass für diesen Post ist ein Erlebnis das ich neulich auf Arbeit hatte. Ich arbeite bei einem großen berliner Kulturveranstalter, der wie fast alle berliner Kulturveranstalter (zumindest im Bereich klassische Musik, Theater, Oper) Rabatte für Studenten anbietet. An diesem Tag kamen zwei nette junge Leute zu mir und kauften Karten für unser Kulturereignis. Sie bekamen sie zu einem sehr niedrigen Preis – sie waren ja Studenten. Der Preis lag ungefähr bei 90 % unter dem, was die Karte für einen “Normalkäufer” gekostet hätte. Als sie gingen, sah ich dass einer der beiden eine riesige Einkaufstüte trug – darin ein nagelneuer Karton mit Schuhen von Riccardo Cartillone. Ich besitze selber genau ein Paar dieser Schuhe & sie kosten eine niedrige 3-Stellige Summe – das Doppelte oder Dreifache dessen, was eine der besten Karten unserer Einrichtung kosten würde.

Ziemlich lange Einleitung – aber das war für mich der Anlass jetzt wirklich mal etwas zu diesem Thema zu sagen, bzw. einfach Fragen zu stellen. Fragen, zu denen ich nicht immer Antworten habe.

Kultur & Geisteswissenschaften sind ja immer wieder “zu teuer”. Angeblich möchten die Menschen nicht viel Geld für diese Dinge ausgeben, sei es für wissenschaftliche Forschung oder Kulturerlebnisse im klassischen Sektor (Freizeitparks, Zirkusse u.ä. ausgenommen). Es sei den Menschen nicht zu vermitteln, dass man hier soviel Geld bezahlen müsse, da sei kein Mehrwert erkennbar. Diese Argumente höre ich immer wieder auf der Arbeit von den Kollegen, die sich um die Preise kümmern. Mit einer gewissen Resignation, aber genauso stehen sie dann im Raum, die Aussagen. Statt einen vollen Preis bieten wir als Wissenschaftler und Kulturschaffende dann einen Rabatt an. Einen Preis “zum Anfüttern“, wie es auch gerne genannt wird. Wer einmal was für wenig Geld bekommen hat, wird beim nächsten Mal für die gleiche Qualität unserer Arbeit gerne mehr zahlen! So die Idee. Volontariat mit 800 € Monatslohn für Menschen mit Promotion? Aber gerne! Karten für 10,- € – aber sicher doch!

Wer auch nur ein einziges Marketingseminar besucht hat (ich hab das letztes Jahr mal online gemacht) stellt fest: zum Thema Rabatte gibt’s eine sehr sehr diverse Diskussion. Und das o.g. Argument ist sehr sehr kontrovers. Wenn es nämlich zu lange zu viele Rabatte gibt, dann kauft niemand mehr zum vollen, (auch nur halbwegs) gerechten Preis.

Menschen (nicht nur Studenten, sondern auch berufstätige Erwachsene), die bei mir aber Karten zu einem Spottpreis erwerben und noch nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken mehr dafür auszugeben, haben offensichtlich überhaupt kein Problem damit, große Mengen Geldes für Konsumgüter auszugeben. Reisen, Schuhe, Häuser, Kleidung, Essen. Aber gerne doch, aber bitte sehr. Hochpreisig, qualitätsvoll.  Aber Kultur & Geisteswissenschaft – das kriegt man sicher günstiger. Da ist doch immer jemand, ders billiger macht. Nur Riccardo Cartillone oder Butter Lindner, die geben keine Rabatte auf ihre Qualitätsprodukte.

Vor einigen Monaten las ich das großartige Buch “Archaeology is a Brand” von Cornelius Holtorf.  Es dreht sich um die Rolle der Archäologie in der heutigen Gesellschaft, ihre Vermarktung und die Wurzeln dieser Faszination dafür. Hier möchte ich aber nur ein winziges Detail aufgreifen, das mich zunächst eher rätseln hat lassen: An den unteren Seitenecken taucht eine Zeichnung eines Männchens auf, der offensichtlich alte Töpfe anbietet. “Töpfe: 1 Pfund” liest man da. Über Seiten hinweg will niemand diese alten Dinger. Auf einmal setzt er den Preis herauf: 100 Pfund. Wenn man das ganze Buch durchgelesen hat, verkauft er seine Töpfe plötzlich für 100 Pfund und alle sind weg. Verkauft.

Das ist, in graphischer Form, eine Zusammenfassung dessen, was ich in der Realität immer wieder erlebe: wenn ich für meine Arbeit einen gerechten Betrag fordere und nicht die Hungerbeträge mancher Stipendienanbieter oder gratis Arbeit ausschließe – dann bekomme ich meist auch den geforderten Betrag und/oder mehr Respekt. Und genau dieses Phänomen erlebe ich auch in der Kultur. Für hochpreisige Angebote findet sich immer mehr Respekt.

Natürlich, da gibt’s jetzt ganz viele Gegenargumente. Zum Beispiel den Bildungsauftrag der Kultur & Wissenschaft. Oder das Dazusein-Haben auch für Menschen mit geringem Einkommen. Oder die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft von Wissenschaft und Kultur. Ich frage mich nur: warum müssen Geisteswissenschaft und Kultur für die Gesellschaft dasein, kriegen aber nix dafür? Oder nur nach langem Ringen und dann in minimaler Form? Der Bildungs- und Forschungsauftrag  werden auf die Rücken derer geladen, die sie ausführen. Sie werden dafür aber nicht honoriert, weder monetär noch emotional.*

Es ist nicht mehr vermittelbar, dass in unserer monetär geprägten Gesellschaft etwas, das wenig Geld kostet, AUCH einen Wert hat! Oder Bedeutung & Relevanz! Was wenig kostet – ist wenig wert. So der gesellschaftlich anerkannte Tenor, den man genauso vom Aldi in die Geisteswissenschaften übersetzen kann. Einen höheren, gerechten, Preis zu fordern sagt auch: ICH BIN ES WERT. Da kann man dem kapitalistischen System gegenüber stehen wie man will, es ist momentan doch so: Wer mehr kostet, bietet (gefühlt) mehr Qualität. Und bekommt mehr Respekt zurück.

Seit ein-zwei Jahren halte ich es ebenso wie Ricardo Cartillone. Meine qualitätsvolle Arbeit in den Geisteswissenschaften biete ich nur noch, wenn man mir dafür einen gerechten, meine Kosten deckenden UND ein Gehalt zahlenden Betrag anbietet. Das bedeutet, dass ich manche Dinge nicht mehr tue. Und mich auf manche Stipendien nicht mehr bewerbe. Es bedeutet, dass ich zurückstecke und meine wissenschaftliche Karriere nicht so verfolge wie es andere tun und stattdessen andere Arbeiten annehme. Gratis-Arbeiten nehme ich nur an wenn mir ein Thema wirklich am Herzen liegt und auch dann nur in geringem Umfang. Aber ich will es nicht mehr und ich kann es auch nicht mehr. Meine Familie & ich sollen von meiner Arbeit leben können.

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*Das kann man jetzt genauso auch in die Bildungsdebatte übertragen: auch hier wird ja nichts “geschaffen”. Nur junge Menschen werden geformt, für ihr Leben. Aber das zählt natürlich nichts, weswegen man Erzieher & Lehrer gerne bezahlen kann wie Tagelöhner.

Literatur zum Weiterlesen: http://artanddebt.org/artist-as-debtor/

ENGLISH VERSION

The reason for this post is something I experienced at work some time ago. I work for one of the big cultural institutions at Berlin, which offers (like almost very other big cultural player in this city) special discounts for students. At this particular day two young people came to buy tickets and paid a very verly low fee for them. They were students and thus the price was about 90 % lower than the regular price. When they went away I saw that they were carrying a big shopping bag, containing a brand new pair of shoes by Riccardo Cartillone. I own a pair of these and I can tell you that they cost about a low three-digit sum, two or three times the price of the best tickets of our institution, paying the regular price.

Now, that was a rather long introduction – but it was the trigger to say something about this topic, or at least to ask some questions. Questions, that I can´t always answer.

The Humanities and Cultural Sciences are always “too expensive”. Presumably people won´t pay money for these things, be it scientific investigations or cultural experiences in the classical sense (excluding circus, leisure parks and the like). Presumably it can´t be communicated to “the people” to pay so much money, because there is –presumably – no added value. These arguments are being put forth by many of my colleagues that are in charge of making prices. With some resignation, but just so, these statements are made. And instead of demanding the full price we as scientists or persons engaged in the cultural sector charge reduced fees. We offer dicsounts. A price “to bait” the public so that they come back and pay the full price next time beacuse we showed them the great value of our work. A person who bought something off us for a reduced price might come back the next time and give us a higher price. At least thats the idea. Voluntary service for people with a Ph.D. for 800 € / month? Sure! Tickets for 10,- € each? Definitely!.

If you attend just one tutorial on marketing (which I did online twice) learns: there is a big, a huge discussion involving discounts. And the argument above mentioned is being debated very very controversially. Because if you offer discounts too long, nobody´ll want to buy anything at the regular price.

People (not only students, working people as well) who buy tickets at a ridiculous price don´t think about paying just one cent more, but they obviously have no problem whatsoever with spending huge amounts of money on other goods. Travelling, shoes, houses, clothes, food. With pleasure! Please, let it be high quality, high price items! But culture and humanities – no, there is surely some discount to be had. There´s always somebody who will offer the same service for a lower price. But Riccardo Cartillone and Galerie Lafayette – they don´t offer discoutns on their high quality products.

Some months ago I read a fantstaic book by Cornelius Holtorf: “Archaeology is a Brand”. It centers on the role of archaeology in todays society, its marketing and the roots of popular fascination with archaeology. But the detail I want to present here is something that had me baffled for some time when reading the book. On the lower corners of the pages was the image of a small figur selling old pots. “Pots: 1 Pound” it reads. For pages and pages, nothing changes in this image. Suddenldy, the price is higher: “Archaeology: 100 Punds”! And when you finish the book, all pots have been sold – at 100 Punds each.

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That is, in a graphic form, a summary of something I experience again and again: when I charge a fair price for my work and not the ricidulous wages of some institutions or even work for free- that´s when I normally get the price I ask for and/or I get more respect. And its the same in the cultural sector. When something costs more, you get more respect for it. Of course, there are a lot of counterarguments. There is, p.e., the educational function of culture & humanities. Or the necessity to garantee the equal participation of people with low incomes at the cultural life of our society. But I do ask myself: why do we have to provide for the society but won´t get anything in return? Or only after insisting and long ardous battles and than there are only minimal amounts of money to be had? The educational function and the research assignments have been saddled on the people who are doing the works related to these functions. But they won´t be rewarded for it, either monetary nor emotionally.

Its difficult to place in our monetary society that something that doesn´t cost much money can although have value. Or relevance and meaning! If it costs little, its worth little. Thats common place in our society, and can be transferred directly from the supermarket to the Humanities. To charge a higher, a fair price, has another meaning to it, too: I AM WORTH IT. You may think about capitalism whatever you like, currently the situation reads like this: if you charge more, you are higher quality. And you get more respect. Since last year I act like Riccardo Cartillone. My high quality work at the Humanities is only to be had if I get an amount that covers my expenses AND includes a fair wage. That means, that I don´t do some things anymore. And there are grants that I don´t apply to anymore. It means that I don´t do as everybody else and offer myself at ridiculous wages, hoping to get a proper career someday. And I only do projects for free if I really love the topic. I won´t do it anymore and I can´t, either. My family & I should be able to live off my work. And I charge what is necessary for this aim.

Suggested Reading: http://artanddebt.org/artist-as-debtor/

 


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IS & die Zerstörung von Kulturgut: ein Interview mit R. Bernbeck auf DLR Kultur

Reinhard Bernbeck wurde vom DLR Kultur zum Thema” Zerstörung von Kulturstätten durch den IS” interviewed. Ein interessantes Gespräch, das viele neue Facetten dieses Themas aufzeigt! Nachhören oder lesen hier:

http://www.deutschlandradiokultur.de/zerstoertes-kulturgut-is-will-geschichtlich-befreiten-raum.1008.de.mhtml?dram:article_id=313468


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Nimrud zerstört – “ein Verlust für die Archäologen”

Dass der IS mit archäologischen Funden Geld verdient und im illegalen Antikenhandel unterwegs ist, ist mittlerweile weithin bekannt. Auch was das für Auswirkungen auf die Archäologie und das Kulturerbe hat, ist sowohl von Zeitungen als auch von Bloggern immer wieder gesagt worden. Im deutschen Netz vor allem von Archäologik (hier alle Einträge mit dem Label “Irak”), im englischsprachigen zeigt mir mein Reader immer wieder die Beiträge von Conflict Antiquities. Ich wollte dazu bislang nicht Stellung nehmen, da der Antikenhandel ein sehr sehr komplexes Thema ist. Vor wenigen Tagen dann die Nachricht über die Zerstörung von Kulturgut im Museum. Darüber konnte ich nicht schreiben, weil mir von der dogmatischen Verbohrtheit von Fanatikern aller Art einfach nur körperlich übel wird.

Und nun das: Nimrud soll planiert worden sein. Diese Nachricht verlangt für mich nach einem Schnaps und einer Zigarette um den Schock zu überwinden. Es ging durch alle Medien und auch meine Facebook-Timeline war voll davon. Unter anderem schickte mir das Deutsche Archäologische Institut einen Link zur Stellungnahme von Margarete van Ess zu diesem Thema. Dieser wurde im ZDF heutejournal am 6.3.15 publiziert und ist hier noch abrufbar (Suche mit: Datum 6.3.15, “IS zerstört antike Stadt Nimrud”).

Wörtlich sagt Frau van Ess: “Die Zerstörung dieser Königsresidenz ist, wenn sie vollständig ist, ein absolut unwiederbringlicher Verlust für die Archäologie. Dieser Ort war wirklich sehr reich ausgestattet, sehr großzügig gebaut was die Architektur (…) angeht. Für uns Archäologen ist das wirklich ein fürchterlicher Verlust.

Ich weiß nicht, ob das ZDF das Interview mit Frau van Ess sehr verkürzt wiedergegeben hat. Sollte der Beitrag des ZDF um genau einen entscheidenden Teil gekürzt worden sein, wäre das sehr schade und eine Aussage in sich.

Aber die Aussage, dass die Zerstörung von Nimrud ein Verlust für die Archäologen und die Archäologie sei, geht so völlig am Punkt vorbei, dass es mich schmerzt. Fundorte sind nicht für Archäologen geschaffen, sie bilden einen Teil der Menschheitsgeschichte und sind daher für alle von uns wichtig. Genau das gibt ihnen auch ihren Stellenwert und fordert den öffentlichen Aufschrei angesichts ihrer Zerstörung ja heraus. Der IS nutzt die öffentliche Zerstörung von Kulturgütern um seine Widersacher herauszufordern. Menschheitsgeschichte als Geisel – nicht mehr und nicht weniger als noch eine weitere “westliche Geisel”, die man köpfen und nach Belieben foltern kann. Nimrud bietet sich an, weil es auch noch groß und “reich ausgestattet” (M. van Ess, s.o.) ist – das gibt mehr Punkte auf der Aufmerksamkeitsskala. Dass die Zerstörung von Nimrud für Archäologen eine Katastrophe ist, ist völlig klar.

Es ist aber nur ein winziger Teil dessen was diese Zerstörung impliziert: die Vernichtung eines Teiles der Menschheitsgeschichte, die nicht in das Weltbild von Dogmatikern passt. Warum Frau van Ess, die in anderen, sehr ausführlichen Portraits der Printmedien durchaus als Vermittlerin zwischen Wissenschaft und Gesellschaft dargestellt wird (etwa hier), in diesem wichtigen Interview sich nicht klar äußert ist mir absolut schleierhaft. Interviewed vom Heute-Journal wird etwa auch ein namenloser Mann auf der Straße in einer irakischen Stadt: “Antiquitäten sind nicht nur für Iraker sondern für die ganze Menschheit. (…) Das ist ein Verbrechen an der Menschheit.

Diese Aussage hat das Hauptsächliche absolut erfasst. Hier geht es nicht um die Archäologen und ihre Wissenschaft. Hier geht es um unser aller kulturelles Erbe und die Möglichkeit, eine Facette der Vergangenheit bestehen zu lassen. Egal, wie man sie interpretiert, der Respekt gegenüber der Menschheit zwingt uns, sie allen offenzuhalten.

Diese Aussage würde ich mir in aller Deutlichkeit von Archäologen wünschen, die in der Öffentlichkeit eine Stimme haben. Deren Stimme mit Gewicht von den Medien gesucht, angefragt und veröffentlicht wird und die Tausende erreichen. Der Beitrag von Frau van Ess, den das DAI zudem auch noch über Facebook weiterverbreitet als wäre er eine Trophäe, gehört leider nicht dazu.

 

 

 

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