Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Neue Sichtweisen: Humboldt-Lab im Ethnologischen Museum Dahlem

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Im Ethnologischen Museum Dahlem, einem Teil der Stiftung Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, war ich länger nicht mehr. Genauer gesagt, einige Jahre nicht mehr. Und erst die Beschäftigung mit dem Humboldt-Forum hat mich dazu überredet, mir auch mal das Humboldt-Lab in Dahlem anzuschauen, wo gerade neue Ausstellungsformen ausprobiert werden um in einigen Jahren dem angstrebten hohen Anspruch des Humboldt-Forums gerecht zu werden.

Noch ein paar Worte zum Humboldt-Forum: früher war ich massive Gegnerin des neuen Stadtschlosses. Ich wusste zwar seit Längerem, dass die Ausstellungen des EMB dorthin umziehen sollen, aber auch das konnte mich nicht mit der historisierenden Fassade und der für mich damit einhergehenden Verkaiserzeitlichung der berliner Mitte versöhnen. Für mich war der Palast der Republik und die darauffolgende kommunal genutzte Freifläche eine großartige Sache, während die Rekonstruktion des Stadtsschlosses nicht meiner Konzeption der Neuen Mitte Berlins entsprach. Und die ganze Fassadendiskussion mitsamt der historisierenden Idee ging ja neulich gerade wieder bezüglich ihrer Finanzierung durch die Medien – es traf auch zu gut mit der Grundsteinlegung zusammen…

Zwischennutzung im Jahr 2012: Installation im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins.

Aber seit ich mich genauer mit dem Konzept des Humboldt-Forums auseinander gesetzt habe (hier der Link zum Text von Herrn Parzinger), muss ich sagen dass das schon eine ziemlich großartige Idee ist. Und in diesem Zuge war die Besichtigung des Humboldt-Labs ein echter Wunsch von mir und: voilá, es war wunderbar.

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Zumindest was die Idee der ersten oben im ersten Stock sichtbaren Ausstellung angeht: die Ausstellung zum Thema Gefässe war so ziemlich das Beste was mir als Gefäss-Spezialistin je untergekommen ist. Es war eine Ausstellung namens “Museum der Gefässe”, entwickelt von Nicola Lepp, die sich mit Gefäßen und all ihren Aspekten befasst, sowie den Fragen, die man sich angesichts dieser uns täglich umgebenden Dingen, Fragen, die man sich eigentlich nie stellt.
Die Verbindung von schriftlichen Ideen zum Thema Gefäß, Fragen an die Zuschauer, die unkonventionelle Darstellung der Gefässe als raum- und kulturübergreifendes DING, das so etwas wie eine unterliegende Idee aller Gesellschaften darstellen kann. Dies zusammen mit einigen Videos, die die Nutzung von Gefässen in verschiedenen Umwelten nahe bringt, von Afrika bis zu Mitteleuropa, also von den in den Augen der Allgemeinheit eher “ursprünglichen” Gesellschaften bis zur heutigen, uns alltäglich begegnenden Nutzung in Mitteleuropa, die die Zusammenhänge und die gleichartige, uns alle verbindende Nutzung aufzeigt, die wir Gefässen angedeihen lassen. Eine gut zusammengestellte Auswahl von Zitaten zum Thema Gefäss, von der Literatur bis zur Philosophie lässt uns Altbekanntes HINTERfragen. Im Ganzen: eine unglaublich komplexe Darstellung simpler, nicht grossartig verzierter Gefässe, die einen ganzen Gedanken- und Kulturkomplex vor uns offen legen. Es war für mich als Archäologin, die sich jahrelang mit Gefässen beschäftigt hat, eine wahre Offenbarung, Dinge die mir derart am Herzen liegen so klarsichtig ausgestellt zu sehen. Ganze Gefässe, reparierte Gefässe, Scherben. Gefässe aus Ton, aus Porzellan, aus Korb. Gefässe, die mit ihrem Raum und ihrer Idee unsere gesamte Kultur durchdringen, und das so unbemerkt dass wir fast nie darüber nachdenken. Ich kann Ihnen versprechen, nach dieser Ausstellung sehen Sie sie mit neuen Augen.

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Draufblick auf den gläsernen Ausstellungskubus.

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Wie viele Bezeichnungen kann ein Gefäß haben?

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Fragen an den Zuschauer.

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Einbindung von “Gefäß” in unseren heutigen Alltag, hier: das Erlernen einer Kulturtechnik, die uns allen alltäglich vertraut sein dürfte.

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Kurzes Einführungsblatt zur Ausstellung.

Im Gegensatz dazu konnten für mich die anderen Ausstellungsansätze nur abfallen. Besonders interessiert hatte mich die Ausstellung “Bedeutungen schichten“, da das Konzept kontextueller Bedeutungen in meiner Forschung immer wieder auftaucht. Auch die Kurzbeschreibung, die das Projekt anbot, klang großartig (s.a. nächstes Foto). Allerdings hatten die Ausstellungsmacher das dann doch anders interpretiert: mittels der Auswahl einiger Objekte aus den Magazinen, die sonst nicht ausgestellt sind, spürten sie ihren Fundkontexten und möglichen Interpretationen nach. Beispiel hierfür war z.b. der Quipu (hier: Khipu). Da Quipus im weitesten Sinne aus meinem eigenen Forschungsgebiet stammen, habe ich mir den zugehörigen Kubus besonders angesehen und fand die Darstellung dann eigentlich eher doch langweilig. Sicher: hier werden Fragen ans Objekt gestellt. Die Fundumstände werden dargestellt, die Umstände wie er ins Museum gelangte ebenso. Sicher ist das für Besucher interessant, die davon eventuell nichts wissen, ich fand es jedoch recht an der Oberfläche gedacht. Grössere Zusammenhänge wurden nicht dargestellt, und gerade die sind es, die mich besonders ansprechen. Kein Objekt, keine Fundhistorie existiert im leeren Raum, sondern immer nur im kulturellen zeitlichen Kontext. Der fehlte hier fast völlig, sodass auch die Fundumstände und Sammlungsdetails eher exotisch daherkamen als in einem Rahmen eingeordnet zu sein. Und ganz ehrlich: wollten sich die Museen nicht eher vom Exotismus abwenden? Die anderen drei Objekte warenvon der Präsentation her ähnlich gelagert, auch wenn sie aus mir unbekannten Kulturräumen stammten und deshalb für mich doch eher spannend hätten sein müssen. Obwohl die Darstellungsweise innerhalb des Kubus eher ungewöhnlich war und von den üblichen Ausstellungsparametern abwich, so war der Informationsgehalt für mich eher an der Oberfläche gehalten. Tiefere Fragestellungen taten sich da für mich nicht auf.

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Kurze Einführung in die Intention der Ausstellungsmacher.

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Spezifische Fragen ans Objekt: der Khipu.

Die anderen Ausstellungsversuche waren mir etwas zu hochgegriffen, allerdings fehlte mir leider dann auch etwas die Zeit, mich ganz direkt auf sie einzulassen. Erwähnenswert sind auf jeden Fall die “Springer”, Aufbrechungen in der Ausstellungslandschaft durch -z.b.- eine Videoinstallation in der Altamerika-Sammlung, die sich mit dem Thema der konkreten Nutzung im Sinne von Ausgiessen und Einschenken beschäftigte und dazu original Gefäße aus der Frühen Zwischenzeit (ca. 300 – 600 n.c.) der peruanischen Küste verwendete.

Im Grossen und Ganzen: ich freue mich auf die nächsten Experimente! Grade vor dem Hintergrund der teilweise recht altbackenen Ausstellungskonzepte in Dahlem (die Altamerika-Ausstellung wurde z.b. in den 60er Jahren erstellt) sind diese neuen Ideen unglaublich spannend. Alle wichtigen Infos gibts kontinuierlich mit Updates unter: Humboldt Lab Dahlem.

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