Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

20130714-165216.jpg

Museumsbesuch: das Rheinische Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte, Bonn.

Leave a comment

Please see the English version of this post beneath the last photo! Thank you.

Unglaublich, aber wahr: ein Museum das mich von vorne bis hinten begeistert hat. Das muss ich gleich vorneweg schicken, denn es war einfach – unglaublich.

(Übrigens: ein kurzer Text zur Idee der Ausstellung: Gansohr-Meinel, H., 2004. Das neue Rheinische Landesmuseum – Vorbesichtigung der im Aufbau befindlichen Dauerausstellung. In Kommandeur, B. & D. Donnert (Hg.): Event zieht – Inhalt bindet. Besucherorientierung von Museen auf neuen Wegen. Bielefeld: transcript.)

Eigentlich wollte ich ja nur dorthin weil ich eben ein-zwei Stunden in Bonn frei hatte, zwischen Unikram und Antragschreiben. Und immerhin bin ich ja fast nie in Bonn. Also dachte ich, ein Besuch beim Neandertaler wäre schön, denn das letzte Mal hatte ich ihn 2002 in „Archäologie in Deutschland“ im Martin-Gropius-Bau gesehen. Und seitdem geisterte er durch viele viel Reportagen, die DNA wurde analysiert, viele populärwissenschaftliche Thesen aufgestellt und der Neandertaler wurde, in meinen Augen, fast zu so etwas wie unser aller Vorfahren und Ur-Europäer stilisiert. Und seit ich erfahren hatte, dass seit 1997 sogar neue Fundreste aufgetaucht waren und es ein neues Gebäude und Ausstellungskonzept gab, da wollte ich dann schon mal hin.

Also, nach zwei Stunden Unikram, Formularen und anderem – ab ins Rheinische Landesmuseum Bonn. Zum Neandertaler. So einfach war das aber nicht, denn das Museum stellte sich mir sozusagen in den Weg. Denn obwohl ich relativ fix zum Neandertaler im 1. Stock fand, hatte mir der Mitarbeiter am Empfang doch noch den Themen-Epochen-Flyer in die Hand gegeben und mir erklärt, das Museum arbeite mit thematischen Schwerpunkten und sei nicht mehr ganz chronologisch aufgebaut. Außerdem sei man, das entnahm ich dann dem Flyer, auch mit Kinderinformationen und Kinder-Audioguides ausgestattet. Und das Beides zusammen nahm mich sehr schnell gefangen.

Die Ausstellung ist also, zum Einen, nicht hauptsächlich chronologisch geordnet, sondern orientiert sich an Themenschwerpunkten wie „Von den Göttern zu Gott“, „Macht der Mächte“, „Von der Urlandschaft zur Stadtlandschaft“ und noch andere mehr. Das bedeutet, dass innerhalb dieser Schwerpunktausstellungen verschiedene Räume chronologische Artefakte zu diesem Schwerpunktthema bieten. Aber wie sie es bieten! Die Texte: klar geschrieben, leicht verständlich, informativ. Für Erwachsene und Kinder zugänglich. Fast alle Vitrinentexte enthalten gut geordnete Hintergrundinformationen, klar zusammengefasst und einfach formuliert. Langweilige und un-informative Texte á la „Grabfund, Ende 1. Jahrhundert“ sind zum Glück ganz ganz selten. Und alle Ausstellungen sind auf eine angenehme Art kinderfreundlich. Mal abgesehen von den Texten bietet der Audioguide zu sehr vielen Objekten auch eine Kinderversion an. Es gibt extra Kinderräume, aber auch innerhalb der “normalen” Ausstellung ist man mit Kindern und Jugendlichen super aufgehoben. Die Vitrinen und Objekte sind auf einer guten Höhe für Kinder und kleine Erwachsene wie mich. Die Ausstellungsstücke werden immer wieder unterbrochen von Anfassobjekten, Repliken, lebensgroßen Holzskulpturen oder schlicht und ergreifend gut gemachten Wandbildern oder Zeichnungen. Jeder Schwerpunkt bietet diese „Unterbrechungen“ etwas anders dar – im Format, Größe, Thema.

20130713-124605.jpg

Straße zum Anfassen: ein Karren.

20130713-124553.jpg

Wandbilder lockern die Räume auf.

Und allein die Abwechslungsfülle der Objekte führt dazu, dass man immer noch hinter die nächste Ecke gucken möchte. Steht da noch was? Geht’s da noch weiter? Oft habe ich im Museum, auch wenn ich gern hingehe, das Gefühl dass es mir zuviel wird. Nach dem 5. Saal mit Barockgemälden oder der 3. Vitrine mit Steinabschlägen erlahmt das Hirn und die Anschaulust. Hier nicht, denn die chronologischen thematischen „Kleinformate“ lassen das nicht zu. Man bleibt neugierig und offen.

Zudem ist das Museum gleichzeitig geräumig und kleinräumig. Die offenen weiten Aufgänge in Holz und Beton bieten viel Luft und Raum. Viele Flächen, die ich in berliner Museen definitiv mit irgendwas zugestellt fände sind hier einfach – Fläche. Weiß oder grau. Irre. Die Ausstellungsräume selber dagegen sind eher kleinteilig, verwinkelt, schmale lange Flure mit kleinen Räumen dran. Macht aber nichts, denn hier ist eben durch die Objekte und das Drumherum für Interesse gesorgt. Und die Ausstellungsmacher hatten auch keine Angst, einige der schmalen langen, betongrauen Flure eben auch mal ein Stück flächig zu lassen und etwa eine 20 Meter lange Wand in schwarz auf betongrauem Grund mit schönen Malereien zum Thema „Übergang vom Paläolithikum zum Neolithikum“ bemalen zu lassen. Und diese dann wiederum mit bunten Beamereinblendungen Körner mahlender Männer aufzulockern.

20130713-124526.jpg

20130713-124535.jpg

Überhaupt: moderne Technik. Immer wieder ist sie da – als Beamer, als Video, als Computereinstellung, als CD-Einspielung. So sitzt man da, im Themenbereich der Sonderausstellung „Gefährliches Pflaster – Kriminalität im Römischen Reich”, blickt der Statue von Agrippina ins Gesicht und bekommt Agrippinas Geschichte anhand antiker Quellen erzählt. Während man ihr in die marmornen Augen schaut. Ich liebe solche Dinge, weil Geschichte da lebendig wird. Und mit dieser tollen Konzeption war es dann gar nicht so einfach, das Museum wieder zu verlassen. Fast 2 1/2 Stunden war ich da – schon recht lange! Eines meiner Highlights in diesem Museum war die angebotene Unterbrechung des Artefakt-betrachtens mittels eines römischen Spieltischchen, inklusive Spielanleitung an der Wand darüber. Einfach eine geniale Idee, um den Kopf etwas zu befreien und dann weiterzumachen – mit Zeit und ganz entspannt.

Ein weiterer Punkt, der mir wirklich angenehm war, war die Präsentation der Toten. Natürlich gibt es in diesem Museum viele Gräberfunde und auch komplett ausgestellte Skelette. Sie sind aber meist von einer ruhigen Aura umgeben, Sitzmöglichkeiten existieren in nächster Nähe und so kann man sich dem Toten mit Ruhe und Respekt nähern und etwas Zeit mit ihm/ihr verbringen. Eine schöne Möglichkeit, sich dem Totenfund zu nähern.

Beim Rausgehen dann: ich finde sogar noch thematische Jugendheftchen namens “JuLe” (Junge Leute im Museum), die Informationen für Jugendliche aufbereiten und in angenehmer Form darbieten. Die nette Dame vom Infocounter sucht mir sogar noch angesichts meiner Begeisterung das Heftchen mit der Römerthematik raus, während ich zusätzlich entdecke dass es archäologische Postkarten zum Mitnehmen gibt.

Im Ganzen also: ein wirklich tolles Museum, in dem ich viel mehr Zeit verbracht habe als ich ursprünglich gedacht hätte. Das mich nicht ermüdet hat, sehr informativ war und in dem man nicht extra ein Kindermuseum einrichten muss, damit sich das Nachwuchs nicht langweilt. Toll!

20130713-124448.jpg

20130713-124509.jpg

Mitmachraum für Kinder zum Thema “Römer”. Hier kann der Köln-Bonner Grundriss mittels Beamer auf einer Landkarte mit Lego nachgebaut werden!

20130713-124614.jpg

Unterbrechung zwischendurch gefällig? Das Spieltischchen mit dem Nachbau eines römischen Brettspiels samt Spielanleitung an der Wand.

20130714-165047.jpg

Ausstellung eines Grabfundes mit der Möglichkeit, sich zu setzen und dem Ganzen in Ruhe nahezukommen.

20130714-165103.jpg

JuLe-Hefte mit verschiedenen Thematiken. Hier: RÖmer und Neandertaler/Kelten.

20130714-165128.jpg

Ausgestellte Töpfe: linearbandkeramische Kümpfe.

English version

There has been a museum that has totally taken me in no time. I have to say this right at the beginning because I won´t be objective on this, it was just too great.

It´s all the fault of the Neandertaler because I wanted to see his bones again after having seen them years ago at a big national archaeological exposition at Berlin. Now, he resides at the Rheinisches Landesmuseum at Bonn, Germany, near to his site of discovery in the 19th century. And as the Neandertaler has become a media star ultimately, with TV documentations about the discovering of his gene pool, his evolution and disappearing, he has become something like a “native European” in the eyes of the media, or something like that. So, I wanted to see his bones again and decided to use a short stay at Bonn to go and see the museum where he is now being exposed. A museum which has been, by the way, renovated, reconstructed and re-conceptualized in the last years, as well as having conducted research at the original Neandertaler discovery site near Bonn. So I went to see him – but it was not that easy. The museum itself got in my way because although I could find the Neandertaler bones most easily at the first floor, the staff had given me a information leaflet that said that the museum had a non-chronological exposition, focusing rather on central themes than on chronological order. Moreover, there were special children’s information and audio guides for children as well. And all these things together captured my interest as soon as I went in. And, I can tell you, I didn’t get out until 2 hours later.

So, first: the exposition is not being structured chronologically. It is rather orientated on focus themes like: “from the gods to God”, “the power of powers” and so on. This means, that you will find chronologically different artifacts in thematically ordered rooms. But how these artifacts and the information are presented!

The texts are well written, easily understandable and provide information for adults as well as for children. Almost all texts had useful background information in them, which were formulated in a precise, clear and abbreviated way. Examples like: “Grave find. End of the 1st century” was an absolute exception from this rule. And all the expositions are apt for children as well – in a friendly way and without having to put on a special “children’s exposition” as has been the case in other museums I visited. Apart form the texts there is a special children’s audio guide. There are social children’s rooms, integrated into the „normal“ expositions. And even in these “normal” rooms you will feel perfectly well with children or young adults. The display cases and objects are placed so low that they may see everything. The exposition offers options to pause the walking and go see objects you may touch, with replicas, with life size sculptures of people or simply wall paintings. Every thematic focus offers these “pauses“ in another way and they may differ in form, size or theme.

And the abundance and diversity of objects! You are getting more curious in every room. Is there something more behind this wall? In this corner, behind this textile? When I am visiting museums, there is the point when it gets boring. If you have seen 5 rooms full with lithics or classicistic paintings, than my brain is getting over crowded and bored at the same time. Not at this museum, because the thematic rooms are not letting you. You stay curious, your mind is opened up for these different experiences.

Moreover, the museum is being ample and small at the same time. The wide stairs done in wood and beton leave air and room to the visitor. Many spaces that would have been plastered with objects in the berlin museums I know have been left – blank. White or gray spaces that give a rest to your eyes. The exposition rooms themselves are rather small, have many corners, long corridors and even smaller attached rooms. But this doesn´t matter because you will get more and more interested in seeing the objects. And there are opportunities where some walls have been left blank or have been painted in black with scenes of the transition period between paleolithic and Neolithic. And to top these paintings with colorful beamer projections showing men grinding grain.

Modern technique has been used at many points in the expositions. There are beamers, there are video installations, there are CD´s that you can listen to. So you may sit in front of a statue of Agrippina, listening to someone reading her life story from ancient romans sources. While you are looking into her marble eyes. This is, for me, history becoming real and palpable.

Another point that I really liked was the presentation of the dead. Naturally, there were many burial finds, skeletons included, some of them exposed in their original position when being excavated. But offering the possibilities to sit at the side of these burials and the existence of some quiet space around them gives the visitor the possibility to spend time with them and think of these people as individuals and pay them respect. When I went out, I even discovered that the museum offers special literature for children and young adults for free. These journals, called „JuLe“, are being offered thematically and cover different historical times – these may be roman or paleolithic. So in the end, this was just a great museum that I will certainly come back to – with all my family. And with this concept it was really hard for me to leave the museum at some point.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s