Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Spezialisierung vs. Allrounder oder: Europa vs. Südamerika // Specialization vs. Allrounder or: Europe vs. South America

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Immer öfter sehe ich im Fernsehen Reportagen, die uns Archäologen zeigen, wie wir – medial gesehen – GANZ neue Forschungsmethoden anwenden. Man sieht Archäologen beim Satellitenbild auswerten, beim DNA-Erforschen, beim Zeichnen von Keramik mittels Computern.  Auch der Coursera-Kurs von dem neulich die Rede war, zeigt wieviele Spezialisten natürlich in einem Projekt zusammenarbeiten und welche Arbeiten man auslagert um möglichst gute Ergebnisse zu erhalten: sämtliche Analysen (Keramik, Stein, Knochen), viele statistische Arbeiten, nicht-invasive geologische Forschungen, etc. Es gibt sehr viele Spezialisten, die nötig sind um eine archäologische Arbeit aus möglichst vielen Blickwinkeln zu betrachten und zu interpretieren. Soweit – sogut, nur: dieses Bild stimmt nur für einen kleineren Teil der archäologischen Welt. Und zwar für Europa und Nordamerika und vielleicht noch für Gebiete die seit Jahrhunderten erforscht werden, wie etwa Ägypten.

Meine eigene Erfahrung ist jedoch völlig diametral zu diesen. Obwohl ich in Deutschland studiert habe, konnte mein Orchideenfach mir kaum praktische Archäologiekenntnisse vermitteln. Dazu musste ich mich im Nebenfach in die Ur- und Frühgeschichte einschreiben, wo ich aus Zeitgründen weniger Kurse belegen konnte als ich gewollt hätte. Meine praktische Erfahrung stammt aus Bolivien, wo ich in verschiedenen Projekten Grabungs- und Analyseerfahrung sammelte.

Und dort gelten völlig andere Regeln. In gut 90 % der dortigen Projekte ist man als Archäologe für Prospektion, Grabung und Analyse der Keramik zuständig. Möglichst auch noch für die Steinartefakte. Lediglich Knochen (tierische und menschliche) werden durch Spezialisten analysiert – wenn man sich die Dienste leisten kann und vorausgesetzt, der Einzige im Land Verfügbare hat Zeit. Zeichnungen und geographische Karten werden ebenfalls vom zuständigen Archäologen erstellt, eventuell (mit etwas Glück) unter Mitarbeit der geographischen Fakultät einer Universität. Luftbilder werden ebenfalls von ihm ausgewertet.

Als ich begonnen habe, in diesen bolivianischen Projekten auch größere Aufgaben zu übernehmen oder schließlich eigene Projekte zu leiten, gab es weder finanzielle noch personelle Kapazitäten um Aufgaben auszulagern. Von der Planung bis zur Keramikanalyse und dem Zeichnen und Fotografieren für die Publikation wurde alles durch eine Hand ausgeführt. Natürlich bleiben dabei viele spezielle Wissensmöglichkeiten auf der Strecke. Oft wählen wir beschreibende Methoden, um nicht durch falsche Analysen das Interpretationsbild zu verzerren. So habe ich seit Jahren einen beschreibenden Ansatz in der Keramikanalyse gewählt, da die Analyse mit einer Lupe mit 10 X und wenigen geologischen Kenntnissen dazu führt, dass man möglichst gut beschreiben sollte – um dann ausgewählte Stücke vielleicht zum Dünnschliff z.B. nach Argentinien weiterzuleiten (was ein größeres bürokratisches Vorgehen verlangt), sofern das möglich ist. Da man aber bis dahin auch publizieren und kommunizieren muss, beschränke ich mich auf beschreibende Ansätze. “Weiße weiche Einschlüsse” hilft da mehr als die selbst verzapfte Aussage “Quarzeinschlüsse” wenn man sich nicht sicher ist.

Wir beschränken uns auch bei der Beschreibung von Steinartefakten auf sichtbare Merkmale, da von einer Analyse von Mikrospuren noch nicht einmal ansatzweise ausgegangen werden kann und eine solche Analyse auch nicht viel Sinn machen würde, wenn man noch nicht mal weiß was in 50 Kilometer Entfernung an Steinartefakten vorliegt. Unsere Publikationen bilden das ab, was man als “Grundlagenforschung” beschreiben könnte. Wir betreten Gebiete, die noch nie einen Archäologen gesehen haben. Das hat auch Vorteile – man sieht manchmal unglaubliche Dinge und Funde. Und die Nachteile: wir sind darauf angewiesen, selber soviel wie möglich machen zu können. Denn Zeit, Geld und Personal lassen es gar nicht zu, dass man einige der anliegenden Aufgaben abgibt.

Heute werden auch in Südamerika viele neue Labore gebaut, die sich ausschließlich etwa mit der Analyse von Steinartefakten beschäftigen. Ist schön, sieht super aus und die Studenten finden es spektakulär. Aber: ist das wirklich sinnvoll? Wenn 80 % eines Landes noch nicht einmal ansatzweise archäologisch dokumentiert sind? Wäre es nicht wichtiger, rauszugehen und zu forschen? Zu prospektieren, zu sondieren, zu graben. Zu analysieren und zu publizieren. Die Mikroanalyse der 50 Steinabschläge aus Fundort XY? Bringen vielleicht interessante Ideen zum Gebrauch der Artefakte an diesem einen Ort. Der sehr wahrscheinlich als erforschter “Leuchtturm” in einem 1000 Kilometer-Umkreis steht. Besser wäre es doch eventuell, diese Ressourcen in flächendeckende Forschung zu stecken, bevor die umliegenden Fundorte weggepflügt sind oder unter der neuen Straße verschwinden.

Europa ist, wie es Manfred Eggert einmal sagte “so gut erforscht, dass nur noch quantitative Sprünge, aber keine qualitativen mehr zu erwarten sind“. Da ist eine Spezialisierung logische Folge, denn sie weitet das Untersuchungsgebiet aus. Schade ist aber, dass die Medien dies darstellen als wäre es die generelle archäologische Realität – es ist aber nur eine Momentaufnahme eines kleinen Teiles der archäologischen Welt.

English Version

Increasingly, there are documentals on TV that show an archaeological reality that uses (at last in the media´s view) completely new methods of investigation. I have seen archaeologists studying aerial photographs, I have seen them “deciphering the DNA” of Oetzi, I have seen them drawing ceramic sherds with and on laptops. At the Coursera course that I have recently presented there has been special emphasis on the team work that archaeologists do. How necessary it is to include a lot of specialists: on bones, on ceramics, on lithics, on flotation, for statistical works, for non invasive geological investigation etc. There are so many specialists that are necessary to get an archaeological investigation going and, over all, going on successfully. This may be true – but only for a certain part of the archaeological world: for Europe, North America and maybe some of the regions of the world which have a long term history of archaeological investigation, such as Egypt.

But my own experience is so far from this, so diametrally opposed that I wanted to write about it, at least here. Although I studied in Germany, my field of study didn´t offer any practical archaeological skills, so I had to inscribe to courses from other studies. Anyway, I spent my vacations mostly in Bolivia, where I was gathering practical experiences on excavation and analysis in archaeological projects. And the rules were completely different from the ones I learned at my university in central Europe. As an archaeologist, you are responsible for the survey, excavation and analysis of ceramic and (if possible) lithic material. Only bones are an exception to the rule and are submitted to specialists for their analysis. But this applies only if you have enough funds to pay some specialist for this analysis or if the only specialist available in the country has time to do it. You do all the drawings and most of the maps, if you are lucky there is some faculty of Geography involved in the project so you may get assistance on that field. The analysis of aerial photo is also the duty of the archaeologist and not of some external specialist.

So when I began to participate in these bolivian projects on a larger scale and, at last, to direct my own projects, there were no resources to rely on, there were no funds to get specialists involved. From planning the project to getting the ceramics analyzed, from photographing the finds to drawing finds for publication – it was all done by one person. Logically, you will only get somewhat fragmentary results this way. The specialists knowledge can never be replaced!  And so we select more descriptive methods in order to avoid wrong itnerpretations. This is in my case especially true for ceramic analysis, because the analysis of sherds with a 10 % augmented device and limited geological knowledge is not comparable to a thin section done by a specialist. This will maybe be done in our case if we get the funds and the permits to ship some sherds to Argentina. But you have to be able to communicate your finds and even publish them before it ever comes to sending this samples, so a sentence like: ”the sherd has white smooth inclusions” is more helpful than bloating out about Quarz inclusiosns when maybe they could also be – volcanic glass, p.e.

IN the case ot lithic artifacts we remit ourselves to a mere description and documentation because a micro analysis is completely out of thinking. And what would be the sense of doing these analysis if you don´t know what you may be finding in a 50 kilometer radius? Our publications show what may be called “basic investigation”. We investigate regions that haven´t been documented before. And there are advantages and disadvantages to this. You see sometimes incredible things and this makes you feel special. But we are absolutely pressed to do as many aspects of archaeological work by ourselves as we can. Because the restrictions of time, money and people impede that you delegate parts of your work.

Today, there are many new labs being funded in South America. There may be, p.e., laboratories working especially on lithic micro wear. That’s great and the students love it. But is it really meaningful? If you have a big section of a country not even remotely known in archaeological terms, wouldn’t it be better to investigate first? Document what´s left? Wouldn’t it be important to go out and do field work instead of investigating on the microscopical scale in a lab? To publish what´s out there? If you have the micro analysis of say, 50 lithics or sherds from a particular site and you publish these data when there are no other data available for a whole region of 1000s of km² – then how relevant are these data you got from the laboratory? I aprt form the idea that it would be preferable to invest the scarce funds archaeology gets in regional investigations and afterwards go for the special analysis. And this should be done before these regions have been covered by roads and houses or the archaeological sites have been destroyed by agricultural activities.

Europe has been, as Manfred Eggert once said, “so intensily archaeologically investigated that we can only expect quantitative leaps, but no qualitative ones.” For this reason, a specialization is a logical outcome because these are the fields where we may expect new data and new ideas. But I regret the fact that this picture is the one that the media present as a overall reality. It is not – it is only the partial reproduction of the archaeological world.

 

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