Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Die Vergangenheit gehört allen?! oder: “Who owns the Past?”

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“Who owns the Past?” ist eine Frage, die locker mal 206.000.000 Antworten bei Google erhält. Und das nur im englischsprachigen Netz. Denn das Thema ist genauso gut und vielleicht noch brisanter für Regionen, in denen Vergangenheit durch archäologische Forschungen lange kolonialisiert wurde und in denen die Archäologie als elitäre Wissenschaft regionale Bevölkerungsgruppen geradezu ausschloß. Es sind meiner Meinung nach die Begleiterscheinungen postkolonialer Zeiten, die die Frage „Who owns the Past?“ in diesen Regionen zu einem sensiblen Dauerbrenner gemacht hat.

Post-koloniale Archäologie ist in diesen Ländern und Regionen nicht nur eine von außen herangetragene Idee, dass nun lokale Akteure stärker eingebunden werden sollten, sondern die konkrete Möglichkeit, dass hier neue Wege der Partizipation ausprobiert werden sollten. Es geht um die Ausbildung eigener Archäologen, um das Erarbeiten und Probieren eigener archäologischer Herangehensweisen. Es geht um die Einbindung lokaler Akteure, ihrer Wünsche und Forderungen. Und es geht darum, mit archäologischen Projekten, abgesehen von den wissenschaftlichen Aspekten, Antworten auf Fragen von Identität, Gleichberechtigung und Verbesserung der Lebensumstände zu geben. (siehe hierzu auch für alle spanisch sprechenden Leser die Sonderausgabe der Chungará in der Literaturliste am Ende des Posts).

Diese Form der Archäologie ist natürlich nicht nur in post-kolonialen Regionen der Erde präsent sondern genauso in Europa, wo die Einbindung lokaler Akteure in den letzten Jahren ein wichtiger Teil archäologischer Arbeit geworden ist. Aber der Großteil postkolonialer Archäologie findet eben doch in außereuropäischen Regionen statt. Und ist dort ein sensibles, konfliktgeladenes Thema. „Vergangenheit“ ist ein Thema, dass jeden Menschen berührt, weil jeder eine Vergangenheit besitzt. Und nicht nur seine eigene, sondern durch orale Übermittlung, schulisches Lernen und kulturelles Umfeld auch eine Gruppenvergangenheit. Und diese, selbst empfundene, Vergangenheit kann stark von der von Archäologen präsentierten Variante variieren. Dieses Problem lösen zu wollen bzw. Denkanstöße zu vermitteln ist einer der Ansätze der postkolonialen Archäologie.

Indigenous Archaeology ist ein Zweig der der postkolonialen Archäologie, der daraufhin arbeitet indigene Gruppen ganz gezielt zu integrieren – in die Feldarbeit, in die Archäologie als Studienfach, in die Ausarbeitung der Ergebnisse und v.a. der Vermittlung der Ergebnisse und deren Nutzung für künftige Generationen. Es geht also um eine Interaktion auf gleicher Ebene, nicht von oben nach unten. Und da das vielen Archäologen mittlerweile wichtig ist und sie Aspekte dieser Arbeit in ihre Projekte integrieren, hat sich auch einiges innerhalb der Feldarbeit geändert.

Ich selbst stand, ganz mitteleuropäische Archäologin, vor einigen Jahren ungläubig vor einem Beitrag in einem Sammelband zu postkolonialer Archäologie, in dem eine Archäologin indigener Abstammung beschrieb, wie sie ihre Grabungen nun in runden, statt in quadratischen oder rechteckigen Grabungseinheiten durchführte. Es hatte was mit der anzestralen Idee des runden Hauses in ihrer Ursprungskultur zu tun, wenn ich mich recht erinnere. Und die Frage ist ja: so abstrus mir das vorkommt, wie viel Recht habe ich, ihr diese Idee abzusprechen? Auf welchem Niveau diskutiert man hier? Da kommen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch ganz persönliche Fragen hoch. Und das ist einer der großen Kritikpunkte, die in diesem Blogbeitrag formuliert werden. Der Autor hat durchaus an einigen Punkten in seiner Kritik recht, natürlich ist fast jede „Post“-Richtung sehr politisch. Problematisch ist aber meiner Meinung nach genau die Frage OB es eine Archäologie oder generell Wissenschaft geben kann, die unpolitisch ist. Ich glaube nicht. Jede wissenschaftliche Arbeit ist gewollt oder ungewollt politisch, selbst wenn es der Forscher gar nicht möchte. Auch wenn wir uns GEGEN eine politische Nutzung unserer Arbeiten aussprechen ist schon diese Meinung eine politische Äußerung in ihrer eigenen Art.

Und abgesehen von eher formalen Aspekten postkolonialer und indigener Archäologie wie der Form der Grabungseinheiten – wie gehen wir als europäische oder „weiße“ Archäologen mit dem Thema um? Rassistische Konzepte und soziale Klischees greifen hier auf verschiedenen Seiten. Auch Archäologen, die selber aus postkolonialen Ländern stammen werden z.T. aufgrund ihrer helleren oder dunkleren Hautfarbe in einigen Regionen ihrer Heimatländer NICHT als Gleichberechtigte wahrgenommen. Wie geht man mit diesen problematischen Situationen um? Vorkommnisse aus 500 Jahren Kolonialgeschichte können in einem einzigen archäologischen Projekt sowieso nicht finanziell oder persönlich aufgearbeitet werden. Und: es funktioniert so auch nicht. Aber das ist schwierig zu vermitteln, viel schwieriger als Vergangenheit an sich.

Für mich persönlich als Mitteleuropäerin bedeutet die Arbeit in Südamerika auch viel Selbstreflektion. Natürlich braucht jeder Wissenschaftler Selbstreflektion, auch wenn er/sie im eigenen Land arbeitet, aber wenn zur wissenschaftlichen Arbeit an sich und der Vermittlung dieser Arbeit auch noch koloniale “Rechnungen” hinzukommen, dann verwirrt sich alles noch mehr. Postkoloniale und indigene Archäologie schärfen den Blick für eigene kulturelle Klischees und Wahrnehmungsformen. Und sie öffnen die Augen für andere Wahrnehmungen von Wissenschaft und Vergangenheit. Die Frage ist, wieweit wir diese anderen Wege gehen können und wollen – das muss jeder Archäologe für sich entscheiden. Ich halte es aber für entscheidend sich zunächst über das Problem an sich im Klaren zu sein um dann eine Entscheidung treffen zu können.

Die Frage “Who owns the Past?” wird also in den letzten Jahrzehnten zunehmend und von vielen Personen und Gruppen gestellt. Und sie wird, wie neulich in einem Coursera-Kurs zu Archäologie von den Archäologen selbst sehr sehr zurückhaltend und diplomatisch beantwortet. Es geht um Artefakte, um Erhaltungsmöglichkeiten, um die Einbindung vieler verschiedener Gruppen – wissenschaftlicher, regionaler, ethnischer. Aber es geht nur ganz am Rand bei einigen der Befragten um die implizierten Gruppen – die Wissenschaftler, die lokalen Akteure, die Anwohner. Es ist schwierig die Balance zu finden zwischen unserem archäologischen Herz und dem Wunsch soviele Personen wie möglich in unsere Arbeit und Vermittlung einzubinden. Funde müssen bewahrt werden, aber lokale Anwohner haben eine ganze Vielzahl von nicht-archäologischen Ansichten hierzu. Entwicklung ist etwas, dass sich viele Menschen wünschen, aber Arhcäologie mag nciht immer das richtige Werkzeug sein um sich ein besseres Leben aufzubauen. Undsoweiter.

Meiner Meinung nach lässt sich die Frage denn auch viel einfacher beantworten: Vergangenheit gehört den Menschen im Allgemeinen. Und es gibt auch nicht DIE Vergangenheit, sondern nur immer wieder veränderbare Versionen, die auch nebeneinander existieren können. Zunächst und ganz vorne steht aber die Antwort: Vergangenheit gehört zunächst und vor allem den Menschen der Region, in der wir als Archäologen arbeiten. So wie hier in dieser Reportage Nikolai Grube sagt, als es um die Zukunft der Mayaforschung geht: “Ich würde mir für die Mayaforschung wünschen, dass sie letztlich denjenigen zugute kommt, die die Erben dieser Kultur sind. Das sind die vielen Maya, die heute noch leben (…) und die von ihrer eigenen Geschichte losgelöst und abgekoppelt sind durch die Folgen des Kolonialismus. Ich denke, die heutige Mayaforschung muss den Maya einen Teil ihrer Geschichte zurückgeben und wenn sie das kann, hat sie eigentlich ihr edelstes Ziel erreicht!” (Quelle: “Sternenkriege der Maya”, Teil 2, Minute 41 ff.).

Bücher zum Thema:

C. Smith & H.M: Wobst (Ed.), 2004: Indigenous Archaeologies – Decolonizing Theory and Practice. Routledge. http://www.amazon.de/Indigenous-Archaeologies-Decolonising-Practice-Archaeology/dp/0415589061

J. Lyden & U. Rizvi (Ed.), 2011: Handbook of Postcolonial Archaeology. Left Coast Press.

http://www.lcoastpress.com/book.php?id=299

M. Liebmann (2010): Introduction: The Intersections of Archaeology and Postcolonial Studies. In Liebmann & Rizvi (Ed.) Archaeology and the Postcolonial Critique. Lanham/New York: Altamira Press.

Download on Academia.edu: http://www.academia.edu/1558671/The_Intersections_of_Archaeology_and_Postcolonial_Studies

 Regional bezüglich der Anden: Sonderausgabe Chungará 2003/2 zum Thema Arqueologia Social y Comunidades Indigenas en el Norte de Chile / Sur de Bolivia: http://www.chungara.cl/index.php/vol35-2

Beispiel für ein Symposium zum Thema in Argentinien: http://www.soc.unicen.edu.ar/observatorio/simposio-pueblos-originarios-y-arqueologia.php

Leicht lesbarer, aber ziemlich einseitiger Einblick zum Thema NAGPRA/ USA: J. Benedict: No Bone unturned: The adventures aof a Top Smithsonian Forensic Scientist and the lega battle for Amreicas oldest skeletons.

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ENGLISH VERSION

“Who owns the past?” is a question that get´s more than 206.000.000 answers on google. And this is only the English speaking part of the world. Because this question is even more sensible and hotly debated in parts of the world which have a colonial past and where archaeology has long since played the role of an elitist science which excluded the majority of the population. In my opinion that´s part of the aftermath of colonial times and the companion of post-colonial ones and it makes the question “Who owns the past?” an ever burning question in these regions.

Post colonial archaeology in these countries and regions is not an idea that has been imposed to have local protagonists more involved, but this idea represents the possibility to try new ways of scientific participation. It concerns the education of their own “national” archaeologists, the development of their own distinct archaeological approaches. It is about the involvement of local actors and their wishes and demands. It´s about the answers that archaeological projects can give to question concerning identity, equal opportunities and the improvement of living environments. (If you read Spanish, have a look at the special edition of the journal Chungará, cited at the end of this post).

Naturally, this version of archaeology is to be found everywhere around the globe, not only in the post colonial regions of the world. It’s the same in Europe where the involvement of local actors has become an important part of archaeological work during the last years. But a better part of post colonial archaeology is taking place in regions outside Europe. And it presents a highly sensible, emotional theme. “The Past” is something that touches everybody directly, because everybody has a past. And not only a personal past but also, through oral traditions, schooling and community experiences, a community past. And this “felt” past can differ radically from the version of the past that archaeologists present. In my opinion it is one of the main goals of post colonial archaeology to solve these problems or to offer thought-provoking impulses.

Indigenous Archaeology is a branch of post colonial archaeology which works to integrate indigenous groups directly into scientific work – this means during field work, in the study of archaeology at university and most of all, in the procurement of the results of archaeological investigation and their use for future generations. So, it´s about interaction on an equal level between the archaeologist and the local communities and protagonists. This is increasingly important to many archaeologists and has been integrated into many aspects of archaeological investigation – which has led to profound changes in archaeological field work.

As an archaeologist from Central Europe I was confronted a couple of years ago with the work of an archaeologist with indigenous roots, who presented a new form to conduct her excavations. Instead of using the “classical” rectangular spaces and grids of an excavation pit, she worked with circular excavation pits, because this resonated with the ancestral idea of round houses of  her indigenous background. And the question is: I may find this disturbing or even absurd, but do I have the right to reject her idea? On which level are we discussing when it comes to these technical terms? Is it only about certain investigation techniques? Or are there personal factors as well that play an unconscious role? There are many scientific and personal questions arising. And this is also one of the criticisms post colonial archaeology has received. In my opinion, this blog post resumes many of them. Some of these critiques are understandable, especially when it comes to the political dimensions of theoretical currents. But in my opinion the most problematical point is the question if there could be an archaeology or in that case any science that can be apolitical. I don´t think so. Every scientific work is political, and that´s not a matter if the scientist wishes it to be so or not. Even when we take a decision to be AGAINST a political use of our work we are already taking a decision that has a political impact.

And disregarding any formal aspects of post colonial or indigenous archaeology like the layout of our excavation pits mentioned above – how can we deal with this indigenous and post colonial archaeological current, being European or “white” archaeologists? Racist concepts and social clichés are being actively used or at least passively underlying on both sides – by archaeologists and local people alike. Even archaeologists that are native from post colonial countries are known to have been discriminated and badly treated for their lighter or darker skin in some parts of their own country – so this is not exclusively an “1st world” – “3rd world” (or “whatever world”) problem. How do we deal with these problematic situations during fieldwork? It´s simply not possible to rehabilitate 500 years of colonial history during one field season, not in the personal realm and surely not in the financial realm, either. And it doesn´t work like that, anyway. But these details are difficult to communicate, often much more difficult than the archaeological past.

For me as a central European woman working in South America means a lot of self reflection. Of course, every scientist should be self reflective and self conscious when it comes to his/her work, even when working in our home countries. But if our work and the communication of our work present additional layers of (post) colonial meaning and history, everything gets too entangled to be easily solved. Post colonial and indigenous archaeology enable us to get a more detailed view of our own cultural clichés and perceptions, concerning the implications of our work and our own personalities involved in the investigation. They open our eyes for different perceptions of science and the past. The question is how much do we dare to integrate these new views into our work – and that is a question that every archaeologist has to answer for him/herself. But I think it´s decisive to be clear about the existence of this problem to be able to take a decision when the time comes.

So, the question „Who owns the Past?” has been put before us increasingly in the last decades – and it came from a variety of social and scientific groups or protagonists. And the question is being answered only reluctantly and evasively – as was the case, e.g., in the Coursera course on archaeology I attended. The answers were so diplomatic and cautious, they mainly centered on artifacts and the possibilities to maintain and preserve them, they included themes like the inclusion of many different groups of people – scientific, regional, and ethnical. But there were little palpable answers when it came to the actual people involved: THE scientist, THE archaeologist, THE local people. It´s difficult to find the balance between our archaeological heart and the wish to integrate as many people as possible into our work and its communication. Artifacts have to be preserved, but local people may have a multitude of non-archaeological opinion about this. Development is something people want but archaeology may not always be the tool to get a better living.

But besides all these contradictions, in my opinion, the answer to this question still is pretty clear: the past belongs to all people, in general. And there is not one past but a multitude of pasts, interchangeable versions that can coexist. But foremost there is the answer that the past belongs foremost to the people of the region where we actually work as archaeologists. So let´s finish this with a quote from Nicolai Grube in a documentation about Maya archaeology: “I would like the investigation of Maya history to benefit ultimately the people who are the heirs of these cultures. These are all the Maya that live today and that find themselves uncoupled from their own history due to the consequences of colonialism. I think that contemporary Maya archaeology and investigation has to restore a part of history to the Maya and if this can be achieved, then the noblest goal of this investigation has been achieved, too. (Quelle: “Sternenkriege der Maya”, Teil 2, Minute 41 ff.).

related Books:

C. Smith & H.M: Wobst (Ed.), 2004: Indigenous Archaeologies – Decolonizing Theory and Practice. Routledge. http://www.amazon.de/Indigenous-Archaeologies-Decolonising-Practice-Archaeology/dp/0415589061

J. Lyden & U. Rizvi (Ed.), 2011: Handbook of Postcolonial Archaeology. Left Coast Press.

http://www.lcoastpress.com/book.php?id=299

M. Liebmann (2010): Introduction: The Intersections of Archaeology and Postcolonial Studies. In Liebmann & Rizvi (Ed.) Archaeology and the Postcolonial Critique. Lanham/New York: Altamira Press.

Download on Academia.edu: http://www.academia.edu/1558671/The_Intersections_of_Archaeology_and_Postcolonial_Studies

Regarding the South Andes: Special edition of the journal Chungará 2003/2 on: “Arqueologia Social y Comunidades Indigenas en el Norte de Chile / Sur de Bolivia”: http://www.chungara.cl/index.php/vol35-2

Symposium: http://www.soc.unicen.edu.ar/observatorio/simposio-pueblos-originarios-y-arqueologia.php

An easy to read but not well written introductorily book that is clearly partial in its description of the events on NAGPRA/ USA: J. Benedict: No bone unturned. The Adventures of a Top Smithsonian Forensic Scientist and the Legal Battle for America’s Oldest Skeletons.

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