Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Art & Inquiry: Denkanstöße zu materieller Kultur / Reflections on material culture

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Ich muss es wohl bekennen: Coursera & Konsorten und ihre Online-Kurse haben es mir wirklich angetan. Nach meinem ersten Versuch mit Archaeology´s Dirty Little Secrets hatte ich ja angekündigt, diesen Sektor auszubauen. Das habe ich getan und einer der Kurse, die im Juli & August auf meiner Agenda standen war ein vom MOMA angebotener: “Art & Inquiry: Museum Teaching Strategies for your Classroom”. Gut, ich bin keine Lehrerin, aber ich möchte kurz- oder mittelfristig eher ins Museumsfach wechseln und Vermittlung und Kuratieren steht auf meiner Weiterbildungsliste gaaaaanz oben. Also klang der Kurs nicht schlecht, so als Einstieg. Und er war absolut umwerfend. Für mich als Vermittlungsneuling war der “Inquiry Approach” mit seinen ergebnisoffenen Fragen eine unglaublich spannende Erfahrung, die sich in einigen Teilen mit meinen selbst gemachten Vermittlungserfahrungen in der Feldarbeit deckte und mir gleichzeitig viele neue Möglichkeiten aufzeigte. Abschließendes Projekt war das Aussuchen eines Objekts oder Kunstwerks, das man in der eigenen Arbeit als Vermittlungsobjekt zu einem bestimmten Thema nutzen würde, inklusive der Erstellung eines “inquiry based” Projektes, das dieses Objekt beinhaltet.

Worüber ich hier jedoch schreiben möchte, ist der fast unglaubliche Fragenkatalog der sich ergab als ich meine Objekte für das finale Projekt auf ihre Verwendbarkeit hin abklopfte. Ich hatte 3 Objekte gewählt, von denen je zwei exemplarisch für einen archäologischen Stil/Kultur stehen konnte und ein drittes, das eine Hybridform der vorigen beiden darstellte. Hintergrund sollte die Zuordnung von Identität über Materialität sein und der Ausdruck persönlicher  Ideen über die Hybridisierung von Materialität. Ingesamt gesehen: sehr spannend, sehr komplex. Da das zu entwickelnde Projekt auch die Erstellung einer praktischen Aktivität der Lernenden beinhaltete, hatte ich zunächst die Idee, dass die Personen hybride zeitgenössische Objekte suchen und fotografieren sollten und die Beziehung von sich selbst zu diesen Objekten kurz notieren sollten. Und um ganz sicher zu gehen, dass das funktioniert, bin ich es gedanklich durchgegangen. Welche Objekte würden MIR einfallen?

Mentale PAUSE. Ich dachte nach und nach – mir fiel nichts ein. Leeres Hirn. Ich dachte, dass das nicht so schwer wäre, immerhin fällt es mir in archäologischem Material AUCH nicht schwer, solche hybriden Dinge zu entdecken. Aber in meiner eigenen Umgebung? Es passierte nichts, außer dass ich plötzlich über Fusion Cuisine nachdachte und über Mode. Ich merkte, dass ich gar nciht genau sagen konnte, was meine “deutsche” (?), “mitteleuropäische” (?), “preussische” (?) Kultur sein sollte, wenn es um äußerliche Dinge ging. Objekte, die mich tagtäglich umgeben findet man ja so auf der ganzen Welt und obwohl sicher jeden seinen eigenen persönlichen Stil hat, gibt es keinen wirklichen regionalen oder gar nationalen Stil auf den ich mich berufen könnte. Ich ganz persönlich, als Mitteleuropäerin, Ostdeutsche und Preußin – alles Attribute mit denen ich durchaus leben kann und die mich meiner Meinung nach persönlich charakterisieren könnten. Aber materiell? Funktioniert es nicht.

Also ging ich einen Schritt weiter und fragte mich nach Objekten oder Hybriden, die in unserer globalisierten Welt vorkämen. Also Dinge, die für zwei unterschiedliche Kulturen stereotypisch sein können und in einem Objekt verschmolzen werden. Ich dachte an asiatische oder afrikanische Klischees, die wir im Kopf haben und über deren materielle Counterparts, die wir in unserem Leben vorfinden. Klischeebehaftete Objekte also. Die gibt es natürlich, aber kann der klischeehafte japanische Fächer über dem Couchtisch wirklich als Beipsiel für hybride materielle Kultur herhalten? Das überzeugte mich auch nicht.

An diesem Punkt begann ich schon, an meiner eigenen Idee von materieller Kultur etwas zu zweifeln. Wie kann es sein, dass ich zwar materielle Kultur im archäologischen Kontext meiner Arbeit immer wieder bearbeite, den Terminus benutze und ihn auch theoretisch unterfüttern kann – in meinem eigenen Leben aber nciht? Materielle Kultur ist ja gerade etwas, dass sich durch unser aller Leben DURCHZIEHEN sollte. Ein Konzept, dass geradezu strukturalistisch in jedermanns Leben, egal wann und wo, auftaucht und sich prinzipiell ähnlich sein sollte, wenn acuh im Ausdruck und Nutzung jeweils unterschiedlich. Gibt es heute überhaupt noch so abgrenzbare kulturelle Eigenheiten wie wir sie so oft im archäologischen AMterial zu erkennen glauben? Und sit es nicht veilleicht nur unser Blick von außen der die “fremde” “vergangene” Kultur klarer erscheinen lässt? Oder ist auch das nur eine Idee der Archäologen, die wir im Nachgang auf etwas drauflegen, das in der Sicht der vergangenen Menschen genauso hybrid und unabgrenzbar war wie unsere heutige Kultur für uns? Oder gibt es doch einen gravierenden, sichtbaren, nachweisbaren Wechsel zwischen den regionalen Kulturen und der globalisierten Welt von heute?

All diese Fragen habe ich nicht beantworten können. Aber allein schon das Nachdenken hierüber hat viele neue Türen geöffnet und Ideen generiert, die verfolgt werden wollen. Lesen und Denken wird die Folge sein. Dass meine archäologischen Ideen, Perzeptionen und Interpretationen immer auch eine Aufnahme meiner eigenen kulturellen und sogar persönlichen Sozialisierung sind, ist mir seit Langem bewusst. Aber trotzdem haben sich hier noch weitere Momente ergeben die darauf hinweisen, dass die Rückführung UNSERER Ideen auf frühere Gesellschaften /Objekte einfach zu verführerisch einfach ist. Momentan liegen daher auf meinem Schreibtisch: “Inventing the Pasts in North Central Europe“,”Envisioning the Past“, Pot/Pottery Entanglements and Network Agency“. Danach sehen wir weiter!

M. Hardt, C. Lübke & D. Schorkowitz (Ed). (2003): Inventing the Pasts in North Central Europe. The National Perception of Early Medieval History and Archaeology. Peter Lang, Bern-Frankfurt.

S.Smiles & S. Moser (Ed.) (2005): Envisioning the Past. Archaeology and the Image. Wiley-Blackwell

C.M. Watts (2008): Pot/Pottery Entanglements and Networks Agency in Late Woodland period (c AD 900-1300). BAR Interantional Series 1828.

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English Version

Yes, I have to admit: Coursera and other possibilities of online learning have catched my heart. After my first try with “Archaeology´s Dirty little Secrets I decided to get on with this idea and take some more online courses. So I chose Art & Inquiry: Museum Teaching Strategies for your Classroom to take as a course in July and August, that was being offered by the MOMA via Coursera. Well, I am not a teacher, but as museology and museum teaching is on my agenda on the short to middle term I tried it out. And it resulted that this course was a real gem. For me as an absolute apprentice on this field of museum teaching the “Inquiry Approach with its open questions was a fascinating experience which had many connections to my own experiences in the field and at the same time it offered many new ideas and possibilities. As a final project after four weeks of video lectures we had to choose an object to teach with, including a whole project based on the inquiry approach.

But I would like to write about here is my experience with an almost incredibly broad catalogue of questions that evolved when I was looking for suitable objects for my final project. I chose three objects, two of which could be presented as examples for certain style/culture and a third, that represented a hybrid form of the both cultures represented in the first two. Overall it was a fascinating and complex experience. And as the project had to include a practical activity, a hands-on experience for the students, I pursued the idea that they should look for hybrid objects in our own contemporary material culture and present them via photographs and descriptions. To be sure that this would work, I began to think myself: which objects would I choose form my contemporary surroundings?

So – mental pause. I thought and thought – and got to nothing. There was simply not ONE object that came to mind. I couldn’t believe it. There are always hybrid things and objects that I noted in the archaeological material and in my own context I would note – nothing? But nothing happened, except that I started thinking about Fusion Cuisine and fashion. And when I thought about it, I couldn’t say what my “German” (?), “central European” (?), “Prussian” (?) culture would be like when it came to external objects that should be representing it. The objects that surround me could be found in a similar way all around the world and although we all have a special personal style, there is no regional or national style at all. For me personally, the characterization as a East German, central European, Prussian person works. But it is not represented in an external way by objects.

So I went a little bit further and started thinking about objects or hybridisations in general, that would work as an example in a globalized world. Objects that combine the stereotypical characteristics of two cultures in one. I thought about African or Asian clichés and their  material counterparts in our lives. There are many of these but is a fake Japanese fan above the bed really an example of hybrid material culture? It didn´t convince me.

At this point I started to doubt my own idea of material culture. How could it be possible that I am perfectly able to use this terminus in my archaeological work, but not in my own life? Material culture is something that is to be found in all times and all people. An almost structuralist concept, that should be visible and similar in everybody´s life no matter time or place. Are there no cultural identifiable units as the ones we choose to see in the archaeological record? And could it be that it is only our own view from the “outside” on the archaeological material record that makes us think that “past” cultures are more or less clearly definable? Is this our archaeological viewpoint, which imposes something on a material culture that seemed as hybrid and unlimited to the “past” people as our culture seems to ourselves today? Or are there real changes between the rather regionalized cultures of the past and the contemporary rather globalized world?

I wasn´t able to respond all the questions that arose during this thinking process. But the process alone opened a lot of doors and led to new ideas that will be pursued in the next weeks and months. I have been aware for years of the fact that my archaeological ideas, my perceptions and interpretations are always a picture of my own cultural and personal socialization, too. But thinking it through for Art & Inquiry showed me that my imposition of my own ideas about and on “past” societies and/or objects seems to be so easy that it is almost an unconscious behavior. So, to get on working on this and to become even more aware, there is already a heap of books on my desk, regarding the questions of identity: “Inventing the Pasts in North Central Europe”, “Presentation in Archaeology” and “Pot/Pottery Entanglements and Networks of Agency”.

M. Hardt, C. Lübke & D. Schorkowitz (Ed). (2003): Inventing the Pasts in North Central Europe. The National Perception of Early Medieval History and Archaeology. Peter Lang, Bern-Frankfurt.

S.Smiles & S. Moser (Ed.) (2005): Envisioning the Past. Archaeology and the Image. Wiley-Blackwell

C.M. Watts (2008): Pot/Pottery Entanglements and Networks Agency in Late Woodland period (c AD 900-1300). BAR Interantional Series 1828.

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