Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Mein erstes Freilichtmuseum: Das Slawendorf in Brandenburg / Havel

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An einem sonnigen Herbstwochenende beschlossen wir, die eine Stunde von Berlin nach Brandenburg / Havel zu fahren um uns dort das Archäologische Landesmuseum und das Freilichtmuseum Slawendorf anzuschauen. Heute Teil 1: das Slawendorf.

Eigentlich stand das Slawendorf nur zufällig auf dem Plan, denn in Brandenburg nur so zwei Tage rumzuschlendern war uns doch etwas zu wenig. Was gibt es also noch? Gleich auf der Seite brandenburg.de wird das Slawendorf bei den Museen genannt. Ein Freilichtmuseum? Warum nicht! Das ist sicher auch etwas für Kinder, denn unser Fünfjähriger war auch dabei.

Am sonnigen Nachmittag liefen wir also los: das Slawendorf soll mitten in der Stadt auf einer Freifläche an der Havel liegen. Unser GPS leistete gute Dienste, denn gross ausgeschildert war es nicht. Gerade als es hiess: “In fünf Minuten sind Sie da!”, entdeckte ich ein Schild das nach links zeigte und angab: “Slawendorf 3 Minuten“. Wir liefen und liefen – vom Slawendorf sahen wir nur eine Palisade und Eingänge an denen stand: Hier kein Besuchereingang. Und wir waren nicht die Einzigen denen es so ging, denn am Ende fanden wir uns zu zehnt hilflos an einer Stelle der Palisade und niemand hatte einen Eingang entdecken können. Da Einlass aber nur von 13 bis 17 Uhr ist, und dann nur zur vollen Stunde, wurde es langsam etwas eng. Ein letzter Versuch brachte uns dann über einen riesigen Parkplatz an der Euthanasie-Gedenkstätte (die wir mit dem Kind ausgelassen haben) vorbei zum Slawendorf.

Drinnen empfing uns zunächst eine Art Mitelalteratmosphäre, mit Schenkwirt, Karren und Ähnlichem. Und eine freundliche Dame, die nach Sichtung unserer Gruppe bat, eine Kinderführung draus machen zu dürfen, denn es waren mehr Kinder als Erwachsene. Kein Problem, aber gerne! Zwar hatte ich heimlich ein bisschen gehofft, dass wir da alleine durchlaufen und alles erforschen könnten, aber warum nicht auch mal eine Führung ausprobieren! Und wie sich herausstellte, war die Führung eine sehr gute Idee.

Hinter dem Palisadenzaun erstreckte sich eine völlig andere Welt. Grubenhäuser und Häuser aus verschiedenen slawischen Siedlungsperioden, ein Rundling (slawisches Runddorf) und ein Gassendorf sowie eine slawische Handwerkersiedlung. Alle Häuser liebevoll nachgebaut und für – uns als Archäologen immens spannend – man hatte zum Beispiel auch wunderbar didaktisch etwas verschiedene Phasen der Verputzung einer Flechtzaunwand sichtbar gelassen. Verschiedene Häuser besassen verschiedene Böden, aus Bohlen, aus gestampftem Lehm. Sehr angenehm fand ich auch die Bepflanzung mit hauptsächlich archäologisch nachgewiesenen Pflanzen und Bäumen.

Jedes Haus war einem bestimmten Handwerk “gewidmet“, dem Bauern, dem Töpfer, dem Schmied etc. So erfuhren wir in jedem Haus etwas Anderes, wurden aber auch immer wieder auf die zeitlichen Besonderheiten der einzelnen Gebäude hingewiesen. Auch ein abgebranntes, überwuchertes Haus war zu sehen, es diente als Anschauungsmaterial für die Regeln der Slawengötter – und als Forschungsobjekt der Experimentellen Archäologie in Bezug auf die Überwucherung und den Zerfall eines slawischen Holzhauses unter freiem Himmel. Über das Thema Experimentelle Archäologie hätte ich gerne noch etwas mehr erfahren, aber – Kinderführung eben, da war nicht so viel Zeit für abstrakte Fragen. An einzelnen Tagen gibt es auch direkt die Bewohner der Häuser bei ihren Verrichtungen zu sehen, sicherlich auch sehr spannend. Als wir da waren, war aber gerade das gesamte Dorf leer. Verständlich, da sich das Museum hauptsächlich über Ehrenamtliche Helfer hält.

Die Führung war für Kinder und Erwachsene informativ und liebevoll gestaltet, die Möglichkeit fast alles anzufassen und zu beklettern war natürlich von grossem Vorteil für die Kinder, aber auch für uns. Spinnwirtel, Gefässe, Schwerter, Felle, alles war zu befühlen und so viel direkter erklärbar. Eine ganze Stunde wurde wir durch das Dorf geführt, das sich mir sicherlich auch nicht ohne Erklärungen so erschlossen hätte. Archäologe hin oder her, die deutsche Vorgeschichte ist nicht mein Gebiet und mein weniges Wissen hätte hier nicht weit gereicht.

Laut Google gibt es in Brandeburg und Mecklenburg-Vorpommern verschiedene Slawendörfer, eines ist sogar mit einem großen archäologischen Museum versehen. Viele führen das Wort “archäologisch” im Titel. Das in Brandenburg eher nicht, es entstand wohl (laut seiner Website) als Projekt der Arbeitsbeschaffung und scheint bis heute vor allem ehrenamtlich versorgt zu werden. Daher tragen auch verschiedene Angebote des Slawendorfes den Titel “Zeitreise Brandenburg” in der Überschrift. Verschiedenste “Erlebnis Geschichte”-Angebote rund um Brandenburg / Havel bringen den Besuchern Vergangenes näher – wenn auch auf eine, sagen wir mal, etwas vereinfachte Art vielleicht. Die Führung im Slawendorf war erfreulicherweise kaum vereinfacht, sondern schlicht nur kindgerecht.

Ein Fokus des Dorfes liegt darauf, auch touristische Aktivitäten anzubieten, vom Slawenmarkt bis zur nächtlichen Lichterführung, vom Familienfest auf dem zu mietenden Slawenboot bis zur Auszeit vom Alltags-Stress im nachgebauten Slawenhaus. Viele Möglichkeiten für das Dorf zusätzlich Geld zu verdienen und wirklich schöne Ideen! Ein Besuchermagnet scheint das Dorf jedoch (leider) nicht zu sein – wir waren 10, die nächste Gruppe 6 Personen. Da es aber mein erstes Freiluftmuseum war, weiß ich nicht wieviel Besucher sich sonst so auf einem Freiluftmuseum “herumtreiben”. Ich fand es jedenfalls wunderbar, auch und gerade durch die Abgeschiedenheit und relative Leere. Es gab einem die Möglichkeit, sich so ein wenig in ein slawisches Dorf hineinzuversetzen. Auch unser Sohn war begeistert, es war auf jeden Fall eine tolle Sache für ihn und er hat noch viel davon erzählt. Zwar ist er durch uns Archäologeneltern auch vorbereitet, aber auch für ihn gibt es natürlich spannende und weniger spannende archäologische Dinge. Das Freilichtmuseum war zusammen mit der liebevollen Kinderführung auf jeden Fall ein Highlight!

http://en.wikipedia.org/wiki/Rundling

ENGLISH VERSION

On a sunny autumn weekend we decided to drive to Brandenburg/Havel, a little city located about one hour from Berlin. Brandenburg offers the Regional Archaeological Museum of Brandenburg and an open air museum named “Slavic village”. Today we start with part I: the Slavic village.

The Slavic village had appeared on our list only by chance, because I wasn´t too sure how to spend two days in a little city like Brandenburg. Just sightseeing? That’s not enough, so what more does the internet offer us when visiting Brandenburg? Right on the main site of Brandenburg.de the Slavic village is introduced as a museum. An open air museum? I´ve never been to one, so why not! And surely this is also something children would like, so our five-year-old would have something out of this trip, too.

On a sunny afternoon we walked to the slavic village which is supposedly right at the center, too, to be found directly at the river Havel which flows through Brandenburg. Our GPS was doing us a good service but when we were only 5 minutes away, I saw a sign that read: “Slavic village: 3 minutes”. So we turned that way and kept on walking – without ever seeing the village. At some point we reached a palisade and entrances that read: NOT FOR PUBLIC USE”. So we went on and on and we were not the only ones searching for the entrance to the village. There were about 10 people gathered on a parking lot outside the village, looking for a way to get in. The fact that the village only opens from 1 to 5 pm and only accepts visitors in groups on the full hour didn’t help much, we had only 5 minutes left to get there. Giving it a last try, we found the entrance behind still another gigantic parking lot right beside the memorial to the euthanasia victims during Hitler´s reign (a memorial which we decided to skip because of our child).

Entering the site we were received by an slightly medieval atmosphere, complete with an innkeeper, cart and the like. And a really nice lady which greeted us and, after reviewing our group, asked us if we would mind if she made it a children´s tour as there were much more children than adults in our group. Well, that’s perfect with us! To be honest, I had hoped for a little more solitude, even a visit without a guide to have a look at everything, but why not doing a tour as well. And it turned out to be a wonderfully organized tour!

Passing the gate in the palisade, we entered a completely different world. Pit houses (semi subterranean houses) and houses from different periods of the Slavic population of Brandenburg were to be seen, all erected according to finds from different Slavic sites all over Brandenburg. They were located in the form of a Rundling (circular village) and a Slavic craftsmen settlement. All the houses had been rebuilt with much love for the details and were fascinating to us as archaeologists, as well as to the other visitors without any archaeological background. At some points, f.e., the walls had been left partly exposed so we could see the different stages of finishing a wattle and daub wall, or you could see different types of floors in the houses, made from stone, wood or mud. Very interesting was that the plants and trees at the site were mainly those which are also reportedly known to have grown in Brandenburg of the time of the slavs.

Every house had been dedicated to a different craft, so there was a house of the farmer, of the ceramist, of the blacksmith, etc. In every house we were told different details about everyday life, but at the same time we were told about the chronological differences of the different houses and how they related to the different periods of Slavic occupation in Brandenburg. There was also a burned down house which had been left for the experimental archaeologists to rot and to document the rotting process. Moreover, it served as a lesson about the rules of the Slavic gods. I would have liked to leran more about the experimental arcaheology section of the open air museum, but well – you have to pay your time to a children’s tour and there was not much time left for other (more adult) questions. On certain days the houses are populated by the craftsmen they represent and you may see them “in action”, baking bread, making pots, etc. When we were there, there was nobody around except us and the guide, but I thinkg that’s understandable in an open air museum that works mainly on a voluntarily basis.

The tour itself had been presented in an informative and loving way for children and adults, and included the possibility to enter the houses, climb them, to touch almost everything and experiment many facets oft he village in a very direct way. Swords, pots and the like – it could be touched and felt and was integrated into the tour as a moment of experimenting these almost forgotten sensations like the feeling of burned clay or a straw mattress. The tour lasted one hour and it was good to have been part of it. Many details would not have become clear to me, despite my archaeological background. If you´re not an expert on slvaic archaeology, you won´t grasp the chronological differences between one house and another.

According to Google, there are quite a lot of these slavic villages in Brandenburg and also the neighbor state of Mecklenburg-Vorpommern in the North. One of them even features a big archaeological museum associated with it. And many present the word “archaeological” in their title. The one in Brandenburg does not, it originated according to its website as a form of creating work in Brandenburg and seems to be maintained mainly be voluntary work. Many of the activities offered at the village are bound to a site named “Zeitreise Brandenburg” (time travel Brandenburg) and include a lot of activities presenting the (pre)history of Brandenburg in a, lets say, slightly simplified way.

One focus of the village lies on touristical activities like a Slavic market, a night-time tour, family feasts on the Slavic boats on the river Havel or even a break from everyday stress having a vacation in a Slavic house. Many possibilities to make some money – although judging form our experience there don´t seem to be too many visitors at the village. Well, it was my first open air museum, so maybe a group of 6-10 people is a rather good average but I am lacking comparisons with other museums. We really liked it, especially for the fascinating atmosphere and quiet it dissipated. A wonderful occasion to dive into a past moment. Our son was truly fascinated and talked about it a lot. Although he is already prepared by us for the fascination of archaeology, this was clearly a highlight for him as well, especially with the children´s tour!

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