Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Böse DDR- Gute DDR. Who owns the past? // Bad GDR – Good GDR. Who owns the Past?

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Dieser Post betrifft mich als Zeitzeugin. Er ist deshalb etwas subjektiver als üblich, aber ich fürchte, das gehört dazu. Begonnen hat dieser Post eigentlich schon vor 20 Jahren. Ich stand auf dem naumburger Bahnhof, es war 1993 und ich las Günther Grass´ “Ein Schnäppchen namens DDR“. Und zum ersten Mal in meinem damals noch recht jungen Leben wurde mir klar, dass die Dinge, die von 1989 bis 1993 so über mich und um mich hinweggeflossen waren als die Mauer fiel, die Wiedervereinigung auf dem Plan stand und sich alles um mich änderte – dass all das keineswegs unwiderrufliche Geschichte war, sondern das Ergebnis von bestimmten Aktionen bestimmter Menschen. Die Entscheidungen einiger hatten zu Veränderungen für alle geführt. Und die Darstellung dieser Entscheidungen konnte durchaus unterschiedlich ausfallen – abhängig davon auf welcher Seite man steht und stand. Es war der Moment in dem mir klar wurde, dass Geschichte interpretiert werden kann – und dass in so genannten “Historischen Momenten”, die ja immer so unausweichlich wirken im Nachhinein, eben DOCH immer auch Anderes möglich gewesen wäre. Aber eben nicht geschah – aus Gründen.

Was mich heute und hier immer noch interessiert ist die Darstellung der Welt, in der ich vor 1989 lebte. Geschichte wird kontinuierlich (re)interpretiert – durch die Medien, die Öffentlichkeit, HIstoriker und Archäologen. Das ist natürlich bekannt und Thema vieler Publikationen. Dass Geschichte immer mediale Darstellungssache ist, hat ancientbodies vor einiger Zeit schön gezeigt -in jenem Fall für die Vorgeschichte. In meinem Fall geht es um die gerade erst vergangene Geschichte. Die mir neulich wieder vor die Füße fiel, weil ich bei einem Spaziergang nach der Arbeit zur U-Bahn an einer “Geschichtsstele” vorbei kam. Sie steht am Hausvogteiplatz in Berlin-Mitte und erinnert an die “Ereignisse von 1989” und gehört zur Initiative Friedliche Revolution 1989 . In diesem Fall erinnert sie daran, dass in der benachbarten Mohrenstraße jene Pressekonferenz stattfand, bei der Günther Schabowski die berühmten Worte “Das ist nach meiner Kenntnis….. ist das sofort, unverzüglich” sprach und damit den Mauerfall ins Rollen brachte. Daran soll also diese Stele erinnern, die übrigens auch wunderbar in den Artikel “Geschichtete lebendige Geschichte” gepasst hätte. Nur dass diese Stele einen längeren Text präsentiert, der die Sicht der Geschichte so präsentiert wie sie heute gerne dargestellt wird: als eine Mischung aus eher negativen Wörtern und einer gewissen “Orientierung” des Lesers. Besonders konfliktiv wird es hier, weil die Stele von einer Gruppe initiiert wurde, die von Ostdeutschen selbst gegründet wurde. Ich, als Ostdeutsche, finde hier eine Einstellung die mir zu einseitig ist, die aber von anderen Ostdeutschen vorgeschlagen wird.

Es geht mir hier darum, dass diese einseitige Darstellung der DDR-Vergangenheit einen bestimmten Anspruch auf diese Vergangenheit erhebt. Einen Anspruch, der von Personen, die die DDR selber erlebt haben, oft in seiner Schlichtheit abgelehnt wird. Der aber nichtsdestotrotz immer wieder genutzt und medial eingesetzt wird. So auch auf dieser Stele, deren Text u.a. lautet: “Seit dem Bau der Berliner Mauer 1961 waren die Ostdeutschen im eigenen Land eingesperrt.“. “Eingesperrt“. Das ist sicher ein Wort, das die Situation des nur bedingt-reisen-könnens beschreibt. Aber es ist gleichzeitig eines, das andere Assoziationen geradezu herausfordert. Eingesperrt. Wie im Gefängnis. Die Armen. Unfrei waren sie. Weitere Gefängnis-bezogene Synonyme bietet das Web.

Und es sind genau diese assoziativen Worte, die die Geschichtsdarstellung perfekt sichtbar machen. Diese Worte werden zum Beispiel im Museum am Checkpoint Charlie zuhauf verwendet. Hier sei nur ein Satz aus der Webseite zitiert: “Unsere Ausstellung zeigt deutlich welchen Einfallsreichtum die Menschen entfalten haben um Frei zu werden” [sic]. Um der Wahrheit gerecht zu werden: bei meinem letzten Besuch wurde einer ostdeutschen Freundin und mir leicht übel, als wir ständig lasen wie unglücklich und unfrei und eingesperrt die DDR-Bürger gewesen waren, unsere ausländischen Begleiter fanden die Ausstellung jedoch spannend. Aber vielleicht ist diese Zweiteilung genau das, was das hier Beschriebene ausmacht: während Menschen, die nicht in der DDR lebten oder aufwuchsen diese negativisierende Sicht normal finden und sie oft auch gar nicht bemerken, reagieren Menschen, deren eigene Vergangenheit hier implizert wird, sensibler. Entweder positiv, im Sinne von: “Ein Glück, dass das vorbei ist” oder eher abwehrend.

Prinzipiell habe ich ganz subjektiv lange das Gefühl gehabt, dass DDR ziemlich direkt mit “Unrechtsstaat” gleichgesetzt wird. Das passiert auf sehr vielen Ebenen (Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, aber auch eher persönlichen Lebensumständen wie etwas der Tatsache arbeitender Mütter, Gleichberechtigung, Kinderbetreuung), sodass ein eher negativ gefärbtes Bild der DDR in den Medien gang und gäbe ist. Werden DDR-Reportagen gezeigt, beziehen sich diese sehr häufig auf diese eher negativen Aspekte oder auf “witziges, aber heute nicht mehr ganz Ernst zu Nehmendes”. Und dieser mediale Overkill hat seit den frühen 90er Jahren auch zu einer oft negativen, rückwärtsgewandten Haltung der früheren DDR-Bürger geführt, die dann oft mit dem Satz “Es war ja nicht alles schlecht“auf das mediale Übergewicht antworteten – ein Versuch, die eigene Lebenszeit nicht nur negativ besetzt zu bekommen, sondern das eigene Leben auch im Positiven zu sehen (auch musikalisch verarbeitet von der leipziger Band “Die Prinzen“, 2010). Eine verständliche Reaktion, die aber auch sehr einseitig daher kommt – etwa ebenso einseitig wie die negativen Aussagen, die das Ganze bedingen. Diese Gegenreaktion an sich wird ebenfalls bereits medial abgefangen, wie etwa durch die Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung “DDR – Mythos & Wirklichkeit”, die jeden “Mythos“zu entzaubern versucht als eine falsche Vorstellung der Menschen, die in der DDR-Realität gelebt haben.

Anders scheint das DDR-Museum damit umzugehen, das bereits auf der Webseite verlautet: “16 Millionen DDR-Bürger haben aber nicht nur zwischen Knast und Spreewaldgurken gelebt, sondern sich Freiräume geschaffen und in verschiedensten Situationen arrangiert – sie haben gelebt.”. Da ich aber noch nicht persönlich im Museum war, kann ich zur Umsetzung dieses spannenden Ansatzes noch nichts Konkretes berichten. Ebenso denken jedoch Gruppen wie Dritte Generation Ost, die das Aufwachsen in zwei unterschiedlichen ideologischen Systemen (und ich verwende hier bewusst das Wort “ideologisch”) zu einem besonderen Blick auf die Welt, Staat und Gesellschaft geführt hat. Ein Versuch, eine vielseitigere Ansicht zu kreieren, Raum für verschiedene Ansichten und für differenzierte Antworten zu geben. Ganz im Gegensatz zu den üblichen Schemate, die gerne wieder und wieder in den gängigen Medien und politischen Diskursen bedient werden.

Wäre es nicht fruchtbarer für alle die Möglichkeit zuzulassen dass durchaus multiple Realitäten existierten? Positive und negative Seiten einer komnplexen realen Vergangenheit die Teil sovieler Leben während vieler Jahre waren? Könnte es nicht Details geben, die man diskutieren und in unser Leben im 21. Jahrhundert integrieren könnte? Die Anwendung tendenziöser Sprache und Darstellungen über eine gerade erst vergangene Vergangenheit verstellt uns diese Möglichkeiten.

Und ohne hier groß und tief in die Debatte der DDR-Erinnerungskultur einzusteigen, möchte ich noch auf einige Publikationen verweisen, die hierzu interessante Denkanstöße geben:

S. Smiles & S. Moser (Ed.) (2005): Envisioning the Past. Archaeology and the Image. Blackwell Publishing.

J. Hensel (2011): “Achtung Zone!”, das trotz des grauenvoll reißerischen Titels, schwierigem und zum Teil nicht ganz zu Ende geführten Ihhalten interessante Thesen und Beispiele zu bieten hat (für Kritiken s.a. hier und hier). Ich denke, dass das Buch trotz seiner Schwächen eine ganz große Chance bietet – nämlich die über die eigene Medienbestimmtheit der eigenen Vergangenheit nachzudenken.

N. Hodgin & C. Pearce (2011): “The GDR remembered”, für eine schöne Renzension siehe hier.

Sarah Kirsch: Die Panterfrau. EIn schmales Buch, in dem Sarah Kirsch nach ihrer Übersiedlung in die BRD ihre in den 70er Jahren afugenommenen Interviews mit Frauen verschiedenen Alters in der DDR verarbeitet. Es gibt einen wunderbaren kleinen Eindruck davon, warum manche Menschen es wichtig fanden die DDR aufzubauen und wie das Leben für einige von ihnen in der DDR war.

Günther Grass: Ein Schnäppchen namens DDR. Letzte Reden vor dem Glockengeläut.

20131008-135404.jpg 20131008-135212.jpgBeispiel objektiven Textes in der Karl-Marx-Allee.

Die Stele am Hausvogteiplatz.

ENGLISH VERSION

This post concerns me as a contemporary witness. So it will be more subjective than usual, but I´m afraid that this is part of being personally involved.

This history of this post started about 20 years ago when I was waiting at the train station at Naumburg, Germany. It was the year 1993 and I was reading “A bargain called GDR” by Günther Grass, in which the Nobel prize winner Grass published his speeches against the precipitous reunification of the GDR and the GFR in October 1990. Both German states were reunifying only 11 months after the first part of the Berlin Wall had come down. And while I was reading this book, I sensed for the first time in my life that the things that had happened between 1989 and 1993 hadn´t just “come over me” as part of some inescapable historic plan, but that these events were the outcome of decisions that had been taken by individual social and political protagonists. It was the moment when I realized that history can be interpreted and that the so-called “historic moments” which seem so unavoidable afterwards, had always other options ready – but they weren´t realized for one reason or another.

What concerns me still after all these years is the presentation of the world that I lived in before 1989. History is always continuously (re)interpreted by the media, the public, the historians or archaeologists. This fact is widely known and part of a multitude of publications. The role of the media in this game has been illustrated recently by ancientbodies. Ancientbodies takes an example for prehistory, my case is rather modern history orientated and came up again when I was strolling through central Berlin some weeks ago, finding myself suddenly in front of a “history stele” at the Hausvogteiplatz. The stele commemorates the “events of 1989” and specifically the moment when Günter Schabowski, former member of the highest political elite of the GDR held the press conference at the nearby Mohrenstraße, saying the famous words: “That is to my knowledge….. this is directly, immediately” and thus started the process of the Fall of the Wall on this same evening. That’s the occasion the stele wants to commemorate, and with this goal it would have fitted perfectly into the post on “Layered living history. But the stele features a text that presents the currently preferred view on this particular facet of history as a mixture of negative impressions and a certain wish to “guide” the reader.The stele pertains to a series of stelae provided by a organisation called “Peaceful revolution 1989“. In my opinion this is particularly difficult for me as an Eastgerman because stele was erected by a group which is in itself formed by Eastgermans but in my opinion falls short to represent the full complexity of the GDR.

It is my goal in this post to point out the subjective presentation of GDR history in the media, presentations that claim to put a qualification, a subjective politically or personally inspired opinion on this particular moment of the past instead of giving information and offering the possibility of forming an opinion to the reader. The contemporary claim on their collective and personal past has been rejected by persons that have experienced life in the GDR as their own reality. The simplicity of these representations are often refused by contemporary witnesses, but they are nevertheless broadly used in the media. An example of this is the stele, which text reads (my translation): “Since the erection of the Berlin Wall in the year 1961 the east Germans were imprisoned in their own country.”. “Imprisoned”. That is certainly a word that may describe the situation of not being free to travel. But it is also a tendential word that leads to other associations. Imprisoned. Like in prison. The poor people were unfree. Trapped in their own country.

And it is these associative use of language and vocabulary that make the subjectivisation of history presentation so unusually clear. The Museum on Checkpoint Charlie uses this kind of vocabulary all the way through their exposition. Just to show an example, let me cite something from their website (my translation): “Our exposition shows clearly how much creativity the people developed to get Free [sic].”. To be fair: we visited the exposition some years ago with a friend of mine who also grew up in the GDR and two persons from other countries. While we got almost sick by the continuous presence of sentences like the one above and the emphasis on the unlucky and unfree condition of the citizens of the GDR, while our foreign visitors couldn’t understand why we felt this way. For them it was an informative exposition about a past reality.

And maybe that’s just the point about the subjective presentation of history: while people who did not grow up in the GDR tend to find this negative view rather normal and even don´t notice it at all, people whose past is implicated in these phrases react more sensibly. Either in a positive way like “Thank God that it´s over” or rather defensively.

Personally, I have been feeling for a long time now that the GDR is generally synonymous with the so called “unjust state”. That has been presented in the media on different levels, related to the inexistent freedom of travel, freedom of opinion but also rather personal parts of everyday life like working mothers, equal gender rights, child care and so on. The negative aspects or even negative opinions on these facets of life in the GDR have led to an overall negative picture of this former German state in the media. If there are TV reports on GDR history, these focus on negative aspects (political prisoners, torture, the difficulties to get certain goods and foods) or present laughable pieces of everyday life which seemingly can´t be taken serious today.

This unilateral presentation of what once was a multifaceted and complex reality and the real life of more than 17 million people for about 40 years has led to a broad rejection of the media´s display of this reality. An answer often heard was: “But it wasn´t all bad”. This seems like an attempt to fight the overrepresentation of negative aspects of what had been their former lives, filled with both positive and negative events. An attempt to recover the positive aspects of many years of work, friendship, life, instead of letting all these lives been overthrown by the negative representation. The sentence “It wasn’t all bad” has even been part of a song produced by a famous East German band called “Die Prinzen” – you may find the full song text here.

This reaction to present the own lives in a positive way, thus counterattacking the attempt to have them re-interpreted from the outside, is in the end as unilateral as the presentations that are the basis for this reaction because they exclude the complex reality of the past. And even these reactions have already been absorbed by the media, as the site of the Foundation Konrad Adenauer shows. There, a site has been installed called GDR – Myth and reality” which tries to explain every so-called “myth” as a wrong perception on part of the persons which lived and experimented everyday life in the GDR.

An attempt to present this particular past in a more objective way has been provided by the GDR museum. On its website, the museum states (my translation): 16 millions of citizens have not only lived between spreewald pickles and Stasi prisons, but have created free spaces and have arranged themselves with a variety of situations – they have lived.”, In my opinion, that’s a correct description of a complex reality. I haven’t been to the museum yet so I can´t say anything specific about the realization of this idea in the exposition, but it’s a great point to start with.

Another example are the information panels on the Karl-Marx-Allee which represent the history of this architectural heritage. Their clear, objective language and the omission of positively or negatively spiced vocabulary leads to an understanding of the development of the architectural history of the 50s and 60s in the GDR without implying an opinion about it. A similar approach is applied by groups like Third Generation East” that focus on people who are now in their 30´s and lived through the Fall of the Wall as children or teenagers that grew up in a socialist state and were thrown into the capitalist world in 1990. They understand the fact of growing up in two ideologically different systems as an opportunity to develop a open vision on state, society and the world. Instead of influencing opinions, its the attempt to create a multisided view on history, to give room to different visions and for differentiated answers.

Wouldn’t it be more fructiferous for all of us to embrace the possibility that there may have been multiple realities? Positive and negative sides of a complex real past that has formed part of so many lives for so many years? May there exist details that are worth discussing or integrating them into our lives in the 21st century? The use of tendential language and presentations is closing a way to understand and use this recent past.

And, without entering too deep into the debate about the GDR and our memories of it, I would like to refer to some publications that have interesting points to offer.

S. Smiles & S. Moser (Ed.) (2005): Envisioning the Past. Archaeology and the Image. Blackwell Publishing.

N. Hodgin & C. Pearce (Ed.) (2011): “The GDR remembered”, which has received good critiques like the one here.

20131010-090745.jpg

Auszug des Textes der Stele am Hasuvogteiplatz.

One thought on “Böse DDR- Gute DDR. Who owns the past? // Bad GDR – Good GDR. Who owns the Past?

  1. The sad thing is that the Cold War and the Berlin Wall form part of the History curriculum for children in the UK. They are examined on the subject at 16. The ‘correct’ version of events that you need to ‘know’ for the exam is that the people of the GDR would all have left, if they could. That they were kept in a sad, grey half-life while the West burned brightly as a paradise, full of liberty and economic satisfaction for every citizen. Of course.

    It must be very disorientating when the story being told of your life is not the one you recognise. Usually people are long dead before their lives are moulded into the requisite form and they become fossilised in a ‘story’ that they never inhabited.

    I’m glad that you’re speaking up.

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