Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden: Der Schultaschenrechner SR1 #dailyvanish

1 Comment

Der Museumsheld hat auf Museum & Social Web zur Blogparade aufgerufen. Seine Idee, Dinge zu bewahren die gerade schnell aus unserem Alltag verschwinden, hat mich sehr angesprochen – obwohl ich der Diskussion in den Kommentaren seiner Seite beipflichten muss: es kann nie gelingen, all die Emotionen zu bewahren, die für uns mit einem Objekt verbunden sind. Jane Urquhart schrieb einmal in ihrem Roman “Fort“: “Mary wusste nichts davon, aber das Messer, das sie bei sich trug, hatte zwei Jahrhunderte im Haushalt gelebt, nachdem es in den Zeiten Cromwells als Waffe gedient hatte. Die Kiepe hatte Brians trauernde Großmutter geflochten, als sie vor Kummer über dne Tod des erstgeborenen Sohnes fast verging. All das war nun von der Zeit zum Schweigen gebracht. Die Leidenschaft und sogar die Erinnerung an Leidenschaft waren vergessen.” (1997: 101)

Aber trotzdem ist das Bewahren dieser Dinge gleichzeitig das Bewahren eines Zeitfensters, eines winzigen Ausschnittes unseres Alltages vor einigen Jahren, Monaten, Tagen. Wer kennt es nicht: Oma musste noch ohne Kühlschrank für eine 6-köpfige Familie einmachen, Mama steht auf Tiefkühl und unsere Generation widmet sich nun teilweise wieder dem Haltbarmachen im Zuge der Regionalisierung, Bio-Essen, etc. Und die Objekte früherer Zeiten berühren uns trotzdem  – auf die eine oder andere Art.

Ich habe für die Blogparade etwas ausgewählt, das trotz seiner fast offensichtlichen Obsoleszenz in unserer Wohnung geblieben ist, und sogar in der Schreibtischschublade und nicht im Keller. Seit nunmehr 24 Jahren begleitet er mich:
der Schulrechner SR1 aus der DDR.

20131109-220448.jpg

Damals war es ein Stückchen Hochtechnologie, das von allen Eltern für ihre Kinder erworben werden musste. Das wurde staatlich/schulisch verordnet, das gute Stück kostete um die 100,- DDR-Mark. Ein stolzer Betrag! Wenn ich ihn google scheint er fast unverwüstlich und besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Das hätte ich nicht erwartet! Ausgewählt habe ich ihn nämlich für die Blogparade weil er für etwas steht, dass mich schon so lange begleitet, heute total überholt ist und außerdem einiges vereint, das für die damalige Zeit steht.

Taschenrechner sind natürlich seitdem viel viel leistungsfähiger, kleiner und schneller geworden, niemand würde so ein Ungetüm wie dieses heute nutzen. Trotzdem – mein Exemplar funktioniert immer noch und genauso gut wie das kleine Gadget auf dem IPhone. Unglaublicherweise hat er sogar noch die gleiche Batterie wie damals, 1987 (oder so) als er mir als Krone der Technologie im Matheunterricht zugeschoben wurde. Was für ein Moment! Ein echter Taschenrechner für mich! Damals eine wirklich große Sache – auch wenn er nicht so klasse aussah wie die kleinen rosafarbenen Rechner, die ich mal im Intershop gesehen hatte.

Um ihn etwas aufzupeppen, hatte ich ihn damals mit einem aus einem Westpaket stammenden Aufkleber verziert der mir damals als das Nonplusultra der Niedlichkeit erschien: ein Mädchen im Kleidchen á la “Meine kleine Farm”, die einen Brief aus dem Kasten holt. Untertitel: “Letters are visits when friends are apart“. Nicht, dass ich das verstanden hätte, mein Englischunterricht lag noch in der Zukunft. Aber der Sticker kam aus dem Westen, war niedlich und wirkte cool – also drauf damit. Wenn auch mit einem kleinen Untergefühl á la “Darf man sowas auf den neuen Taschenrechner kleben? Dazu noch etwas aus dem Westen?”. Teenie – Unsicherheit mischte sich mit Coolsein-Wollen…. DDR-Wollen mit realen West-Wünschen.

So wird der SR1 im Nachgang zu so etwas wie einem Ausdruck all der Widersprüche, die meine Jahre bis 1989 begleiteten: Hochtechnologie aus der DDR, allerdings heute obsolet, vermischt mit dem Wunsch, Dinge aus dem kapitalistischen Ausland zu besitzen und das wenigstens ein bisschen zu erreichen. Auf jeden Fall ein Objekt, das wie ich finde, in die Blogparade gehört!

P.S: Die Kulturbrauerei wird demnächst im Museum in der Kulturbrauerei (zugehörig zur Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) eine Ausstellung zum Thema “Alltag in der DDR“eröffnen. Vielleicht finden wir dort auch SR 1 wieder!

English: An intershop at trainstation Berlin F...

English: An intershop at trainstation Berlin Friedrichstraße. (Photo credit: Wikipedia)

#dailyvanish

 

20131109-220640.jpg

20131109-220651.jpg

One thought on “Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden: Der Schultaschenrechner SR1 #dailyvanish

  1. Pingback: Aufruf zur Blogparade “Dinge, die aus unserem Alltag veschwinden” #dailyvanish | MUSEUM & SOCIAL WEB

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s