Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Auf den Spuren der Irokesen – Martin Gropius-Bau Berlin – On the trails of the Iroquois

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English: Ely S. Parker, Native American civil ...

English: Ely S. Parker, Native American civil engineer (Photo credit: Wikipedia)

Die Ausstellung der Bundeskunsthalle Auf den Spuren der Irokesenist nun endlich in Berlin. Schon als ich im Sommer in Bonn war, wollte ich sie mir anschauen, aber die Zeit war zu knapp. Eine Ausstellung mit einem echten nachgebauten Langhaus!

Das Langhaus ist leider nicht mitgereist, wohl aber der ganze Rest der Ausstellung. Das Langhaus findet sich aber sowohl als Videoinstallation wieder als auch in der Wandverkleidung aus holzartigen (?) Verschalungen. Diese dienen gleichzeitig dazu, Informationstafeln anzubieten, womit wir beim ersten grossen Plus dieser Ausstellung wären: sie funktioniert perfekt ohne Audioguide. Wie bereits erwähnt, ich mag Audioguides nicht und bevorzuge eigentlich das eigene Erfahren der Ausstellungen ohne gleichzeitigen Kommentar. Das funktioniert hier bestens, erstens wegen der grossartigen wenn auch kurz gehaltenen Informationen an den Wänden, die einen Überblick über die grosse Thematik eines Raumes geben, andrerseits wegen der tollen ausführlichen Informationen zu jedem einzelnen Objekt. Hier gibts keine Täfelchen a la “Keramik, 5000 v.C.”. Hier gibt es zu jedem Objekt reichlich Informationen, die kurz, knapp, aber nicht verkürzt wiedergegeben werden. Genau die richtige Menge, fand ich, nicht zu kurz, nicht zu lang. Und: die Informationen an den Wänden und an den Objekten ergänzen sich. Man kann auch nur die an den Wänden lesen oder nur die an den Objekten und es funktioniert immer noch.
Prinzipiell orientiert sich die Ausstellung an einer chronologischen Ordnung der Geschichte der Irokesen, ausgehend von den archäologischen Funden vor der Ankunft der Europäer und dem Ursprungsmythos der Irokesen selber. Verwirrenderweise werden allerdings diese ersten Momente der irokesen teilweise mit modernen gegenständen illustriert, hier hätte ihc mir etwas informatione zum warum gewünscht. Ausgespart wurde hier auch – sehr elegant allerdings – die Diskussion um die vielen Interpretationen der irokesischen Keramikfunde, die meines Wissens seit langem einen Fokus der US-amerikanischen Archäologie bilden und zum Teil bis ins Detail erforscht, interpretiert und diskutiert wurden. Dies wurde mit der Einfügung des irokesischen Ursprungsmythos umgangen, der auch gleich zu einem grossen Thema der Ausstellung überleitet: die Integration zeitgenössischer irokesischer Kunst (immer vorbildlich mit Angaben zum Künstler und Entstehungskontext). Eine grossartige Idee, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht. In fast allen Räumen finden sich moderne Kunstwerke von Irokesen, die eine Aussage des Raumes untermalen. Sei es die Auseinandersetzung mit den Weißen, der Ursprungsmythos oder die Thematisierung des Landraubes im 19. Jahrhundert durch bestimmte Verträge. – es gibt zu den meisten Themen Kunstwerke, die diese beleuchten, intepretieren, fokusieren. Und die neben den historischen Objekten ganz selbstverständlich gezeigt werden und diese in einen bestimmten Kontext stellen – das Vergangene ist hier immer noch lebendig, es berührt die Nachfahren der damaligen Menschen bis heute. Ein Aspekt, den wir nur zu gerne vergessen, weil er anstrengend und konfliktiv sein kann. Hier wird er ganz selbstverständlich integriert.

Das Gleiche gilt für die Integration moderner Bezüge durch die gesamte Ausstellung hindurch. Ob zu den Frauenrechten, die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts die Rolle der Frau bei den Irokesen aufgriffen, ob bei den Verweisen auf die heutige Nutzung von Objekten, Riten u.ä. – immer wieder werden Bezüge in andere Zeitmomente geschlagen, die wiederum auf die grosse Aktualität der Vergangenheit verweisen.

Eine ebenfalls wunderbare Idee war die Zusammenstellung einzelner Objektgruppen in Sondervitrinen, sodass man einen zeitlichen Überblick über die Entwicklung etwa von Korbflechterei oder Silberarbeiten gewinnen konnte. Leider fehlte eine solche Vitrine zum Objektbereich Wampum, der immer wieder in der gesamten Ausstellung auftauchte. Wampumgürtel als schriftlich-bildliche Darstellung von Verträgen und Absprachen sind immens wichtig und die Perlen aus denen sie gefertigt wurden, sind ein eigenes Studienobjekt. Um so mehr hätte ich mir eine kurze Einführung zu diesen Objekten gewünscht. Auch der Saal zu den ersten Sammler irokesischer Objekte im 19. Jahrhundert, Morgan und Ely Parker, blieb mir etwas unklar. Hier wurde mir einfach nicht klar, was die Aussage sein sollte: gab es einen Bezug zum Aufleben der Ethnologie, des Rückbezuges auf die indianische Bevölkerung? Was war der Antrieb dieser Sammler? Hier fehlte mir viel viel Information. Allerdings war das der einzige Punkt, an dem es mir so ging.

Generell ist “Auf den Spuren der Irokesen” eine Ausstellung die absolut zu Recht soviel tolle Kritiken erhalten hat. Die sechs Stämme der Irokesen werden als eigenständige Einheiten dargestellt, die den Lauf der Geschichte mitbestimmt haben und ihm nicht einfach nur unterworfen waren, wie es so gerne dargestellt wird, wenn es um indigene Völker geht. Hier gibt es Selbstbestimmung, eigene Entscheidungen, die sich manchmal als gut, manchmal als schwierig erweisen. Die Irokesen als Produkt ihrer Zeit und als Mitbestimmer ihrer Zeiten, das ist für mich der Hauptpunkt dieser Ausstellung.

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ON the trails of the Iroquois.

ENGLISH VERSION

The exposition of the Bundeskunsthalle On the trails of the Iroquois“ has finally arrived at Berlin! When I was at Bonn in July, I already wanted to see this spectacular exposition that included the replica of an Iroquoian longhouse. But my time was limited and I gave up on it.

But now, in Berlin, I tried again. The longhouse has not been transferred to Berlin, but the whole rest of the exposition has! And you may find traces of the longhouse in a video installation and in the wooden panels that line the walls of the exposition. These serve to present background information, which leads to the first positive theme I would like to mention: the exposition doesn’t need necessarily to be visited with an audioguide. You may well do it on your own (as I prefer, personally), discovering a whole world of information displayed in thematic order and according to the interest of the visitor. There are short, rather general information about the general theme of each hall, and specific, detailed information at every object. There are no things like: “Ceramic, 5000 BC” that leave the visitor with no idea what to think. Here, you will find diverse information, that have been shortened for reading but don’t lack the most essential facts about any given object and its context. Its more: the information at the walls and the objects complement each other. You may read either one or both and it still works!

Basically, the exposition follows an chronological order of the development of the Iroquois history, starting with archaeological finds before the arrival of the Europeans and the origin myth of the Iroquois. It may be a little bit confusing that these years have been documented partly with modern objects that illustrate the use and variety of objects that have been assumed to be used by the Iroquois but haven’t been documented archaeologically? At least, that’s the idea I got when I saw that some of the objects dated from the first years of the 20th century instead of 1600. Why have they been chosen, are there no archaeological objects, or are they too fragile? It would have been nice to comment on this topic, but nevertheless I have to admit that by using these objects and referring to the origin myth of the Iroquois (illustrated by contemporaneous Iroquois art) the exhibition omits rather elegantly the long and arduous discussions about the archaeological findings of the Iroquois past – a long discussion based mainly on ceramic findings.

Moreover, the origin myth builds a bridge to a main theme of the exhibition: the inclusion of contemporary Iroquois art into the exposition in order to illustrate different points of Iroquois history and meanings. All artworks are presented with data regarding the artist and/or the context of their making and they are present in all spaces of the exhibition – ranging from the conflicts with white settlers and explorers, the origin myth or when it comes to the often illegal contracts that were drawn between the Iroquois and white settlers and politician in the 19th century. The artworks focus on these themes; they give them a sharp edge, interpret and offer a specific Iroquois angle of view. Their position between and related to historic objects makes these objects come alive again because their past is not PAST, it´s still present in the mind of the people. This is an aspect that we almost like to forget when it comes to the descendants of indigenous groups because it can be stressing and uncomfortable. In this exposition it has been included right into the concept.

The same is true for the integration of modern references throughout the whole exhibition. If it comes to women´s rights which have been highlighting the position of women in the Iroquois society since the 19th century or references to rituals and objects – there are many bridges that have been build between past and present, highlighting the omnipresence of Iroquois lifestyle and thinking in modern American society. The past is not a dead thing in this exhibition – it presents its contemporary links at every moment and almost every object.

Something I liked very much was the idea to gather groups of objects in special show cases so that you may get an idea of the development of this object group through time. There was basketry and silver jewelry. I missed such a show case with Wampum, obviously one of the most important objects in Iroquois history, and many times present at the exhibition. Showing its development in the last 300 years would have been a wonderful extension to the exhibition! Wampum as a figurative-written device to transmit information on contracts and meetings were obviously an immensely important object, judging by the many wampum displayed in the exposition and their continuous mention in the texts. The pearls they are made of have been an object of study for years, too. After gathering these data all around the exposition I would have loved more focused information about these objects far more!

Another detail I didn’t get quite clear was the part on the first “professional” collectors of Iroquois objects in the 19th century, Lewis Henry Morgan and Ely Parker. Was there a link to the development of the field of anthropology at this time and if so, what was this link? Was there something like a “return to Indian roots”-movement? And if so, what was it like? What were the intentions of these collectors? I would have loved to have more data to answer these questions. But to be honest, this was the only moment when I would have liked the exposition to provide more data and information.

Generally speaking, “On the trails of the Iroquois” is an exposition that deserves all the positive critics it received. The six tribes of the Iroquois are presented as independent units that shaped the course of history for them and have not been simply submitted to it. The notion of the indigenous people as mere objects of history´s course is nothing you will find here. Here you will encounter self-determination, decisions that have proofed positive or negative in the long run, but which are nevertheless decision taken by protagonists, not objects. The Iroquois as a product of their time and as decision makers of their time – that’s the main point of this exposition for me.

 

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