Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Orchideenfächer, Kleine Fächer und ihre Relevanz im “wahren Leben” / Studying Latin American Archaeology im Germany- what for?

3 Comments

Orchideenfächer – oder “Kleine Fächer” wie sie seit 2005 im deutschsprachigen Raum heißen – sind ja seit Alters her die Fächer, die nur an wenigen Universitäten angeboten werden und bei denen nur wenige Studierende eingeschrieben sind. Ich selber habe ein solches Fach studiert – Altamerikanistik. Wurde es zu Beginn meines Studiums Mitte der 90er Jahre noch in Berlin, Bonn und Hamburg angeboten, sind zwei der drei Standorte mittlerweile geschlossen, haben ihren Studiengang mit anderen fusioniert oder sind prinzipiell so nicht mehr vorhanden. Momentan ist Altamerikanistik nur noch an der Universität Bonn zu studieren, die den Fokus des Studiengangs auf einen interdisziplinären Studiengang legen, der Geschichte und Neuzeit miteinander verbinden soll.

Gerade im Zuge der Bolognarefrom und der Reform-, Personal- und Finanzierungsdebatten an den Universitäten seit den 90er Jahren sind die Kleinen Fächer immer winziger worden, wurden abgebaut, zusammengelegt oder ganz geschlossen. Ein Studienprojekt widmete sich (häufig nach der Abwicklung) der “Erforschung” dieser Fächer, kartierte sie und machte sie öffentlich. Und ihre Präsenz (oder Schließung) war immer auch Teil der Mediendebatte um die Frage: Brauchen wir diese Fächer? Und warum? Was bringen uns als Gesellschaft diese Fächer? Einige dieser Artikel machen ganz klar, dass kleine Fächer wichtig sind, wie zum Beispiel dieser Artikel aus der ZEIT. Allerdings sind die dort genannten wie Klimaforschung (Paläontologie) und Studien sogenannter “Schwellenländer” (Indologie) oder “Randgruppen” (Gender Studies) nochmal etwas anderes als ernsthafte “schwere Fälle” wie etwa meinem Studienfach, deren Relevanz wirklich schwer vermittelbar ist.

Im Falle der Altamerikanistik kommen verschiedene Punkte zusammen, die zu einem Aussterben dieses Faches in Deutschland führ(t)en. Zum Einen die aktuell schwer zu vermittelnde Relevanz des Faches. Lateinamerika ist aus dem öffentlichen Bewusststein seit Jahren verschwunden – Russland, China und Indien, vielleicht noch Brasilien, dominieren die Debatte, dazu eventuell einige afrikanische Länder. Der Boom Lateinamerikas in der Medienlandschaft und der Folklore etc. ist jedoch seit den 80er Jahren vorbei und es ist schwierig, Interesse für Studien zu wecken, die sich mit diesem momentan – zumindest in der öffentlichen Meinung – irrelevanten Teil der Welt befassen.

Zum Anderen ist da das koloniale Erbe Lateinamerikas, das es schwierig macht die Relevanz ausländischer Arbeit in der Anthropologie und Archäologie dieses Kontinents zu vermitteln. Warum sollten wir hier Wissen importieren wenn es ausgebildete lokale Kräfte gibt? Archäologie und Anthropologie gelten in der öffentlichen Meinung auch nicht als “Entwicklungshilfe“, bringen also, oberflächlich betrachtet, keine schnelle, konkrete Verbesserung der Lebensverhältnisse vor Ort mit sich. Sue haben keine Vorzeigeeffekt, da sie etwas mit sich bringen, dass zwar essentiell ist, aber nicht messbar: Geschichte. Daher und aufgrund nur unzureichender Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit wirken Archäologie und Anthropologie wie “reine Wissenschaft“, Wissensgewinn für den Wissenschaftler, aber ohne Relevanz für Bevölkerung und Leben. Das Vorhandensein südamerikanischer Kollegen scheint den “Import” deutscher Altamerikanisten zusätzlich sinnlos zu machen.

Zum Dritten gab es strukturelle Probleme innerhalb des Studienganges (die heute in Bonn teilweise versucht werden auszugleichen). Altamerikanistik, als Studium der Anthropologie, Archäologie und Geschichte Lateinamerikas angeboten, bot zumindest in meinen Zeiten, also bis zum Beginn des jetzigen Jahrtausends, nie die Möglichkeit, grundlegende Methoden dieser drei Fächer zu erlernen. Quellenstudium, Forschungstechniken, Interpretationsmöglichkeiten – diese Dinge wurden nur selten angeboten und standen als kleine Minderheit gegenüber Kursen, die zwar einzelne Kulturen, Perioden oder Aspekte der Geschichte Lateinamerikas beleuchteten, aber nicht die Werkzeuge vermittelten, die man als Wissenschaftler/in später selber braucht. Nur die geschickte Auswahl der Nebenfächer führte dazu, dass diese Methoden erlernt werden konnten. Meine Erfahrung mit dem Nebenstudium der Ur- und Frühgeschichte (heute: Europäische Archäologie) war dafür typisch. Kollegen belegten Kurse in Geographie, Geologie, Vermessungskunde, Vorderasiatischer Archäologie, Ethnologie etc. Für mich war die Ur- und Frühgeschichte eine Möglichkeit, mir  ein eher verschultes, informationsgeladenes, strukturiertes Lernen in diesem Studienfach anzueignen, gepaart mit der Möglichkeit, Grabungs- und Analysemethodik zu erlernen. Andererseits erstaunte mich das sehr faktenorientierte Publizieren sehr. Interpretationen waren dünn gesät und mein angloamerikanisch geschultes Interpretationsherz der Altamerikanistik musste damit erst umgehen lernen.Das war definitiv ein großes Manko meines Studiums – ein Manko, das ich bis heute durch Weiterbildung versuche auszugleichen. Allerdings hat das interdisziplinäre Lernen auch einen großen Vorteil: es schärft den Blick für Schwächen und Stärken anderer Fächer. Das Erkennen dieser Unterschiede schult den Blick und das Gleiche gilt für das Zusammentreffen von unterschiedlichen Ideen und Methoden in Lateinamerika selbst.

Trotz der oben genannten Kritikpunkte ist das Aufeinandertreffen von Archäologen der gleichen Fachrichtung, die aber in unterschiedlichen Ländern gelernt haben, sehr inspirierend. Der Austausch unterschiedlicher Terminologien und Methoden ist bereits zwischen Archäologen benachbarter lateinamerikanischer Länder eine Herausforderung und Bereicherung, das gilt noch viel mehr für das Auftauchen außer-amerikanischer Forscher. Die eingesetzten Methoden und Techniken differieren stark und öffnen oft ein Fenster zu neuen Ideen und Interpretationen.

Trotz allem bleibt aber ein großes Problem bestehen: was soll die Relevanz unseres Faches sein? In ganz Deutschland arbeiten (ich schätze jetzt mal und lasse mich gerne korrigieren) noch so an die deutschstämmige  30-40 Altamerikanisten. Von diesen sind (ebenfalls geschätzt, bitte korrigieren falls es jemand exakt weiß) ca. 10-15 Personen mit der Archäologie Südamerikas befasst – wie ich. Was soll also die Relevanz unserer Arbeit sein? “Warum sollte sich ein junger Mensch für dieses Fach entscheiden????” – wie es ein Kollege neulich formulierte. Unter anderem, weil es erst unsere Geschichte ist, die es uns ermöglicht zu sehen wer wir sind, woher wir kommen und welche komplexen Wege die Menschheit geht. Und damit die Basis bildet für ein Verständnis zukünftiger Entwicklungen. Sicher gibt es in Lateinamerika viele gut ausgebildete Archäologen  und ihre Arbeit ist immens wichtig. Aber auch unsere interdisziplinäre und itnerkontinentale Zusammenarbeit kann hier methodologisch und interpretativ produktiv sein, wenn der europäische Blick ohne kolonialistische Ideen daherkommt.

Um das zu erreichen sollten wir jedoch eins nie vergessen: wir sollten unser Wissen vermitteln wo immer es geht. Unser Fach vertreten und es kommunizieren. Aufstehen und sprechen wenn man uns fragt – und auch ungefragt.

Update: Neuer Artikel zu vier “Kleinen FÄchern” in ZEIT online am 28.1.2014: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2014-01/kleine-studiengaenge-studium

besonders interessant: die Kommentare von Studierenden der Kleinen Fächer UNTER dem Artikel!

ENGLISH VERSION

Small academic disciplines or fields of study (called „small studies“ or metaphorically “orchid studies” in German to emphasize the smallness, supposed irrelevance and at the same time the beauty of these studies) are academic disciplines which focus on rather “exotic” and “minor” objects of study; that can be studied at few universities and with only very few students – due to the lack of general interest in these studies. I have studied such a discipline myself: Altamerikanistik, or to give it an English name: Latin-American Archaeology. Although this covers only some part of these studies, because it involved also anthropology, iconography, indigenous languages and the like. While these studies were offered at three universities (Berlin, Bonn and Hamburg) when I began studying around 1995, there is now only one university in Germany which still clings to it: the University of Bonn, which has refocused on Altamerikanistik with a rather interdisciplinary view, connecting archaeology and prehispanic times with a rather anthropological focus on contemporary phenomena in Latin America.

With the declaration of Bologna and many many reform packages on university personnel and financiation from the 90ies onwards, there has been considerable re-organization at German universities. The “small studies” became even smaller, they were fused with other disciplines or completely closed down. A special study was conducted after all this happened, investigating the disposition, development and structure of these small fields of study. Their presence or close-down was always covered in the media, and they raised the question: Do we need these studies? And why? What is the relevance of these studies for our society? Some of the articles made it clear that these small studies are highly relevant to all of us – but the disciplines mentioned are often easier to convey than my own choice. Something like paleontology, related to climate research, Indian studies (Indology) or Gender Studies cover areas of study highly relevant to at least some segments of our society and can thus be communicated far more easily than something like “Latin-American Archaeology”.

Speaking of Latin-American Archaeology, there are several things that led to its almost complete extinction in Germany. For one, there´s the difficulty to explain the relevance of these studies in today´s Germany. Latin America is a region that has almost no lobby in our contemporary society and media – there are Russia, China, India, maybe Brazil too, that keep the headlines and think tanks occupied. The boom of Latin America in German conscience in the 1980ies has long since past. And apart from some folklore group singing at the city square and a headline on Evo Morales´ official plane being involved in the Snowden incident at Vienna there is no public interest in Latin-American matters right now. So why should Latin American Archaeology matter? Why are we studying a part of the world that is almost invisible in German media and thinking right now?

On the other hand there´s the colonial heritage of Latin America, making it difficult to talk about the relevance of European investigation in Latin America. Why should we “import” archaeological knowledge when there are many and well trained local archaeologists? And because archaeology and anthropology seem to be so absolutely irrelevant when living conditions are poor and even water and electricity are lacking, technical development aid seems a much better option when there is money to spend. Archaeology and anthropology seem to have no direct positive effect on living conditions; there seem to be no direct renderings to the local people. But nonetheless: archaeology matters. Because history matters and archaeological results are immaterial but nonetheless overly important. It´s up to marketing and public relations to make this point absolutely clear: history matters. Not only to the scientists who do the research but to local people, too, that’s at least my repeated experience. Its not about investigation and results that only serve me to get a Ph.D. – local people are mostly interested in archaeological work because their history matters to them and local history and archaeological history may be highly relevant to current political agendas.

Thirdly, there were always structural problems in this field of study. Today, the University of Bonn is trying to better these problems, but when I studied 15 years ago, Altamerikanistik implied a wonderful mix of archaeology, anthropology, history, linguistics, sociology and the like. But it never offered some solid methodology to get working. We studied something like a patchwork investigation, taking only the courses that interested us. The study of historical sources, the techniques of investigation during field work, the variability of interpretations – all these were never part of the curriculum. When we realized that we were very short on these substantial bases on archaeological work, we took courses in other disciplines, such as European Archaeology, Geology, Geography and the like. This has been one of the really problematic areas of the discipline, and one which is causing me problems up till today – and I have been trying ever since to balance this with continuing studies.

Nevertheless, the interdisciplinary learning has one big advantage: you learn to see the world and your research through the eyes of other disciplines. I had my own experience studying European Archaeology, a study area characterized by the publication of large amounts of data without little interpretation. It´s just the opposite of Altamerikanistik, where small amounts of data may often lead to exaggerated interpretations. And it’s comparing both disciplines that helped me to understand which way I´d like to choose for my own research. Methods, Data, Interpretation, everything can be differently understood in other disciplines. And the same applies to archaeological research when done by a European in Latin America or a local archaeologist in the same area. We differ in methods, we differ in interpretation and we differ in our way to go about an investigation. This can be very interesting and inspiring and it’s the heart of my claim here.

Because despite all the critic written above, the clash of different “archaeological upbringings” can be very inspiring and may lead to absolutely fascinating new interpretations. The exchange of terminology and methods is already a challenge between archaeologists from different Latin American countries, between Europeans and Latin Americans even more so.  And this leads us to exchange information and enables us to reach new levels of interpretation.

But still, the problem of relevance remains: why does archaeology matter at all? All over Germany, there may be (my guess) about 30-40 persons which studied Latin American Archaeology in Germany and now work professionally in this area. And of these there may be (my guess again) about 10-15 which are working on South American Archaeology as I do – and not on history, anthropology, etc. So the question remains: What’s the relevance of our work? Or, to put it as a colleague did recently: “Why should a young person decide to study as we did?”. I think that it’s the knowledge about our history that makes us see what we are and where we are heading – personally, nationally and on a global scale. To know our history prevents us from being politically blind because it shows us the diversity and subjectivity of history and its interpretations. And to understand where we come from is the basis for every future move we make. Sure, there are many local archaeologists in Latin America and their work is immensely important – for research AND for the sociopolitical implications their work has. But its our interdisciplinary and intercontinental interaction that can focus on new methodological and interpretative ideas, when our European view is free of colonial implications.

And to get there we should do one thing wherever we are: communicate our discipline. Explain why it matters and speak up when we´re asked – and even if we´re not!

3 thoughts on “Orchideenfächer, Kleine Fächer und ihre Relevanz im “wahren Leben” / Studying Latin American Archaeology im Germany- what for?

  1. I very much like the idea of our small disciplines being referred to as ‘orchid disciplines’! You sum up the problems facing them perfectly, and the importance of communicating with the public about it.

    • Thank you for commenting. What makes me really happy is that my English version seems to be understandable! Sometimes I am struggling with the translation, doubting if I get my point across…it´s great to get some opinions about it!

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