Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

“Alltag in der DDR”- neu in der Kulturbrauerei Berlin / “Everydaylife at the GDR” – the new exposition at the Kulturbrauerei

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Vor einem Monat besuchte ich das DDR-Museum in der Kulturbrauerei. Erstens, weil es mich thematisch interessiert und ich sehen wollte, wie ein Teil meiner persönlichen Vergangenheit hier präsentiert wird, zweitens weil ich bereits vor der Eröffnung dem Blog des Museums gefolgt war, dessen Darstellung mich auch neugierig machte.

Vorweg: das DDR-Museum ist virtuell gut vertreten: es besitzt einen eigenen Blog, der allerdings leider mit der Eröffnung zu enden scheint (hier: TAGEBUCH)! Auf dieser Seite gibts übrigens den Pressetext des Museums selber, der den Auftrag der Ausstellung ziemlich genau versucht zu charakterisieren. Aber die spannende Frage ist ja immer: wie weit klaffen Anspruch & Idee und die Wirklichkeit auseinander? Passt ja irgendwie auch zum Thema “Gelebter Sozialismus“. Noch eins vorweg: Die Ausstellung “Alltag in der DDR” wird getragen von der Stiftung Haus der Geschichte, über dessen “Geschichtsstelen” ich ja bereits berichtet hatte und die ich etwas, nun ja, schwierig fand. Auch in diesem Sinne war ich daher gespannt auf diese neue Ausstellung! Nun muss man ja sagen: Berlin ist und war bereits recht gut bestückt was DDR-Museen etc angeht. Es gibt das DDR-Museum am Berliner Dom, die Gedenkstätte Berliner Mauer im Prenzlauer berg, das Museum am Checkpoint Charlie undsoweiter. Ganz Berlin, so könnte man denken, ist eine einzige Gedenkstätte und viele verschiedene Visionen der Vergangenheit sind verfügbar. Nun also auch “Alltag in der DDR” in der Kulturbrauerei.

Schon beim Eintreten wurde klar, dass hier erstens sehr engagierte Servicekräfte am Werk sind und zweitens ist das ganze Museum wunderbar interaktiv, bietet Überraschungen und unerwartete Informationen “zum Anfassen“. Auf jeden Fall geeignet für Menschen, die Geschichte gern “begreifen” wollen – wörtlich und bildlich! Ich wurde ernsthaft von drei verschiedenen Museumsmitarbeitern gefragt ob ich nicht Interesse an einer Führung hätte, die demnächst stattfände und man fragte mich, ob ich mich wohlfühle. Ich schätze so etwas, weil es zeigt, dass man das Publikum nicht nur verwaltet im Sinne von “NIX ANFASSEN!” sondern auch weitere Informationsangebote machen möchte. Toll!

Die Ausstellung an sich strotzt vor Anschauungsmaterial. Da mir nciht klar war, ob der Rundgang linsherum oder rechtsherum beginnt, bin ich nach rechts gelaufen und begann meine Tour mit dem Alltagsleben in der DDR – also der privaten Seite. Versorgung, Freizeit, Literatur, Bewältigen der Versorgungsengpässe undsoweiter sind die Themen dieser Seite der Ausstellung und alles ist wunderbar mit originalen Exponaten dokumentiert, die die Alltagswelt der DDR sozusagen “wiederauferstehen” lassen sollen. Es gibt einen orginalen Zeitungskiosk, eine begehbare Restaurantecke mit originalen Speisekarten, einen Einkaufswagen etc etc. – Objekte en masse, dazu Repliken, Zitate an den Wänden und Vitrinen und Faksimiles, die Originaldokumente präsentieren und damit einen Blick “aus der Vergangenheit”. Obwohl mir das prinzipiell sehr zusagt, weil es Vergangenheit personalisiert und damit viel erfühlbarer macht, hatte ich doch mit dieser speziellen Form ein-zwei Probleme. Zunächst steht bei vielen Zitaten nicht, von wem und wann die genannten Aussagen gemacht wurden (ein Einwand, den ich später auch im Besucherbuch wiederfand). Zum anderen ist es zwar eine einfühlsame Art der Geschichtspräsentation, aber selbst als Wissenschaftlerin die nur am Rande mit schrifltichen zeitgenössischen Dokumenten arbeitet bin ich mir mehr als bewusst, dass persönliche Aussagen immer durch mehrere Filter gehen um dann am Ende als scheinbar “objektiver” Eindruck eines Geschichtsereignisses auf dem Papier zu stehen. Trotzdem sind all diese Filter, Einflussnahmen und persönlichen Vorlieben und Wünsche ein Grund dafür, dass schriftliche Geschichtszeugnisses eben nicht 1:1 als “Wahrheit” gelten können. Diesen Einwand hätte ich gerne irgendwo gesehen um Menschen, die die Aussagen lesen auch darauf aufmerksam zu machen. Gerade in der DDR (und auch in allen anderen Gesellschaften) spielen Machtverhältnisse eine große Rolle und der Einzelne bemüht sich, in diesem Machtverhältnissen eine bestimmte Rolle einzunehmen oder zu erlangen. In diesem Sinne nutzen wir auch Schriftstücke um uns zu präsentieren und diese, genau diese Kleinigkeit könnte man dem Besucher noch mal vorsichtig nahebringen um Missverständnisse zu vermeiden.

Aus meiner persönlichen Sicht weiß ich noch ziemlich genau wieviele Berichte ich über Ferien und Pioniertreffen und Klassenfahrten schreiben musste. Und sogar als 8-10-Jährige wussten wir genau, was in diesen Berichten stehen sollte – und was nicht. Wenn man also meine Pioniertreffen-Berichte ins Museum stellen würde, wäre ich definitiv ein gut erzogener sozialistischer Jungpionier gewesen. Das war leider nur nicht meine persönliche Geschichte – sondern eben die offizielle, geschrieben Variante.

Was mich jedoch faszinierte, war die Form in der diese Objekte und Aussagen dargeboten werden. So gibt es z.B. immer wieder Momente in denen kleine Klapptürchen erscheinen auf denen Aussagen stehen wie: “Offenes Land – freie Menschen”. Öffnet man die Klappe, findet man einen Ausschnitt einer Dokumentation zum Thema “Demonstrationen”. Überhaupt wird sehr viel mit Film gearbeitet, viele Seh- und Hörstationen bieten die Möglichkeiten, sich längere und kürzere Ausschnitte aus Dokumentationen zu bestimmten Themen anzusehen. Großartig gemacht und wunderbare Auswahl! Ein Manko das mich länger geärgert hat, war allerdings das ständige und wiederholte Untermalen des Ausstellungsrundgangs mit Udo Lindenbergs “Hinterm Horizont immer weiter”. Udo Lindenberg hat sich offensichtlich seit Jahren mit “Sonderzug nach Pankow” und seinem Musical “Hinterm Horizont” den Ruf ergattert, der DDR-kompetente Sänger schlechthin zu sein, aber ich finde es gibt dutzende Lieder aus DDR-Zeiten und von DDR-Gruppen oder -sängern, die man hier hätte nutzen können (hier ein kleiner, gut dokumentierter Ausflug ins DDR-Musikleben bei Wikipedia). Das ist zugegebenermaßen eine etwas persönliche Kritik, aber es hat mich einfach geärgert.

Prinzipiell lebt die Ausstellung jedoch von der Gegenüberstellung der offiziellen Darstellung des Lebens in der DDR und dem tatsächlichen, gefühlten Leben dort. Immer wieder werden hier Objekte und Aussagen gegeneinander gestellt und erzeugen so ein Gefühl dafür, wie Lebenswelt und Anspruch der politischen Führung auseinanderklafften. Wie so oft fehlte mir jedoch eins: die WÜrdigung der Menschen, die sich in der Anfangsphase der DDR tatsächlich dafür eingesetzt haben, eine neue Lebenswelt zu schaffen, ein alternatives, neues System. Ich weiß, dass das eine Idee ist die nicht wirklich populär ist, aber ich finde es eine Abwertung der Menschen die tatsächlich an einen alternativen, sozialistichen Lebensentwurf glaubten. Viele DDR-Bürger waren bis 1989 davon überzeugt, dass es möglich sein müsste eine Alternative zu schaffen, eine lebenswerte Alternative für die es zu kämpfen lohnt. All diese Menschen werden auch in dieser Ausstellung ausgespart, gesprochen wird vom “Ruf nach Freiheit”, nicht vom Wunsch die DDR zu verändern statt sie abzuschaffen. Es ist immer wieder verwunderlich wie es gelingt, diesen Teil der Geschichte auszusparen*. Und schade ist es auch.

*Kleine Anfangslektüre:

Christa Wolf: Reden im Herbst.

Sarah Kirsch: Die Pantherfrau. Fünf Frauen in der DDR.

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ENGLISH VERSION

A month ago I visited the Museum at the Kulturbrauerei, which opened its exposition Everyday life in the GDR. As I am interested in these representations of GDR life for personal reasons, I wanted to see how this part of my personal history was being represented in a museological context. And secondly, I had been following the blog of the exposition which made it possible to follow the installation of the exposition even before its opening. That roused my curiosity, and I decided to visit shortly after.

To be frank: this exposition has a nice online representation, there’s the blog and other information as well. At this page you may find the press release of the exposition which makes clear which ideas are central to the exposition. But as always: there is a gap between idea and reality, and the question is: was this gap bridged? And in which way? Are the ideas of the museum visible to the visitor and have they been translated in the concept of the exposition in a suitable way? The gap between reality and ideal has some relation to the inert conflict of the “real and existing socialism” (if I am allowed to translate broadly one of the most famous phrases of the GDR political elites which in German reads “Real Existierender Sozialismus”, alluding to the idea that the GDR went from the mere IDEA of socialism to its REAL implementation in the life of a whole state).

There’s another thing that I would like to mention before describing my experience in the exposition. This exposition is part of a museum network created by the Foundation Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland” which has been responsible for the “history stela” which have been covered in this blog already and which were, to say it mildly, controversial for me. So that was another point to be curious about this exposition and the representation of GDR life in it.

Now there are plenty of museums and locations that represent GDR history and GDR everyday life in Berlin. There is the DDR Museum at the center of East Berlin, there is the Wall Memorial location, the Museum of Checkpoint Charlie and a lot more. The whole of Berlin, or so it seems, has something to do with socialist history and the divided city between 1961 – 1989. There are many different versions of this history available, and now there is “Everyday life in the GDR”, too.

When I entered the exposition, it was immediately clear that there was a lot of enthusiasm of the people working at the exposition. And moreover, there were a lot of interactive displays, surprises and unexpected information “to get at” (literally!). This exposition is surely something for people who want to experience everyday life and are looking for lively exhibionts, objects to touch, direct witnesses speaking in videos and through letters and notes. I have asked been three times if I wouldn’t like to attend a guided tour to get even more information and if I felt really comfortable at the exposition. I like this kind of attention to visitors because it reflects an attention towards customers that is quite different from the usual “DON’T TOUCH!”, offering more information and help instead.

The exposition itself was full of objects, surrounded by written testimonies and the opportunity to explore documents and objects by yourself. The exposition has been divided roughly in two different parts: private life and public life in the GDR. At the private side you get information about things like vacations, literature, the provision with goods and the problems of acquiring them (from food to TV sets). The public side is characterized by information on work, the integration of almost every citizen in statal organizations, the organization of companies and factories and the like. Everything has been documented with original objects which make it seem that everyday life has become “real life” again. You will be confronted with re-made restaurants, a newspaper kiosk, a shopping cart and so on – there are objects everywhere, complemented by replicas, quotations from contemporary documents and facsimiles. You wander through a lost and gone world of objects, you may pick up a letter from a young boy describing his vacations  in a school work, you look at tables which present facsimiles of original menus from the 80ies, showing clearly the problems of getting different kind of foods.

It is through this very direct approach that the visitor is able to get a glimpse of this version of the past and the use of quotations and facsimiles seems to give the opportunity to “live” this moment again. But – there’s a problem with it, at least in my opinion. The personalization of the past and the possibility to get a personal glimpse of personal experiences of the past through original documents presents some big problems. There is the fact that many quotations come without its source. So you will never know who made these statements, when and under which condition. That’s a critique that I found reflected afterwards in the comments of other visitors in the guest book, too. And, related with this, there is the fact that written documents seem to present the reality of the past, but even as a scientist who works only marginally with written documents, I am aware of the fact that these documents present always only a VERSION of the past, not its reality. There are several filters to a document, due to the personal situation of the person who speaks or writes, the intention of the author and the public at which the document has been directed (or not) and the like. You can´t present these documents as “the reality” – even more so as we are speaking of the GDR, a state that influenced its citizens heavily in order to be on the politically correct side. Relations of power are omnipresent in human society, and even more so in the GDR and all other socialist states. The citizens tried to behave in a way that was socially and politically acceptable and this is demonstrated in our written documents as well – especially when we turn to official documents at school or work.

I would have liked to see information on these problems with written records as these are so widely represented in the exposition. I liked the fact that you can see them, read them, and immerse yourself into them. But I think that it is the responsibility of the museum to make it clear that these documents may NOT represent some ultimate truth on the matter. That there´s a gap between written and personal history. Personally, I know how many accounts of vacations and political relevant demonstrations I have written as a child. And even as children of 8-10 years we knew perfectly well what these records had to contain – and what not. So, if you put one of my records on display in this exposition, it would seem that I was a politically correctly educated child that loved its home country and defended it against capitalism. Well, that was NOT my reality, but my written record of reality.

What I liked about the exposition was the inclusion of a whole lot of interactive elements available to the visitor. Apart from the facsimiles there are videos and audio stations with a beautiful and wide range of documentation(s) to choose from. There are little covers on the walls with phrases like “Free people” – if you open the clack than you are confronted with the reality of GDR life: the oppression of demonstration on part of the statal police.

Finally, something that really got on my nerves was the fact that you hear a song from Udo Lindenberg all the time: „Behind the horizon“. Udo Lindenberg was a singer songwriter from capitalist Germany, famous for some songs that were related to the life on the socialist side of the border. Nevertheless, there are so many socialist (and critical) groups and singers from the GDR itself that I really can´t understand the decision to play this song. That may be a personal critic but after 40 minutes of Udo Lindenberg´s song I was simply annoyed.

Generally, the exposition gets its relevance from the opposition between the official version of GDR life and the private reality. Objects and official statements are confronted with each other, creating a gap between the communicated and the felt reality of everyday life in the GDR. The personal statements serve as another counterpart, creating a juxtaposition between state and private life. This recreates the feeling and life of GDR citzens who lived this gap between politics and private life.

What I missed, and that’s a critique I would like to make to many representations of everyday life at th e GDR, is the neglect of the people who started socialist Germany as a dream, an utopia of a better life after national socialism destroyed so much of Germany. That’s an idea few people like to hear about today and still, that has been a reality in the late 40ies and 50ies and even afterwards. There were always different approaches to the GDR: the state´s approach, the approach of idealistic communists and socialists and than the many other versions of life in the GDR. I know that that these alternatives of creating a “new socialist lifestyle” are not politically correct nowadays and may even seem obsolete, but it seems to me that we should at least be able to present these ideas as part of a past that concerns all of us. There were so many GDR citizens that were convinced that the idea of socialism itself was a positive one – but one that needed basic and structural changes. And that were convinced that it must be possible to change the GDR instead of abolishing this state reunifying it with capitalist Germany. In the exposition this is visible in the focus on the statement “we want freedom” but not on the wish to change the GDR. I am constantly wondering how it is possible to exclude this part of history so permanently… and it’s a pity at the same time. We should be able to present a multi layered history, not a unilateral one.

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