Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Das Museum der Dinge, Berlin – A Museum of Things, Berlin

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IMG_1363Das Museum der Dinge kam mir zu Ohren, als ich nach Materialität googelte und darüber nachdachte, welche Museen und Ausstellungen ich an einem seltenen, freien Tag besuchen wollte. Das Museum hat eine wunderbare Website, und ich war begeistert zu erfahren, dass es hier Dinge gab wie Dingpfleger, und dass das DING an sich, ganz losgelöst von seinen Kontexten, offensichtlich hier im Mittelpunkt steht. Alleine die Bezeichnung “Ding” statt “Objekt” in der Dichotomie zum “Subjekt” – das ist doch eine Aussage! Grund genug also für einen Besuch im reellen, gar nicht virtuellen Museum in Berlin-Kreuzberg. Einmal alleine, im Oktober 2013, und dann zusammen Anfang März 2014 mit einer ganzen Gruppen von Mitstreiterinnen* aus dem Kurs “Vermitteln und Kuratieren” der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel (dazu demnächst mehr hier). Ich danke daher den Kolleginnen, v.a. für die sehr anregende Diskussion NACH dem Ausstellungsbesuch, die mir einige Fragen beantwortete und mein Verständnis für dieses eher ungewöhnliche Museum schärfte.

Das Museum der Dinge befindet sich in einem Gebäude der Oranienstraße, und ist nur nach Treppensteigen in den 3. Stock erreichbar. Ein altes Gebäude, gedacht für Büros und Werkstätten im 19. Jahrhundert, gefliester Hinterhof. Empfangen werden wir in einem hellen, weißen, sonnigen Raum – der Kasse und dem Museumsshop, voll mit ausgewählten schlichten Designerstücken an Geschirr und Büchern. Dieses Museum bildet den Ausleger des Werkbundarchives, einer Vereinigung die sich mit den materiellen Hinterlassenschaften des seit den 00er Jahren des 20. Jahrhunderts tätigen Deutschen Werkbundes  beschäftigt. Dessen Hauptaufgabe lag in der aestethischen Erziehung der Massen, und einer Reformbewegung gegen die industrielle Massenfertigung von Alltagsprodukten.

Das Museum als Außendarstellung des Werkbundarchives bietet zunächst eine Einführung in die Ideen und Aufgaben des Werkbundes UND des Werkbundarchives und hat seine Dauerausstellung in zwei visuelle Teile untergliedert: ein an der Wand entlang laufendes “Offenes Depot”, in dem Alltags-Dinge aller Art nach verschiedensten Kategorien in Holzschränken hinter Glastüren zusammengestellt gezeigt werden: Dinge so unterschiedlicher Kategorien wie “Imitieren & Zitieren”, “Alltag 1930er und 40er Jahre”, aber auch Farben oder Regionen (“DDR-BRD”). Die Schränke, die den Rahmen für die Objekte bilden ziehen sich fast endlos hin, sicher 50 – 60 Meter nach hinten in einem schlauchartigen, engen Raum. Voll mit Objekten aller Art, Hauptsache Alltag und Hauptsache Industriegut.

In dazu rechtwinklig stehenden Vitrinen befindet sich die Schausammlung, die, grob gesagt, einen Überblick über die Aktivitäten des Werkbundes ab 1907 bis in die 1970er Jahre bietet, immer mit Beispielobjekten des Werkbundes als auch der als “Gegenstück” empfundenen Alltagsware, z.B. besonders kitschiger oder hässlicher Dinge. Unterbrochen nur von kleinen “Objektinseln”, an denen besonders große Dinge frei stehen. Und von einem Vortragssaal, der leer und offen in der Mitte des Museums liegt.

Ein Manko des Museums ist in jedem Fall die extrem ausführliche Betextung. Nur der allerinteressierteste Besucher mit viiiiel Zeit dürfte in der Lage sein, sich ALLE Texte durchzulesen, denn an jeder Schauvitrinen hängt ein zweispaltiger, langer Erklärungstext – in Deutsch. Auch der Einführungtext in der Nähe der Kasse ist, obwohl unglaublich informativ, so lang dass der Besucher in Spalte 1 bereits etwas ermüdet. Sinnvoller ist da die “Übe-Vitrine”, die einen visuellen Überblick darüber bietet, wie man das Museum am besten erkunden kann um es zu verstehen und maximale Information mitzunehmen.

Zu den langen Texten kommt die reine Überfülle an Dingen. Sie führt dazu, dass viele der anwesenden Besucher eben nicht den Text lesen, sondern sich durch die Masse der Objekte fortspülen lassen in ein Nirwana des Erinnerns. “Schau mal, das hatte Tante Erna!” und “Guck hier, wie früher zuhause!” waren die meist gehörten Sätzen von Besuchern und auch der Tenor des Gästebuches. Natürlich sind diese Objekte, die ohne ihren ursprünglichen Nutzungs- und Kultur-Kontext dargebracht werden, ein wunderbares Transportmittel in unsere Vergangenheit. Aber der Werkbund möchte ja eigentlich soviel mehr: erziehen, den Sinn schärfen, uns etwas erklären und nicht zuletzt ändern. Das ist in diesem Museum nicht spürbar. Obwohl die Menge der Objekte uns auch anregt, sie selber zu ordnen, Prinzipien zu finden nach denen dies möglich wäre!

Beide Möglichkeiten wären also gegeben: sowohl das ungenierte Stöbern und Fühlen als auch das intellektuelle Begreifen – allerdings bei der Überfülle von Text mit eingien Schwierigkeiten. Trotzdem begreifen viele dieses Museum wohl v.a. als Erinnerungsvehikel und lassen sich von der Dinglichkeit und Sinnlichkeit der Dinge forttragen. Fortgesetzt wird diese Idee eigentlich konsequent im Museumsshop, dessen wunderschöne, ausgesuchte Dinge wie die Fortsetzung der Ausstellung wirken – nur dass es hier die besonders designten und nicht die kitschigen, als “bekämpfenswert” geltenden Dinge sind, die dominieren und erworben werden können.

Was ich jedoch wirklich besonders am Museum der Dinge schätze, ist das Kommentieren der Dauerausstellung durch wechselnde Kunstinstallationen. In diesem Fall war es “Scherben” von Sonya Schönberger und Christof Zwiener. Diese Installationen bieten einen Gegensatz zu der geschlossenen, sanft und warm ausgeleuchteten, größtenteils nur hinter Glas sichtbaren Ausstellung, denn hier sind Objekte direkt offen sichtbar, wenn auch nicht berührbar. Sie sind durch Spots angeleuchtet und wirken wie kostbare Fragmente. Ihre Darstellung im Rahmen einer Ausstellung bildet einen Kontrapunkt zur Dauerausstellung – sichtbar bereits in ihrer Präsenz am beginn und am Ende der Dauerausstellung. Diese Dinge wirken alleine schon durch ihre Darstellung und Ausleuchtung wie Schätze – gar nicht wie die zusammengestellten Massen an Alltagsobjekten im Rest des Raumes. Sie erzählen von Zeit und Geschichte, sie haben einen Kontext: den des Krieges. Und sie zeigen ihn durch Rost, durch Fragmente. Sie verkörpern praktisch die Zeitlichkeit der Objekte, ihre Verletzlichkeit.

Prinzipiell ist es so, dass Website und Ausstellung total miteinander konkurrieren, sogar die Ausstellungsflyer wirken anders als dann die Ausstellung an sich. Es ist so, als wären sie fast gegeneinander konzipiert. Während auf der Website immer wieder von den Kontexten, der Nutzung der Dinge die Rede ist, wird dieser Aspekt ind er Ausstellung selbst ganz nach hinten gestellt. Auch das Design von Ausstellung einerseits und Website, Flyern und Verkaufsraum im Museum andererseits sehten sich wirklich fast diametral gegenüber. Hier die Masse der Dinge, obwohl geordnet doch überbordend – dort die geordnete, einzeln hervorgehobene Präsenz eines oder weniger, ausgewählter Objekte. Sehr seltsam. Dementsprechend waren die Erwartungen von einigen von uns (mich selbst eingeschlossen) nach Besichtigung der Website ganz andere als dann durch das Museum tatsächlich erfüllt werden konnten.

Insgesamt denke ich aber, dass das Museum der Dinge einen neuen Blick auf Dinge ermöglicht, abseits üblicher Ausstellungsrhetoriken. Das Ding in einem eher in der Masse kontextualisierten Zusammenhang, geordnet nach ganz unterschiedlichen, nicht immer klar nachvollziehbaren Kriterien – das zeigt, wie vielfältig wir Dinge sehen, interpretieren und einordnen. Es gibt dem Ding einen Stand, der nicht auf seinem soziokulturellen Kontext beruht, sondern eher auf seiner Dinglichkeit an sich. Auch wenn Form, Funktion und Dekoration natürlich Ausdruck eines gesellschaftlich-technischen Kontextes sind, ist dieser Kontext im Museum der Dinge auf ein Minimum reduziert. Es geht eben nicht um die Gesellschaft dahinter, vielmehr wird versucht, das Ding AN SICH zu betrachten. Sicherlich ist das schwierig, und man könnte jetzt auch viel dazu sagen, dass Ding und Kontext semiotisch verbunden sind. Trotzdem interessiert mich dieser Ansatz sehr, weil er dem entspricht, das wir häufig im Alltag tun: wir sehen das Ding einfach als Ding, als Nutz-Gegenstand, nicht als museales Objekt.

*Dank an (in alphabetischer Reihenfolge): Yella Hoepfner, Astrid Lembcke-Thiel, Hanne Leßau, Eva Lusch und Dörte Wiegand!

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IMG_1362ENGLISH VERSION

The Museum of Things came to my knowledge when I was googling on „materiality“, thinking about which museums and expositions to visit on one of my sparse free days. The Museum has a wonderful homepage, and I was delighted to learn that they have even a category for supporters to be a “caretaker of a thing” and that the THING (maybe the English “entity” would be a better translation”) free of its context is being at the center of their concept. The very idea of using the word “entity” or “Thing” instead of “object” and its implied dichotomy to “subject” is a statement in itself! So, there were enough reasons to visit the real museum of things, once by myself in October, and than again in March 2014 with a bunch of colleagues* from an upgrade training course called “Communicating and Curating”, offered by the Federal Academy of cultural Education in Wolfenbüttel (but I will do a post on this later on). I would like to thank my colleagues from the course for the lively debate and ideas after visiting the museum together, a moment that provided me with important input for this post.

The Museum of Things is located in a building in the Oranienstrasse, Berlin – Kreuzberg, and can only be reached after quite a flight of stairs up to the third story. Its an old building, originally thought to be used for offices, workshops and factories in the 19th century. We are welcomed into a sunny, bright, white room, the counter and gift shop of the museum which is filled with carefully selected, beautifully designed objects. The museum itself is the showroom of the Werkbundarchiv, a association which is curating the material belongings of the German Werkbund, which has been active since 1900, focusing on the aesthetical education of the working classes, including a reformative movement against industrial mass production of everyday products.

The Museum as the external presentation of the Werkbundarchiv offers an introduction of the ideas and goals of the Werkbund and the Werkbundarchive right at the entrance of the museum. The permanent exhibition has been divided into tow sections: one is an Open Depot, presenting objects of everyday life of very different categories in wooden cabinets with glass doors on the long side of the hall. The entities are being sorted by very different and not always consistent categories, such as: “Imitating and Citing”, “Everyday Life in the 1930 and 1940ies” but also sorting by color or region of use (GDR/ BRD). The cabinets drag on and on, it seems like an endless line of things and things, and yet other things. The cabinets are just full with objects of every kind, the important part is that its about everyday life and that its mass production.

Opposed to this Open Depot there is the exposition of the things that regard directly the Werkbund and its ideas. These are presented in a rather chronological order, beginning roughly about 1900 and going on up to 1970 or 1980. These things are objects crafted following the Werkbund ideas or just the opposite of these: Kitsch. The cabinets that are presenting these things are only interrupted by islands of open space that present big objects related to the exposition. And, there is a big vacant space right in the middle of the museum that is being used for special opportunities.

I felt that one of the worse parts of this museum was definitely the texts that are being offered. Only the most interested visitor should be able to read ALL these texts, often with double columns. These texts are at every cabinet and offer such a mass of information that you won’t be able to read it all. Even the introductory text to the museum is so long that most visitors stop about halfway and prefer to go on visiting the museum itself. It´s better to have a look at the “introductory cabinet” which explains visually how the museum has been structured and how you may visit in order to get most of the information.

The long texts are accompanied by a over abundance of things. This leads to the fact that most visitors are being swept away by the mass of objects that leads to a Nirvana of remembrance. “Look, this is what Aunt Bertie always had!” and “Look, that’s just like home back than!” were the sentences that I heard from most visitors talking between themselves and it’s the most popular comment in the guest book as well. Of course, these objects presented without its original context of use and culture are a wonderful medium of transportation back to the times when we were young, back to our past. But the Werkbund has goals, that are so different from being a mere time machine! They want(ed) to educate people about aesthetics, sharpening mind and view, explain and change. That’s just not present in this Museum, even if the objects are insisting that you systematize them, that you invent some kind of order principles.

In the end, the museum offers both possibilities to explore its expositions: the one based on searching and feeling, a rather emotional approach, and the intellectual one (although this is rather hindered by the multitude of texts). Although both are possible, most visitors rely on the emotional approach, using the display of things as a vehicle to memories, letting themselves get swept away by the memories which come with all these every day objects. This idea has been consequently translated into the gift shop where absolutely beautiful things are on sale for everyone. One could almost think that this gift shop is like an extension of the exposition.

But what I really love about the Museum of Things is the comments on the permanent exhibition with changing temporal expositions or “art installations” as they are called by the museum itself. This time, in March 2014, it was “Sherds” by Sonya Schönberger and Christof Zwiener. These installations are presented in a way that is completely opposed to the crowded, warmly lit open depots with their wooden and glass cabinets. The installations offer one object a time; they are directly visible, even touchable. They have been illuminated by especially positioned spot lights, they seem like precious fragments. Their presentation on the beginning and the end of the permanent exposition seems like a commentary. They seem to be treasures, so unlike the everyday things in the rest of the rooms. They tell tales of time and history, they evoke a context: war. And they show their context through rust and fragmentation, through their woundedness. They are the perfect display of the action of time on artefacts.

Generally speaking, permanent and temporal expositions compete against each other. Even the printed flyers seem to present a different museum. While the website and the flyer talk about the context of things, concentrating on their former use, this aspect is being almost completely neglected in the museum itself. The design of the exhibition and the website and flyer, and even the gift shop, seem to be almost diametrically opposed to each other. On the one hand the multitude of things in a crowded environment – on the other hand the organized objects on the web, presented as treasured unique specimens. After we saw this presentation, the expectations were completely different from the reality at the exposition.

ON the whole I think that the Museum of Things offers a new perspective on things (artefacts), aside from the usual rhethorics of expositions. The thing in relation to the crowd of things that surround us, organized by very diverse criteria – that shows how many perspectives on things exist, how we interpret and arrange them. It offers the artefact a standing that is unrelated to its sociocultural context, but is rather  based on the its thing-ness, its essence.

Even understanding form, function and decoration as the expressions of a societal-technological context, this context has been reduced dramatically in the Museum of Things. This exposition is decidedly NOT focused on the society that produced and used a thing. It’s about the thing as itself, and that’s per se a difficult situation to start with. There would be much to say about the almost semiotic relation between a thing and its context – at least from my perspective. But nevertheless, this idea is fascinating because it has so much to do with our every day approach to things: we perceive them as objects, as a thing to use, and not as a museum object.

  • Thanks to (in alphabetical order): Yella Hoepfner, Astrid Lembcke-Thiel, Hanne Leßau, Eva Lusch und Dörte Wiegand!

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One thought on “Das Museum der Dinge, Berlin – A Museum of Things, Berlin

  1. I enjoyed your description of the visitor’s experience of the Museum of Things as they are swept away by the mass of objects that leads to a “Nirvana of remembrance”. I think there is a place for the museum that evokes a sense of recent history among viewers. The name of the venue—Museum of Things—is unassuming and inviting, especially to those who are not museum-goers, and maybe smart, in the context of my argument below. This museum seems to be a place that can be manageably explored in a single day and this is a benefit. As the casual patron wanders from first–the permanent exhibitions to next–the temporal installations, do they not experience a sort of kinesthetic passage and elevation from the aesthetic of the everyday to those objects that tell of time and history and are imbued with, and show, context “…through rust and fragmentation, through their woundedness.” Aren’t all museums “Museums of Things”? The broad and long historical context that has enveloped the objects in museums reinforces their essence and authenticity to us we form a sympathetic or empathic connection. To view objects in their context is always preferable. I think here of one of my favorite displays at the Metropolitan Museum in New York– the Tomb of Wah, a scribe in ancient Thebes. In the Egyptian wing, we find Wah’s full accoutrements presented as was found in the context of his 1975 BC burial chamber. We see protected by heavy glass, his wooded casket, linens, shawl, a pair of sandals and a leg of beef (only bones) waiting near the casket for his return, to wander and eat. Outside the glass display we can view Wah’s ties, anklets and necklaces, but there is also a small but impressive statuette poised near the exit. “This statuette, intended to serve as a home for Wah’s spirit, depicts a young man in the prime of life. Full of vigor, the little figure has the imposing presence of a much larger statue. The linen wrap may imitate the type of long skirt worn by Middle Kingdom officials.” When I have shown young children this display, they respond immediately to the sandals. And on other occasions, in visits to different museum wings, when children are asked to find an object they would like to draw in their sketchpads, they gravitate towards the accessories—bracelets, necklaces, earrings, and shoes—the objects of direct experiential knowledge. So as viewers casually remark at the Museum of Things that for instance the case of pestles reminds them of their grandmother’s kitchen, it may signify an entrance into their heightened sense of awareness of objects as potential artefacts, connected to culture; certainly an attitude that will enable appreciation of the broader context, when it is presented.

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