Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

“Mensch-Objekt-Jaguar”, im Humboldt-Lab / “Human-Object-Jaguar” at the Humboldt-Lab

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Ganz im Gegensatz zum Museum der Dinge, in dem das DING an sich in der Vielzahl der Dinge verschwindet, widmet sich “Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz im Rahmen des Humboldt-Labs einem einzigen Objekt. Bereits im Oktober versuchte ich diese Ausstellung im Museum zu lokaliseren – es gelang mir nicht. Im Rahmen des bereits angesprochenen Weiterbildungsmoduls “Vermitteln und Kuratieren” stand sie jedoch WIEDER auf der Liste. Und tatsächlich: da war es. “Mensch-Objekt-Jaguar“, ganz versteckt in einem Kellerraum der Südseeabteilung des Ethnologischen Museums. Nicht nur mir, auch den meisten anderen* ging es so, dass diese Ausstellung selbst für Kenner des Ethnologischen Museums trotz Flyer und “Beschreibung” kaum auffindbar war. WENN man sie aber findet, dann: geschieht etwas Großartiges. Doch ich beginne mal von vorne.

Mensch-Objekt-Jaguar” befindet sich wie gesagt in einem über eine kleine Holztreppe zugänglichen Kellerraum innerhalb der Südsee-Ausstellung. Man tritt von einem Objekt-geladenen, fast überladenen Ambiente riesiger Vitrinen über eine Treppe hinab. Bereits oben wird man, wenn es sehr leise ist, von Geräuschen empfangen, die nicht ganz zuordbar sind: Kreischen? Regen? Knurren? Eine unklare Geräuschkulisse. Traut man sich die Treppe hinunter, erblickt man sich plötzlich selbst: projiziert an die weiße Wand gegenüber der Treppe, aufgenommen von einer versteckten Kamera. In Echtzeit sieht man sich völlig unerwarterweise selber zu, wie man die Treppen hinunterschreitet. Ein Übergang von Oben nach Unten.

Unten dann: Konfrontation mit einem Muster auf einer weißen Wand: leicht verwaschen, gräulich, irgendwie – fremdländisch. Tritt man nach rechts (wie wir es alle unbewussterweise taten) steht man plötzlich in einem fast leeren Raum, nur auf der Wand stehen wiederum in verwaschenen, leicht unscharfen Buchstaben Zitate über den Jaguar, über eine Gesellschaft Amazoniens. Und ganz hinten dann ein Tisch mit Papieren. Der Raum an sich wird durch die Treppe dominiert, unter der ein Objekt steht, fast verborgen hinter Plexiglas-Aufbauten: ein Schemel, der schemenhaft wie ein Jaguar wirkt. Ihm gegenüber, wiederum, ein Auszug auf die Wand geschrieben, der beschreibt, wie jemand (der Sammler und Käufer?) dieses Objekt während seiner Südamerikareise Anfang des 20. Jahrhunderts in einem amazonischen Dorf fand. Und wie er dort erlebte, wie der Schamane sich in einen Jaguar verwandelte.

Plötzlich erscheint eine weitere Projizierung an der Wand: ein riesiges Auge. Warum? Jemand anderes schaut gerade dem Jaguar an der Wand ins Auge – und erscheint wiederum als Projektion. Die gesamte Ausstellung wird jedoch nicht durch Projektionen dominiert, sondern durch weiße Räume, geschaffen durch Textiliien, die durch den Raum gespannt sind. Sie kreieren eigene Unter-Räume, völlig frei von Objekten. Nur ein Tuch wird durchbohrt von einem Pfeil. Und wiederum an der Wand: ein Jaguar. Ebenso verwaschen wie die anderen Zitate.

Überhaupt: hier wirkt alles wie von einer anderen Welt. Kein sofort sichtbares Objekt, verwaschene Buchstaben, extrem kurze Zitate, scheinbar willkürlich auf die Wände verteilt. Die Projektionen und die Objekt-Leere kreieren eine seltsame Objekt-Stille, einen Denk-Raum. Was geschieht hier? Setzt man sich an den Tisch zu den Papieren, wird man gebeten, die Perspektive zu wechseln und sich nach choreographischen Angaben durch den Raum zu bewegen. Wer die neuen Betrachtungsmöglichkeiten ausprobiert, changiert von einer “normalen” Ausstellungsbetrachtung hin zu völlig anderen: auf dem Boden, oder in steter Bewegung. Bleibt man trotzdem sitzen und betrachtet das einzige sichtbare Objekt, wird plötzlich klar: auf dem Schemel befinden sich Menschen, ein Jaguar – alles verwischt miteinander, ist hintereinander sichtbar durch Glas.

Es ist eine Ausstellung, die Zeit und Raum und Körpervorstellungen auflöst, in der sich die Ideen von Mensch und Tier in der Akustik, dem Sichtbaren vermischen, nicht mehr klar trennbar sind. Sie macht erfühlbar, was die kurzen Zitate an der Wand andeuten: zwischen Menschen und Tieren besteht eine fluide Verbindung. Auch die undeutlich aufgebrachten Texte, Muster, die Jaguarzeichnung bilden dies nach. hier gibt es keine scharfen Abgrenzungen zwischen dem Einen und dem Andere, alles ist im Fluss. Wer durch das Jaguarauge schaut – sieht die anderen wie es Jaguar täte. Wer von außen schaut, sieht den Anderen im Jaguarauge.

Das Objekt an sich, eigentlich ja Sinn und Zweck einer Ausstellung, verschwindet hinter seiner Bedeutung als Ausgangspunkt dieser möglichen Transformationen. Es ist an sich nur ganz klein, kaum sichtbar, nicht prominent. Eher ist es TEIL der anderen “Ausstellungsstücke”: der Tonspur, des Pfeiles. Wir selber “steigen” hinab, in eine andere Welt, die grüne Hölle. Wir werden Teil davon. Und erfahren, wenn wir uns darauf einlassen, etwas Ähnliches wie das was der Jaguarschemel repräsentiert: eine Transformation der Realität, des Denkens.

Auf jeden  Fall war diese eine der spannendsten, ungewöhnlichsten Ausstellungen die ich in den ätzten Jahren gesehen habe, und ein wunderbares Beispiel für die Innovationen des Humboldt Lab. GERNE WIEDER, liebes Humboldt-Lab!

*Diese Ausstellung durfte ich ansehen, erleben und analysieren mit: Gabriele Pabstmann, Gregor Ahlmann, Nicola Janusch.

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ENGLISH VERSION

Completely opposed to the Museum of Things that was “on stagelast week in this blog, and where the Thing in itself seems to disappear into the multitude of other objects that surround it, the exposition “Human – Object – Jaguar”, curated by Sebastian Mejía and Andrea Scholz during the 3rd session of the Humboldt Lab, is centered on a single solitary object. I have been trying to localize the exposition in October 2013 but couldn’t find it. During the course on “communicating & curating” this exhibition was again on schedule. And: there it was. “Human-Object-Jaguar”, tucked away in a cellar room right below the exposition on the South Seas. And it was not just me, having trouble to find this tiny room, even other participants who know the Ethnological Museum couldn’t localize it, despite the flyer and the provided description. But IF you find it, than something incredible happens. But let´s start at the beginning.

“Human – Object- Jaguar” has been located in a small cellar room right below the South Seas exhibition and is accessible only through a pair wooden stairs that lead down to the basement. From an object-laden and completely over-populated exhibition you step down. And even when you reach the stairs, surrounded by objects and objects presented in enormous cabinets, you can hear a faint sound. It’s blurred and nothing clear. It could be rain? Someone growling? Shrieking? When you decide to step down the stairs you will suddenly see yourself: projected on the blank wall opposite the stairs. You are being filmed without noticing it, you observe yourself stepping down the stairs in real-time. It´s so unexpected! An interface, a transition between “Up” and “Down”, “Above and “Below”.

When you get downstairs you will be confronted directly with a somewhat blurred geometrical pattern that has been painted or drawn on the wall. Its greyish, it seems to be – outlandish, foreign. If you step to the right (as we all unconsciously did) you will find yourself suddenly in a small empty space. Only the quotations on the wall, done in the same blurred fashion as the geometric pattern before, are visible. Quotations on the jaguar, about a society in Amazonia. And at the rear a table with papers. The room is dominated by the stairs, and under the stairs the main object is almost lost to view: a footstool that seems to have the shape of a jaguar. Its almost hidden behind glass installations that show the form of sitting humans and a jaguar. Opposite the foot stool, on the wall, another quotation. This one is about the acquisition of the object by a collector at the beginning of the 20th century, and he describes his experiences in an Amazonian village which included a shamanic procedure to cure the sick at the village. Somehow, the footstool seems to have been involved in it?!  Did the shaman become a jaguar?

Suddenly another projection appears on the wall: a gigantic eye is looking at the spectators. What happened??? Someone is looking the painted jaguar at the wall right in the eye – and the eye of this person is being projected on a screen. It seems all very confusing when you describe it, but somehow the exposition is not dominated by all these interactive features, but manages to have a simple, white appearance, a calm room full of sounds, divided by white curtains with only one other object present: a large arrow is piercing through one of the curtains. These curtains create multiple spaces, blank spaces where you may have different experiences. This exhibition appears to come from another world.

Almost no objects, blurred paintings, only short quotations placed seemingly random(?) at the walls. What is happening here? When you sit down at the small table there are different cards with choreographic instructions on how to experience the room: take another position, move your body in certain ways to get a new vision of the exhibition and its experiences. If you take part in this experiment, you will find yourself in positions that are no part of regular exhibitions: you may be sitting under stairs or flailing your arms widely in one of the white sub-spaces. Borders become blurred, as blurred as the paintings and quotations. As blurred as the silhouettes of the humans and the jaguar on the glasses above the foot stool. In this room, everything is overlapping, NOT clearly defined.

Its an exhibition about time and space that dissolves our perception on the limits of body and mind, the ideas on human and animal, blurring borders acoustically and visually. You can feel what the quotations on the walls suggest: there is a fluid connection between human and animals. And the texts, the patterns, the painting of the jaguar show this, too. There are no clear limits between one and the other, everything flows. The person who looks the jaguar in the eye is looking at the others like a jaguar would do. And who looks at the projection sees the other in the eye of the jaguar.

If you accept to try the forms of perception, changes between a “normal” view of an exhibition to something completely different: you find yourself on the floor, in constant movement. The object itself, normally the sole focus of an exposition, becomes a mere detail; it is almost lost behind its meaning as the source of all these possible transformations. This object is so small, almost invisible. Some of us didn’t even notice it below the glass silhouettes. Its like an integral part of the exhibition, like the arrow or the sounds. We are going downstairs to another world, the “green hell” of Amazonia. We become a part of this world and experience what the foot stool signifies: a transformation of reality, of thinking.

This exposition has been one of the most impressing ones I saw in the last years, and a wonderful expalme of the innovative ideas that are being presented at the Humboldt Lab. AS before, I am looking forward for the new experiments at Humboldt Lab!

*I visited, experienced and analyzed this exhibition together with: Gabriele Pabstmann, Gregor Ahlmann, Nicola Janusch.

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