Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Art & Archaeology III: Das Große im Kleinen und die Fühlbarkeit des Vergangenen

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Sprache der Dinge: "Scherben" Museum der Dinge

Sprache der Dinge: “Scherben” Museum der Dinge

 

Heute der nächste Teil von “Kunst & Archäologie“. In letzter Zeit bin ich auf einige Ausstellungen gestoßen, die sich auf künstlerische Art mit dem Thema “Krieg” beschäftigen. Mit Archäologie hängen diese Ausstellungen meiner Meinung nach insofern zusammen dass sie den Krieg in einer Alltagssituation wieder “heraufbeschwören”, mit fragmentarischer materieller Kultur – ähnlich der die wir bei archäologischen Projekten finden und analysieren. Materielle Kultur als Erinnerungs- und Emotionsansatz, sozusagen.

Die Ausstellung “Scherben” im Museum der Dinge ist zunächst einmal eine der wechselnden Kunstinstallationen, die das Museum als Kontrapunkt und Gegensatz zur Dauerausstellung bietet. Hier möchte ich die Ausstellung aber noch einmal getrennt betrachten, denn auch außerhalb dieses Kontextes fand ich sie aus verschiedensten Gründen faszinierend.

Scherben” (hier ein Link zur Beschreibung im berliner Tagesspiegel) besteht aus verschiedenen runden und eckigen Tischen auf denen sorgsam mit Spots beleuchtete Scherben liegen – Fundstücke aus den berliner Trümmerbergen, die wir heute als Parks und Naherholungsgebiete kennen. In völliger Stille und dunklem Ambiente. Die beiden Künstler Sonya Schönberger und Christof Zwiener haben diese Stücke dort gesucht und gefunden und nun liegen sie hier: in Reihen auf Tischen, die wie Esstische wirken. Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen: einer Präsentation von vollständigen, aber verrosteten und kaputten Objekten wie Lampen oder Schreibmaschinen, im Verband mit einem Foto aus den späten 1940er Jahren: Menschen schauen sich Porzellangeschirr an, das in einem provisorischen Laden in einer Ruine verkauft wird.

Der zweite Teil besteht aus den genannten Scherben in Reih und Glied, deren ruhige, dunkle Präsentation in völliger Stille mich in den Bann zog. Während die vollständigen Objekte in einem hellen Kontext auf weißem Stoff wie ganz besondere, ausgewählte Dinge dargeboten werden und viel Licht auf sie fällt, sind die einzelnen Scherben auf den Tischen in ihrer Masse gefangen – gleichzeitig ist jede besonders, denn die Reihung gibt jeder ihren eigenen Platz. Es ihre Fragmentierung, die den Effekt des Fehlens hervorruft – als hätten hier Menschen Dinge verlassen. Die Präsentation auf Esstischen wirkt, als wäre das Geschirr nur zerschlagen worden, aber diese Dinge hatten einmal ein Heim. Sie gehörten zum Alltag, sie wurden vermutlich oft benutzt – jetzt sind sie nur noch Scherben.

Ganz ähnlich mit der Ausstellung “ausgegraben” von derkleinenfraubraun: auch hier werden Dinge, Objekte, Fragmente, als Stellvertreter der Ganzen angenommen. Ihre Berührbarkeit, ihre noch heute mögliche Zugänglichkeit und Erreichbarkeit machen das Fremde, Vergangene greifbar. So wie bei “Scherben” die Objekte von noch heute frei zugänglichen Arealen stammen, sind die Knöpfe von derkleinenfraubraun auf allen Flohmärkten such- und erwerbbar. Ganz im Unterschied zur Archäologie, deren Objekte, auch fragmentarisch, in den Museen und Archiven verschwinden, und deren Sammeln durch Nicht-Archäologen als negativ betrachtet wird  (hier ein wunderbarer Artikel von Jutta Zerres bei Archaeologik hierzu, oder auch ein recht frischer Artikel von Raimund Karl: “Unseres? Deins? Meins?”). Hier, in diesem Kontext der neueren und neuesten Geschichte, sind Archäologie und Emotion ganz öffentlich verbunden. Objekte sind zugänglich, sie stehen für Menschen, die uns selbst noch zeitlich nah stehen, deren Zeit wir zu kennen und zu verstehen glauben. Tun wir das wirklich?

Und genau hier liegt für mich eben doch der Bezug zur Archäologie. Zwar betrachten wir als Archäologen Scherben und Fragmente zunächst einmal als wissenschaftliche Objekte, die uns Informationen über Herstellung, Kontext, Nutzung geben können. Und Objekte mit mehren hundert oder gar tausend Jahren Alter betrachten wir anders als Scherben, die wir in einem Park finden können und deren Alter sicher nicht mehr als 50-60 Jahre beträgt. Warum eigentlich? Auch diese Frage stellt sich hier, ganz im Verbund mit Fragen zur Abgrenzung von Archäologie und Ethnologie. Wann ist etwas archäologisch? Wann ist es bewahrenswert? Wann ist es sammelnswert? Ab wann ist etwas “Wissenschaft”?

Aber was in der Archäologie sehr selten zum Zuge kommt und doch die Faszination unserer Arbeit ausmacht ist ja dieses: dass all diese Scherben aus den Grabungen und Begehungen eben AUCH von Menschen gemacht wurden. Ihr Kontext, soweit wir ihn erfahren können, macht sie zu Zeugen einer Epoche. Und genau das ist auch das Anliegen der Künstler: materielle Fragmente der Vergangenheit als Zeugen und Emotions-/ Denk-Trigger. Aber eben nicht nur das: sie stehen auch ganz konkret immer für Personen. Unbekannte, die sie hergestellt haben und deren Leben und Fühlen uns fremd ist und bleiben wird. Die schiere Masse der Objekte in den archäologischen Labors, v.a. bei Scherben oder Steinabschlägen, lässt uns das häufig vergessen. Wir denken an Analysen, Chemie, Alter, Dekoration, wir denken an unterliegende Symbolsysteme. Trotzdem sind sie von Menschen gemacht, die bei der Herstellung in einem Kontext lebten, der uns verborgen bleibt. Ihre Gedanken und Gefühle sind für uns nicht mehr nachvollziehbar.

Und: die Scherben, die wir als Archäologen bearbeiten, werden so gut wie nie ausgestellt. Warum eigentlich nicht? Archäologische Museen zeigen ganze Gefäße, nicht das Klein-Klein der Analyse. Bei “Scherben” und “ausgegraben” bekommen Fragmente eine Plattform, ein Gesicht, und ihre Fragmentierung zeigt vor allem eines: welche Masse von Objekten da aus der Vergangenheit auf uns kommt. Und wieviel Persönlichkeit diese Dinge und Fragmente besitzen. Die hier beschriebenen Ausstellungen öffnen die Augen für die Frage nach der Persönlichkeit der Dinge, nach ihrer Beziehung zu uns und nach unseren Gefühlen die mit diesen Dingen bewusst oder unbewusst verbunden sind. Genau das, was archäologische Materialien auch mit uns tun. Der Bezug zum Krieg macht es nur noch eindringlicher, weil Tod und Zerstörung, uns bekanntes Leid damit verbunden sind. Die Emotionen, die diese Stellvertreter-Dinge da aufwühlen sind dann noch eimal intensiver und machen den Blick noch schärfer für die fühlbare Relevanz der Dinge.

ENGLISH VERSION

Today the next part of „Art & Archaeology“ is due! In the last months I have encountered different expositions that have been artistically related to the theme of “war and remembrance” – the link to archaeology came through the connection to material culture and its representation in the fragments – as related to the fragmentary material culture encountered by archaeologists.

The exposition “Sherds” at the Museum of Things was one of the alternating artistic expositions that frame the permanent exposition of the museum and serve as a counterpoint and contrast to it. In this article I would like to regard this temporary exposition in its own regard, because it was fascinating on its own.

Shards“ (see the link to the exposition in a Berlin newspaper here) consisted of multiple tables, equipped with meticulously aligned spots that shine on the shards that have been laid out on the tables. Shards that come from the various “mountains of debris” (“Trümmerberge”) that can be found all over Berlin, dating from the late 1940ies and 1950ies when big parts of the city lied in ruins and all the detritus that couldn’t be used in any other way was transported away from the rebuilding areas to form real mountains in different parts of the central Berlin neighborhoods. Most of these mountains have now been converted into parks and are presently covered by woods and shrubs, and are used as recreation areas.

The artists Sonya Schönberger and Christoph Zwiener have walked these mountains, gathering shards and objects from the war time not unlike an archaeological survey. The exposition consists of two parts: one is the exhibition of broken fragments of china and ceramic, the other one is the presentation of still whole but completely corroded objects like lamps or typewriters. These objects are related to a photo behind them, showing people looking at china and everyday objects in a provisory shop that has been set up between ruins of buildings and mountains of debris.

The encountered fragments have been assembled on the tables at dark areas at the museum, and are presented in a quiet, peaceful way. The objects are lined up but not ordered in any recognizable way. The light resembles the warm shine of kitchen lamps, shining onto a family dinner table at a harmonious evening. And there they are: the fragments, presented in a formal, orderly way. They lay in the quiet light, silence surrounds them. The completed objects were presented on white linen, rather as jewels than like corroded waste, surrounded by a strong white light. The shards are quite the opposite: enclosed in their multitude, not one is able to stand out. And at the same time each one is unique because not one is like the other. It´s their fragmentation that creates an idea of absence: as if people had just left these tables and objects behind. The presentation on regular dining tables evokes thought of abandonment, too: china has been broken, but these plates and cups once had a home. They belonged to someone, they were used frequently – but now they are only fragments.

A similar exposition was presented at Gallery Kurt im Hirsch at Berlin-Prenzlauer Berg: „Excavated“ („Ausgegraben“) by diekleinefraubraun. Here, too, Things, Objects, Fragments, serve as representations of a whole. The artist shows photos of ordinary people, men, women, children, from the 1st and 2nd World War as well as from the war in former Jugoslavia in the 1990ies. These are combined with real buttons, the same as can be seen on the clothing of the people in the photos. The buttons are acquired on flee markets and serve as a possibility to touch the Past, feel it, make the alien, the Past tangible again. Just like „Shards“ they come from areas that are freely accesible today, they can be acquired or found everywhere with a bit of luck.

And that’s were the connection to archaeology chimes in: as archaeologists we see shards and fragments as scientific objects that can answer our questions on production, context, use. And objects that have 100 or even several 1000 years of antiquity are seen differently than objects that are just 50 or 60 years old. But why is that so? What´s the difference between these two groups of fragments? Which is the point when something gets “archaeological”? When is it worth collecting and preserving? When is something “scientific”?

Apart from these questions there is another point that seems to me worth mentioning: the fascination of archaeology with past objects. All the fragments encountered by us during survey, excavation or in the depots of museums have been made by men and women of the past. Their context, as far as its known to us, makes them a testimony of their time – and this is just the point that Schönberger and Zwiener are trying to get across, too: objects as reminders, objects as representants of past times, as emotional triggers.

In archaeology, objects found in archaeological investigations disappear into museum deposits and their collection by non-archaeologists is regards rather negatively by the scientific community (have a look at an excellent article by Jutta Zerres on this or in an interesting new article by Raimund Karl: “Ours? Yours? Mine? To whom do archaeological finds belong?” ). In the context of these expositions the scientific connection has been erased. The objects serve as emotional reminders, the represent people that we think we know – but do we know them? Is this not rather an idea that we entertain, instead of a real fact? World War II – this seems so near to us, just some 70 years away. But the fragments remind us that this time is also an alien period to us, just like the rather “alien” past of remote times.

And there is something quite intriguing to these objects: they are testimonies of their makers and users. They represent people that once touched these objects, unknown persons whose lives and work will always remain alien to us. The sheer mass of objects in the archaeological laboratory, especially when it comes to ceramics and lithics, makes us forget that they had a relation to actual people. We think of analysis, categories, chemistry, age, decoration. But they were made by persons that lived in a context that remains unknown to us.

And: the shards that we work on, are almost never on expositions. Museums show whole pots, not the pettiness of archaeological everyday work. In these expositions fragments are being shown in their own regard and their fragmentation represents the masses of things that are coming to us from a remote past. And the personality of these things. The expositions I wrote about open our eyes to questions on the personality of material things, their relation to us then and now and on our emotions that are related consciously or unconsciously with them. The objects or fragments presented in the exposition trigger questions and emotions that archaeological fragments do, too. It´s just the link to War that makes these fragments even more emotional and intriguing because we associate Death and Destruction with them, mirrored in the seemingly innocent everyday objects. The emotions that the contrast between the things and their context stirs up is even more intense and sharpen our view on the relevance of things.

Dank an Kleine Frau Braun für das Zur-Verfügung-Stellen der offiziellen Photos ihrer Ausstellung!

 

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