Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Slawenburg Raddusch sprachederdingeblog

Freiluftmuseum Slawenburg in Raddusch / Spreewald! – The Slavic Fort of Raddusch in the

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Als das Wetter noch gut war, waren wir mit dem Sohn im Spreewald. Auf der Suche nach Freiluftmuseen hatte dieses mich bestochen: kurze Anfahrt aus Berlin, direkt an einer Bahnstrecke, landschaftlich schön, man kann rundherum wandern und ein Hotel gibts auch. Also perfekte Voraussetzungen für ein verlängertes Wochenende inklusive Rumhängen im Freiluftmuseum. Und über die Slawen weiß ich ebenfalls nicht sehr viel – gerade mal eben dass sie in Brandenburg einwanderten als die Germanen weg waren. Wissensstand: die Pflichtvorlesung Eisenzeit vor 15 Jahren und der Besuch des Brandenburgischen Landesmuseums letztes Jahr. Also, nicht sehr viel.

Die Slawenburg in Raddusch: wiedererbaut nahe einem Kohletagebau, in dessen Umgebung sie ursprünglich lag und wo sie auch ausgegraben wurde. Dann mit Europäischen Fördergeldern wiedererrichtet und zwar so, dass sie einerseits Platz bietet für ein Museum der Archäologie der Lausitz sowie auch für Events, ein Restaurant und einen Museumsshop. Wie das geschafft wurde? Indem man den Innenraum des Ringwalles einfach höhlen-/tunnelartig baut! Die Konstruktion aus Beton & Stahl und den dazugehörigen originalen “Verputzmaterialien” aus Lehm, Holz & Flechtwerk bietet in ihrem Inneren einerseits einen riesigen runden Platz für Events aller Art, der bei unserem Besuch leer war. Im Inneren des Ringwalles dann das Museum, der Museumsshop und das Restaurant. Auf jeden Fall auch ganz großartig ist jedoch das Drumherum der Burg: eine riesige Fläche voller Gras, Wiese, mehreren kleinen Spielplätzen, Picknickmöglichkeiten im Gras und einem Zeit-Wanderpfad. Umgeben von einem sehr hohen Zaun und einem riesigen Tor wirkt es jedoch von außen ebenso burg-artig wie die Burg selbst.

Ich weiß nicht, wieviele Touristen hierhin kommen. Der Parkplatz deutet an: viele. Auch Busse. Die Burg liegt in direkter Nähe der Autobahn und wird auch überall für Autofahrer ausgesschildert. Fußgänger wie wir laufen die letzten 15 Minuten auf einer asphaltierten Zufahrtsstraße – ohne Fußweg, ohne Pfad. Das ist so mittelschön.

Nachdem wir die Tore durchschritten haben, laufen wir über Kiesweg zur Burg. Riesig erhebt sie sich in der Landscahft, wir haben sie schon aus mehreren hundert Metern Entfernung gesehen. Ein riesiges, rundes, erdfarbenes Ding in einer baumlosen Landschaft. Und natürtlich wollen wir zuerst mal ins Museum. Als wir eintreten empfängt uns vor allem Dunkelheit. Das ganze Museum ist ziemlich dunkel gehalten und beginnt mit einem Diorama von Slawen, die eine Burg bauen. Mit Dioramen habe ich eher Probleme, weil ich sie eher als beunruhigend empfinde, aber Kinder mögen sie ja generell ganz gerne. Lieber mochte ich schon das große Profil mit den verschiedenen Schichten, das aber von “nicht archäologischen” Besuchern meist niemanden anspricht, wenn nicht auch Objekte als “Eyecatcher” eingearbeitet sind.

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Dann geht es durch die Zeiten. Von den Jägern & Sammlern und ihren wenigen Hinterlassenschaften hin zu den Germanen, mit einem Ausflug ins Mittelalter. Was sich mir nicht ganz erschließt, ist die Aufteilung der Ausstellung. Sie beginnt mit dem Slawen-Diorama & einer computeranimierten Darstellung der Burgkonstruktion in ihren verschiedenen Phasen. Dann kommt jedoch das Mittelalter? Und erst dann beginnts mit der Altsteinzeit und schreitet zeitlich vorwärts? Dazwischen ein kleiner Ausflug zur Gründung der Fokuszentren brandenburgischer Archäologie “Zentrale Archäologische Orte“? Und noch ein kleiner Ausflug in die Braunkohlenarchäologie und warum und wann hier gegraben wurde? Äh, ja. Das war zwar für mich als Archäologin spannend, aber so mitten in der Ausstellung und unvermittelt habe ich niemanden gesehen, der sich das sonst angeschaut hätte.

=> Ganz generell möchte ich auch zwischenschieben dass zwar das Projekt Zentrale Archäologische Orte spannend klingt, aber auf der Website dazu wird leider überhaupt nicht klar, warum man als Nicht-Archäologe dahin gehen sollte. Die Texte klingen, als hätte sie ein Spezialist für die Lausitzer Kultur verfasst und wieso man das als Tourist besuchen sollte, wird gar nicht angesprochen. Dafür erfahren wir: “Ohne konkreten Hinweis und notwendige Erklärungen findet und erkennt aber kaum ein Laie diese, häufig in der Landschaft verborgenen, archäologischen Fundplätze.” Hm, naja. Die Slawenburg zumindest kann man ja auch als Laie ziemlich gut in der Landschaft erkennen. Und dass die letzte “Aktuelle Veranstaltung” vom Mai 2013 ist, ist auch nicht so toll. Danke fürs Zuhören. <=

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Nun gut. Ansonsten muss ich sagen, dass abgesehen von der leicht verwirrenden Ausstellungskonzeption ich die Darstellung an sich sehr schön fand. Sie war an vielen Stellen interaktiv, enthielt Elemente zum Ausruhen wie etwa Filme mit passenden Sitzgelegenheiten (leider keine Normalität in vielen Museen in denen man Filmchen stehend betrachten darf) und Überraschungsmomente wie etwa die in den Boden eingelassenen Grabkontexte mit Keramiken und Knochen oder kleine Videos in den Vitrinen. Und generell bin ich auch eine Freundin der Ausstellung von Funden in ihrer unübersichtlichen Menge wie etwa bei Keramiken am Ende der Ausstellung oder den ausgestellten Steinfunden, bei denen der Fokus darauf lag, die Entwicklung vom Rohmaterial hin zum fertigen Mikrolith zu zeigen. Die Masse der Dinge regt dazu an, sie mental irgendwie zu ordnen und zwingt einen zum Beschäftigen! Für Menschen, die sich mit dem Thema aber gar nicht auskennen (wovon man ja erst einmal ausgehen muss) ist der Aufbau wirklich verwirrend. Und ob der Sohn verstanden hat, dass hier verschiedene Themen und Zeiten besprochen werden, das möchte ich ganz stark bezweifeln.

 

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Nach dem Besuch des Museums endet man ja (wie meistens) im Museumsshop. In dfiesem Fall ein wirklich schöner, gut ausgestatteter Shop mit nem Haufen Kinder-Spielzeug genauso wie wissenschaftliche Publikationen, Steinzeit-Kochbüchern und Schmuck. Postkarten, Magneten und speziell für Raddusch hergestellte “Überraschungstüten” mit slawenzeitlichem Spielzeug zum Selberbauen. Wunderschön!

Was mich jedoch an der Burg immer wieder in Nachdenken stürzte war, dass die mediale Präsentation (Hinweistafeln an den Straßen, am Bahnhof, Internetauftritt, Karten, Magnete, etc.) sehr professionell gestaltet ist. Es ist sehr touristisch, teaser-artig. Ebenso wie die Burg selbst. Auf den Hinweistafeln erfährt man immer wieder, wer hier alles gefördert hat: die EU; das Landesdenkmalamt, etc. Immer wieder ist von Projekte, Weiterntwicklungen, Förderungen die Rede. Ganz viele große, großartige Worte. Dann aber fallen Dinge ins Auge wie die sehr leere Außenfläche – und man erfährt auf den Tafeln, dass hier ein Slawendorf wiedererstehen sollte, denn natürlich stand die Burg nicht so im luftleeren Raum. Da scheint aber seit Jahren nichts mehr gesehen zu sein! Oder die Zentralen Archäolgoischen Orte. Medial im Netz groß und schön aufgezogen – aber man sieht dann nichts davon. Das lässt eine Diskrepanz zwischen Vermittlung und Realität erwachsen. Ist hier die Förderung abgebrochen? Sind Dinge auf dem Weg (wie etwa hier bei transform )? Es wirkt so, als solle hier etwas werden – aber es wird gerade nichts. Als wäre man irgendwo auf der Mitte steckengeblieben. Ein schönes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Wort & Realität ist etwa der (übrigens sehr hübsche!) Spielplatz auf dem Außengelände der Burg. Zitat der Homepage: “Ein großer Spielplatz greift das Thema „Burgenbau“ auf – ein monumentaler Stier, das Wappentier der Niederlausitz, zieht einen Eichenstamm zur Burg. Wagen verlieren ihre Räder, welche als originelle Spielelemente weiter genutzt werden.” Der Spielplatz ist eigentlich eher klein, und dass er thematisch zur Burg passt, geht völlig verloren da nirgendwo vor Ort darüber informiert wird. Aber im Netz klingts erstmal großartig!

Diese Diskrepanz ist typisch für den Auftritt der Burg & der hier angekündigten Porjekte und der Realität vor Ort (wobei der Besuch wirklich schön war! Nur wurde medial irgendwie viel mehr Erwartung geweckt als dann gestillt werden konnte). Vielleicht bin ich auch zu sehr Wissenschaftlerin und habe einen Blick für die Projektentwürfe mit vielen vielen Teasern und Vesprechungen und dann auf die reelle Einlösung des Ganzen, das ja oft an der Realität der Forschungssituation vor Ort scheitert. Oder an der Finanzierung. Oder einfach an der Zeit.

ENGLISH VERSION

When the weather was still fine, we went tot he Spreewald with our 7-year-old. Looking for open-air-museums had got me to the Slavic fort of Raddusch, about an hour in train from Berlin. And I don’t know anything about the archaeological Slavs, well, if we don’t count my introductory course in German Prehistory about 15 years ago. I knew that they went into Brandenburg County when the Germanic tribes moved out during the Migration period, but that was that. So my knowledge was limited.

The Slavic Fort at Raddusch has been re-erected near an abandoned surface mining where it was originally located and excavated in the 1990ies. It has been re-erected with money from the European Union and offers space for a museum of the Archaeology of Lusatia as well as for events, a restaurant and a gift shop. How did they do this? Just be tunneling the circular earthwork that is the exterior of the fort. And the tunnel provides space for every one of these diverse uses. The hill fort is done in Steel and clad in clay and brushes, giving it an appearance that may be near to the original fort. Inside the ring wall there´s an immense open space, used in the original fort as a place for storage in times of need and war, together with a well for access to drinking water. And the surroundings of the fort offer wide grassy spaces with opportunities to rest, have a pick nick, playgrounds and more information on the place and its development in prehistoric times. All of this is surrounded by a massive fence and a gate, giving the whole area a rather fort-like appearance.

I don’t know how many tourists get there in an average day. The parking lot suggests that there may be many of them. The fort is very near to a highway and there are signs everywhere announcing the Slavic Fort. As we got there on foot, we had to walk the last 15 minutes on an asphalted access road without any implements for a pedestrian which was rather unattractive.

Once past the enormous gate, we walk on a sandy path up to the fort. It´s enormous and has been visible for the last 20 minutes of our walk outside. It loomed in the distance – a gigantic, earth-colored circular building in a tree-less landscape. Once we got there, we wanted to have a look at the museum first and got inside. It´s dark. The whole of the museum is rather dark – that’s because it´s inside the earthwork and because the exhibition works with this darkness. Right at the beginning, there´s a diorama of Slavic people constructing the fort and a big excavation profile with various meters of length, showing the findings at the dig. But that’s something that only seems to appeal to me but to nobody else. It´s not an eye-catcher for anybody without an archaeological background.

After we passed the profile, we dive into the times. From hunters & gatherers up to the Germanic tribes, with a little sidekick in the Middle Ages. What I didn’t understand was the disposition of the exhibition. It begins with a Slavic diorama, and then you get something on the Middle Ages and than back to the Paleolithic. Right in the middle, there´s an excursion on the foundation for “centers of Brandenburg archaeology” (“Central Places”). Than there´s an excursion in the archaeology of open mining with information on when why and where there were digs in this region. Okay….that MAY be of interest to me as an archaeologist, but in this exposition and without connection to the surrounding objects, I didn’t see anybody else having a look at it.

Besides, I would like to mention that the project on “Central Archaeological Places” sounds quite interesting. But the website doesn’t mention why I should visit them if I’m not an archaeologist with a more or less instilled interest for archaeological sites. The texts are like something a specialist in his/her study would write for a scientific public and why should visit it as a tourist doesn’t even get mentioned. On the other hand, the side tells us: “Without any concrete clues and necessary explanations a layman will certainly not be able to trace these hidden archaeological sites in the landscape” (translation mine). Well, ok, at least for the Slavic fort that’s not true, looming like a giant in space. And its also not very inspiring that the last event regarding these “Central Archaeological Places” was at May 2013. But that’s another topic.

Let´s get back to the Fort. Aside from the eclectic disposition of the objects, I liked the museum because it provided diverse forms of presentation of the items: there where places to rest and watch a film, there were objects immersed in the ground that can be seen through glass – spectacular especially for grave contexts complete with ceramics and bones. And there were little videos in the showcases, showing how objects looked in their original contexts or how they were worn or used. And I generally like the exposition of a lot of artifacts in one sole showcase, be it stone implements or pots. Especially the lithics were making you think a lot because they were ordered from raw materials up to complete microliths and other instruments. But for people not accustomed to these presentations and ways of thinking, the exposition seems rather difficult. And I doubt very much that our son understood something about this presentation at all.

After our visit tot he museum we went tot he gift shop. That was a really nice experience with a lot of lovingly selected gadgets, books, scientific publications and jewelry. My favorite were the paper bags with DIY-toys from the Slavic age!

But what made me think a lot was the media presentation of the fort. There were road signs, gigantic photos at the train station, a homepage, cards and so on, which had been designed extremely professional. Its very touristic, like a teaser. And the same applies to the fort itself. You get constant information on who and when the project oft he hill fort had been funded: by the European Union, the German state, you are constantly reminded that there will be ramifications of the current fort into a bigger, more expanded version of it. But when you have a closer look you notice that the empty space around the fort is thought to have a reconstruction of the Slavic village that once surrounded it – and nothing has been done on it. The Central Archaeological Places are being presented spectacularly at the WWW – but there´s nothing real about it. There´s a difference between presentation and reality. Is there no funding anymore? Were there other problems? Are things under way (like on this page at transform)? It seems that there are things to come – but they weren’t realized yet. Like if something got stucked in the middle of nowhere.

There have been expectations created by the media before visiting – and they couldn’t be entirely satisfied with the actual visit. Maybe I think too much as a scientific here, and have developed a sensibility for projects that are being grandly announced but not entirely realized. Maybe that’s due to financiation. Or to the current political situation. I don’t know, but it left me with a rather strange feeling about the Slavic Fort of Raddusch.

 

2 thoughts on “Freiluftmuseum Slawenburg in Raddusch / Spreewald! – The Slavic Fort of Raddusch in the

  1. Sehr schöner Bericht. Wenn es nicht so weit wäre könnte man Lust bekommen, sich die Burg einmal selbst anzuschauen.

    • Ja, das könnte ich empfehlen! Und zusammen mit einem mehrtägigen Aufenthalt eigentlich kein Problem. Wir waren einen Tag auf der Burg und die anderen eben im Spreewald unterwegs. Allerdings: es ist wie gesagt vieles schön & durchdacht, anderes wirkt in der Selbstpräsentation großartig, vor Ort jedoch etwas dürftig & isoliert.

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