Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Nimrud zerstört – “ein Verlust für die Archäologen”

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Dass der IS mit archäologischen Funden Geld verdient und im illegalen Antikenhandel unterwegs ist, ist mittlerweile weithin bekannt. Auch was das für Auswirkungen auf die Archäologie und das Kulturerbe hat, ist sowohl von Zeitungen als auch von Bloggern immer wieder gesagt worden. Im deutschen Netz vor allem von Archäologik (hier alle Einträge mit dem Label “Irak”), im englischsprachigen zeigt mir mein Reader immer wieder die Beiträge von Conflict Antiquities. Ich wollte dazu bislang nicht Stellung nehmen, da der Antikenhandel ein sehr sehr komplexes Thema ist. Vor wenigen Tagen dann die Nachricht über die Zerstörung von Kulturgut im Museum. Darüber konnte ich nicht schreiben, weil mir von der dogmatischen Verbohrtheit von Fanatikern aller Art einfach nur körperlich übel wird.

Und nun das: Nimrud soll planiert worden sein. Diese Nachricht verlangt für mich nach einem Schnaps und einer Zigarette um den Schock zu überwinden. Es ging durch alle Medien und auch meine Facebook-Timeline war voll davon. Unter anderem schickte mir das Deutsche Archäologische Institut einen Link zur Stellungnahme von Margarete van Ess zu diesem Thema. Dieser wurde im ZDF heutejournal am 6.3.15 publiziert und ist hier noch abrufbar (Suche mit: Datum 6.3.15, “IS zerstört antike Stadt Nimrud”).

Wörtlich sagt Frau van Ess: “Die Zerstörung dieser Königsresidenz ist, wenn sie vollständig ist, ein absolut unwiederbringlicher Verlust für die Archäologie. Dieser Ort war wirklich sehr reich ausgestattet, sehr großzügig gebaut was die Architektur (…) angeht. Für uns Archäologen ist das wirklich ein fürchterlicher Verlust.

Ich weiß nicht, ob das ZDF das Interview mit Frau van Ess sehr verkürzt wiedergegeben hat. Sollte der Beitrag des ZDF um genau einen entscheidenden Teil gekürzt worden sein, wäre das sehr schade und eine Aussage in sich.

Aber die Aussage, dass die Zerstörung von Nimrud ein Verlust für die Archäologen und die Archäologie sei, geht so völlig am Punkt vorbei, dass es mich schmerzt. Fundorte sind nicht für Archäologen geschaffen, sie bilden einen Teil der Menschheitsgeschichte und sind daher für alle von uns wichtig. Genau das gibt ihnen auch ihren Stellenwert und fordert den öffentlichen Aufschrei angesichts ihrer Zerstörung ja heraus. Der IS nutzt die öffentliche Zerstörung von Kulturgütern um seine Widersacher herauszufordern. Menschheitsgeschichte als Geisel – nicht mehr und nicht weniger als noch eine weitere “westliche Geisel”, die man köpfen und nach Belieben foltern kann. Nimrud bietet sich an, weil es auch noch groß und “reich ausgestattet” (M. van Ess, s.o.) ist – das gibt mehr Punkte auf der Aufmerksamkeitsskala. Dass die Zerstörung von Nimrud für Archäologen eine Katastrophe ist, ist völlig klar.

Es ist aber nur ein winziger Teil dessen was diese Zerstörung impliziert: die Vernichtung eines Teiles der Menschheitsgeschichte, die nicht in das Weltbild von Dogmatikern passt. Warum Frau van Ess, die in anderen, sehr ausführlichen Portraits der Printmedien durchaus als Vermittlerin zwischen Wissenschaft und Gesellschaft dargestellt wird (etwa hier), in diesem wichtigen Interview sich nicht klar äußert ist mir absolut schleierhaft. Interviewed vom Heute-Journal wird etwa auch ein namenloser Mann auf der Straße in einer irakischen Stadt: “Antiquitäten sind nicht nur für Iraker sondern für die ganze Menschheit. (…) Das ist ein Verbrechen an der Menschheit.

Diese Aussage hat das Hauptsächliche absolut erfasst. Hier geht es nicht um die Archäologen und ihre Wissenschaft. Hier geht es um unser aller kulturelles Erbe und die Möglichkeit, eine Facette der Vergangenheit bestehen zu lassen. Egal, wie man sie interpretiert, der Respekt gegenüber der Menschheit zwingt uns, sie allen offenzuhalten.

Diese Aussage würde ich mir in aller Deutlichkeit von Archäologen wünschen, die in der Öffentlichkeit eine Stimme haben. Deren Stimme mit Gewicht von den Medien gesucht, angefragt und veröffentlicht wird und die Tausende erreichen. Der Beitrag von Frau van Ess, den das DAI zudem auch noch über Facebook weiterverbreitet als wäre er eine Trophäe, gehört leider nicht dazu.

 

 

 

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