Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Frauen ohne Namen – Women without a name: WOMEN TO GO by Mathilde per Hejne.

Leave a comment

IMG_1622

Bei meinem letzten Besuch im Berliner Palais Populaire (das ich schon vorher liebte, als es noch nicht das Palais war, aber vor Jahren eine umwerfende Ausstellung von Rachel Whiteread brachte, die mich absolut umgehauen hat und Teile meines Denkens echt revolutionierte) standen da diese Postkartenständer unter der Rotunde. Schöne Fotos, wie ich sie ja eh ansprechend finde: Porträts von Frauen des 19. Jahrhunderts, irgendwo zwischen 1850 und 1910. Vor allem Europäerinnen, aber auch Asiatinnen und Afro/Amerikanerinnen. Cool – ich liebe diese Fotografien, weil ich bei solchen Bildern automatisch ins Denken komme  und mir die Frauen dahinter vorstelle. Ihr Leben und ihre Geschichte. Also ging ich ran und schaute mal nach was das so für Frauen waren – und fand auf der Rückseite längere Biografien mit Namen und Daten. Erst bei der dritten Karte fiel mir auf, dass der Name und die Geschichte irgendwie nicht ganz zum Foto passen konnte – es bildete offensichtlich eine europäischstämmige Frau um 1890 ab – die Geschichte hinten erzählte mir das Leben einer Dakotafrau um 1890. Äh – Moment.

Ich entdeckte, dass das tatsächlich Prinzip hatte und dass alle Postkarten genauso gehalten waren – die Fotografien waren ausschließlich anonyme Frauen ohne Namen und die Biografien auf der Rückseite gehörten explizit NICHT zu den Gesichtern vorne. Frauen ohne Namen sind aus bekannten Gründen in der Geschichte mehr als häufig vertreten und noch öfter hört & kennt man nichts bis wenig von ihnen – das fällt mir nicht nur auf, wenn ich zwar für meinen Großvater die Akten im Wehrmachtsarchiv einsehen könnte, die Ereignisse, die meine Großmutter mit Kleinkind im Bombenhagel der deutschen Großstadt in der sie lebte, hatte, aber nicht mehr nachvollziehbar sind. Sie sind einfach verschwunden. Frauen fallen aus dem Raster, egal wie sehr uns mittlerweile bekannt ist, dass Frauen eben die andere Hälfte der Menschheit sind und auch die Wissenschaft weiß und kommuniziert, dass alles was uns Geschieht nur uns ALLEN geschieht, unter Hilfe von uns ALLEN – nicht aber nur einer Hälfte der Menschheit. Wir haben nicht überlebt, weil die Männer jagten, sondern weil Männer und Frauen Essen heranschafften – auf ihre Weise. Aber offensichtlich setzt sich das nur langsam durch, zumindest fühlt sich das in meinen, mittlerweile sehr frauenrechtlich angehauchten, Kreisen so an.

Was hat die namenlosen Frauen umgetrieben? Wie fühlten sie sich zu Zeiten von rasanter Entwicklung, gesellschaftlichen Umbrüchen, der Zeit der Kämpfe um Frauen- und Bürgerrechte? Sie haben Fotos von sich machen lassen und schauen uns irgendwie ernst und manchmal kraftvoll, manchmal auch irgendwie siegesgewiss an. Sicher interpretiere ich ganz ganz viel. Aber ich denke, sie waren nicht so unterschiedlich von uns wie uns die Mode glauben macht. Sie haben genauso geschuftet, gelitten und geliebt. Und manchmal marschierten sie in ein Fotostudio und ließen sich porträtieren. Manchmal kam ein Fotograf in ihre Gegend und sie posierten. Auf der Straße oder im Studio. Wollten sie das? Bekamen sie Geld dafür? Wars freiwillig? Was ist mit der offensichtlich posierenden Frau auf dem Sofa mit Buch? Was mit der voll verschleierten anonymen Frau aus Kairo? Was hat sie bewegt und was hat sie  bewogen, das Foto machen zu lassen bzw. es zuzulassen dass man sie fotografiert?

Die Geschichten auf der Rückseite reden von allen möglichen Frauen. Wahlrechtlerinnen, Lehrerinnen, Künstlerinnen, Frauen, die irgendwie anders lebten als gemeingesellschaftlich vorgesehen. Auch Frauen, die damals eher unkonventionell lebten, müssen ja nicht unbedingt krasse Sufragetten gewesen sein – wenn ich eins aus meinen Forschungen zu den frühen Archäologinnen gelernt habe, dann das. Die Welt ist nicht schwarz / weiß – sie ist alles das und alles dazwischen. Auch Frauen, die aus heutiger Sicht zu den Kämpferinnen gehörten, die die ersten in ihren Studiengängen waren und alleine lebten, sich gesellschaftlichen Idealen widersetzten, hatten zT sehr negative Meinungen von Frauen, die sich ihrerseits für die Frauenrechte einsetzten und endeten am Ende sehr schnell in Heiraten und Familie. Einige der Biografien auf den Postkarten enden tragisch, wenn die Protagonistinnen sich töten oder “für die Sache” sterben – alle aber sind sehr öffentlich ein Stück weiter gegangen als üblich. Alle standen daher im Licht und die Frauen auf der Vorderseite der Karten nicht. Sie sind für immer “anonyme Frau, ca 1908-1910”. Aber das sind sie eben doch irgendwie nicht . Durch ihre Fotos sind sie immer noch da. Sie können immer noch inspirieren. Und vielleicht ist es mit uns ja genauso. Auch wenn wir nur ganz kleine Schritte tun, sind wir immer noch sichtbar, immer noch Teil eines Ganzen, immer noch auf dem Weg in eine andere Zukunft. Wir sollten nur unsere Schritte sorgfältig setzen. Und immer sichtbarer werden und uns nicht mehr den Mund verbieten lassen. Wenn es sein muss, dann eben stumm auf einem Foto.

Erst durch einen Freund und Recherche konnte ich rausfinden, von wem die Intervention stammt, denn auf der Seite des Palais Populaire konnte ich sie im Nachhinein gar nicht finden. Es ist Mathilde ter Heijne, die an dieser seit 2005 laufenden Intervention arbeitet.

ENGLISH VERSION

At my last visit at the Palais Populaire in Berlin (that I loved even before it became the Palais Populaire because they starred an absolutely mind-whipping exhibition of Rachel Whitehead some years ago), there were these postcards on display at a corner outside the exhibitions. Postcards with 19th century women photographs on them . I love these type of photos and I certainly went there to have a good look at them because they were so many! Women between the years of 1850 – 1910, european women, asian women, aforamerican women. These pictures have me thinking all the time about the persons behind them, I imagine who they were, why they got photographed and what their life may have been like. When I had a better look at them I discovered that they had biographies at the back of the cards – and started to read. It wasn’t until the third postcard that I realized that something was not quite matching…. the photo was of a certainly european woman, but the biography told the story of a Lakota woman. OK – wait.

I discovered that this was not a mistake but the very idea of the photos – they matched one woman with the biography of another completely different one. The photographs were all of anonymous women and the biographies told the stories of others, that had a name, but no photo to match.

Women without names are so often mentioned in passing in History and there are so many cases where we don’t know anything about them, their lives and thoughts. Thats the case for my grandparents – I could look up all the details of may grandfathers involvement in the Wehrmacht-Archives but not the struggles of my grandmother surviving with a toddler in a bomb strewn german city around 1943. These women are practically lost from history – even though we know that one half of mankind are women. Science knows and communicates this fact and also the fact that we are ALL needed for the survival of mankind – but still, women oftentimes fall from all the archives and are not noted.

What moved these nameless women? How did they feel in these times of extremely quick changes that was the 19th century? They had their photos taken and look at us as if defying us. Earnestly, powerful, sometimes as if knowing that they will succeed. I´m surely interpreting much, but they were not so different form us as fashion would make you believe. They toiled as we did, love and lived and sometimes they went to a photo studio to have their portrait taken. Sometimes a photograph came to their area and took photos of them in the street. Did the consent to this? Did they get money for it? What about the woman in veils from Kairo? What about the barely clad woman at the sofa? What did they think when this picture was taken?

The stories at the back tell the lives of women who made a difference in their field of life. Teachers, artists, suffragettes, Lakota woman warriors. Women that lived unconventionally in their times, that overstepped the bounds. But even women that may seem to US unconventional for their times must not have been all extrem women rightists. If I know one thing from my studies on the early female archeologists, its that they, too, had heated opinions about suffragettes and women rightists. The world is never black/white, it is all shades in between as well. Women who were the first to get an Ph.D. in their universities could be absolutely opposed to women rights and went off to marrying and family as soon as possible – never to come back in science, whatever their struggle for university had been before.

Some of the stories at the back end tragically, the women dying  – but everyone of them has gone a little bit farther then usual. All of them have been in the public light at some point – whereas the women at the photos stay completely anonymous, without giving away anything about their lives. They are, forever, “woman anonymous, ca. 1908 – 1910”. But they are, at the same time, not lost to us. They stay with us through their photos, they still have the power to inspire.

And maybe its the same with us. Even if its small steps at a time, we are still visible, still part of the greater family, part of a future. But we should take our steps carefully, be a little bit more visible every day. Never be silenced – if its necessary speaking through a photograph.

With some research and the help of a friend I discovered that the name of the artist is Mathilde ter Heijne and this ongoing intervention is called WOMAN TO GO – it wasn’t even announced at the homepage of the Palais Populaire. Check out her homepage its really worth the while!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s