Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Das Kykladische Museum in Athen / The Cycladic Museum at Athens

Cycladic Museum Athens sprachederdingeblog

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Athen im Mai 2015 beinhaltete mehrere Tage voller Museen. Und dann nochmal Museen, und dann noch mehr und noch die Fundorte. Ach, und Museen! Wenn an jeder Ecke ein Fundort liegt, bleiben dutzende Museumsbesuche nicht aus.

Das Kykladische Museum  (hier der kurze deutsche Wikipedia-Eintrag dazu) war jedoch ein besonderer Fall, denn dieses Museum basiert nicht auf einem Fundort in oder um Athen, sondern auf dem Inhalt verschiedener privater Sammlungen, die sich unter dem Dach des Kykladischen Museums zusammengeschlossen und durch weitere Ankäufe seit der Gründung in den 1980er Jahren vergrößert haben. Auch der Name ist etwas irreführend, denn es geht nicht um die Kykladischen Kulturen, sondern nur teilweise um diese und dann um das gesamte archaische und klassische Griechenland, bis etwa in die römische Zeit.

Generell: dieses Museum hat vier Stockwerke, voll mit Objekten. und was sofort auffällt: alle Stockwerke sind in einer durchgehend durchdachten Art & Weise eingerichtet und doch hat jedes Stockwerk seinen eigenen Charakter. Gleich im ersten Stock geht es um die Dinge, die dem Museum seinen Namen gaben: die Kykladische Kultur. Wunderbare Statuen, Keramiken und andere Objekte werden in einer sehr zurückgenommenen, dunkel gehaltenen und eleganten Art & Weise präsentiert, es gibt viel Platz um den Objekten nahe zu kommen, sie zu betrachten und die Information zu verarbeiten.

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Das zweite Stockwerk ist den Archaischen Kulturen Griechenlands gewidmet, das dritte der Bronzezeit und das oberste schließlich der Klassischen Periode – dem, was wir heute häufig als “typisch griechisch/klassisch” erkennen. Jedes Stockwerk ist farblich durchdesigned und v.a. Stockwerk 3 und 4 haben relativ viele technische Zusatz”spiel”möglichkeiten im Programm: Videos, interaktive Bildschirme. Gerade das oberste Stockwerk war zudem so gestaltet, dass hier Objekte und Abbildungen von Vasen oder Reenactment-Fotos sich ergänzen. Dies macht viele Objekte verständlicher, und Videos und Fotos machen das Ganze dann noch plastischer. Allerdings ist hier den Machern doch manchmal etwas die Hand ausgerutscht, denn wenn die Infotafeln gut gemacht sind und weder zuviel noch zuwenig Information hergeben, wurde offensichtlich alles andere in die elektronischen Medien gesteckt, sodass selbst gestandene Mittelmeer-Archäologen an meiner Seite nicht recht wussten, wie sie mit soviel Information umgehen sollten. Interaktive Tafeln für Kinder, die den Mittelmeerverkehr mit Schiffen zeigten, waren zwar auf griechisch und englisch gestaltet, hatten dann aber soviel einander überlagernde Informationen, dass wir nicht mehr wussten, wer wie wohin segelte, warum und was “unser” Schiff gerade anstellte.

Wer, wie ich, wenig Ahnung von archaischer und / oder klassischer Antike in Griechenland hat, lernt hier viel und die zurückgenommene Darstellung der Objekte, und das Herausheben einzelner Objekte in wunderbar ausgeleuchteten Vitrinen  macht es auch zu einem ästhetischen Erlebnis. Die verschiedenen Ausstellungsdesigns der einzelnen Etagen heben die einzelnen Perioden voneinander ab, und ermöglichen es dem Besucher, sich durch eine doch erhebliche Masse von Objekten zu bewegen ohne zu ermüden. Neue Anreize fürs Auge und das Hirn beugen Erschöpfung vor, gleichzeitig sind alle Stockwerke aber immer noch so zurückgenommen im Design, dass man sich trotzdem wohl und nicht überfrachtet fühlt.

Insgesamt war dieses Erlebnis eine sehr relaxte Angelegenheit, wobei die elegante Ausstattung und die zurückgenommene Darstellung einen großen Einfluss hatten. Leider hatte ich dann doch einige Zweifel bezüglich der Herkunft der Objekte, die, wie in vielen anderen Museen in Athen, nie angesprochen wird. Das ist mir ein Rätsel, denn offenes Umgehen mit diesen schwierigen Themen wäre eigentlich angebracht? Hier wird “Herkunft” einfach herausgenommen. Die Objekte stehen im Vordergrund, so wie es auch die Ausstellungsoptik vormacht. Fundgeschichte – inexistent.

Problematiken wie Looting etc werden ausgespart, der Besucher mit schönen Objekten “bombardiert”. Ein offensiverer Umgang mit diesem schwierigem Thema wäre traumhaft, so muss man sich mit einem wunderschönen, durchdesignten Museum begnügen, dass ganz auf die Schönheit des Objekts setzt.

ENGLISH VERSION

Athens in May 2015 consisted mainly in visiting museums. Day after day, I went to other museums, to site museums, archeological sites and the like. Oh, and  – museums! Did I mention the museums?

The Cycladic Museum (see the brief wikipedia entry here) was a special case as this museum is not (even in a broader sense) a site museum, but is based on the contents of different private archaeological collection, that have been united under the roof of the Cycladic Museum, being increased through acquisitions from the 1980s onwards. Even the name is somewhat misleading, as this museum does no ONLY present cycladic art (although it does) but presents objects from all over classical and archaic Greece up to the Roman Period.

This museums has four storeys, full of objects, and even more objects and what comes to mind immediately is: these storeys have been meticulously designed so that each one of them has its own character. The first storey is about the Art that gave the museum its name: Cycladic Art and Cycladic Culture. Wonderful statues, ceramics and other objects are presented in such an elegant way, relaying on dark colors and spotlights, that one is tempted to approach each object as a treasure. There is much space to have a look of each of the objects, to read and pass time with each of the statues and pots.

 

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The second story is dedicated to the archaic cultures of Greece, the third to the Bronze Age and the fourth and last one to the “classical Greece”, things that even non-archaeologist would recognize as “typically greek”. Each story follows its own color code, and story 3 and 4 present a lot of technical gimmicks: videos and interactive screens. And it was the froth story that presented in addition a presentation where vases and photos of greek vase painting intertwined with photos and videos that depict the scenes from the pottery with actual people. In this way, vases and reenactment intertwine and complement each other – a feature that I liked very much, but my companions found rather dreadful. Unfortunately, the implementation of interactive elements went a little bit far, because information was so overcrowded in these features, that I was unable to follow any of the bits of information found. Even knowledgable colleagues didn’t know how to use these features meaningfully. And besides: most of the interactive features were designed for children, not even for adults. So, if I feel overcrowded with detailed information on the mediterranean shipping traffic in the Bronze Age, than a child of say 6-8 years would be as well, trust me.

People like me, with a limited knowledge on archaic and classical Greece learn a lot due to the presentation of information next to the objects, and the perfect design of the museum makes a visit an aesthetic experience as well. The different exhibition designs create different atmospheres  and the visitor is able to move through a LOT of objects without feeling to overwhelmed. New stimulation for the eye and the mind prevent exhaustion facing dozens and dozens of pots, armours, textiles, stone objects. But even so, each story is at the same time presented in a rather withdrawn way so as not to overpower the visitor.

Generally speaking, this experience was a really relaxed visit to a great museum. But there is a dark side as well. I had rather serious doubts about the provenience of the objects, a fact that is not faced in any Athenean museum. IN the Cycladic Museum, with its roots and history in private collections, this problems seemed even more pressing. I couldn’t understand why this topic is not faced anywhere in the museum, not even in a minuscule information. “Provenience” is not a topic. Full stop. The objects are in the foreground, beautifully presented and cherished. The objects history – inexistent.

So in the end, the visitor is “bombarded” with a most exquisite and beautiful presentation of beautiful objects. But an offensive handling of such a difficult topic would have been great. As it is, we have to content ourselves with a beautifully designed museum, which is putting all its weight on the beauty of objects without a history.

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Geschichte schmecken? Historisches Kochen. / Savouring History? Historical Cooking.

Heute mal “leichte Kost“! Essen & Trinken im historischen Kontext sind eine hübsche Sache und stehen ganz im Sinne der “Zeitreisen” und Living History. Auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt ist, bringen fremde, “vergangene” Geschmackserlebnisse auch einen ganz kleinen Einblick ins Vergangene. Vor allem wenn man versucht, sie mit den “halbwegs” originalen Zutaten, Zubereitungsarten und Utensilien hinzukriegen. Wer das nicht kann oder möchte und einfach zuhause kocht, kriegt immerhin einen Einblick in die Alltagsgeschichte einer bestimmten Epoche -zumindest dann, wenn er ein ordentliches Kochbuch benutzt und nicht einfach “Paläo-Diät” bei Google eingibt.

FOTO PALÄO

Als multi-sensorisches Erlebnis bietet Essen ganz verschiedene Zugänge: vom Schmecken, Sehen, Hören hin zum Riechen und Anfassen/Tasten. Hier hat sich die Gastrosophie als neuer Untersuchungszweig entwickelt, der all diese sensorischen Aspekte zzgl. der ganzen kulturwissenschaftlichen, archäologischen und ernährungstheoretischen Details abdeckt. Und über die Macht von diversen Gerichten auf unsere Erinnerung muss ich seit Proust ja wohl nix mehr sagen…  Living History & Kochen – auf jeden Fall ist das ein Thema, das nicht allzuviel Vorbereitung braucht und daher vielen Menschen offenstehen kann, auch solchen die sich jetzt nicht ständig oder in größerem Zeitrahmen mit Vergangenheit beschäftigen.

Da gibt es zum Beispiel große Foren in Großbritannien, die sich mit dem passenden Zubereiten von Essen bei Living History befassen: Living history: Eating in the 19th century und Foren in Großbritannien zum Thema Living History / Food & Drink oder Seite auf Deutsch, auf denen der Kochprozess lange & ausführlich dargestellt wird. Der Blog Silvretta schreibt über keltischen Urkäse…( hier bei: Silvretta ) und überhaupt gehört Essen & Trinken zu einer richtigen Zeitreise irgendwie dazu, wie z.B. M. Fenske in ihrem Artikel “Abenteuer Geschichte: Zeitreisen in der Spätmoderne” darstellt.

In den letzten Jahren, nein, eigentlich seit dem Abitur als das Lateinbuch auch das Rezept für Garum und Würstchen mit Honig (kann das wirklich sein?????) enthielt, seitdem habe ich mich hin und wieder mit historischem Kochen beschäftigt – mein letztes sehr konkretes Zusammentreffen damit war beim Familientag in der Arche Nebra, dort mit “Bronzezeitlichem Essen” aus Linsen, Erbsen, Stockbrot & Würstchen oder auf dem “Zeitwanderweg” der Slawenburg Raddusch, der unter anderem auch die Kulturpflanzen vom Neolithikum bis in die Eisenzeit “in freier Wildbahn” zeigte.

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

Und da ich neben Archäologie & Arbeit auch gerne koche, habe ich mir öfter Gedanken darüber gemacht, wie die Gerichte wohl aussahen, die man zu verschiedenen Zeiten dargebracht bekam. Während des Studiums war es dieses Buch von Jens Lüning, das mir eine neue Ideenwelt eröffnete mit seinen Aufzählungen verfügbarer Obst-, Gemüse – & Getreidesorten im Neolithikum Mitteleuropas. Während der Feldarbeit in den Südanden gehörte es für mich immer auch dazu, Essen aufzuspüren, das so oder ähnlich auch in vorspanischer Zeit gegessen worden sein mag. Als Heimat von Kartoffeln (auch gerne als Trockenkartoffeln), Mais, Kürbis & Ananas, Chili & Erdnüssen, Quinoa & Amaranth sowie der immer noch üblichen Zubereitung von Trockenfleisch und -fisch sowie dem gelegentlichen Auftauchen essbarer Ton-Sorten (hier nachlesbar bei Browman & Gundersen) kommt da so einiges infrage, von dem man manches etwa hier einsehen kann: Fixaufdentisch.de Überhaupt ist das Auseinanderdividieren der vor der Entdeckung Amerikas verfügbaren Esswaren in Europa durchaus spannend, wenn man sich wenig oder gar nicht damit beschäftigt. Hirse? Linsen? Äpfel? (Fasizinierende Leküre hierzu: 1493 von Charles C. Mann). http://en.wikipedia.org/wiki/1493:_Uncovering_the_New_World_Columbus_Created

Es ist ein spannendes Thema, da es mittels ungewohnter Geschmäcker nicht nur aus der eigenen Welt weg-transportiert und neue Räume öffnet, sondern auch den Blick schärft für Dinge, die in unseren Küchen heute nur allzu normal sind – aber noch nicht lange sind. Oder auch für Dinge, die wir nicht mehr nutzen, aber die lange die Küche unserer Familien begleiteten. Auch das DDR-Museum bietet ja eine ganzes Restaurant mit DDR-Küche an (nur mit sehr un-DDR-haften Preisen), der beste Beweis dafür, dass eine ganze Gesellschaft und ihre Kultur in der Vergangenheit gelandet ist.

Im Rahmen dieses Interesses für Küche & Kochen in anderen Zeiten habe ich über die Jahre auch immer wieder Kochbücher gesucht, gefunden, verworfen. Living History führt ja auch dazu, dass beliebte Epochen wie das Mittelalter mit einer riesigen Anzahl von Kram vermarktet werden, auch mit Kochbüchern. Hier habe ich einmal die herausgestellt, die sich tatsächlich bewährt haben. Ihre Namen heischen viel Aufmerksamkeit – das müssen sie auch auf dem absolut überfüllten Kochbuch-Markt. Nichtsdestotrotz ist ihr Inhalt großartig und keine Effekthascherei. Sie zeichnen sich durch Vieles aus, v.a. aber dadurch dass sie Gerichte & ihre Kontexte tatsächlich versuchen so darzustellen wie sie gewesen sind oder sein könnten – auch wenn dies unserem Geschmack eher entgegensteht: Kohl mit Zimt & Parmesan aus der Renaissance? Trockenfleisch und gefriergetrocknete Kartoffeln mit essbarem Ton? Seltsame Vorstellungen! Der Probierfaktor geht hier über den Gefall-Faktor. Trotzdem bieten sie auch immer “moderne” Alternativen, um ein Nachkochen oder -schmecken zu erleichtern, falls das gewünscht ist. Diese Kochbücher vereint ausserdem der wunderbare Anspruch, die Gerichte nicht möglichst toll, sondern möglichst unbehandelt zu fotografieren oder kontemporäre Original-Bilder dagegenzustellen.

Alle drei Bücher sind eine wunderbare Möglichkeit um sich mit etwas Zeit in andere Zeiten einzufühlen und einzuschmecken. Und wunderbar, um mit Freunden einfach mal etwas ganz Neues zu probieren – und sich zu fragen warum und wie wir heute essen! Und auch eine andere Frage einmal zu bedenken: wir arbeiten immer mit Objekten, materiellen Dingen der Vergangenheit, oder schriftlichen Dokumenten. Aber was ist mit so immateriellen Dingen wie Geschmack, Geruch, Tastsinn? Wie fühlen sich diese Dinge für uns an, eröffnen sie uns vielleicht ganz andere Zugänge zur Vergangenheit als die üblichen Museums-Glaskästen? Probieren wir es aus!

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Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.

Slavic Fort Raddusch

Slavic Fort Raddusch

 

 

 

 

 

 

 

ENGLISH VERSION

So, today it´s „light fare“! Eating & Drinking in a historical context are a nice thing to do and are completely in line with “Time Traveling” and Living History. Even when it’s a rather eclectic and fragmentary view of it, these strange, “exotic” flavors can give us a glimpse of the past. Especially when you try to cook them with half-decent ingredients, original forms of preparation and / or implements. If you don’t like that or its too much of an effort and you´d just like to proceed to cook it at home as it comes along, then you might still get a glimpse of everyday life and flavors of some time of the past – if you have a decent cookbook at hand and not just enter “Paleo diet at google.

 

FOTO PALÄO

Eating & Drinking are multi sensory events that offer different approaches to the past: smelling, seeing, hearing, touching and overall, savoring something. Gastrosophy has developed as a new discipline that tries to tackle eating & drinking as just this multicomponent event, embedded in a historical – ecological context and offering even archaeological details on eating & drinking. And as to the power of memory a certain dish can emanate: well, I don’t have to say nothing about this after Proust, do I? Living History & cooking: that’s something that doesn’t need too much preparation and is open to a whole bunch of different people and audiences. You don’t need to be heavily interested in archaeology to like a historical meal! You just have to love cooking and have a certain interest in past times to enjoy historical cooking!

There are a lot of forums, especially in great Britain, that offer advice on preparing historical dishes in as-much-as-possible original settings or during Living History events or at this forum! And there are websites in German that offer information on how to create celtic cheese (Here at Silvretta!) and, in general: Eating & Drinking is just part of a “real” time travel, as M. Fenske lays out in her article “Adventure History: Time Travel in the late modern age” (Available only in German, I’m sorry!)

In the last years, or to be true ever since I left high school with a Latin textbook that offered recipes for Garum and Sausages with Honey (can that be ???) as well as translations, since this moment I have been interested in historical cooking. I love cooking in general, but cooking as a glimpse of the past has been always on my mind. The last time I came across it was at Arche Nebra, where we were offered Bronze Age Food during the family day, which included lentils, yellow peas, sausages and bread on a stick or during our walk across the area outside the Slavic fort at Raddusch, where a “Time Hiking Trail” included the crops from the Neolithic up to the Iron Age “in the wild”.

 

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

So, in all these years I thought a lot about the dishes served and smelled during the Past. During my university years, it has been this book by Jens Lüning on Neolithic farming that offered me a lot to think with its presentation of fruits & vegetables available during the Neolithic. During fieldwork in the South Andes I alwys tried to find dishes that may have been served similarly in prehispanic times. The South Andes are home to a lot of crops, among them plants like the potatoe (often consumed as dried potatoe or chuño), as well as maize, squash & pineapple, chili & peanuts, quinoa & amaranth and the still thriving business of dried meat (called charque) and dried fish as well as the consuming of edible clays (have a look at this fascinating topic with Browman & Gundersen). In general, its very difficult to separate all these different crops that have mingled since the European discovery of the Americas (Fascinating reading on this topic in a ever readable style: “1493. Uncovering the New World Columbus created” by Charles C. Mann).

It´s fascinating how strange and new flavors can transport you to a new world of experiences, and how it sharpens the view for things that have become totally normal in our current cooking but haven’t been for a long time! Think of new ingredients or new forms of cooking! Or of objects that we don’t use anymore but that have accompanied the cooking of our families for long times. Even the GDR-Museum offers a restaurant with genuine GDR-recipes (but with non-GDR-prices) and it’s the best proof that this German state has perished – it´s past now.

Within this interest for cooking and kitchens in past times I have tried several cookbooks, sought them, rejected most of them. The interest for Living History has led (among the selling of other accessories) to the publication of a whole bunch of cookbooks; there are dozens alone for the middle ages! I have compiled the three that I really love, giving a glimpse of prehistory, the Middle Ages and the Renaissance. Their titles are begging for attention – but well, that’s just necessary on this highly competitive market for cookbooks. What really matters is that their recipes are great. They stand out due to their combination of history and context, trying to present the recipes as they might have been, even if they are contrary to our current ideas of cooking. Cabbage with cinammon & parmesan? Dried meat and dried potatoes? These are strange things to eat….and I have tried some of them at this website: Fixaufdentisch.de !

In these books, trying new dishes is the more important than cooking something similar to what we regularly eat. But these cookbooks offer alternatives as well, when you want to make the dish more similar to something we might be eating today. They give you advice on how or where to find a certain ingredient or how to get a substitute of it. And they share the wonderful idea that photos of these dishes should be presented NOT according to marketing issues, doing a lot of photo-shopping or food-photographing, but insisting on photos of the actual dishes just as they are. Or on pictures of the dishes in contemporary sources like paintings or printings.

All three book offer the wonderful opportunity to feel something of what the Past might have been like and what its flavors were. And they are wonderful to spend time with friends exploring foreign times & sensations – to try something new and to ask ourselves why and how we eat today. And there is another question as well: we always center on objects, on the material world that surrounds us. What about the immaterial issues of sensory impressions? How do they feel, do they open up new entrances to the Past? Other ones than the usual museum exhibitions with objects behind glass?

Lets try it!

P.S. If you have another ideas for cookbooks that might be interesting, let me know! I´m looking forward to it!

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Related Reading:

Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.


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Der Teufel ist unter uns? Ausstellungen in Einkaufszentren / OMG!!!! Exhibitions in Shopping malls.

Exhibition at shopping malls: "25 years of the Fall of the Berlin Wall", Potsdamer Platz Arkaden

Exhibition at shopping malls: “25 years of the Fall of the Berlin Wall”, Potsdamer Platz Arkaden

Wenn man manchen Museums- und Vermittlungsmitarbeitern so zuhört, könnte man glauben, einen Teufel gäbe es wirklich. Er ist so böse, dass manche Mitarbeiter sogar an Kündigung denken, wenn er auftaucht, damit sie nicht in Kontakt mit ihm kommen. Der Teufel heißt: Ausstellungen in Einkaufszentren. Natürlich gibts es auch andere Museumsmitarbeiter, die das Ganze etwas differenzierter sehen, aber die Einstellung, dass eine Ausstellung in einem Einkaufszentrum eine fiese Sache sei – die ist mir trotzdem schon öfter begegnet. Und ich frage mich: warum eigentlich?

Viele Menschen, die ich damit habe umgehen sehen, rümpfen (heimlich oder ganz offen) die Nase über diese Ausstellungen zu allen möglichen Themen in Shoppingmalls in aller Welt. Meist geht es um die negative Besetzung von Konsum & Konsumismus, die als entgegengesetzt der Hochkultur (aka: Museum) verstanden wird. Ich selbst habe von thematisch völlig vom Shoppingcenter losgelösten Ausstellungen über die Europäische Raumfahrtbehörde (ESA)  und Ausstellungen über Trekking-Erfahrungen im Outdoor-Laden schon einiges gesehen. Und das Internet sagt mir, dass auch ganze Kunstausstellungen zum Teil in Shoppingcenter verlagert werden, vor allem im asiatischen Raum.

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Nachbarschafts-Einbindung ist momentan ja eine große Sache. Seit das Thema der Partizipation nach Deutschland geschwappt ist und seitdem Kultur zeitgleich immer weniger finanziert wird, ist das Thema nicht mehr nur eine  Nische für engagierte Menschen, die finden dass Kultur für alle dasein sollte und in die breite Masse kommen sollte. Sondern das Thema “Nachbarschaft”, “Kiez”, u.a. werden als Marketing-Tool genutzt, das größere Besucherzahlen bringen soll; Interesse für die eigene Sache, am Ende also: mehr Geld. Allerdings ist es eine Sache, sich so etwas auf die Fahnen zu schreiben, ein andere ist es nämlich das Ganze auch umzusetzen. Ein Beispiel aus der zeitgenössischen Musik-Szene: das Konzerthausorchester Berlin hat groß angekündigt: Kiezkonzerte! zu machen. Diese finden jedoch, wie sich nach der großen Plakataktion zeigte, nicht etwas tatsächlich in den ablegenen Orten der Kieze der Hauptstadt statt, sondern eher in sehr eleganten, extrem sorgfältig und kulturell gepflegten Orten wie dem BodeMuseum, dem meCollectorsRoom und anderen Spielstätten. Da fragt man sich dann doch, was das “kiezige”, urtümliche, volksnahe daran sein soll, was ja durch das Wort “Kiezkonzert” nahegelegt wurde.

Ähnlich also im Ausstellungsbetrieb. Seitdem es en vogue ist, das Publikum in Ausstellungen stärker einzubinden, sie auf vielfältige Form anders konsumieren und in geringerem Masse auch partizipieren zu lassen, seitdem scheinen sich auch Ausstellungen an anderen Orten als dem klassischen Museum stärker durchzusetzen. Zum großen Teil werden diese Ausstellungen dafür veranstaltet, eine bestimmte Institution dem Publikum auf leichte Art vorzustellen und näherzubringen. Sei es die ESA, wie oben erwähnt, die in den berliner Potsdamer Platz Arkaden aufbaute, oder eben eine Fotoausstellung in der Philharmonie zum Thema “Gustav Mahler” – man möchte sich präsentieren. Und da eine Ausstellung in der Philharmonie immer nur die antrifft, die diesen Hort der Hochkultur sowieso schon betreten haben, bieten sich Einkaufszentren doch an um wirklich eine breite Masse im eher entspannten (?) Wochenend-Shopping anzusprechen.

Wiederum in den Potsdamer Platz-Arkaden im Zentrum Berlins lief im Oktober 2014 eine Ausstellung zum Thema 25 Jahre Mauerfall, die auf wunderbare Weise einmal aufzeigt was da alles so drinsteckt.

1. Bleib bekannt! Hier wählte man ein Thema, das in Berlin sowieso überall aufkommt UND das zudem am Potsdamer Platz auch noch wegen des Geistes de Ortes geographisch nahe liegt: die Berliner Mauer verlief nur ungefähr 100 Meter von den Arkaden entfernt. Außerdem bietet es sich zusätzlich noch wegen des Jubiläums des Mauerfalls an. Mehr geht eigentlich nicht!

2. Sei PLASTISCH! Vom Trabbi bis zum Mauersegment, vom Stacheldraht bis zum Kostüm von Udo Lindenberg (Ich sage nur: “Sonderzug nach Pankow“) war alles original da. Womit wir auch schon beim zweiten Punkt wären:

3. Sponsoren! Hier sponsort das ebenfalls am Potsdamer Platz gelegene Musical-Theater die Ausstellung mit, weil sie nämlich seit Jahr & Tag das Musical “Hinterm Horizont” spielen, passenderweise mit Musik von Udo Lindenberg & dem Thema “Deutsche Teilung”. Passt also! Und die dezenten Hinweisschildchen neben den Vitrinen á la: “Hier entlang zum Musical-Theater” fallen auch nur minimal auf. Zum Thema Udo Lindenberg & Sonderzug nach Pankow hab ich hier schon mal was gesagt, meine Meinung über diesen angeblichen”Song der Revolution von 1989″ hat sich nicht geändert. Deshalb hier nochmal gerne der Link zu einem Video der DDR-Band Sandow: “Born in GDR”.

4. Bleib einfach! Die Texte in der Ausstellung sind kurz. Und: die Sätze sind SUPER kurz. Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze. Möglichst nicht über 8 Wörter. Selbstverständlich in Deutsch & Englisch, das Publikum, das hier einkauft ist international.

5. Wiedererkennungswert! Man setzt auf Altbekanntes und erzählt dann “Die Geschichte dahinter“. Beispiel etwa: die Geschichte des berühmten Fotos des Soldaten, der über den Stacheldraht springt, ikonenhaft in ganz Berlin immer wieder genutzt, um “Die Deutsche Teilung” zu illustrieren.

6. Keine Aufreger! Der Aufbau folgte schön dem chronologischen Aufbau, also 1961 – 1989. Und die Texte, Fotos, etc. boten jetzt auch nix Bahnbrechendes, sondern eher das was man sowieso in den Medien kennt. Erfreulicherweise wurde aber tendenziöse Dinge (siehe die Besprechung der Erinnerungsstelen in Berlin!) unterbleiben. Danke dafür!

Prinzipiell finden sich hier also relativ viele Dinge vereint, die für diese Ausstellungen typisch sind: Wiedererkennungswert, populäres Thema. Einfach verständliche Darstellung & Betextung. Alles in allem finde ich, dass Ausstellungen in Shopping Centren generell eine nette Art sind, Dingem, Themen, Institutionen, anzureißen. Warum nicht? Es macht Lust auf mehr, für mich jedenfalls. Den anderen Besucher interessiert vielleicht einfach die unterhaltsame Art der Darstellung. Natürlich reden wir hier nicht von den großen, komplexen Themen. Andererseits habe ich das Gefühl dass die auch in großen etablierten Museen häufig nicht unbedingt auf der Agenda stehen. Also: Warum dann nicht eben doch eine Ausstellung im Shopping-Zentrum?! Es ist ein Anfang, sich selber nach draußen zu begeben um Menschen zu begeben, die sonst nämlich nicht ins Museum kommen! Und zwar nicht, indem man in eher elitären Orten eines Kiezes auftritt sondern eben wirklich da, wo die Leute hingehen.

Übrigens ein interessanter kurzer Text zum Weiterlesen:

Heumann, E., 2007: The Potential of Museum Learning – The Essential Museum. In Lord, B. (Hrsg): The Manual of Museum Learning. Altamira Press.

Und, zum Thema “Welche Besucher kommen denn so in ein Museum & warum?”: 

Graf, B. & Noschka-Roos, A., 2009. Stichwort: Lernen im Museum. Oder: eine Kamerafahrt mit der Besucherforschung. ZfE 12: 7-27.

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ENGLISH VERSION

When you are listening to some people working in the museum and education sphere, there seems to be a devil among us. He is so evil that some people even consider to resign so that they won´t get in contact with him. The devil is called: Exhibitions in shopping malls. Of course, there are others that have a more differentiated view on this topic but I’ve met many people now that seem to believe that an exhibition in a shopping mall is something evil. And I have asked myself ever since: why is this?

The people I have asked about this are not content with the connection between museums and shopping malls all over the world. Mostly, this is because of the relationship between consumerism as opposed to the perceived “High Culture” of the museum. Considering my own experience I have seen anything ranging thematically autonomous exhibitions of the ESA (European Space Agency) in a shopping mall up to expositions on outdoor experiences in outdoor- shops with a high level of coincidence between the articles on sale and the exposition. And the internet tells me that whole art exhibitions have been moved to shopping malls, mainly in Asia.

Including a neighborhood-concept in cultural institutions is the new current in Germany, since the term of „participation“ is making deeper impact here. And since culture has been less financed every year. Culture is not anymore only for people engaged in High Culture but it should embrace everybody and encounter the masses on the street (or elsewhere). So “Neighborhood” is a new marketing tool that is being employed to get more visitors, which means heightened interest from the population, and in the end: more money. But its one thing to tell everybody that you´re doing the neighborhood-thing and another to have it actually hit the street. Street Credibility is not so easy to come by! A recent example is the Konzerthausorchester Berlin, which claimed to be going “Into the Neighborhoods” doing concerts there. But when you look up where the concerts actually take place than its at really High Culture-locations (e.g. museums!) and not in the parts of the neighborhoods where high culture never gets. May I question what the neighborhood element is, then? If you’re promising neighborhood than I am expecting neighborhood.

So, the same thing happens in the museums & the exhibitions. Since its en vogue to include the public in the exhibitions, to change the form of exhibition “consumption” and (in a lesser percentage) to have people participate, since this date there seems to be a rise in exhibitions at places that are not museums. In many cases these exhibitions aim at presenting a institution to a broader public – as in the case of ESA or the presentation of a photo exhibition at the Philharmonie Berlin concerning the philharmony and its most famous conductors. But as an exhibition at the philharmonie is public only to the people that already from part of a group that consumes culture in a (presumably) regular basis: why not use shopping malls as a platform to encounter people during their shopping trip on weekends?

As an example, I would like to present an exhibition I have recently seen (may I say „visited“?) at the Potsdamer Platz Arkaden, one of the main shopping malls at Berlin. This exposition, called 25 years of the fall of the Berlin Wallshowed what these exhibitions are about.

  • Be familiar! In my example, the curators chose a topic that is present everywhere at Berlin and additionally its super present at Potsdamer Platz where the Berlin Wall stood, only some meters away from what is now the Shopping Mall. And there was the 25th anniversary of the Fall of the Berlin Wall. So, there’s almost nothing that could be more inviting than this topic.
  • Be Vivid! From the famous Trabbi-car up to the original part of the Wall, from barbed wire to the original costume of Udo Lindenberg (a famous Berlin singer of the 1980ies) – everything was an original. Which leads us to point nr. 3:

 

  • Sponsors! In my example, the musical theater Potsdamer Platz is sponsoring the exhibition. And that’s because they are offering a musical called “Behind the horizon” with music by Udo Lindenberg and the topic of the Berlin Wall. So: it fits! And there are very discreet labels at the exhibition indicating the way to the musical theater in case anybody wants to go to the musical after having seen the exhibition.

 

  • Stay simple! The texts at the Exhibition are short. And the sentences are super short. Main clause. Main clause. Main clause. And no more than 8 words per sentence. Of course, the information is offered in German and English because the shoppers have international backgrounds.

 

  • Recognition Value! Choose something everybody knows and then tell “The Story behind it”. Here it was the famous photo of a young East Berlin soldier jumping the Berlin Wall when it was still nothing more than barbed wire. The photo became an icon of the German separation and is used to illustrate history.

 

  • Don’t disturb anybody! The presentation followed the chronological link of the events from 1961 – 1989. And the texts and photos didn’t offer anything disturbing, new or something to make you think. It was a repetition of the things we already know. What’s positive: there were no tendentious statements, either (as I have described here). Thanks’ a lot!

Generally, the exhibition represents many things that can be considered typical for this genre of expositions: recognition value, popular topics, simple presentation and texts and a lot of original artifacts. So, after all it seems to me that exhibitions in shopping malls are quite successful when it comes to presenting a topic to a general public! Sure, these are no detailed presentations, but it encourages anybody to learn more about something – and some may just be attracted by the easy way of presentation. No, these are not the big, complex topics. But, really, sometimes it seems to me that these are not on the agenda of big museums, either. And if this is the case: then why not do something at the shopping mall? It’s a start, and its something where museums can go outside their buildings to meet people that don’t usually attend museums. And if you want to do this, then you shouldn’t go to the High Culture places of your neighborhood but where the people are!


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Mein erstes Freilichtmuseum: Das Slawendorf in Brandenburg / Havel

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An einem sonnigen Herbstwochenende beschlossen wir, die eine Stunde von Berlin nach Brandenburg / Havel zu fahren um uns dort das Archäologische Landesmuseum und das Freilichtmuseum Slawendorf anzuschauen. Heute Teil 1: das Slawendorf.

Eigentlich stand das Slawendorf nur zufällig auf dem Plan, denn in Brandenburg nur so zwei Tage rumzuschlendern war uns doch etwas zu wenig. Was gibt es also noch? Gleich auf der Seite brandenburg.de wird das Slawendorf bei den Museen genannt. Ein Freilichtmuseum? Warum nicht! Das ist sicher auch etwas für Kinder, denn unser Fünfjähriger war auch dabei.

Am sonnigen Nachmittag liefen wir also los: das Slawendorf soll mitten in der Stadt auf einer Freifläche an der Havel liegen. Unser GPS leistete gute Dienste, denn gross ausgeschildert war es nicht. Gerade als es hiess: “In fünf Minuten sind Sie da!”, entdeckte ich ein Schild das nach links zeigte und angab: “Slawendorf 3 Minuten“. Wir liefen und liefen – vom Slawendorf sahen wir nur eine Palisade und Eingänge an denen stand: Hier kein Besuchereingang. Und wir waren nicht die Einzigen denen es so ging, denn am Ende fanden wir uns zu zehnt hilflos an einer Stelle der Palisade und niemand hatte einen Eingang entdecken können. Da Einlass aber nur von 13 bis 17 Uhr ist, und dann nur zur vollen Stunde, wurde es langsam etwas eng. Ein letzter Versuch brachte uns dann über einen riesigen Parkplatz an der Euthanasie-Gedenkstätte (die wir mit dem Kind ausgelassen haben) vorbei zum Slawendorf.

Drinnen empfing uns zunächst eine Art Mitelalteratmosphäre, mit Schenkwirt, Karren und Ähnlichem. Und eine freundliche Dame, die nach Sichtung unserer Gruppe bat, eine Kinderführung draus machen zu dürfen, denn es waren mehr Kinder als Erwachsene. Kein Problem, aber gerne! Zwar hatte ich heimlich ein bisschen gehofft, dass wir da alleine durchlaufen und alles erforschen könnten, aber warum nicht auch mal eine Führung ausprobieren! Und wie sich herausstellte, war die Führung eine sehr gute Idee.

Hinter dem Palisadenzaun erstreckte sich eine völlig andere Welt. Grubenhäuser und Häuser aus verschiedenen slawischen Siedlungsperioden, ein Rundling (slawisches Runddorf) und ein Gassendorf sowie eine slawische Handwerkersiedlung. Alle Häuser liebevoll nachgebaut und für – uns als Archäologen immens spannend – man hatte zum Beispiel auch wunderbar didaktisch etwas verschiedene Phasen der Verputzung einer Flechtzaunwand sichtbar gelassen. Verschiedene Häuser besassen verschiedene Böden, aus Bohlen, aus gestampftem Lehm. Sehr angenehm fand ich auch die Bepflanzung mit hauptsächlich archäologisch nachgewiesenen Pflanzen und Bäumen.

Jedes Haus war einem bestimmten Handwerk “gewidmet“, dem Bauern, dem Töpfer, dem Schmied etc. So erfuhren wir in jedem Haus etwas Anderes, wurden aber auch immer wieder auf die zeitlichen Besonderheiten der einzelnen Gebäude hingewiesen. Auch ein abgebranntes, überwuchertes Haus war zu sehen, es diente als Anschauungsmaterial für die Regeln der Slawengötter – und als Forschungsobjekt der Experimentellen Archäologie in Bezug auf die Überwucherung und den Zerfall eines slawischen Holzhauses unter freiem Himmel. Über das Thema Experimentelle Archäologie hätte ich gerne noch etwas mehr erfahren, aber – Kinderführung eben, da war nicht so viel Zeit für abstrakte Fragen. An einzelnen Tagen gibt es auch direkt die Bewohner der Häuser bei ihren Verrichtungen zu sehen, sicherlich auch sehr spannend. Als wir da waren, war aber gerade das gesamte Dorf leer. Verständlich, da sich das Museum hauptsächlich über Ehrenamtliche Helfer hält.

Die Führung war für Kinder und Erwachsene informativ und liebevoll gestaltet, die Möglichkeit fast alles anzufassen und zu beklettern war natürlich von grossem Vorteil für die Kinder, aber auch für uns. Spinnwirtel, Gefässe, Schwerter, Felle, alles war zu befühlen und so viel direkter erklärbar. Eine ganze Stunde wurde wir durch das Dorf geführt, das sich mir sicherlich auch nicht ohne Erklärungen so erschlossen hätte. Archäologe hin oder her, die deutsche Vorgeschichte ist nicht mein Gebiet und mein weniges Wissen hätte hier nicht weit gereicht.

Laut Google gibt es in Brandeburg und Mecklenburg-Vorpommern verschiedene Slawendörfer, eines ist sogar mit einem großen archäologischen Museum versehen. Viele führen das Wort “archäologisch” im Titel. Das in Brandenburg eher nicht, es entstand wohl (laut seiner Website) als Projekt der Arbeitsbeschaffung und scheint bis heute vor allem ehrenamtlich versorgt zu werden. Daher tragen auch verschiedene Angebote des Slawendorfes den Titel “Zeitreise Brandenburg” in der Überschrift. Verschiedenste “Erlebnis Geschichte”-Angebote rund um Brandenburg / Havel bringen den Besuchern Vergangenes näher – wenn auch auf eine, sagen wir mal, etwas vereinfachte Art vielleicht. Die Führung im Slawendorf war erfreulicherweise kaum vereinfacht, sondern schlicht nur kindgerecht.

Ein Fokus des Dorfes liegt darauf, auch touristische Aktivitäten anzubieten, vom Slawenmarkt bis zur nächtlichen Lichterführung, vom Familienfest auf dem zu mietenden Slawenboot bis zur Auszeit vom Alltags-Stress im nachgebauten Slawenhaus. Viele Möglichkeiten für das Dorf zusätzlich Geld zu verdienen und wirklich schöne Ideen! Ein Besuchermagnet scheint das Dorf jedoch (leider) nicht zu sein – wir waren 10, die nächste Gruppe 6 Personen. Da es aber mein erstes Freiluftmuseum war, weiß ich nicht wieviel Besucher sich sonst so auf einem Freiluftmuseum “herumtreiben”. Ich fand es jedenfalls wunderbar, auch und gerade durch die Abgeschiedenheit und relative Leere. Es gab einem die Möglichkeit, sich so ein wenig in ein slawisches Dorf hineinzuversetzen. Auch unser Sohn war begeistert, es war auf jeden Fall eine tolle Sache für ihn und er hat noch viel davon erzählt. Zwar ist er durch uns Archäologeneltern auch vorbereitet, aber auch für ihn gibt es natürlich spannende und weniger spannende archäologische Dinge. Das Freilichtmuseum war zusammen mit der liebevollen Kinderführung auf jeden Fall ein Highlight!

http://en.wikipedia.org/wiki/Rundling

ENGLISH VERSION

On a sunny autumn weekend we decided to drive to Brandenburg/Havel, a little city located about one hour from Berlin. Brandenburg offers the Regional Archaeological Museum of Brandenburg and an open air museum named “Slavic village”. Today we start with part I: the Slavic village.

The Slavic village had appeared on our list only by chance, because I wasn´t too sure how to spend two days in a little city like Brandenburg. Just sightseeing? That’s not enough, so what more does the internet offer us when visiting Brandenburg? Right on the main site of Brandenburg.de the Slavic village is introduced as a museum. An open air museum? I´ve never been to one, so why not! And surely this is also something children would like, so our five-year-old would have something out of this trip, too.

On a sunny afternoon we walked to the slavic village which is supposedly right at the center, too, to be found directly at the river Havel which flows through Brandenburg. Our GPS was doing us a good service but when we were only 5 minutes away, I saw a sign that read: “Slavic village: 3 minutes”. So we turned that way and kept on walking – without ever seeing the village. At some point we reached a palisade and entrances that read: NOT FOR PUBLIC USE”. So we went on and on and we were not the only ones searching for the entrance to the village. There were about 10 people gathered on a parking lot outside the village, looking for a way to get in. The fact that the village only opens from 1 to 5 pm and only accepts visitors in groups on the full hour didn’t help much, we had only 5 minutes left to get there. Giving it a last try, we found the entrance behind still another gigantic parking lot right beside the memorial to the euthanasia victims during Hitler´s reign (a memorial which we decided to skip because of our child).

Entering the site we were received by an slightly medieval atmosphere, complete with an innkeeper, cart and the like. And a really nice lady which greeted us and, after reviewing our group, asked us if we would mind if she made it a children´s tour as there were much more children than adults in our group. Well, that’s perfect with us! To be honest, I had hoped for a little more solitude, even a visit without a guide to have a look at everything, but why not doing a tour as well. And it turned out to be a wonderfully organized tour!

Passing the gate in the palisade, we entered a completely different world. Pit houses (semi subterranean houses) and houses from different periods of the Slavic population of Brandenburg were to be seen, all erected according to finds from different Slavic sites all over Brandenburg. They were located in the form of a Rundling (circular village) and a Slavic craftsmen settlement. All the houses had been rebuilt with much love for the details and were fascinating to us as archaeologists, as well as to the other visitors without any archaeological background. At some points, f.e., the walls had been left partly exposed so we could see the different stages of finishing a wattle and daub wall, or you could see different types of floors in the houses, made from stone, wood or mud. Very interesting was that the plants and trees at the site were mainly those which are also reportedly known to have grown in Brandenburg of the time of the slavs.

Every house had been dedicated to a different craft, so there was a house of the farmer, of the ceramist, of the blacksmith, etc. In every house we were told different details about everyday life, but at the same time we were told about the chronological differences of the different houses and how they related to the different periods of Slavic occupation in Brandenburg. There was also a burned down house which had been left for the experimental archaeologists to rot and to document the rotting process. Moreover, it served as a lesson about the rules of the Slavic gods. I would have liked to leran more about the experimental arcaheology section of the open air museum, but well – you have to pay your time to a children’s tour and there was not much time left for other (more adult) questions. On certain days the houses are populated by the craftsmen they represent and you may see them “in action”, baking bread, making pots, etc. When we were there, there was nobody around except us and the guide, but I thinkg that’s understandable in an open air museum that works mainly on a voluntarily basis.

The tour itself had been presented in an informative and loving way for children and adults, and included the possibility to enter the houses, climb them, to touch almost everything and experiment many facets oft he village in a very direct way. Swords, pots and the like – it could be touched and felt and was integrated into the tour as a moment of experimenting these almost forgotten sensations like the feeling of burned clay or a straw mattress. The tour lasted one hour and it was good to have been part of it. Many details would not have become clear to me, despite my archaeological background. If you´re not an expert on slvaic archaeology, you won´t grasp the chronological differences between one house and another.

According to Google, there are quite a lot of these slavic villages in Brandenburg and also the neighbor state of Mecklenburg-Vorpommern in the North. One of them even features a big archaeological museum associated with it. And many present the word “archaeological” in their title. The one in Brandenburg does not, it originated according to its website as a form of creating work in Brandenburg and seems to be maintained mainly be voluntary work. Many of the activities offered at the village are bound to a site named “Zeitreise Brandenburg” (time travel Brandenburg) and include a lot of activities presenting the (pre)history of Brandenburg in a, lets say, slightly simplified way.

One focus of the village lies on touristical activities like a Slavic market, a night-time tour, family feasts on the Slavic boats on the river Havel or even a break from everyday stress having a vacation in a Slavic house. Many possibilities to make some money – although judging form our experience there don´t seem to be too many visitors at the village. Well, it was my first open air museum, so maybe a group of 6-10 people is a rather good average but I am lacking comparisons with other museums. We really liked it, especially for the fascinating atmosphere and quiet it dissipated. A wonderful occasion to dive into a past moment. Our son was truly fascinated and talked about it a lot. Although he is already prepared by us for the fascination of archaeology, this was clearly a highlight for him as well, especially with the children´s tour!


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Geschichtete lebendige Geschichte – Layered Living History

Berlin, meine momentane Heimat, wirbt in vielen seiner Reisekataloge etc. mit Slogans wie diesem: “An vielen Punkten Berlins, ist die Geschichte zum anfassen nah.” (über die seltsame Zeichensetzung und Orthographie sehen wir mal hinweg….). Meist dokumentiert durch ein Bild der Berliner Mauer oder durch das übliche Checkpoint-Charlie-Bildchen. Tatsächlich scheint sich Berlin durch die Nutzung der Berliner Mauer in den Jahren 1961-1989 als Touristenspektakel den Ruf erworben zu haben, dass man hier sozusagen den “Puls der Geschichte” fühlen könne. Der direkte Blick von einem Wertesystem ins andere – schlicht durch den Blick über die Mauer in den “Osten”, in den Sozialismus. So wie auf diesem Bild hier:

AK_12039192_kl_1(Quelle & Kaufmöglichkeit des Bildes/Postkarte: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

Dass dies jahrzehntelang möglich war, hat wohl dazu geführt, dass Berlin als Stadt gilt, in der Geschichte lebendig wird. Aber ich denke, dass Geschichte auf ganz andere Weise in Berlin lebendig wird. Auf eine Weise, die noch viel intensiver ist und zum Nachdenken anregt. Zum Nachdenken über die kontinuierliche Veränderung von Stadt, Landschaft, Nutzung und Perzeption von Raum. Möglich wird das durch das ständige Anwachsen der Möglichkeiten, die vergangene Geschichts-Schichten ganz direkt in den berliner Alltag integrieren. Nicht nur für Besucher und Touristen, sondern für jeden, der in dieser Stadt täglich unterwegs ist.

Das Konzept von „Living History“, wie es v.a. in den USA gelebt wird, beinhaltet zumeist das Nachstellen historischer Ereignisse oder Lebenswelten (eine anregender Blogeintrag hierzu: Paul Mullins über Re-enactment). In Deutschland ist das wohl weniger verbreitet, dafür gibt es hier eine größere Anzahl von Freilichtmuseen, in denen zum Teil auch der Alltag vergangener Zeiten an bestimmten Tagen „nachgelebt“ wird. Man taucht ein in ein Gefühl vergangener Zeiten und nimmt an alltäglichen Aktivitäten teil: Brotbacken, den Garten hegen, Pfeile herstellen. Und so weiter. Trotzdem sind diese Aktivitäten und Möglichkeiten doch außerhalb unseres eigenen Alltags. Man fährt zu einem bestimmten Ort um dort an diesen Aktivitäten teilzunehmen. Heraus aus unserem eigenen Leben, hinein in ein anderes. „Eintauchen in eine andere Welt“ ist deshalb häufig ein Thema bei diesen Angeboten. Es geht gerade um das Erfühlen eines neuen, ungewohnten, fremden Alltags statt dem der uns tagtäglich umgibt. Und obwohl das natürlich unglaublich spannend und lehrreich sein kann – prinzipiell glaube ich, dass Geschichte und Archäologie uns täglich umgeben und einen Großteil unseres Alltags mitgestalten. Denn obwohl wir nicht immer bewusst daran denken, sind Landschaft und Architektur, die uns umgeben, Teil eines Zeitflusses, der eine ständige Veränderung beinhaltet.

Deshalb ist „Lebendige Geschichte“ im wahrsten Sinne des Wortes für mich die, die ich im Alltag habe, sie oft sehe und fühle. Und hier kommt Berlin wieder ins Spiel. Berlin hat in den letzten Jahren viele Angebote entwickelt, die mit relativ wenig Finanzierung einige Punkte der Stadtgeschichte aus der „Das macht man da mal am Wochenende“ –Ecke herausholt und sie in den Alltag hineinbringt. Und so dazu beiträgt, dass das eigene Leben eine zeitliche Verlängerung erfährt, denn die eigene Gegend, der Kiez, das eigene Haus können dazu gehören.

Ein Beispiel sind etwa die “Geschichtstafeln“, die an einigen Orten der Stadt massiert aufgestellt wurden. Wie zum Beispiel die 39 Tafeln auf einer zwei Kilometer langen Strecke am Baudenkmal Karl-Marx-Allee (auch als Stalinallee bekannt). Man läuft – und liest und steht dabei direkt drin in der Geschichte. Gebäude werden sozusagen lebendig, Menschen und Ereignisse werden direkt mit ihnen oder dem Ort auf dem sie stehen verknüpft.

Ähnlich verfährt das Konzept, dass im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins im letzten Jahr, 2012, entwickelt wurde: durch Markierungen auf den Straßen und Gehwegen kann der Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer Berlins direkt nachvollzogen werden. Die Markierungen sind tatsächlich alle 5 -10 Meter gesetzt und oft noch durch Aussagen in Schablonen-Spray-Weise hervorgehoben, sodass außer der Information, dass hier die Stadtmauer stand, noch Dinge zu erfahren sind aus der Anfangszeit Berlins. Ausstellungstürme ergänzten diese Informationen und brachten zusätzliche Möglichkeiten die Stadtmauer und die frühere (Stadt-)Landschaft nachzuvollziehen. Obwohl die Türme mittlerweile schon weg sind – die Bodenmarkierungen sind immer noch da, wenn auch etwas verwittert und lassen weiterhin Geschichte lebendig werden.

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Ein jetzt umfunktionierter Turm. Erst im Projekt 775 Jahre Berlin – jetzt Aussichtspunkt in die Bauarbeiten der neuen U-Bahn-Linie 5.

Erweitert wurde das Ganze durch einen „Stadtplan“, der auf einer Wiese im Zentrum Berlins nachgebaut wurde. Viertel und Häuser wurden durch übermannsgroße „Stecknadeln“ markiert, die jeweils ein bestimmtes Thema, Menschen oder Ereignis im öffentlichen Raum verorteten. Diese Idee war so erfolgreich, dass immer Dutzende von Menschen die Möglich wahrnahmen, hier Geschichte zu erlaufen und zu erfahren.

Auch die Berliner Mauer ist mit solchen Bodenmarkierungen im Stadtraum präsent. Da von der eigentlichen Mauer nur noch wenige Reste stehen, ist die Markierung des Mauerverlaufs mit einem bronzenen Band eine Möglichkeit, die Präsenz und Geschichte dieser fast 40 Jahre erfahrbar und erfühlbar zu machen.

A "BERLINER MAUER 1961–1989" plaque ...

A “BERLINER MAUER 1961–1989” plaque near Checkpoint Charlie signifying where the wall stood (Photo credit: Wikipedia)

Noch konkreter wird dieses Fühlen in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Gedenkstätte nutzt tatsächlich nicht nur die Tatsache, dass hier mal die Berliner Mauer stand, sondern sie arbeitet mit einem Areal, das einen recht weiten Umkreis der Berliner Mauer abdeckt. So kann man auf dem Gelände der Gedenkstätte die Reste der Mauer sehen: Wachtürme, Mauerstücke selbst. Aber, und das finde ich viel wichtiger, der Radius der Mauer bezog sich ja nicht auf ein Stück Beton und den Todesstreifen. Er hatte Auswirkungen auf alle umliegenden Straßen und Häuser und das wird in der Gedenkstätte sehr plastisch klar. An den umliegenden Häusern sind metergroße Fotoplanen aufgezogen, die genau diese Häuser zu verschiedenen Zeitpunkten des Mauerbaus und während der darauf folgenden 40 Jahre zeigen. Auf dem Pflaster der umliegenden Straßen sind Plaketten eingelassen, die den Darüberlaufenden darauf aufmerksam machen, dass genau HIER, an diesem Punkt, ein Mensch von der Staatssicherheit (dem Geheimdienst der DDR) festgenommen wurde. Der Vorwurf: Fluchtversuch. Der Todesstreifen selbst und die ihn umgebende Mauer wird durch einen breiten Rasenstreifen symbolisiert und durch eine “durchlässige” Mauer aus Stahlpfosten.

Berliner mauer kennzeichnung

Berliner mauer kennzeichnung (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Strelitzer Straße aus Richtung Westen gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Gartenstraße aus Richtung Osten gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Das Projekt Stolpersteine, das in ganz Deutschland aktiv ist, (http://www.stolpersteine-berlin.de/de/berlin) hat in Berlin viele Unterstützer, sodass auch die Zeit von 1933 – 1945 an ganz persönlichen Schicksalen und Namen festgemacht wird, die man beim Gehen immer wieder findet – und über sie stolpert.

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“Stolperstein”

All diese Beispiele zeigen, dass auf diese Art in Berlin an vielen Orten etwas lebendig wird, dass man als Geschichte kennt und vielleicht mal irgendwo gelesen hat. Hier ist es fühlbar, nacherlebbar, selbst ohne Living History, Re-Enactment oder Ähnliches. Und ich denke, diese Art lebendiger Geschichte ist überall machbar – so wie in Berlin auch mit relativ günstigen Mitteln oder, falls möglich, mit etwas mehr Budget. Berlin hat es geschafft, auch ohne große Mittel einige dieser geschichtlichen Momente erlebbar zu machen.

Diese Art lebendiger Geschichte ist natürlich nicht nur im städtischen Kontext möglich und machbar. Während meiner Feldarbeit in den ländlichen Regionen Südamerikas war es immer ein Anliegen, Archäologie und archäologisches Wissen konkret an Mitarbeiter und lokale Anwohner zu vermitteln (in spanischer Sprache: BLOGSPOT PAAS). Dazu reichte teilweise eine Scherbe und viel Hintergrundwissen, denn wenn man dann noch am Fundort selber sitzt, den Blick über die Landschaft schweifen lassen kann und in der Hand eine inkazeitliche Pfeilspitze hält, steht einem intensiven Gedanken- und Wissensaustausch mit wem-auch-immer nichts mehr im Wege. Während Seminare und Workshops zum diesem Thema Wissensvermittlung in einem gesonderten Kontext bearbeiteten, war diese ganz direkte Art von Geschichtserleben etwas sehr Besonderes, das alle Anwesenden berührte. Eine ganz andere, virtuelle Möglichkeit sind z.B. Rekonstruktionen archäologischer Landschaften – wie in diesem Beispiel einer mesolithischen Landschaft, die im Video lebendig erfühlbar wird. Verstärkt würde das natürlich wenn man dieses Video direkt IN der Landschaft zeigen könnte. Die Verwendung von Dioramen oder Landschaftsbildern hat ja eine lange Tradition, aber am stärksten empfindet man sie meiner Meinung nach immer im Vergleich zur tatsächlich vor einem liegenden Landschaft und nicht in einem Museum. Trotzdem hier ein wunderbares konkretes Gegenbeispiel: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

Mit all diesen unterschiedlichen Mitteln zur konkreten Einbindung von Geschichte, Landschaft und Architektur über die Zeit kommen auch Fragen auf. Und genau darum geht es ja auch: sich selbst hinterfragen, den eigenen räumlichen oder persönlichen Kontext interpretieren: Wie funktioniert die Nutzung von Raum und Landschaft? Was bedeutet diese kontinuierliche Änderung von Zuschreibungen von Raum und dessen Nutzung? Es richtet den Blick auf die Jahre und Jahrhunderte, die verflossen sind und etwa die Stadtmauer schleiften, darauf ein (nun abgerissenes, überbautes und nun neu zu bauendes) Stadtschloss setzte und Freiflächen drumherum. Wie stehen wir selbst in diesem Zeitfluss? Was ist unsere eigene Rolle? Wer sind wir im Vergleich zu den Menschen der Vergangenheit?

Direkte Geschichte umgibt uns jeden Tag. Ihre vielen, über die Jahrhunderte gewachsenen Schichten durchdringen unsere Leben und stellen uns in eine zeitliche Reihe mit vielen anderen Menschen, die vor uns gelebt haben. Es ist nicht kostspielig oder unmöglich, einige dieser Geschichts-Schichten uns auch jeden Tag zugänglich zu machen. Es braucht vor allem das Bewusstsein , dass die materiellen Hinterlassenschaften oder ihre virtuelle Anwesenheit vorhanden sind. Wir sollten sie nutzen!

Weiterführende Links:

Tagungsbericht zum Thema „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

Das deutschsprachige Magazin zum Thema Archäologie, Geschichte, Living History: http://chronico.de/magazin/

ENGLISH VERSION

My current home town, Berlin, is presenting itself with slogans like: …on many points of Berlin, history is almost palpable.. This is usually accompanied by a photo of the Berlin Wall or one of the photos of famous Checkpoint Charlie, one of the exchange points where the four occupational sector of Berlin met. Maybe Berlin has come to play this role of “the city of palpable history” through the decades from 1961 to 1989 when thousands of visitors used the Berlin Wall to snatch a glimpse of “the Other” looking over the wall to the Russian (i.e. socialist) sector, feeling the so-called “pulse of history”. The direct view from one economical and ideological system into another, separated by only a few meters of distance! This picture provides an insight into this touristic activity:

AK_12039192_kl_1(Source and Sale of this photo / postcard: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

This “snatch a look of “history” has been possible for decades and led presumably to the idea that Berlin is a city where history can be felt at every step. But I think that history may be palpable in Berlin in many other ways, too. In ways, that is, that are more intense and thought provoking. Thoughts on the continuous change of the city, landscape, and the use and perception of space. This is possible thanks to the growing range of possibilities to include and integrate “past” times directly into the Berlin everyday life. Not only for visitors and tourists but for everyone who lives and walks in the city of Berlin.

The concept of “Living History” as it is known in the United States includes normally a re-enactment of historical events or situations (an inspiring blog entry by Paul Mullins concerning re-enactment). In Germany this is less often seen, but we have a wide range of open air museums that offer the possibility to “live” everyday life of past times on certain days. You dive into the feeling of this particular period of time and take part in everyday activities like bread baking, gardening, making arrows and the like. But after all, these possibilities and activities are situated outside of our own life. You go to a certain place to participate at these activities. You go out of your everyday routine to experience another. “Diving into another world” is often a theme which these museums evolve around, together with “Experience how it really was”, “Making history becoming real” and so on. The getting into an experience that is often diametrically opposed to our own, feeling and experiencing an everyday life so strange and new, that’s the main point of open air museums. And this is awfully interesting and teaches a whole lot of things about the past. But in the end I think that history and archaeology surround us daily and influence a big part of our every day experiences. And this is an internal experience, not something you have to go to in order to participate in some special activity. Because even if we don’t think about it consciously, landscape and architecture are parts of a time river that includes continuous change.

This way „Living History“ is for me the one that I can feel and experience in my everyday life. And that’s where Berlin comes in again. Berlin has developed a lot of possibilities that work without a big financiation but nevertheless they take history out of the “that’s something I would like to do on our weekend” – thing and includes it into the daily life. And this helps to put our own lives into a greater context of time. And your area, your own house may become a part of this.

One example of this are the „history plates” which have been placed massively at some places. Like the 39 panels on the two kilometers of the architectural monument called Karl-Marx-Allee in the Berlin East (formerly known as Stalin Alley). You walk – and read and are getting involved directly in the history of this stretch of stalinist architecture. The buildings come alive as the histories of people and events are being told and tied to the buildings and places around you.

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One of the “history plates” on the Karl-Marx-Allee in East Berlin, offering information and photos in German and English.

In a similar way the concept of “775-years of Berlin”, developed in 2012, works with architectural designs of the medieval part of Berlin which is nowadays almost invisible due to reconstruction, war and socialist re-building. Marks on the ground and pavement indicate the position of the former medieval city walls. These marks have been sprayed in black paint on the pavement and their position every 5 or 10 meters includes additional information about the first years of the City of Berlin. Watchtowers completed this concept, offering information about the position of the city wall and its implications for the space and landscape inside and outside the city. Although the towers are gone by now as the feasts and celebrations of this special date have finished last year, the marks on the ground still persist and help history to come alive while wandering around. The whole concept was completed by a walkable city map which had been on display in a central park of Berlin, pinpointing different areas or even houses on the map and telling their stories in the public space. This idea was so successful that the map was always overcrowded with different people: tourists and locals alike.

The Berlin Wall, the most famous Berlin emblem, is present in the public space. As the actual Berlin Wall is visible only in a very few places, the marking of the position of the wall with a bronce band which has been inserted into the pavement has proved a very good idea to making the wall present at each and every step. Feeling the presence of the Berlin Wall is especially intense at the Berlin Wall Memorial at Bernauer Straße. The memorial uses not only the fact that the Berlin Wall once stood here, but they work with a whole area which surrounded the wall and the implications that the Wall had for this area and the people who lived in this neighborhood. At the memorial you may actually see parts of the original Berlin Wall: watchtowers, parts of the concrete wall. But, and this seems more important to me, there are reminders in the surrounding area about the impact of the Berlin Wall. The wall did not have an impact only at the wall itself. It had impacts on everything around it and this becomes very clear when you see the Memorial. The surrounding houses have been plastered with metre high photos which show these same buildings during the erection and/or existence of the wall. The streets around the Memorial show plates inserted into the ground which read, for example: “at xx.xx.xxxx (date) ON this point X.X. has been arrested for trying to escape the socialist sector”., integrating thus the surrounding areas into the memorial. The wall itself is symbolized by a wide band of grass and a “transparent” wall of steal posts. (see photos above in the German version).

Furthermore, the project (http://www.stolpersteine-berlin.de/en/stolpersteine) which has been active overall Germany, has many supporters in Berlin. The artist who “invented” the project inserts brass stones with the birth and death dates of deported persons into the pavement in front of the house they last lived in, commemorating their life and death circumstances. So, the years between 1933 and 1945 can be tied to personal lives and names and show you the whole impact of National Socialism and its mass deportation system.

All these examples show in which ways Berlin has made history palpable and alive. Facts you may have read in some place become a reality as you walk in and through the city. It’s a direct experience, even without any re-enactment or the like. I think that this version of Living History is viable almost everywhere – and like in Berlin, you don’t need a lot of funding for them, compared to regular museum projects.

Surely, this version of palpable history is not only viable in an urban context. During my fieldwork in rural parts of South America, imparting archaeological knowledge to co-workers and local people always formed part of the project (have a look at it in Spanish: BLOG PAAS). The only thing we needed was a sherd and a lot of background knowledge. If you are sitting right at the archaeological site, looking at the landscape that surrounds it and you have an incaic arrowpoint in your hand – than there´s nothing left to wish for. You can start right away to interchange ideas and knowledge about this archaeological site and its time and culture. Whilst workshops tried to diffuse knowledge in a more scholarly way, this direct approach to impart knowledge worked on a more emotional level which touched all people present. Another, more virtual, possibility is the reconstruction of archaeological landscapes like this Mesolithic one, which becomes almost alive in this video. I think that this feeling would be even stronger if you showed the video in the actual place that today IS this landscape. Using diorames and pictures of landscapes has a long tradition, but the strongest impact may be achieved when used in the actual context of the find or landscape. Still, there´s a wonderful example for a museum diorama at: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

With all this different ways to include history, landscape and architecture into time and space, there will be questions. And that’s just what this is all about. People should question themselves when experimenting these “reminders” of times long gone. Question their personal or spacial context and interpret it: How does the use of space and landscape functions= What does the changing notion of space and its uses mean to me? Your view will be focused on the years and centuries which demolished the city walls to build a castle on it, which in itself has been deconstructed and is right now reconstructed again. Where do we locate ourselves in this flow of time? What is our role? Who are we, comparing ourselves to the people of the past?

The layers of history which have grown over the centuries surround us every day. These various layers permeate our lives and put us in a line with all those people who have lived before us. It´s not impossible nor expensive to make this history come alive, to be accessible. Above all, it needs the awareness that their material remains or even their virtual presence is present. And we should use it!

Links with further information:

One of the latest conference on „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

A German journal on archaeology, history and living history: http://chronico.de/magazin/