Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Humboldt-Box & Spree Side Gallery an der Spree /

Mit der Humboldt-Box verhält es sich so: sie steht seit Jahr und Tag an dem Ort, an dem ja irgendwann in den nächsten Jahren das Humboldt-Forum errichtet sein soll, mitsamt all den außereuropäischen Kulturen, die dann ins geplante Museum einziehen sollen. Solange das aber noch nicht so ist, hält die Humboldt-Box als Infocenter die Fahne hoch. Leider habe ich es noch nie geschafft tatsächlich reinzugehen, aber immerhin kann ich den Twitteraccount der Humboldt-Box (@HumboldtBox) und den Facebook-Account (Humboldt-Box Berlin) wirklich empfehlen. Angenehm aufbereitete, informative und personalisierte Daten im Tagestakt.

Und an einem lauen Sommerabend hatte ich immerhin aber Zeit, im Vorbeigehen auch eines der neueren Projekte der Humboldt-Box anzusehen: die Spree Side Gallery entlang/im Bauzaun an der Spree. Beworben am Beginn als Beispiel für menschliches Miteinander, kultureller Dialog und historische Reflektion (s.Foto 2), hatte ich mir schon Einiges erwartet. Denn der Baugrund des Humboldt-Forums war in den Jahren vor Baubeginn für einige schöne Überraschungen gut, darunter eine temporäre Ausstellungs-Intervention im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins. Dem Ganzen den Namen “Spree Side Gallery” zu verpassen schien da etwas vermessen, immerhin evoziert dies ja doch die East Side Gallery und damit einen der fünf meist besuchten Orte Berlins (lt. Eigenwerbung), an dem Kunst im öffentlichen Raum (nämlich den Resten der berliner Mauer) seit über 25 Jahren für stetige Besucherzahlen und eine konkrete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sorgt.

Denn dann hängen in der Realität dort an der “Spree Side Gallery” eben einfach große Fotos von Menschen unter dem Obertitel “Jung und Alt“. Menschen aus aller Welt, eben Alte und Junge. Manchmal auf einem Foto vereint, z.B. auf einer Parkbank sitzend oder als Familie. Manchmal für sich. Ohne Kontext, nur mit einer kurzen Bildunterschrift á la “Junge Frau, Ost-Berlin, 1962”. Oder ähnlich.

Da reißt auch eines meiner Lieblingszitate von Humboldt nicht mehr: “Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben”. Der QR-Code (s. Foto) leitet mich lediglich auf die Seite des Humboldt-Forums, auf der sofort aufs Spendenkonto verwiesen wird (und: auf einen meiner Museums-Lieblinge, das wirklich faszinierende Humboldt-Lab).

Am Ende bleiben also: irgendwie beliebige, recht nette Fotos an einem recht lauschigen Ort an der Spree. Das könnt ihr doch besser!

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie
Spree Side Gallery


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ENGLISH VERSION

Its the following with the Humboldt-Box: its standing for years now right on the site where in the future the new Humboldt-Forum will open its doors. The forum which will eventually be the home to the extra-european collections of what is now the Ethnological Museum Dahlem (Berlin). But until this day comes, the Humboldt Box is acting as a placeholder, offering information on the future museum, the ancient (destroyed and now being re-erected) castle oín the centre of Berlin and the like. I haven’t been able to visit the box – and I know its a shame! But at least I am enjoying and recommending their twitter and Facebook account! Have a look at: @HumboldtBox and Humboldt-Box Berlin! Its full of fresh, almost daily updated information.

At least, on a sunny summer evening, I had the time to visit something announced as: Spree Side Gallery, supposedly being a photo exhibition alongside the river Spree right beneath the Humboldt Box, centered on themes like human interaction, cultural dialogue and historical reflection (see photo 2). I was expecting a lot because the site of the Humboldt Forum had been a playground for a lot of innovative and interesting temporal open air and public exhibitions! The mere naming of “Spree Side Gallery” evoked the image of the most famous “East Side Gallery” in berlin, one of the five most visited touristic spots in Berlin (at least according to the information of the official East Side Gallery homepage). This space is open to public art in a connection to the last remnants of the Berlin wall.

Unfortunanely, my expectations were too high. The Spree Side Gallery ultimately consisted in big photographies of different people, young and old, from different cultural backgrounds, shown interacting or on their own. Without context, only indicating things like: “Young Woman, East Berlin, 1962”, or the like. Even one of my favorite phrases of Humboldt quoted on the posters couldn’t make things any better: “The most dangerous worldview (Weltanschauung) is the one of people who have never seen the world”. The QR code on the exhibitions only directed me to the homepage of the Humboldt Forum, linking me directly to a request to donate. No further information on the exhibition, the photos, the background. Only, a little bit further down, a link to one of my favorite spots for exhibitions in the last years: the Humboldt Lab.

But in the end, this exhibitions is like something rather lukewarm, nice but arbitrary photos on a nice place at the river Spree. I am sure that you can do better than that!

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie
Spree Side Gallery


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Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

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Spree Side Gallery

 

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“Mensch-Objekt-Jaguar”, im Humboldt-Lab / “Human-Object-Jaguar” at the Humboldt-Lab

Ganz im Gegensatz zum Museum der Dinge, in dem das DING an sich in der Vielzahl der Dinge verschwindet, widmet sich “Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz im Rahmen des Humboldt-Labs einem einzigen Objekt. Bereits im Oktober versuchte ich diese Ausstellung im Museum zu lokaliseren – es gelang mir nicht. Im Rahmen des bereits angesprochenen Weiterbildungsmoduls “Vermitteln und Kuratieren” stand sie jedoch WIEDER auf der Liste. Und tatsächlich: da war es. “Mensch-Objekt-Jaguar“, ganz versteckt in einem Kellerraum der Südseeabteilung des Ethnologischen Museums. Nicht nur mir, auch den meisten anderen* ging es so, dass diese Ausstellung selbst für Kenner des Ethnologischen Museums trotz Flyer und “Beschreibung” kaum auffindbar war. WENN man sie aber findet, dann: geschieht etwas Großartiges. Doch ich beginne mal von vorne.

Mensch-Objekt-Jaguar” befindet sich wie gesagt in einem über eine kleine Holztreppe zugänglichen Kellerraum innerhalb der Südsee-Ausstellung. Man tritt von einem Objekt-geladenen, fast überladenen Ambiente riesiger Vitrinen über eine Treppe hinab. Bereits oben wird man, wenn es sehr leise ist, von Geräuschen empfangen, die nicht ganz zuordbar sind: Kreischen? Regen? Knurren? Eine unklare Geräuschkulisse. Traut man sich die Treppe hinunter, erblickt man sich plötzlich selbst: projiziert an die weiße Wand gegenüber der Treppe, aufgenommen von einer versteckten Kamera. In Echtzeit sieht man sich völlig unerwarterweise selber zu, wie man die Treppen hinunterschreitet. Ein Übergang von Oben nach Unten.

Unten dann: Konfrontation mit einem Muster auf einer weißen Wand: leicht verwaschen, gräulich, irgendwie – fremdländisch. Tritt man nach rechts (wie wir es alle unbewussterweise taten) steht man plötzlich in einem fast leeren Raum, nur auf der Wand stehen wiederum in verwaschenen, leicht unscharfen Buchstaben Zitate über den Jaguar, über eine Gesellschaft Amazoniens. Und ganz hinten dann ein Tisch mit Papieren. Der Raum an sich wird durch die Treppe dominiert, unter der ein Objekt steht, fast verborgen hinter Plexiglas-Aufbauten: ein Schemel, der schemenhaft wie ein Jaguar wirkt. Ihm gegenüber, wiederum, ein Auszug auf die Wand geschrieben, der beschreibt, wie jemand (der Sammler und Käufer?) dieses Objekt während seiner Südamerikareise Anfang des 20. Jahrhunderts in einem amazonischen Dorf fand. Und wie er dort erlebte, wie der Schamane sich in einen Jaguar verwandelte.

Plötzlich erscheint eine weitere Projizierung an der Wand: ein riesiges Auge. Warum? Jemand anderes schaut gerade dem Jaguar an der Wand ins Auge – und erscheint wiederum als Projektion. Die gesamte Ausstellung wird jedoch nicht durch Projektionen dominiert, sondern durch weiße Räume, geschaffen durch Textiliien, die durch den Raum gespannt sind. Sie kreieren eigene Unter-Räume, völlig frei von Objekten. Nur ein Tuch wird durchbohrt von einem Pfeil. Und wiederum an der Wand: ein Jaguar. Ebenso verwaschen wie die anderen Zitate.

Überhaupt: hier wirkt alles wie von einer anderen Welt. Kein sofort sichtbares Objekt, verwaschene Buchstaben, extrem kurze Zitate, scheinbar willkürlich auf die Wände verteilt. Die Projektionen und die Objekt-Leere kreieren eine seltsame Objekt-Stille, einen Denk-Raum. Was geschieht hier? Setzt man sich an den Tisch zu den Papieren, wird man gebeten, die Perspektive zu wechseln und sich nach choreographischen Angaben durch den Raum zu bewegen. Wer die neuen Betrachtungsmöglichkeiten ausprobiert, changiert von einer “normalen” Ausstellungsbetrachtung hin zu völlig anderen: auf dem Boden, oder in steter Bewegung. Bleibt man trotzdem sitzen und betrachtet das einzige sichtbare Objekt, wird plötzlich klar: auf dem Schemel befinden sich Menschen, ein Jaguar – alles verwischt miteinander, ist hintereinander sichtbar durch Glas.

Es ist eine Ausstellung, die Zeit und Raum und Körpervorstellungen auflöst, in der sich die Ideen von Mensch und Tier in der Akustik, dem Sichtbaren vermischen, nicht mehr klar trennbar sind. Sie macht erfühlbar, was die kurzen Zitate an der Wand andeuten: zwischen Menschen und Tieren besteht eine fluide Verbindung. Auch die undeutlich aufgebrachten Texte, Muster, die Jaguarzeichnung bilden dies nach. hier gibt es keine scharfen Abgrenzungen zwischen dem Einen und dem Andere, alles ist im Fluss. Wer durch das Jaguarauge schaut – sieht die anderen wie es Jaguar täte. Wer von außen schaut, sieht den Anderen im Jaguarauge.

Das Objekt an sich, eigentlich ja Sinn und Zweck einer Ausstellung, verschwindet hinter seiner Bedeutung als Ausgangspunkt dieser möglichen Transformationen. Es ist an sich nur ganz klein, kaum sichtbar, nicht prominent. Eher ist es TEIL der anderen “Ausstellungsstücke”: der Tonspur, des Pfeiles. Wir selber “steigen” hinab, in eine andere Welt, die grüne Hölle. Wir werden Teil davon. Und erfahren, wenn wir uns darauf einlassen, etwas Ähnliches wie das was der Jaguarschemel repräsentiert: eine Transformation der Realität, des Denkens.

Auf jeden  Fall war diese eine der spannendsten, ungewöhnlichsten Ausstellungen die ich in den ätzten Jahren gesehen habe, und ein wunderbares Beispiel für die Innovationen des Humboldt Lab. GERNE WIEDER, liebes Humboldt-Lab!

*Diese Ausstellung durfte ich ansehen, erleben und analysieren mit: Gabriele Pabstmann, Gregor Ahlmann, Nicola Janusch.

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ENGLISH VERSION

Completely opposed to the Museum of Things that was “on stagelast week in this blog, and where the Thing in itself seems to disappear into the multitude of other objects that surround it, the exposition “Human – Object – Jaguar”, curated by Sebastian Mejía and Andrea Scholz during the 3rd session of the Humboldt Lab, is centered on a single solitary object. I have been trying to localize the exposition in October 2013 but couldn’t find it. During the course on “communicating & curating” this exhibition was again on schedule. And: there it was. “Human-Object-Jaguar”, tucked away in a cellar room right below the exposition on the South Seas. And it was not just me, having trouble to find this tiny room, even other participants who know the Ethnological Museum couldn’t localize it, despite the flyer and the provided description. But IF you find it, than something incredible happens. But let´s start at the beginning.

“Human – Object- Jaguar” has been located in a small cellar room right below the South Seas exhibition and is accessible only through a pair wooden stairs that lead down to the basement. From an object-laden and completely over-populated exhibition you step down. And even when you reach the stairs, surrounded by objects and objects presented in enormous cabinets, you can hear a faint sound. It’s blurred and nothing clear. It could be rain? Someone growling? Shrieking? When you decide to step down the stairs you will suddenly see yourself: projected on the blank wall opposite the stairs. You are being filmed without noticing it, you observe yourself stepping down the stairs in real-time. It´s so unexpected! An interface, a transition between “Up” and “Down”, “Above and “Below”.

When you get downstairs you will be confronted directly with a somewhat blurred geometrical pattern that has been painted or drawn on the wall. Its greyish, it seems to be – outlandish, foreign. If you step to the right (as we all unconsciously did) you will find yourself suddenly in a small empty space. Only the quotations on the wall, done in the same blurred fashion as the geometric pattern before, are visible. Quotations on the jaguar, about a society in Amazonia. And at the rear a table with papers. The room is dominated by the stairs, and under the stairs the main object is almost lost to view: a footstool that seems to have the shape of a jaguar. Its almost hidden behind glass installations that show the form of sitting humans and a jaguar. Opposite the foot stool, on the wall, another quotation. This one is about the acquisition of the object by a collector at the beginning of the 20th century, and he describes his experiences in an Amazonian village which included a shamanic procedure to cure the sick at the village. Somehow, the footstool seems to have been involved in it?!  Did the shaman become a jaguar?

Suddenly another projection appears on the wall: a gigantic eye is looking at the spectators. What happened??? Someone is looking the painted jaguar at the wall right in the eye – and the eye of this person is being projected on a screen. It seems all very confusing when you describe it, but somehow the exposition is not dominated by all these interactive features, but manages to have a simple, white appearance, a calm room full of sounds, divided by white curtains with only one other object present: a large arrow is piercing through one of the curtains. These curtains create multiple spaces, blank spaces where you may have different experiences. This exhibition appears to come from another world.

Almost no objects, blurred paintings, only short quotations placed seemingly random(?) at the walls. What is happening here? When you sit down at the small table there are different cards with choreographic instructions on how to experience the room: take another position, move your body in certain ways to get a new vision of the exhibition and its experiences. If you take part in this experiment, you will find yourself in positions that are no part of regular exhibitions: you may be sitting under stairs or flailing your arms widely in one of the white sub-spaces. Borders become blurred, as blurred as the paintings and quotations. As blurred as the silhouettes of the humans and the jaguar on the glasses above the foot stool. In this room, everything is overlapping, NOT clearly defined.

Its an exhibition about time and space that dissolves our perception on the limits of body and mind, the ideas on human and animal, blurring borders acoustically and visually. You can feel what the quotations on the walls suggest: there is a fluid connection between human and animals. And the texts, the patterns, the painting of the jaguar show this, too. There are no clear limits between one and the other, everything flows. The person who looks the jaguar in the eye is looking at the others like a jaguar would do. And who looks at the projection sees the other in the eye of the jaguar.

If you accept to try the forms of perception, changes between a “normal” view of an exhibition to something completely different: you find yourself on the floor, in constant movement. The object itself, normally the sole focus of an exposition, becomes a mere detail; it is almost lost behind its meaning as the source of all these possible transformations. This object is so small, almost invisible. Some of us didn’t even notice it below the glass silhouettes. Its like an integral part of the exhibition, like the arrow or the sounds. We are going downstairs to another world, the “green hell” of Amazonia. We become a part of this world and experience what the foot stool signifies: a transformation of reality, of thinking.

This exposition has been one of the most impressing ones I saw in the last years, and a wonderful expalme of the innovative ideas that are being presented at the Humboldt Lab. AS before, I am looking forward for the new experiments at Humboldt Lab!

*I visited, experienced and analyzed this exhibition together with: Gabriele Pabstmann, Gregor Ahlmann, Nicola Janusch.

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Humboldt Lab #3

Neulich war ich endlich im Humboldt Lab #3, denn ich wollte wissen, wie es denn weitergeht nach der ersten tollen Ausstellung, die ich im Mai gesehen hatte. Leider habe ich #2 verpasst, aber gut. Jetzt wieder!
Humboldt Lab 3, noch bis Ende März 2014 im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen, bestand aus insgesamt vier Ideen:
Michael Kraus’ “Fotografien berühren“,
“24 h Dahlem” von Clara Jo,
Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz,
Und “Warum nicht?” an 27 verschiedenen, unerwarteten Stellen des Museums als Intervention der Dauerausstellung.

Prinzipiell muss ich sagen, dass ich die Idee des ersten Humboldt Labs, die Ausstellungen räumlich vor allem im 1. OG zu vereinen, sehr gut fand – besser als die jetzige, sie über das gesamte Gebäude zu verteilen. Nummer drei habe ich zum Beispiel trotz Faltplan nicht gefunden, sie sollte im Untergeschoss sein. Nachdem ich erst im Restaurant und dann im Vortragsraum stand, habe ich aufgegeben. Ich suche zwar gerne, aber doch nicht zu lange im Museum nach etwas, das ich sehen will. Dieser Post als ohne Humboldt Lab “mensch – objekt – jaguar “.
Die erste Ausstellung “Fotografien berühren” beschäftigte sich mit Fotografien südamerikanischer Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Während man im ersten grossen Saal mit überlebensgrossen, ganz leicht animierten Fotografien aus den Sammlungen des Museums konfrontiert wird, gibt Michael Kraus hierzu im zweiten Raum eine sehr persönliche Einführung in die Fotografien und ihre Welt. Vor allem aber spricht er darüber wie diese ihn persönlich bewegt haben. Welche Fragen sie aufbrachten, welche Emotionen. Das war sehr bewegend und hat auch in mir vieles berührt, da Portraitfotografienauch in mir immer die Frage aufbringen, wer diese Personen sind/waren. Was ihre Schicksale, welche ihre Situation während der Aufnahme? Die Beweggründe waren mir also persönlich sehr nahe, und auch die Möglichkeit im zweiten Raum mittels Ipad verschiedene Themen der Aufnahmen durchlaufen zu können, fand ich sehr anregend. Es handelte sich um Themen wie “Körper“, “Kunst“, etc. Auf Bänken standen mehrere Ipads mit Kopfhörern zur Verfügung um sich hier ganz in Ruhe zu informieren, die Fotos und dazu gehörende Originaltexte der Fotografen nebst Erklärungen einer Sprecherin zu hören. Wunderbar. Raum 3 jedoch war unglaublich gross und unglaublich leer. Hier konnte der Besucher selbst mittels Overheadprojekt Folien vieler Fotos an die Wand bringen, die mit den Daten der Fotos (Aufnahmedatum, Fotograf, Name des Menschen auf dem Foto) aufschienen. Vielleicht fehlt mir da ein Nexus, aber das erschloss sich mir nicht wirklich.

Nachdem ich mir viele der Fotografien angesehen hatte, wurde mir auch etwas klarer, was mir fehlte: eine Art Hintergrund zum Kontext in dem diese Fotografien entstanden. Was bedeutete diese Fotografie zur Zeit ihrer Entstehung? Welche sozialen, wissenschaftlichen Kontexte liegen darunter? Dies wurde zwar am Rande angesprochen, blieb mir aber zu sehr im Hintergrund. Es ging darum, sich den Fotografien persönlich zu nähern, diese durch Anfassen und Größe persönlicher zu spüren – ich hätte mir trotzdem ein wenig mehr Input zu diesem so unglaublich vielschichtigen, kontroversen Thema gewünscht. Pronzipiell geht mir dieser persönliche Zusammenhang bei allen Objekten durch den Kopf, v.a. auch bei den archäologischen Scherben, die mich seit langer Zeit begleiten. Man kann diesen persönlichen Bezug nie ausblenden, und ich finde ihn wichtig. Und es ist wichtig, ihn anzusprechen, die Personen hinter den Bildern (oder Objekten) hervorzuholen, soweit möglich. Trotzdem finde ich gerade Fotografie ein Thema, das auch kunst- und wissenschaftsgeschichtlich viel mehr verdient.

Interessant wäre es vielleicht gewesen, diese Ausstellung mit anderen, zeitglcihen Fotoausstellungen im Museum zu verbinden und unterliegende Ähnlichkeiten aufzuzeigen? Denn gleichzeitig gab es eine Ausstellung mit Fotografien junger Europäer im Museum für Europäische Kulturen, die ebenfalls Portraits UND diese in Verbindung mit Karteikarten mit Daten zum Aufnahmedatum, Aufnahmeumständen etc. zeigte. Faszinierend in Verbindung mit der von Michael Kraus´ kuratierten Ausstellung! Es bleibt aber dem Besucher überlassen, hier eine Verbindung zu entdecken. Schade eigentlich.

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Die zweite Ausstellung namens “24 h Dahlem” wird in mehreren Teilen geboten. Momentan läuft “Nacht” in einem Raum zwischen der Altamerika- und der Südsee-Ausstellung. Wie der Titel schon andeutet, beziehen sich die Macher auf das grossartige Werk des arte/rbb berlin namens “24 h Berlin” und damit ja auch indirekt auf die Vorläufer aus den 20 er Jahren, á la “Berlin – Sinfonie einer Großstadt” und ähnliche. Angepeilt ist laut dem Pressetext eine Vernetzung mit dem Archivmaterial dieser Produktion. Alleine gezeigt, steht das Projekt jedoch etwas im Regen und entwickelt nicht die gleich Strahlkraft wie das Original. Das Konzept bestand darin, die Nachtschicht des Museums mittels Video und Ton durchs Museum zu begleiten und einige Interviews einzuschneiden. Hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Ich mag die Vorläufermodelle sehr, vielleicht bleibt diese Installation für mich daher im Vergleich dazu sehr zurück. Und vielleicht muss man es wirklich irgendwann zusammen sehen um es genießen zu können.

Schön waren jedoch die Interventionen “Warum nicht?” der Dauerausstellungen in diesem dritten Humboldt Lab. Sie drehten sich v.a. um die Einbringung nicht “passender” Objekte in eine Dauerausstellung – etwa eine Skulptur aus dem Museum für europäische Ethnologie in der Altamerika-Ausstellung. Großartig auch die Verbindung im Museum für Asiatische Kunst, in dem der Bogen zur Nutzung bestimmter Architekturelemente im Berlin des 19. Jahrhunderts gezogen wurde. Das war wunderbar, zum Teil verbunden mit Fragen, die dem Zuschauer zusätzlich verdeutlichen sollten wo Zusammenhänge zwischen den Kulturen und damit den unterliegenden Gedankenstrukturen der Menschheit liegen. Schon strukturalistisch gedacht, aber wer sagt, dass das schlecht ist?  Ich glaube, “Interventionen” entwickelt sich zu meinem Lieblingsthema im Humboldt-Lab!

Deshalb: Ich freue mich jetzt schon auf Humboldt Lab # 4.

Ausgewählte Literatur:

Derenthal, R.D. Gadebusch, K. Specht (2012): Das koloniale Auge – Frühe Portraitfotografie in Indien. Koehler & Amelang, Berlin.

 

 

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A week ago, I went to the Ethnological Museum Berlin to visit the 3rd presentation oft he Humboldt Lab, the experimental exhibition show case the museum has launched in order to prepare for their new presentations termed “Humboldt Forum” right in the center of Berlin from 2020 onwards.

I had visited the fist Humboldt Lab in May 2013 and wanted to re-visit because every three-four months there are new expositions on show. This time it was:

–          “Touching Photographs” by Michael Kraus,

–          “24 h Dahlem” by Clara Jo,

–          “Human-Object-Jaguar” by Sebastian Mejía & Andrea Scholz,

–          And “Why not?” – interventions in the permanent exhibitions that cause the visitor to stop, pause and think again.

All four exhibitions can be seen until March 30th, 2014.

First, I would like to say that I appreciated the idea to unite all the exhibitions in one place at the museum. That was the idea of the first Humboldt Lab, but this time the exhibitions were distributed all over the building – and I have to admit that I haven’t been able to find the exhibition “Human-Object-Jaguar”. I even had a map where all the locations were shown, but this exhibition was supposed to be in some room in the basement and I couldn’t find it. There´s a limit even for my willingness to search for an exhibition – and I gave up after 15 minutes, sorry. So, this post will be presented without “Human-Object-Jaguar”.

The first exhibition, called „Touching photographs“, was centered on photographs of South American people from the 19th and early 20th century. While the first room presented slightly animated larger-than-life copies of some of the photographs in question, the second room was designated to an explanation by the curator Michael Kraus. He gives a very personal, even emotional introduction to this corpus of photographs which have been taken on a couple of expedition to South America by different scientists or travelers and have been in custody of the Ethnological Museum since then. Mostly, he talks about how these photographs moved him personally when working with them. Moreover, in this room you had personal access to the photographs using I-pads and earphones. The photos have been arranged around central themes like “art”, body” and the like and are presented with an audio introduction on the photos, the situations in which they were taken and even excerpts of the travel diaries.

This section was very emotional to me. I am inclined to see always the background of these photos, thinking about the persons in them, the situations in which they were taken and what became of the people afterwards. So, this was something that took me in from the beginning!

At room #3 you could project photos on a wall by yourself. You would see the photo, the date and some details of the location and the person in it. I don’t know, but I didn’t quite get the idea of this part of the exhibition. The room was really big, and really – empty. There were only the projections on one of the walls – and that was that.

After seeing that many photographs, I felt a little bit dizzy and I had this vague feeling that something was missing from the exposition. Thinking about it, I would have liked more background information about photography as a social, scientific and ideological tool. That’s a field with much information and publications to it and it would haven been great to just have a little introduction into it – just to put a little background to the photographs presented. Photography is such a controversial, multilayered issue, it would have been great to say something about that aspect, too. I really liked the personal approach taken by the curator. Even with “my” ceramic fragments I cant help but wonder about the people who made them, used them, discarded them. And mostly, this personal aspect is often neglected and it seems to me so important to talk about it, make the people behind the objects visible!

Another idea that occurred to me would have been linking to other photo exhibitions in the museum at the same time. There was an exhibition with photos of contemporary European people at the Museum of European Cultures, that worked quite similar to the one curated by Michael Kraus: a presentation of photos and even some notes about the persons and their contexts. It was just fascinating to compare these contemporary pictures to the ones from South America a century ago. But its up to the visitor to discover this link and make the most of it.

The second exhibition, called „24 h Dahlem“ will be presented in different parts. Right now, “Night” is on display in a room between the permanent exhibitions of America and the South Seas. And as the title indicates, its about documenting a whole day at the Museum, making reference to the absolutely spectacular project of Arte / rbb Berlin called “24 h Berlin”, which presented 24 hours of city life, following dozens of persons during their daily (and nightly) activities in real time. It was one of the best things I ever saw on TV and seemingly in the tradition of spectacular works like “Berlin – Symphony of a City” of the 1920ies. According to the press release, “24 h Dahlem” is meant to be included in the database of “24 h Berlin”, but being shown on its own it just doesn’t develop the same power as the “original”. It’s a 15 minute version of a night at the Dahlem Museum – and it didn’t move me as much as it could. Comparing to “24 h Berlin”, this one is just not as imposing, but maybe it will work better once it has been included into the database?

What I really liked at Humboldt Lab # 3 were the interventions, this time titled „Why not?“. They focused on the integration of objects of “foreign” cultures into the permanent exhibitions. Thus, you may find a sculpture from Poland together with objects from ancient Peru or a 20th century baby pram in the North American Indian exhibition. Or, you may find information on the use of  certain architectonical elements from ancient India in 19th century Berlin. That’s great because it opens up a whole filed of questions (which are often presented right beneath the object) about similarity and underlying structures of thought, regarding all human cultures. That quite structuralistic, but well – isn’t that okay? Definitely, “Interventions” is about to become my favorite part of the Humboldt Lab!

So, thats it. I am already waiting for Part 4 of the Humboldt Lab!


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“A History of the World in 100 Objects” und seine Implikationen – “A History of the World in 100 Objects” and its implications

“A History of the World in 100 Objects “war und ist ja ein wirklicher Bestseller. Übersetzt in viele Sprachen, mittlerweile als Paperback oder als Podcast erhältlich, hat es vermutlich Millionen von Menschen erreicht. Eine eigene interaktive Website begleitet das Projekt der BBC und des British Museum seit seinem Beginn.

Als das Buch relativ neu auf dem Markt war, fiel mir eine englischsprachige Hardcover-Ausgabe für wenig Geld in die Hände und ich fing an zu lesen. Materialität! Objekte! Und das Ganze übersetzt in eine Geschichte der Welt! Das musste gut sein.

Es fing auch sehr gut an und die ersten Objekte, die Steinkeile und mesolithischen Knochenfunde, zeigten eine lange verschwundene Welt. Die Einbindung der Objekte in ihre jeweilige Umwelt, ihre Darstellung als Ausdruck für organische Zusammenhänge einer Gesellschaft, die sich in eben diesem einen Objekt kristallisieren lassen – das war faszinierend. Und tatsächlich schafft es Neil MacGregor, dieses Herauskristallisieren der wesentlichen Charakteristika einer Gesellschaft anhand eines einzigen Objekts durchzuhalten – und die Aussagen eingeladener Wissenschaftler und/oder Künstler zum gleichen Objekt bringen Variabilität in Bezug auf die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten.

Eines aber fiel mir nach ungefähr 30 Objekte immer mehr ins Auge: Abgesehen von den allerersten prä-neolithischen Objekten handelt es sich zunehmend um Objekte, die aus der Elite einer gegebenen Gesellschaft stammen. Die sehen natürlich toll aus und machen natürlich einen Großteil dessen aus, was Museen gerne ausstellen. Sie sind Aufmerksamkeit heischend und attraktiv. Die meisten Menschen mögen diese bunten oder schimmernden Dinge, sie machen einen Großteil der Faszination der Archäologie für die Allgemeinbevölkerung aus.
Als Archäologin würde ich aber sagen: die Faszination liegt gerade darin, dass man eine Gesellschaft eigentlich anhand jedes Objekts wiederauferstehen lassen kann. Es muss nicht schimmern und glitzern, es kann auch ganz schnöde braun, grau und kaputt sein. Wer genügend Wissen über eine Gesellscahft besitzt, kann jedes Objekt nutzen um ein gesellschaftliches, ökologisches, soziales Panorama zu entwickeln. Und die Museumssammlungen bestehen ja zumeist auch nicht aus diesen Dingen der Elite, sondern zunehmend aus Sammlungen unscheinbarer Objekte und/oder Fragmente. Zumindest ist das meine Erfahrung, sowohl in lateinamerikanischen als auch in deutschen Museen.

Welche Sicht der Dinge zeichnet als MacGregor in seinem – eigentlich großartigen – Projekt? Es sieht doch so aus, dass Archäologen und Ethnologen hauptsächlich mit diesen unspektakulären Dingen konfrontiert sind, dass unsere Forschungsarbeit aus der Analyse dieser Dinge besteht und dass die allermeisten Publikationen auf den Daten aus diesen “unscheinbaren” Objekten oder gar Fragmenten bestehen, die uns aber ein immenses Wissen vermitteln können. Sicher, hin und wieder ein Fund der aus einem eher elitären Kontext stammt – aber in meiner Erfahrung sind das vielleicht 1 % des gesamten Fundaufkommens. Wenn man also, wie in “100 Objects” hauptsächlich Dinge präsentiert, die aus einem Elitekontext stammen, zecihnet man genau das Bild nach, das die Öffentlichkeit sowieso schon von Archäologie und Museen hat. Das ist schade, denn es gibt genügend Ideen, Ausstellungen und Forschungen auf Alltagsdinge zu lenken und somit auch den Blick der interessierten Öffentlichkeit auf etwas zu richten, das zum Nachdenken anregt.

Immerhin: die Website zum Projekt der BBC lud dazu ein, dass jedermann Objekte “einreichen” kann, die dann in die Objektserie aufgenommen werden. Hier der Link zur Liste der Objekte von 2000 – 2010, als Beispiel. Das ist ein Anfang, schön wäre es aber gewesen, auch den Fokus des Buches etwas weniger auf Eliteobjekte zu legen und etwas mehr auf alltägliche Dinge, die unsere Welt genauso abbilden, aber einen viel stärkeren Bezug zu unserem “normalen Leben” haben. Denn es ist doch so, dass sich die Alltäglichkeit der Dinge in den letzten Jahren in verschiedenen Erziehungsmethoden (z.B: Stichwort “inquiry learning / enquiry learning” oder “science communication“) durchgesetzt hat. Dazu gehört auch die Abwendung von Dingen, Daten oder Dokumenten die lange Zeit als auswendig zu lernendes Ziel galten – hin zu einer Inklusion von Dingen, Fakten und Dokumenten die einen Bezug unserer eigenen Lebensrealität herstellen können.

Wäre das nicht eine Alternative gewesen?

English version

Cover of A History of the World in 100 Objects...

Cover of A History of the World in 100 Objects, the companion book by Neil MacGregor (Photo credit: Wikipedia)

„A History of the World in 100 Objects” has been and is still an international bestseller. Available in many languages, out now in paperback and as a podcast series, it must have reached out to millions of people world wide. A website had been established since the beginning of this project, that has been started by the BBC and the British Museum.

When the book had been recently released, I got a hard cover copy for a few coins and I started reading it right away. Materiality! Objects! And all this translated into a history of the world! It had to be great.

The book and I, we had a good start. The introduction  gave a good overview on materiality, and the first objects, paleolithic stone tools and Mesolithic bone objects, showed a world long gone. The inclusion of the objects into their own environment, their presentation as an expression of the organic connections of a society which can be crystallized in this object, that was fascinating. MacGregor succeeded in focusing on the relevant characteristics of a society, using the example of an object. The additional statements of related scientists and/or artists gave an idea of the wide range of implications and interpretations an object can represent and its relevance to us today.

But there was one thing that became more and more preeminent during my reading, and that was the fact that apart from the earliest objects, it was an overwhelming majority of elite objects that served MacGregor for being the mirror of a chosen epoch and/or society. Of course, elite objects look good and are mostly what museums like to present to the public. They catch the attention and are attractive. People like these shining or colored things and they are responsible for a big part of the fascination of archaeology to the public.

But as an archaeologist I have to say that the fascination lies more in the possibility of a “resurrection” of a society of the past through every object. It hasn’t to be shiny, it could be plain gray, black and broken. The person who knows sufficient about any given society can use every given object to develop a social, ecological or general panorama of this epoch or society. And the collections of museums? Aren´t they mostly made up with just these supposedly unimposing, unimpressive objects or fragments? Elite objects may form part of these collections, but it is the ordinary things and fragments that make up the big majority – at least this is my experience at Latin-American and European museums.

So, which view is MacGregor taking when he presents mostly elite objects in this – in fact fascinating – project? The reality of archaeologists and anthropologists is the confrontation with unspectacular things and objects, their analysis and the publication of data resulting from these “unimposing” objects and fragments. Publications that contribute to and create an immense knowledge of any given epoch. Without doubt, there may be sometimes elite context finds, but I would estimate that these don´t make up more than 1% of all finds. So, when you represent things that are coming from an elite context as “100 objects” does, you are tracing the picture that the public already HAS of archaeology and museums. And this seems pity to me because there are so many ideas how to develop expositions and investigations that focus on the more mundane, every day objects and to diverge the view of the public onto things that will make us think.

At least the website of „100 objects” includes the possibility to upload objects that can be included into the series of objects presented. Here´s the link to the list of objects from 2000 – 2010, as an example. That’s something, but it would have been nice to include this approach at the book, too. Every day objects, whether prehistoric or contemporary, present a strong link to our “normal life”. And it is a fact that the inclusion of every day life has been the focus of different educational approaches of the last decades (have a look at “inquiry learning / enquiry learning” or “science communication” for instance). This includes a strong focus and inclusion of things, facts and documents that present a relation to our own reality instead of representing things, data or documents that are elite focused. Wouldn’t that have been an alternative for “100 objects” as well?


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Neue Sichtweisen: Humboldt-Lab im Ethnologischen Museum Dahlem

Im Ethnologischen Museum Dahlem, einem Teil der Stiftung Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, war ich länger nicht mehr. Genauer gesagt, einige Jahre nicht mehr. Und erst die Beschäftigung mit dem Humboldt-Forum hat mich dazu überredet, mir auch mal das Humboldt-Lab in Dahlem anzuschauen, wo gerade neue Ausstellungsformen ausprobiert werden um in einigen Jahren dem angstrebten hohen Anspruch des Humboldt-Forums gerecht zu werden.

Noch ein paar Worte zum Humboldt-Forum: früher war ich massive Gegnerin des neuen Stadtschlosses. Ich wusste zwar seit Längerem, dass die Ausstellungen des EMB dorthin umziehen sollen, aber auch das konnte mich nicht mit der historisierenden Fassade und der für mich damit einhergehenden Verkaiserzeitlichung der berliner Mitte versöhnen. Für mich war der Palast der Republik und die darauffolgende kommunal genutzte Freifläche eine großartige Sache, während die Rekonstruktion des Stadtsschlosses nicht meiner Konzeption der Neuen Mitte Berlins entsprach. Und die ganze Fassadendiskussion mitsamt der historisierenden Idee ging ja neulich gerade wieder bezüglich ihrer Finanzierung durch die Medien – es traf auch zu gut mit der Grundsteinlegung zusammen…

Zwischennutzung im Jahr 2012: Installation im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins.

Aber seit ich mich genauer mit dem Konzept des Humboldt-Forums auseinander gesetzt habe (hier der Link zum Text von Herrn Parzinger), muss ich sagen dass das schon eine ziemlich großartige Idee ist. Und in diesem Zuge war die Besichtigung des Humboldt-Labs ein echter Wunsch von mir und: voilá, es war wunderbar.

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Zumindest was die Idee der ersten oben im ersten Stock sichtbaren Ausstellung angeht: die Ausstellung zum Thema Gefässe war so ziemlich das Beste was mir als Gefäss-Spezialistin je untergekommen ist. Es war eine Ausstellung namens “Museum der Gefässe”, entwickelt von Nicola Lepp, die sich mit Gefäßen und all ihren Aspekten befasst, sowie den Fragen, die man sich angesichts dieser uns täglich umgebenden Dingen, Fragen, die man sich eigentlich nie stellt.
Die Verbindung von schriftlichen Ideen zum Thema Gefäß, Fragen an die Zuschauer, die unkonventionelle Darstellung der Gefässe als raum- und kulturübergreifendes DING, das so etwas wie eine unterliegende Idee aller Gesellschaften darstellen kann. Dies zusammen mit einigen Videos, die die Nutzung von Gefässen in verschiedenen Umwelten nahe bringt, von Afrika bis zu Mitteleuropa, also von den in den Augen der Allgemeinheit eher “ursprünglichen” Gesellschaften bis zur heutigen, uns alltäglich begegnenden Nutzung in Mitteleuropa, die die Zusammenhänge und die gleichartige, uns alle verbindende Nutzung aufzeigt, die wir Gefässen angedeihen lassen. Eine gut zusammengestellte Auswahl von Zitaten zum Thema Gefäss, von der Literatur bis zur Philosophie lässt uns Altbekanntes HINTERfragen. Im Ganzen: eine unglaublich komplexe Darstellung simpler, nicht grossartig verzierter Gefässe, die einen ganzen Gedanken- und Kulturkomplex vor uns offen legen. Es war für mich als Archäologin, die sich jahrelang mit Gefässen beschäftigt hat, eine wahre Offenbarung, Dinge die mir derart am Herzen liegen so klarsichtig ausgestellt zu sehen. Ganze Gefässe, reparierte Gefässe, Scherben. Gefässe aus Ton, aus Porzellan, aus Korb. Gefässe, die mit ihrem Raum und ihrer Idee unsere gesamte Kultur durchdringen, und das so unbemerkt dass wir fast nie darüber nachdenken. Ich kann Ihnen versprechen, nach dieser Ausstellung sehen Sie sie mit neuen Augen.

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Draufblick auf den gläsernen Ausstellungskubus.

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Wie viele Bezeichnungen kann ein Gefäß haben?

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Fragen an den Zuschauer.

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Einbindung von “Gefäß” in unseren heutigen Alltag, hier: das Erlernen einer Kulturtechnik, die uns allen alltäglich vertraut sein dürfte.

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Kurzes Einführungsblatt zur Ausstellung.

Im Gegensatz dazu konnten für mich die anderen Ausstellungsansätze nur abfallen. Besonders interessiert hatte mich die Ausstellung “Bedeutungen schichten“, da das Konzept kontextueller Bedeutungen in meiner Forschung immer wieder auftaucht. Auch die Kurzbeschreibung, die das Projekt anbot, klang großartig (s.a. nächstes Foto). Allerdings hatten die Ausstellungsmacher das dann doch anders interpretiert: mittels der Auswahl einiger Objekte aus den Magazinen, die sonst nicht ausgestellt sind, spürten sie ihren Fundkontexten und möglichen Interpretationen nach. Beispiel hierfür war z.b. der Quipu (hier: Khipu). Da Quipus im weitesten Sinne aus meinem eigenen Forschungsgebiet stammen, habe ich mir den zugehörigen Kubus besonders angesehen und fand die Darstellung dann eigentlich eher doch langweilig. Sicher: hier werden Fragen ans Objekt gestellt. Die Fundumstände werden dargestellt, die Umstände wie er ins Museum gelangte ebenso. Sicher ist das für Besucher interessant, die davon eventuell nichts wissen, ich fand es jedoch recht an der Oberfläche gedacht. Grössere Zusammenhänge wurden nicht dargestellt, und gerade die sind es, die mich besonders ansprechen. Kein Objekt, keine Fundhistorie existiert im leeren Raum, sondern immer nur im kulturellen zeitlichen Kontext. Der fehlte hier fast völlig, sodass auch die Fundumstände und Sammlungsdetails eher exotisch daherkamen als in einem Rahmen eingeordnet zu sein. Und ganz ehrlich: wollten sich die Museen nicht eher vom Exotismus abwenden? Die anderen drei Objekte warenvon der Präsentation her ähnlich gelagert, auch wenn sie aus mir unbekannten Kulturräumen stammten und deshalb für mich doch eher spannend hätten sein müssen. Obwohl die Darstellungsweise innerhalb des Kubus eher ungewöhnlich war und von den üblichen Ausstellungsparametern abwich, so war der Informationsgehalt für mich eher an der Oberfläche gehalten. Tiefere Fragestellungen taten sich da für mich nicht auf.

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Kurze Einführung in die Intention der Ausstellungsmacher.

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Spezifische Fragen ans Objekt: der Khipu.

Die anderen Ausstellungsversuche waren mir etwas zu hochgegriffen, allerdings fehlte mir leider dann auch etwas die Zeit, mich ganz direkt auf sie einzulassen. Erwähnenswert sind auf jeden Fall die “Springer”, Aufbrechungen in der Ausstellungslandschaft durch -z.b.- eine Videoinstallation in der Altamerika-Sammlung, die sich mit dem Thema der konkreten Nutzung im Sinne von Ausgiessen und Einschenken beschäftigte und dazu original Gefäße aus der Frühen Zwischenzeit (ca. 300 – 600 n.c.) der peruanischen Küste verwendete.

Im Grossen und Ganzen: ich freue mich auf die nächsten Experimente! Grade vor dem Hintergrund der teilweise recht altbackenen Ausstellungskonzepte in Dahlem (die Altamerika-Ausstellung wurde z.b. in den 60er Jahren erstellt) sind diese neuen Ideen unglaublich spannend. Alle wichtigen Infos gibts kontinuierlich mit Updates unter: Humboldt Lab Dahlem.