Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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“Alltag Einheit” im Deutschen Historischen Museum Berlin / “Unification” at the German Historical Museum Berlin

Direkt nach der Eröffnung war ich da: “Alltag Einheit”, die neue Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin. Es dürfte ja mittlerweile bekannt sein, dass mich Ausstellungen dieses Themas fast magisch anziehen (etwa hier zur “Bösen DDR”, hier zum “Alltag DDR” oder hier zum “Museum im Getränkemarkt”!): ich bin einfach gespannt, wie ein Teil meiner Geschichte ins Museum kommt. Und ich versuche wirklich, objektiv in der Beschreibung zu bleiben – aber es funktioniert nicht immer. “Alltag Einheit” – ist das der Gegenpart zu Alltag DDR” in der Kulturbrauerei? Die Ausstellungsdesign lässt es fast vermuten, eine konkrete Korrelation oder Information hierzu fand ich aber nicht.

Zuallererst: In der Sonderaustellung darf man keine Fotos machen. So was mag ich ja gar nicht. Warum soll ich im Museum keine Fotos machen? Ist das Ausstellungsdesign urheberrechtlich geschützt? Nein, wie das DHM mir über Twitter antwortet (@DHMBerlin), sind die Leihgaben der Grund hierfür. Diese dürfen auch Rechtsgründen (?) nicht fotografiert werden. Gerade bei dieser Ausstellung besonders schade, denn sie war dermaßen auf Mitmachen und Selbst Erleben gepolt, dass Fotos machen und mit den Objekten und Installationen interagieren nur logisch gewesen wäre. Sogar eine Fotochallenge gibt es, bei der man Fotos von der “eigenen” Einheits-Erfahrung auf Twitter mit nem speziellen Hashtag posten kann (#meineeinheit mit @DHMBerlin).

Nun aber zur Ausstellung selbst! Generell: hier wird es wirr. Nämlich sowohl in der Ausstellung, in der ich keinen klaren Rundgang fand,  sondern viele, miteinander verbundene und dann wieder abgegrenzte Areale zu verschiedenen Themenbereichen, was zum Konzept gehörte. Aber auch in der Werbung für diese Ausstellung. Diese hat nämlich folgendes, erklärtes Ziel laut der Homepage des DHM: sie “thematisiert den Alltag der Vereinigung und die Erfahrungen der Menschen sowie den in seiner Dimension historisch einmaligen Wandel des gesamten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gefüges der Gesellschaft in der früheren DDR ebenso wie die damit einhergehende Veränderung der alten Bundesrepublik.”. Großes Thema und: die Ausstellung will also Ost und West einbeziehen. Deshalb ja auch “Alltag Einheit“. De fakto ist es aber so, dass sie zwar sehr viele Aspekte und unterschiedliche Sichtweisen der Einheit abdeckt (und dies wird durch den Ausstellungsaufbau absolut fantastisch/plastisch umgesetzt) – diese aber eigentlich ausschließlich aus Sicht der Ostdeutschen. Ich konnte jetzt nicht wirklich Bereiche finden, in denen die westdeutschen Erfahrungen tatsächlich dargestellt worden wären – außer in den Informationstafeln, auf denen häufig auch über westdeutsche Erfahrungen mit der Einheit zu lesen war. In den Objekten und Installationen fand ich aber eigentlich – fast nichts. Ich fragte mich, ob die Einheitserfahrung für Westdeutsche wohl weniger einschneidend war? Und deshalb weniger ausstellbar?

Dafür durfte ich ganz viele Dinge selber machen. Zum Beispiel mein persönliches “Einheits”-Wort aufschreiben oder aufsprechen. Ich durfte in kopierten Akten blättern und mir Filme angucken. Ich durfte interaktiv Informationen zu besetzten Häusern im Berlin der frühen 1990er Jahre anschauen. Ich konnte Musik hören. Man konnte und sollte also eine große Menge mitmachen, und ich weiß nicht, wie sich das Ganze für jemanden anfühlt, der nicht direkt in Berlin lebte, in den 1990er Jahren. Für mich war es eher wie ein persönliches “Berlin 1995”-Revival. Denn die Objekte, die Fotos, die ausgewählten Themenbereiche beziehen sich zu einem Großteil auf Berlin und Umgebung. Wie war denn die Einheit in, sagen wir mal, Groß-Kleinkleckersdorf West und Groß-Kleinkleckersdorf Ost? Änderte sich da etwas? Was? Hierzu gibts nur wenige Informationen wie etwa die Auszüge der spektakulären Fotoreihe mit Aufnahmen von – allerdings wiederum aus dem Osten stammenden –  Menschen im Jahr 1990, 1995 (?) und nochmal zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Fotos sind übrigens generell eine große Sache. Fotos der Einheit, der Menschen, der Veränderungen. Die oben angesprochene Foto-Challenge. Dafür aber: weniger Objekte. Ganz viel läuft hier über Abbildungen, vielleicht auch weil die Veränderungen im Gefüge der Gesellschaft sich häufig einfacher über Fotos als über Objekte abbilden lassen? Absolut faszinierende Themen wie “unterschiedliche Alltagskulturen” (Zitat einer Texttafel) und Unterschiede im Denken und Handeln werden nur sehr sehr kurz und schemenhaft in den längeren Texttafeln angesprochen. Dabei ist es doch gerade das, was diese Zeit charakterisiert. Hier prallen Welten, Denkwelten, aufeinander. Das ist kaum Thema.

Im Großen und Ganzen ist der riesige Umbruch der Wendezeit also nur sehr flach abbildbar. Fotos transportieren hier viele der damals vorherrschenden Emotionen, aber das ganze Ausmaß ist eigentlich in einer Ausstellung kaum darstellbar. Es ist eine Ausstellung, wie gemacht für einen ersten Eindruck. Das große Mitmach-Potenzial und die vielen kleinen Themenbereiche bieten sich dafür an, eine Idee davon zu erhalten, wie es gewesen sein könnte. Aber viele der großen Themen sind außen vor, der Fokus liegt auf dem, was halbwegs “anfassbar”, erfassbar ist.

 UNification - Alltag Einheit DHM BerlinDas einzige Photo, bevor die Museumwärterin mahnte….Installation zu “Meinem persönlichen Einheits-Wort”. Ohne Leihgaben im Bild!

ENGLISH VERSION

Directly after the opening I decided to go and have a look at it: the new Special Exhibition at the German Historical Museum: “Unification. German Society in Transition“. It may be common knowledge by now that I am interested in these topics and that there were a lot of expositions visited so far (read about it here: “Good GDR – Bad GDR”, “Everyday Life at the GDR”, “Museum at the Cornershop”). I am curious how a part of my own past is being displayed in museums. And I really try to be an objective observer. I really do try! But I don´t always succeed. “Unification” (“Everyday Life during the Unification” as its German title traduces literally) – is this the counterpart to “Everyday Life in the GDR”, the exposition visited in Berlin some time ago? The exposition design and the title made me wonder about it, but I couldn´t find any precise information about it.

And, in the first place: you can´t take photos in this exposition of the German Historical Museum. I don´t like that… why shouldn´t I take photos? Is there a copyright to the exhibition design? As the Museum let me know via Twitter (@DHMBerlin)n this is due to the fact that the exposition uses lenders for many objects. Unfortunate for this exposition, because it was particularly focussed on participation and experiencing. So interacting with objects and istallations by taking photos would have been logical – for me, at least. There is even a “Photo challenge” associated with the exposition where you may twitter your own special unification photo unter der the hashtag #meineeinheit.

But now to the exposition itself. Generally speaking: its getting a little bit confused. In the exposition where I couldn´t find any clear way to wander around but many interconnected and separated areas on different topics, which makes sense regardin the obejctive of the exhibition – as well as in the marketing of the exposition. The marketing claims the following goal: “Everyday life in the union and the experiences of the people are the focus of the exhibition “Unification. German society in transition”. It deals with the transformation, historically unique in its dimension, of the entire political, economic, social and cultural structure of society in the former GDR as well as the concomitant changes in the old Federal Republic.” Ok, so the goal is to show both Germanies, East and West. That´s why it´s called “German Society in Transition” and not “GDR Society in Transition”. But actually, although many aspects of the life during the unification process are being covered, these are mainly focussing on East German perspectives.  I wasn´t able to find areas that focussed concretely on West german perspectives on Unification, apart maybe from some comments and explanations in the information tables. But in the actual objects or installations I found – almost nothing. I wonder if the experience of unification was maybe less important to West germans? Or less “apt” for an exhibition?

But on the other hand I was allowed to do a lot of things on my own. Writing down my “personal unification word”, for example. I could scroll through copies of official documents and watch movies and documentaries. I could interact virtually with informations on squatted houses in East Berlin in the early 1990ies. I could listen to music… in the end, you could participate and interact with a lot of things in this exposition and I don´t know how this feels for somebody who didn´t live in Berlin at this specific time, say between 1990 and 1996. For me, personally, this was like a “Berlin 1995 revival”. Because the objects, most of them photos and the selected topics focussed mainly on Berlin and the surrounding areas. How was the Unification experienced in, lets say, in some small village in East and West? Were there changes? And what? There are very few informations on this – including the absolutely spectactular photograhy series of (again: East) German people visited in 1990, 1995 and the beginning of the new century.

Photos are definitely the big thing ath this exposition. Photos of the Unification, of the People, of the changes. And the above mentioned photo challenge. But few objects, comparatively. Is this because changes can be made more “experiencable” therough phpotos, transporting emotions than through “mere” objects? Many of the topics, fascinating as they are, are only addressed in the information tables. Topics like “different cultures of everyday life”, differences in perepction and acting as they developed over a 40 year span living in different political systems and societies are totally fascinating and were mentioned in the information text. But – they were not really visible in the objects or instalaltions. And this is just what characterizes this fascinating time of changes: Universes of Thoughts collide, East and West germans realized how different their mutual perceptions of objects, words, events, were. It differentiated them and let to a development of a new cultural identity, mostly still influenced by the former German states. That´s not a topic in the exhibition, though.

Generally speaking, the huge changes of the time of Unification can only be made visible in a small way. Photos transport many emotions that were prevalescent in 1989-1990 but the whole amount of change, emotions, personal and social developments is impoosible to represent at an exhibition. Or so it seems visiting this specific exposition. Its an exhibition that is great to get an idea of how things were, at that time. The big potential of participation and the many small areas and subjects are clearly apt to give you an overview of the huge changes that were happening during these 1-2 years. But the big issues are left out, the focus lies on the things that can be presented in a “museum way”.

 

 

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Geschichte allerorten / History at every pace

Natürlich sind alle Orte, die wir betreten, mit Geschichten durchzogen. Diese Alltäglichkeit von Geschichte führt ja dazu, dass wir uns heimisch fühlen, wenn es positive Geschichten sind – oder unangenehm wenn es negative Geschichten sind, seien es nun persönliche oder gesellschaftliche. Allerdings denken wir nicht alltäglich daran, sondern haben eher ein Gefühl, gerade wenn es sich um Alltagsorte handelt die wir oft betreten und deren Alltäglichkeit dazu führt, dass wir sie eher als Statisten und Bühnenbild wahrnehmen und nicht als Ding an sich.

Museen sind ja Stätten, die den Alltagsobjekten die Möglichkeit geben als Symbol über sich selbst “hinauszuwachsen” oder, umgekehrt, einen Anstoß für eigene Geschichten zu geben. Aber Landschaften, Gebäude, Straßenzüge – das sind keine Dinge die ins Museum passen. Ihre Alltäglichkeit und das Immer-Da-Sein machen sie fast unsichtbar.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder gesehen, wie Landschaften, Gebäude, Straßenzüge aus dieser Alltäglichkeit herausgenommen werden – und zwar durch Abbildungen, Fotos, Zeichnungen, die genau diese in anderen Zeiten zeigen. Soweit ich weiß, ist das in Berlin häufig zu finden, und auch an anderen Orten habe ich es schon gesehen.

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Fotos von dem Ort, an dem man gerade steht, vor 30, 60, 100, 300 Jahren – immer verbunden mit der Frage, die dann ganz automatisch aufgeht: was war anders? Der Geist vergleicht, sieht auf die Unterschiede in Architektur und Technik. Wer noch etwas geschichtsbegeisterter ist, kann eventuell sogar politische oder gesellschaftliche Ereignisse zu den Jahreszahlen unter den Bildern assoziieren. Das Besondere daran ist, finde ich, dass diese Abbildungen aber nicht in einem musealen Raum gezeigt werden, den wir mit einer bestimmten Erwartungshaltung betreten, sondern wie in unserer medialen Gesellschaft üblich “einfach so”, nebenher. Als Begleitung auf dem Weg, beim Warten auf die Bahn, auf die grüne Ampel.

Ausstellungen an Bauzäunen sind ja seit mehreren Jahren ein Dauerbrenner, Google zeigt hierfür mehr als 6 Seiten Einträge. Bauzäune in allen Formen und Farben, meist als “temporäre Ausstellung” genutzt. Mit Künstlern, Infos, Fotos, Geschichte, Werbung. Der Bauzaun als Gratis-Werbe- & Infofläche aller Art ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Und einmal hatte ich hier schon über die Zwischen-Ausstellung mit historischen Portraitfotos am Bauzaun des neuen berliner Schlosses berichtet (Spree Side Gallery), auch der seit Jahren bestehende Bauzaun der neuen U-5 in Berlin ist ein gutes Beispiel dafür. Reklamefläche in groß, gefüllt mit Infos, Unterhaltung und historischen Fakten.

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Im Gegensatz zu den Ausstellungen am Bauzaun sind historische Abbildungen  etwa an einer U-Bahn-Station oder einer Hauswand eine dauerhafte Einbettung in die Umgebung. Die Pressestelle der BVG sagte auf Anfrage dazu: “Auf den denkmalgeschützten Bahnhöfen werden, in Abstimmung mit der Denkmalbehörde, die Werbetafeln durch historische Abbildungen ersetzt. Die Auswahl der Fotos bezieht sich auf das nahe Umfeld der Bahnhöfe und soll einen Bezug zu dem heutigen Stadtbild und dem historischen Stadtbild herstellen.” ich würde mal sagen: es funktioniert! Und diese Bilder führen dazu, dass Menschen kurz innehalten und einen Gedanken daran verschwenden was früher war, sich kurz oder auch länger zeitlich, geschichtlich verorten. Kinder stellen Fragen dazu, Erwachsene lassen sich in der Zeit treiben. Viele schauen auf das offensichtlich Andere: Pferdekutschen, andere Kleidung, andere Häuser. Andere sehen die Ähnlichkeiten, stellen fest dass manche Gebäude die gleichen geblieben sind. Dass man vielleicht gerade direkt davor steht, vor dem einzigen noch originalen Gebäude einer 200 Jahre alten Abbildung. Es ist eine kleine Chance, sich selber im Lauf der Zeit zu verorten. Darüber nachzudenken was war und was ist – und was eventuell sein wird.

Auch wenn historische Abbildungen vielleicht nur eine mediale Berieselung sind und keine Sache, die man wirklich jetzt “erziehungstechnisch” einsetzt – der Effekt ist doch vorhanden. Wir denken nach. Ein Anfang!

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

Historische Photos Berolinahaus Berlin Alexanderplatz sprachederdinge blog

ENGLISH VERSION

Of course, every place we step on is laden with history. This ubicuity of history is what makes us del “at home” at certain places, when its positive histories we are associating with a given place – and makes us feel uncomfortable if these histories are negative ones, be they personal or concerning the whole society. But we are not constantly thinking of this history surrounding  us, especially when we are confronted with everyday places that we wander every day. this prosaicness makes us think of history as a stage setting or an extra. And not as the THING it actually is.

Museums are places that offer the possibility to present everyday objects as symbols. In this context they can be “more” than just themselves, they can offer the opportunity to get our own history in a context. But landscapes, buildings, streets – these are no objects that would fit into any museum. Their prosaicness and their “Being – continually – there” make them almost invisible to the everyday eye.

In the last years there have been several times that I saw how landscapes, buildings, streets, have been removed from this ubiquity  – using paintings, photographies and drawings that show just these landscapes or buildings in other, past times. as far as I know this is a recurring phenomenon at Berlin and I´ve seen it at other cities as well. Images of the places that you are standing right now: images from 30, 60, 100, 300 years ago.

and theres a question that rises almost automatically: what was different then? Our mind starts comparing: differences in architecture, people, fashion. If you are even more interested in history you might even associate some political or societal events with the dates mentioned at the images. The special thing about this is, that these are not part of a museal presentation of objects, they are not part of some surrounding where you are supposed to learn something, to get educated. Rather, they are just with us, accompanying us at a moment when we are waiting for the lights to change to green, for the metro to arrive.

Expositions at building fences are a major thing for some years now, German Google has more than 6 pages of entries on this topic. Building fences in every form and shape and color, mostly being used as “temporary expositions”. They sport artists, information, photos, advertising. The building fence as a free place for information and advertisement – that has been common knowledge for some years now. And I even mentioned the temporary exposition of photographies at the building site for the New Berlin CAstle (Spree Side Gallery) – the building fence of the new metro in the centre of Berlin is another excellent example. Advertisement for the building, the architect, filled with photos and information on the history of the place.

But on the contrary to these examples historical images in a metro station or at a building are being constant. They accompany us for a much longer time frame. And they make people stop, think things over, get them to locate themselves in the river of history, have a look at their position in order to other centuries. You may stop for some seconds or for a longer time. Children ask about the things they see at the image, adults drift dreamily through the times. Many look at the obvious: the buildings that changed  – or not. That maybe you are standing just in front of the only remaining building of the image. Its an opportunity to see yourself as related to past and future. To think about what was and what may be. And even when historical images could count as “only” a new form of media and not something you use to educate people – its the same thing. We start to think, and thats always a good start.

 


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Humboldt-Box & Spree Side Gallery an der Spree /

Mit der Humboldt-Box verhält es sich so: sie steht seit Jahr und Tag an dem Ort, an dem ja irgendwann in den nächsten Jahren das Humboldt-Forum errichtet sein soll, mitsamt all den außereuropäischen Kulturen, die dann ins geplante Museum einziehen sollen. Solange das aber noch nicht so ist, hält die Humboldt-Box als Infocenter die Fahne hoch. Leider habe ich es noch nie geschafft tatsächlich reinzugehen, aber immerhin kann ich den Twitteraccount der Humboldt-Box (@HumboldtBox) und den Facebook-Account (Humboldt-Box Berlin) wirklich empfehlen. Angenehm aufbereitete, informative und personalisierte Daten im Tagestakt.

Und an einem lauen Sommerabend hatte ich immerhin aber Zeit, im Vorbeigehen auch eines der neueren Projekte der Humboldt-Box anzusehen: die Spree Side Gallery entlang/im Bauzaun an der Spree. Beworben am Beginn als Beispiel für menschliches Miteinander, kultureller Dialog und historische Reflektion (s.Foto 2), hatte ich mir schon Einiges erwartet. Denn der Baugrund des Humboldt-Forums war in den Jahren vor Baubeginn für einige schöne Überraschungen gut, darunter eine temporäre Ausstellungs-Intervention im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins. Dem Ganzen den Namen “Spree Side Gallery” zu verpassen schien da etwas vermessen, immerhin evoziert dies ja doch die East Side Gallery und damit einen der fünf meist besuchten Orte Berlins (lt. Eigenwerbung), an dem Kunst im öffentlichen Raum (nämlich den Resten der berliner Mauer) seit über 25 Jahren für stetige Besucherzahlen und eine konkrete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sorgt.

Denn dann hängen in der Realität dort an der “Spree Side Gallery” eben einfach große Fotos von Menschen unter dem Obertitel “Jung und Alt“. Menschen aus aller Welt, eben Alte und Junge. Manchmal auf einem Foto vereint, z.B. auf einer Parkbank sitzend oder als Familie. Manchmal für sich. Ohne Kontext, nur mit einer kurzen Bildunterschrift á la “Junge Frau, Ost-Berlin, 1962”. Oder ähnlich.

Da reißt auch eines meiner Lieblingszitate von Humboldt nicht mehr: “Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben”. Der QR-Code (s. Foto) leitet mich lediglich auf die Seite des Humboldt-Forums, auf der sofort aufs Spendenkonto verwiesen wird (und: auf einen meiner Museums-Lieblinge, das wirklich faszinierende Humboldt-Lab).

Am Ende bleiben also: irgendwie beliebige, recht nette Fotos an einem recht lauschigen Ort an der Spree. Das könnt ihr doch besser!

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie
Spree Side Gallery


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ENGLISH VERSION

Its the following with the Humboldt-Box: its standing for years now right on the site where in the future the new Humboldt-Forum will open its doors. The forum which will eventually be the home to the extra-european collections of what is now the Ethnological Museum Dahlem (Berlin). But until this day comes, the Humboldt Box is acting as a placeholder, offering information on the future museum, the ancient (destroyed and now being re-erected) castle oín the centre of Berlin and the like. I haven’t been able to visit the box – and I know its a shame! But at least I am enjoying and recommending their twitter and Facebook account! Have a look at: @HumboldtBox and Humboldt-Box Berlin! Its full of fresh, almost daily updated information.

At least, on a sunny summer evening, I had the time to visit something announced as: Spree Side Gallery, supposedly being a photo exhibition alongside the river Spree right beneath the Humboldt Box, centered on themes like human interaction, cultural dialogue and historical reflection (see photo 2). I was expecting a lot because the site of the Humboldt Forum had been a playground for a lot of innovative and interesting temporal open air and public exhibitions! The mere naming of “Spree Side Gallery” evoked the image of the most famous “East Side Gallery” in berlin, one of the five most visited touristic spots in Berlin (at least according to the information of the official East Side Gallery homepage). This space is open to public art in a connection to the last remnants of the Berlin wall.

Unfortunanely, my expectations were too high. The Spree Side Gallery ultimately consisted in big photographies of different people, young and old, from different cultural backgrounds, shown interacting or on their own. Without context, only indicating things like: “Young Woman, East Berlin, 1962”, or the like. Even one of my favorite phrases of Humboldt quoted on the posters couldn’t make things any better: “The most dangerous worldview (Weltanschauung) is the one of people who have never seen the world”. The QR code on the exhibitions only directed me to the homepage of the Humboldt Forum, linking me directly to a request to donate. No further information on the exhibition, the photos, the background. Only, a little bit further down, a link to one of my favorite spots for exhibitions in the last years: the Humboldt Lab.

But in the end, this exhibitions is like something rather lukewarm, nice but arbitrary photos on a nice place at the river Spree. I am sure that you can do better than that!

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie
Spree Side Gallery


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Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie Spree Side Gallery

Sprache der Dinge Humboldt-Box-Galerie
Spree Side Gallery

 


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Humboldt Lab #3

Neulich war ich endlich im Humboldt Lab #3, denn ich wollte wissen, wie es denn weitergeht nach der ersten tollen Ausstellung, die ich im Mai gesehen hatte. Leider habe ich #2 verpasst, aber gut. Jetzt wieder!
Humboldt Lab 3, noch bis Ende März 2014 im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen, bestand aus insgesamt vier Ideen:
Michael Kraus’ “Fotografien berühren“,
“24 h Dahlem” von Clara Jo,
Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz,
Und “Warum nicht?” an 27 verschiedenen, unerwarteten Stellen des Museums als Intervention der Dauerausstellung.

Prinzipiell muss ich sagen, dass ich die Idee des ersten Humboldt Labs, die Ausstellungen räumlich vor allem im 1. OG zu vereinen, sehr gut fand – besser als die jetzige, sie über das gesamte Gebäude zu verteilen. Nummer drei habe ich zum Beispiel trotz Faltplan nicht gefunden, sie sollte im Untergeschoss sein. Nachdem ich erst im Restaurant und dann im Vortragsraum stand, habe ich aufgegeben. Ich suche zwar gerne, aber doch nicht zu lange im Museum nach etwas, das ich sehen will. Dieser Post als ohne Humboldt Lab “mensch – objekt – jaguar “.
Die erste Ausstellung “Fotografien berühren” beschäftigte sich mit Fotografien südamerikanischer Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Während man im ersten grossen Saal mit überlebensgrossen, ganz leicht animierten Fotografien aus den Sammlungen des Museums konfrontiert wird, gibt Michael Kraus hierzu im zweiten Raum eine sehr persönliche Einführung in die Fotografien und ihre Welt. Vor allem aber spricht er darüber wie diese ihn persönlich bewegt haben. Welche Fragen sie aufbrachten, welche Emotionen. Das war sehr bewegend und hat auch in mir vieles berührt, da Portraitfotografienauch in mir immer die Frage aufbringen, wer diese Personen sind/waren. Was ihre Schicksale, welche ihre Situation während der Aufnahme? Die Beweggründe waren mir also persönlich sehr nahe, und auch die Möglichkeit im zweiten Raum mittels Ipad verschiedene Themen der Aufnahmen durchlaufen zu können, fand ich sehr anregend. Es handelte sich um Themen wie “Körper“, “Kunst“, etc. Auf Bänken standen mehrere Ipads mit Kopfhörern zur Verfügung um sich hier ganz in Ruhe zu informieren, die Fotos und dazu gehörende Originaltexte der Fotografen nebst Erklärungen einer Sprecherin zu hören. Wunderbar. Raum 3 jedoch war unglaublich gross und unglaublich leer. Hier konnte der Besucher selbst mittels Overheadprojekt Folien vieler Fotos an die Wand bringen, die mit den Daten der Fotos (Aufnahmedatum, Fotograf, Name des Menschen auf dem Foto) aufschienen. Vielleicht fehlt mir da ein Nexus, aber das erschloss sich mir nicht wirklich.

Nachdem ich mir viele der Fotografien angesehen hatte, wurde mir auch etwas klarer, was mir fehlte: eine Art Hintergrund zum Kontext in dem diese Fotografien entstanden. Was bedeutete diese Fotografie zur Zeit ihrer Entstehung? Welche sozialen, wissenschaftlichen Kontexte liegen darunter? Dies wurde zwar am Rande angesprochen, blieb mir aber zu sehr im Hintergrund. Es ging darum, sich den Fotografien persönlich zu nähern, diese durch Anfassen und Größe persönlicher zu spüren – ich hätte mir trotzdem ein wenig mehr Input zu diesem so unglaublich vielschichtigen, kontroversen Thema gewünscht. Pronzipiell geht mir dieser persönliche Zusammenhang bei allen Objekten durch den Kopf, v.a. auch bei den archäologischen Scherben, die mich seit langer Zeit begleiten. Man kann diesen persönlichen Bezug nie ausblenden, und ich finde ihn wichtig. Und es ist wichtig, ihn anzusprechen, die Personen hinter den Bildern (oder Objekten) hervorzuholen, soweit möglich. Trotzdem finde ich gerade Fotografie ein Thema, das auch kunst- und wissenschaftsgeschichtlich viel mehr verdient.

Interessant wäre es vielleicht gewesen, diese Ausstellung mit anderen, zeitglcihen Fotoausstellungen im Museum zu verbinden und unterliegende Ähnlichkeiten aufzuzeigen? Denn gleichzeitig gab es eine Ausstellung mit Fotografien junger Europäer im Museum für Europäische Kulturen, die ebenfalls Portraits UND diese in Verbindung mit Karteikarten mit Daten zum Aufnahmedatum, Aufnahmeumständen etc. zeigte. Faszinierend in Verbindung mit der von Michael Kraus´ kuratierten Ausstellung! Es bleibt aber dem Besucher überlassen, hier eine Verbindung zu entdecken. Schade eigentlich.

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Die zweite Ausstellung namens “24 h Dahlem” wird in mehreren Teilen geboten. Momentan läuft “Nacht” in einem Raum zwischen der Altamerika- und der Südsee-Ausstellung. Wie der Titel schon andeutet, beziehen sich die Macher auf das grossartige Werk des arte/rbb berlin namens “24 h Berlin” und damit ja auch indirekt auf die Vorläufer aus den 20 er Jahren, á la “Berlin – Sinfonie einer Großstadt” und ähnliche. Angepeilt ist laut dem Pressetext eine Vernetzung mit dem Archivmaterial dieser Produktion. Alleine gezeigt, steht das Projekt jedoch etwas im Regen und entwickelt nicht die gleich Strahlkraft wie das Original. Das Konzept bestand darin, die Nachtschicht des Museums mittels Video und Ton durchs Museum zu begleiten und einige Interviews einzuschneiden. Hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Ich mag die Vorläufermodelle sehr, vielleicht bleibt diese Installation für mich daher im Vergleich dazu sehr zurück. Und vielleicht muss man es wirklich irgendwann zusammen sehen um es genießen zu können.

Schön waren jedoch die Interventionen “Warum nicht?” der Dauerausstellungen in diesem dritten Humboldt Lab. Sie drehten sich v.a. um die Einbringung nicht “passender” Objekte in eine Dauerausstellung – etwa eine Skulptur aus dem Museum für europäische Ethnologie in der Altamerika-Ausstellung. Großartig auch die Verbindung im Museum für Asiatische Kunst, in dem der Bogen zur Nutzung bestimmter Architekturelemente im Berlin des 19. Jahrhunderts gezogen wurde. Das war wunderbar, zum Teil verbunden mit Fragen, die dem Zuschauer zusätzlich verdeutlichen sollten wo Zusammenhänge zwischen den Kulturen und damit den unterliegenden Gedankenstrukturen der Menschheit liegen. Schon strukturalistisch gedacht, aber wer sagt, dass das schlecht ist?  Ich glaube, “Interventionen” entwickelt sich zu meinem Lieblingsthema im Humboldt-Lab!

Deshalb: Ich freue mich jetzt schon auf Humboldt Lab # 4.

Ausgewählte Literatur:

Derenthal, R.D. Gadebusch, K. Specht (2012): Das koloniale Auge – Frühe Portraitfotografie in Indien. Koehler & Amelang, Berlin.

 

 

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A week ago, I went to the Ethnological Museum Berlin to visit the 3rd presentation oft he Humboldt Lab, the experimental exhibition show case the museum has launched in order to prepare for their new presentations termed “Humboldt Forum” right in the center of Berlin from 2020 onwards.

I had visited the fist Humboldt Lab in May 2013 and wanted to re-visit because every three-four months there are new expositions on show. This time it was:

–          “Touching Photographs” by Michael Kraus,

–          “24 h Dahlem” by Clara Jo,

–          “Human-Object-Jaguar” by Sebastian Mejía & Andrea Scholz,

–          And “Why not?” – interventions in the permanent exhibitions that cause the visitor to stop, pause and think again.

All four exhibitions can be seen until March 30th, 2014.

First, I would like to say that I appreciated the idea to unite all the exhibitions in one place at the museum. That was the idea of the first Humboldt Lab, but this time the exhibitions were distributed all over the building – and I have to admit that I haven’t been able to find the exhibition “Human-Object-Jaguar”. I even had a map where all the locations were shown, but this exhibition was supposed to be in some room in the basement and I couldn’t find it. There´s a limit even for my willingness to search for an exhibition – and I gave up after 15 minutes, sorry. So, this post will be presented without “Human-Object-Jaguar”.

The first exhibition, called „Touching photographs“, was centered on photographs of South American people from the 19th and early 20th century. While the first room presented slightly animated larger-than-life copies of some of the photographs in question, the second room was designated to an explanation by the curator Michael Kraus. He gives a very personal, even emotional introduction to this corpus of photographs which have been taken on a couple of expedition to South America by different scientists or travelers and have been in custody of the Ethnological Museum since then. Mostly, he talks about how these photographs moved him personally when working with them. Moreover, in this room you had personal access to the photographs using I-pads and earphones. The photos have been arranged around central themes like “art”, body” and the like and are presented with an audio introduction on the photos, the situations in which they were taken and even excerpts of the travel diaries.

This section was very emotional to me. I am inclined to see always the background of these photos, thinking about the persons in them, the situations in which they were taken and what became of the people afterwards. So, this was something that took me in from the beginning!

At room #3 you could project photos on a wall by yourself. You would see the photo, the date and some details of the location and the person in it. I don’t know, but I didn’t quite get the idea of this part of the exhibition. The room was really big, and really – empty. There were only the projections on one of the walls – and that was that.

After seeing that many photographs, I felt a little bit dizzy and I had this vague feeling that something was missing from the exposition. Thinking about it, I would have liked more background information about photography as a social, scientific and ideological tool. That’s a field with much information and publications to it and it would haven been great to just have a little introduction into it – just to put a little background to the photographs presented. Photography is such a controversial, multilayered issue, it would have been great to say something about that aspect, too. I really liked the personal approach taken by the curator. Even with “my” ceramic fragments I cant help but wonder about the people who made them, used them, discarded them. And mostly, this personal aspect is often neglected and it seems to me so important to talk about it, make the people behind the objects visible!

Another idea that occurred to me would have been linking to other photo exhibitions in the museum at the same time. There was an exhibition with photos of contemporary European people at the Museum of European Cultures, that worked quite similar to the one curated by Michael Kraus: a presentation of photos and even some notes about the persons and their contexts. It was just fascinating to compare these contemporary pictures to the ones from South America a century ago. But its up to the visitor to discover this link and make the most of it.

The second exhibition, called „24 h Dahlem“ will be presented in different parts. Right now, “Night” is on display in a room between the permanent exhibitions of America and the South Seas. And as the title indicates, its about documenting a whole day at the Museum, making reference to the absolutely spectacular project of Arte / rbb Berlin called “24 h Berlin”, which presented 24 hours of city life, following dozens of persons during their daily (and nightly) activities in real time. It was one of the best things I ever saw on TV and seemingly in the tradition of spectacular works like “Berlin – Symphony of a City” of the 1920ies. According to the press release, “24 h Dahlem” is meant to be included in the database of “24 h Berlin”, but being shown on its own it just doesn’t develop the same power as the “original”. It’s a 15 minute version of a night at the Dahlem Museum – and it didn’t move me as much as it could. Comparing to “24 h Berlin”, this one is just not as imposing, but maybe it will work better once it has been included into the database?

What I really liked at Humboldt Lab # 3 were the interventions, this time titled „Why not?“. They focused on the integration of objects of “foreign” cultures into the permanent exhibitions. Thus, you may find a sculpture from Poland together with objects from ancient Peru or a 20th century baby pram in the North American Indian exhibition. Or, you may find information on the use of  certain architectonical elements from ancient India in 19th century Berlin. That’s great because it opens up a whole filed of questions (which are often presented right beneath the object) about similarity and underlying structures of thought, regarding all human cultures. That quite structuralistic, but well – isn’t that okay? Definitely, “Interventions” is about to become my favorite part of the Humboldt Lab!

So, thats it. I am already waiting for Part 4 of the Humboldt Lab!