Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


Leave a comment

Geschichte schmecken? Historisches Kochen. / Savouring History? Historical Cooking.

Heute mal “leichte Kost“! Essen & Trinken im historischen Kontext sind eine hübsche Sache und stehen ganz im Sinne der “Zeitreisen” und Living History. Auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt ist, bringen fremde, “vergangene” Geschmackserlebnisse auch einen ganz kleinen Einblick ins Vergangene. Vor allem wenn man versucht, sie mit den “halbwegs” originalen Zutaten, Zubereitungsarten und Utensilien hinzukriegen. Wer das nicht kann oder möchte und einfach zuhause kocht, kriegt immerhin einen Einblick in die Alltagsgeschichte einer bestimmten Epoche -zumindest dann, wenn er ein ordentliches Kochbuch benutzt und nicht einfach “Paläo-Diät” bei Google eingibt.

FOTO PALÄO

Als multi-sensorisches Erlebnis bietet Essen ganz verschiedene Zugänge: vom Schmecken, Sehen, Hören hin zum Riechen und Anfassen/Tasten. Hier hat sich die Gastrosophie als neuer Untersuchungszweig entwickelt, der all diese sensorischen Aspekte zzgl. der ganzen kulturwissenschaftlichen, archäologischen und ernährungstheoretischen Details abdeckt. Und über die Macht von diversen Gerichten auf unsere Erinnerung muss ich seit Proust ja wohl nix mehr sagen…  Living History & Kochen – auf jeden Fall ist das ein Thema, das nicht allzuviel Vorbereitung braucht und daher vielen Menschen offenstehen kann, auch solchen die sich jetzt nicht ständig oder in größerem Zeitrahmen mit Vergangenheit beschäftigen.

Da gibt es zum Beispiel große Foren in Großbritannien, die sich mit dem passenden Zubereiten von Essen bei Living History befassen: Living history: Eating in the 19th century und Foren in Großbritannien zum Thema Living History / Food & Drink oder Seite auf Deutsch, auf denen der Kochprozess lange & ausführlich dargestellt wird. Der Blog Silvretta schreibt über keltischen Urkäse…( hier bei: Silvretta ) und überhaupt gehört Essen & Trinken zu einer richtigen Zeitreise irgendwie dazu, wie z.B. M. Fenske in ihrem Artikel “Abenteuer Geschichte: Zeitreisen in der Spätmoderne” darstellt.

In den letzten Jahren, nein, eigentlich seit dem Abitur als das Lateinbuch auch das Rezept für Garum und Würstchen mit Honig (kann das wirklich sein?????) enthielt, seitdem habe ich mich hin und wieder mit historischem Kochen beschäftigt – mein letztes sehr konkretes Zusammentreffen damit war beim Familientag in der Arche Nebra, dort mit “Bronzezeitlichem Essen” aus Linsen, Erbsen, Stockbrot & Würstchen oder auf dem “Zeitwanderweg” der Slawenburg Raddusch, der unter anderem auch die Kulturpflanzen vom Neolithikum bis in die Eisenzeit “in freier Wildbahn” zeigte.

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

Und da ich neben Archäologie & Arbeit auch gerne koche, habe ich mir öfter Gedanken darüber gemacht, wie die Gerichte wohl aussahen, die man zu verschiedenen Zeiten dargebracht bekam. Während des Studiums war es dieses Buch von Jens Lüning, das mir eine neue Ideenwelt eröffnete mit seinen Aufzählungen verfügbarer Obst-, Gemüse – & Getreidesorten im Neolithikum Mitteleuropas. Während der Feldarbeit in den Südanden gehörte es für mich immer auch dazu, Essen aufzuspüren, das so oder ähnlich auch in vorspanischer Zeit gegessen worden sein mag. Als Heimat von Kartoffeln (auch gerne als Trockenkartoffeln), Mais, Kürbis & Ananas, Chili & Erdnüssen, Quinoa & Amaranth sowie der immer noch üblichen Zubereitung von Trockenfleisch und -fisch sowie dem gelegentlichen Auftauchen essbarer Ton-Sorten (hier nachlesbar bei Browman & Gundersen) kommt da so einiges infrage, von dem man manches etwa hier einsehen kann: Fixaufdentisch.de Überhaupt ist das Auseinanderdividieren der vor der Entdeckung Amerikas verfügbaren Esswaren in Europa durchaus spannend, wenn man sich wenig oder gar nicht damit beschäftigt. Hirse? Linsen? Äpfel? (Fasizinierende Leküre hierzu: 1493 von Charles C. Mann). http://en.wikipedia.org/wiki/1493:_Uncovering_the_New_World_Columbus_Created

Es ist ein spannendes Thema, da es mittels ungewohnter Geschmäcker nicht nur aus der eigenen Welt weg-transportiert und neue Räume öffnet, sondern auch den Blick schärft für Dinge, die in unseren Küchen heute nur allzu normal sind – aber noch nicht lange sind. Oder auch für Dinge, die wir nicht mehr nutzen, aber die lange die Küche unserer Familien begleiteten. Auch das DDR-Museum bietet ja eine ganzes Restaurant mit DDR-Küche an (nur mit sehr un-DDR-haften Preisen), der beste Beweis dafür, dass eine ganze Gesellschaft und ihre Kultur in der Vergangenheit gelandet ist.

Im Rahmen dieses Interesses für Küche & Kochen in anderen Zeiten habe ich über die Jahre auch immer wieder Kochbücher gesucht, gefunden, verworfen. Living History führt ja auch dazu, dass beliebte Epochen wie das Mittelalter mit einer riesigen Anzahl von Kram vermarktet werden, auch mit Kochbüchern. Hier habe ich einmal die herausgestellt, die sich tatsächlich bewährt haben. Ihre Namen heischen viel Aufmerksamkeit – das müssen sie auch auf dem absolut überfüllten Kochbuch-Markt. Nichtsdestotrotz ist ihr Inhalt großartig und keine Effekthascherei. Sie zeichnen sich durch Vieles aus, v.a. aber dadurch dass sie Gerichte & ihre Kontexte tatsächlich versuchen so darzustellen wie sie gewesen sind oder sein könnten – auch wenn dies unserem Geschmack eher entgegensteht: Kohl mit Zimt & Parmesan aus der Renaissance? Trockenfleisch und gefriergetrocknete Kartoffeln mit essbarem Ton? Seltsame Vorstellungen! Der Probierfaktor geht hier über den Gefall-Faktor. Trotzdem bieten sie auch immer “moderne” Alternativen, um ein Nachkochen oder -schmecken zu erleichtern, falls das gewünscht ist. Diese Kochbücher vereint ausserdem der wunderbare Anspruch, die Gerichte nicht möglichst toll, sondern möglichst unbehandelt zu fotografieren oder kontemporäre Original-Bilder dagegenzustellen.

Alle drei Bücher sind eine wunderbare Möglichkeit um sich mit etwas Zeit in andere Zeiten einzufühlen und einzuschmecken. Und wunderbar, um mit Freunden einfach mal etwas ganz Neues zu probieren – und sich zu fragen warum und wie wir heute essen! Und auch eine andere Frage einmal zu bedenken: wir arbeiten immer mit Objekten, materiellen Dingen der Vergangenheit, oder schriftlichen Dokumenten. Aber was ist mit so immateriellen Dingen wie Geschmack, Geruch, Tastsinn? Wie fühlen sich diese Dinge für uns an, eröffnen sie uns vielleicht ganz andere Zugänge zur Vergangenheit als die üblichen Museums-Glaskästen? Probieren wir es aus!

This slideshow requires JavaScript.

Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.

Slavic Fort Raddusch

Slavic Fort Raddusch

 

 

 

 

 

 

 

ENGLISH VERSION

So, today it´s „light fare“! Eating & Drinking in a historical context are a nice thing to do and are completely in line with “Time Traveling” and Living History. Even when it’s a rather eclectic and fragmentary view of it, these strange, “exotic” flavors can give us a glimpse of the past. Especially when you try to cook them with half-decent ingredients, original forms of preparation and / or implements. If you don’t like that or its too much of an effort and you´d just like to proceed to cook it at home as it comes along, then you might still get a glimpse of everyday life and flavors of some time of the past – if you have a decent cookbook at hand and not just enter “Paleo diet at google.

 

FOTO PALÄO

Eating & Drinking are multi sensory events that offer different approaches to the past: smelling, seeing, hearing, touching and overall, savoring something. Gastrosophy has developed as a new discipline that tries to tackle eating & drinking as just this multicomponent event, embedded in a historical – ecological context and offering even archaeological details on eating & drinking. And as to the power of memory a certain dish can emanate: well, I don’t have to say nothing about this after Proust, do I? Living History & cooking: that’s something that doesn’t need too much preparation and is open to a whole bunch of different people and audiences. You don’t need to be heavily interested in archaeology to like a historical meal! You just have to love cooking and have a certain interest in past times to enjoy historical cooking!

There are a lot of forums, especially in great Britain, that offer advice on preparing historical dishes in as-much-as-possible original settings or during Living History events or at this forum! And there are websites in German that offer information on how to create celtic cheese (Here at Silvretta!) and, in general: Eating & Drinking is just part of a “real” time travel, as M. Fenske lays out in her article “Adventure History: Time Travel in the late modern age” (Available only in German, I’m sorry!)

In the last years, or to be true ever since I left high school with a Latin textbook that offered recipes for Garum and Sausages with Honey (can that be ???) as well as translations, since this moment I have been interested in historical cooking. I love cooking in general, but cooking as a glimpse of the past has been always on my mind. The last time I came across it was at Arche Nebra, where we were offered Bronze Age Food during the family day, which included lentils, yellow peas, sausages and bread on a stick or during our walk across the area outside the Slavic fort at Raddusch, where a “Time Hiking Trail” included the crops from the Neolithic up to the Iron Age “in the wild”.

 

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

So, in all these years I thought a lot about the dishes served and smelled during the Past. During my university years, it has been this book by Jens Lüning on Neolithic farming that offered me a lot to think with its presentation of fruits & vegetables available during the Neolithic. During fieldwork in the South Andes I alwys tried to find dishes that may have been served similarly in prehispanic times. The South Andes are home to a lot of crops, among them plants like the potatoe (often consumed as dried potatoe or chuño), as well as maize, squash & pineapple, chili & peanuts, quinoa & amaranth and the still thriving business of dried meat (called charque) and dried fish as well as the consuming of edible clays (have a look at this fascinating topic with Browman & Gundersen). In general, its very difficult to separate all these different crops that have mingled since the European discovery of the Americas (Fascinating reading on this topic in a ever readable style: “1493. Uncovering the New World Columbus created” by Charles C. Mann).

It´s fascinating how strange and new flavors can transport you to a new world of experiences, and how it sharpens the view for things that have become totally normal in our current cooking but haven’t been for a long time! Think of new ingredients or new forms of cooking! Or of objects that we don’t use anymore but that have accompanied the cooking of our families for long times. Even the GDR-Museum offers a restaurant with genuine GDR-recipes (but with non-GDR-prices) and it’s the best proof that this German state has perished – it´s past now.

Within this interest for cooking and kitchens in past times I have tried several cookbooks, sought them, rejected most of them. The interest for Living History has led (among the selling of other accessories) to the publication of a whole bunch of cookbooks; there are dozens alone for the middle ages! I have compiled the three that I really love, giving a glimpse of prehistory, the Middle Ages and the Renaissance. Their titles are begging for attention – but well, that’s just necessary on this highly competitive market for cookbooks. What really matters is that their recipes are great. They stand out due to their combination of history and context, trying to present the recipes as they might have been, even if they are contrary to our current ideas of cooking. Cabbage with cinammon & parmesan? Dried meat and dried potatoes? These are strange things to eat….and I have tried some of them at this website: Fixaufdentisch.de !

In these books, trying new dishes is the more important than cooking something similar to what we regularly eat. But these cookbooks offer alternatives as well, when you want to make the dish more similar to something we might be eating today. They give you advice on how or where to find a certain ingredient or how to get a substitute of it. And they share the wonderful idea that photos of these dishes should be presented NOT according to marketing issues, doing a lot of photo-shopping or food-photographing, but insisting on photos of the actual dishes just as they are. Or on pictures of the dishes in contemporary sources like paintings or printings.

All three book offer the wonderful opportunity to feel something of what the Past might have been like and what its flavors were. And they are wonderful to spend time with friends exploring foreign times & sensations – to try something new and to ask ourselves why and how we eat today. And there is another question as well: we always center on objects, on the material world that surrounds us. What about the immaterial issues of sensory impressions? How do they feel, do they open up new entrances to the Past? Other ones than the usual museum exhibitions with objects behind glass?

Lets try it!

P.S. If you have another ideas for cookbooks that might be interesting, let me know! I´m looking forward to it!

This slideshow requires JavaScript.

Related Reading:

Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.

Advertisements


Leave a comment

Update on Language of Things

Well, I have been away, doing a kind of fieldwork in Bolivia (and, as I have been financed, it has to been mentioned that this was due to the Deutsche Altamerika Stiftung). During four weeks, I could tour old sites “of mine”, get another look at the local museum, and reanalyze a lot of sherds.

Although this may seem a bit dry and not very exciting, there is nothing like a good sherd when it comes to getting information! In this case, this was even truer when I had the opportunity to see a lot of sherds from a colleague (www.arqueologiadetarija.jimdo.com ) and realizing that there are absolutely fascinating regional micro-changes in an otherwise totally similar ceramic style. We will have to work on this, but it was absolutely worth the effort, the 22-hour-flight, the trip through a lot of customs at the airports.

And now, back in Berlin, I will attend this blog, too. So stay tuned, there is more to come! Meanwhile, check out the work of my colleague!


Leave a comment

Archäologie & Politik oder: die Relevanz von Archäologie auf dem Pausenflur. / Archaeology & politics, or: the relevance of Archaeology discussed at the coffee break.

sprechende dinge Naturkundemuseum Stuttgart

sprechende dinge Naturkundemuseum Stuttgart

Archäologie & Politik – ein großes, sehr großes Thema. Momentan beschäftige ich mich gerade damit, denn erstens geht mir dieses Thema seit mehreren Jahren im Kopf herum und zweitens werde ich es Ende Juni auf der ADLAF-Nachwuchs-Tagung in Berlin in einem Kurzvortrag vorstellen.

In Gesprächen mit Bekannten, Kollegen, Freunden sehe ich immer wieder, dass nur sehr wenige Menschen die Relevanz des Themas sehen. Immerhin reden wir hier ja über vergangene Zeiten, nichts was uns jetzt direkt betrifft. Oder? Vergangenheit ist eben vergangen – wie sollte uns das heute betreffen? Meine Faszination und auch meine Vorsicht bei diesem Thema reichen bis weit ins Studium zurück, noch in die Fast-Vor-Internet-Zeiten.  In der Fakultät (und zwar bezeichnenderweise auf dem Pausenflur) erwähnte jemand die Verstrickung der deutschen Ur-und Frühgeschichte in die Volk&Raum-Ideologie der Nazis. Ich war elektrisiert. So eine aktuelle Verbindung von Vorgeschichte und heutiger Zeit? Das war mir nicht bewusst gewesen – und es war Mitte/Ende der 1990er Jahre auch nie Thema im Studium – außer eben auf dem Flur.

Noch aktueller wurde es dann jedoch während meiner eigenen Forschungen in den Südanden ab dem Jahr 2000. Immer wieder wurden meine Forschungsergebnisse in Vorträgen angefordert und dann gerne mittels interessierter Nachfragen dahin gelenkt, dass sie zeitgenössische politische Interessen unterstützen sollten. Es dauerte ein wenig, bis ich dem entgegentrat und die Daten, die ich gesammelt hatte, als DATEN zur Verfügung stellte – dann aber nicht davon ausging, dass sich das schon irgendwie regelt sondern diese Daten durch ein Monitoring auch in ihrer weiteren Verbreitung etwas begleitete und mich gegen direkte Instrumentalisierung verwahrte, wenn es mir möglich war.  Ich glaube immer noch, dass es nicht darum gehen kann, archäologische Daten erst zu “generieren” und diese dann im Sinne von “Damit hab ich nix mehr zu tun” in den angeblich leeren, neutralen Raum der Wissenschaft zu stellen. Jeder Archäologe sollte sich bewusst sein, dass Daten politische, gesellschaftliche Relevanz haben und man Verantwortung dafür trägt (s.a. Link zur “Nation Chichas“).

Die Verbindung der Ur-& Frühgeschichte mit der Kulturkreis-Idee und der daraus hervorgehenden Volk-&-Raum-Theorie der Nazis sind in den letzten Jahren recht detailliert aufgearbeitet (s. Bibliographie). Was aber heute & hier passiert, darauf sind wir im Praktischen selten vorbereitet. Denn immer noch heißt es: du schreibst auch für Nicht-Wissenschaftler? Du vermittelst deine Daten in Vorträgen die NICHT auf Fachpublikum zugeschnitten sind? Das ist doch vulgarisierte Archäologie! Wo sind deine Fach-Publikationen? Was soll der Sinn der Vermittlung deiner Daten sein, wenn du sie an Nicht-Archäologen weitergibst? Diese und anderen Antworten habe ich häufig gehört und dasselbe auch von Kollegen erfahren, die ihre Ergebnisse ebenfalls für andere Menschen außerhalb der Academia publizieren.

Aber in der Praxis ist es doch so: wir arbeiten in einem gesellschaftlichen Kontext, den unsere Daten interessieren. Cornelius Holtorf hat die Gründe hierfür für westliche Kulturen aufgearbeitet, aber je nach Land ist die Umgebungssituation mehr oder weniger interessiert an Archäologie, häufig sind Menschen in konfliktiven gesellschaftlichen Situationen (wie etwa in Ländern mit kolonialer Vorgeschichte) interessierter an Daten ihrer Vorgeschichte um diese auch in eigenen, z.T. politisierten Diskursen intensiv zu nutzen und sie zu instrumentalisieren. Und in diesem Sinne treffen unserer Forschungen auf Interesse bei der Bevölkerung und wird von dieser aufgegriffen, weiter benutzt, umgedeutet. Für mich persönlich heißt das: ich kümmere mich auch nach der Generierung um die Daten, soweit ich dazu die Möglichkeit habe. Es geht mir nicht darum, eine Deutungshoheit zu schaffen, aber wenn ich sehe dass Daten in eine Richtung interpretiert werden, die stark politisiert ist möchte ich dem zumindest widersprechen – denn auch ich darf zu meinen Daten eine Meinung haben und muss das Herauspicken von dem Anderen genehmen und politisch gerade gewünschten Teilaspekten nicht widerspruchslos zusehen. Und insofern ist eine Vermittlungsarbeit in meinen Augen für jedes archäologische Projekt wichtig: Vermitteln an die unmittelbare und mittelbare Umgebung, durch Vorträge, Besuche, Publikationen jeder Art. Und: es sollte in den Lehrplan, es sollte zu jedem Studium dazugehören Daten auch vermitteln zu können oder zumindest eine Idee davoni zu haben, dass so etwas relevant ist. archäologische Daten haben geselleschaftliche Relevanz und je mehr wir sie vermitteln, desto besser können unsere Chancen für Akzeptanz und am Ende auch, ja: Geld, Fördermittel, stehen. Archäologie betrifft alle, und auch die Politik. Das ist kein Thema, das nur auf dem Pausenflur bleiben sollte.

Ausgewählte Literatur:

Boytner, R., L. Swartz Dodd & B. J. Parker (Hrsg.), 2010. Controlling the Past, Owning the Future. The Political Uses of Archaeology in the Middle East. Tucson: The University of Arizona Press.

Archäologie für Politiker, hrsg. von Dominique Oppler

Herrera Wassilowsky, A. (Hrsg.), 2013. Arqueologia y desarrollo en América del Sur. De la Práctica a la Teoría. Lima: IEP.

Holtorf, C., 2007. Archaeology is a brand. The Meaning of Archaeology in contemporary popular culture. Oxford: Archaeopress.

Ojala, C.-G., 2009. Sámi Prehistories. The Politics of Archaeology and Identity in Northernmost Europe. Uppsala: University of Uppsala.

Parzinger, H., 2012. Archäologie und Politik. Eine Wissenschaft und ihr Weg zum kulturpolitischen Global Player. RHEMA Verlag.

Schachtmann, J., et al. (Hg.), 2009. Politik und Wissenschaft in der Prähistorischen Archäologie. Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien. Göttingen: VR unipress.

Swartley, L., 2002. Inventing Indigenous Knowledge. Archaeology, Rural development and the raised field Rehabilitation Project in Bolivia. NY & London: Routledge.

Aktuelles Beispiel: Verquickung von Archäologie & Politik im zeitgenössischen autonomischen Diskurs in Bolivien: die “Nation Chichas” (Spanisch)

ENGLISH VERSION

Archaeology and Politics, that’s a big, a really big issue. I am working currently on a short paper & poster I will be presenting at the ADLAF on the end of June in Berlin, and, moreover, its an issue that has been on my mind for years now.

Talking with acquaintances, friends, collegaues, I got the impression that only very few are aware of the importance and relevance of the connection between archaeology and politics. I mean: we are talking on past times, aren´t we? Times, that don’t concern us dreictly, in the present, right now? Or are we not? The Past is past us – why shouldn’t we care about it now? My fascination and sensibilization for this issue can be traced to a moment years ago, when I was still studying European Archaeology, before internet became a commodity. At the faculty floors somebody mentioned the immersion of the German Archaeology of the 1920s with Nazist ideologies like “People & Space” (Volk-und-Raum-Theorie). I was electrified. Here was an actual connection between archaeology and politics? I had never thought about that! In the mid 1990ies, this was never any issue in our archaeology classes – but in the breaks themes like this came up between students.

It got even more pressing when I began my archaeological investigations in the South Andes from the year 2000 onwards. Again and again, my data and interpretations were required in public speeches and were directed to interpretations that suited the local politic elites rather well. It took some time until I gathered the courage to position myself against it and (at the same time) against the influential people that were behind these instrumentalizations and –redirection of archaeological data. I always offered my data to a very heterogeneous group of people, ranging from local –rather white skinned – elites to local habitants, indigenous groups, school children and the like. But as time went by, I increasingly vetoed against the use of short & convenient versions of my data as instruments of political tendencies, to reach political goals etc. “Data on the loose” doesn’t mean you can relax and just don’t bother anymore. Data should be monitored if their free use tends to be discriminating for some sections of the society. That, at least, is my personal opinion gathered in these years abroad. If I am capable of influencing the politicized use of my data, their presentation in a shortened “light” version that sustains political claims – then I will, I even have to intervene. I cant believe any longer that’s it the sense of science in general and archaeology in particular, to first generate a lot of data, and then let them on the loose in a supposedly “empty”, “neutral” space of science. Every archeologist should be acutely aware of the political and social relevance of his/her data and act accordingly and responsibly.

The connection between the European (and here especially German) archaeology and the ideas of the Kulturkreis and the theories on “People/Nation & Space“ have been widely presented in the last years (have a look at the bibliography). But what happens here and now to our data is another question and not many seem to be prepared for it. Because its always the same: “So, you are writing for a non-scientific public?? You are presenting your data publicly to a non-scientific section of society? Then this is archaeology vulgarized? That’s not science! Where are you scientific papers? And what for are you presenting your data to a wider public?” (The corpus of literature on this is growing as well, see bibliography below). These were questions and comments colleagues and I myself got a lot.

But reality is a complex thing: we are working in a society who is interested in our data. The reasons for this interest are manifold and varying. Cornelius Holtorf gives an excellent overview for the background of this for Western societies. In societies with a colonial background, the interest is far more complex and includes identity, nation state, autonomisation and even aspects like revenge, hate and the like.

And in these political contexts people are even more interested to use archaeological data to sustain their current political goals. Our data meet an overwhelming interest, they will be embraced, re-interpreted, re-directed. For me, personally, this means that I will take responsibility for my data and have a look at the context in which they are re-appearing. I am not interested in generating a patronization or a conclusive authority of my data, but to be sensible about their use after publication. And to intervene publicly should their use be directly political, bending data conveniently to a political goal. As a political person I have a right, too, to express my opinion about this issue and I will take this liberty and exercise my right of free opinion.

And this is also the reason why I believe that communicating archaeology is overwhelmingly important for ANY archaeological project: Communicating data to the immediate and mediate surrounding through papers, speeches, lectures, visits on the dig etc., online via homepage, blogging, whatever you like. And: it should be included in the curricula of future archeologists. We should be aware of this sphere of our work when we graduate. Archaeological data have societal relevance and if we are communicating them broadly than our possibilities to be accepted, and in the end also: to be financed, are better than if we ignore this part of our work or deem it unnecessary or a nuisance. Archaeology concerns everybody, and that means: politics too. That’s not a subject that should remain an issue of coffee breaks.

Selected readings:

Archäologie für Politiker, hrsg. von Dominique Oppler

Boytner, R., L. Swartz Dodd & B. J. Parker (Ed.), 2010. Controlling the Past, Owning the Future. The Political Uses of Archaeology in the Middle East. Tucson: The University of Arizona Press.

Archäologie für Politiker, hrsg. von Dominique Oppler

Herrera Wassilowsky, A. (Ed.), 2013. Arqueologia y desarrollo en América del Sur. De la Práctica a la Teoría. Lima: IEP.

Holtorf, C., 2007. Archaeology is a brand. The Meaning of Archaeology in contemporary popular culture. Oxford: Archaeopress.

Ojala, C.-G., 2009. Sámi Prehistories. The Politics of Archaeology and Identity in Northernmost Europe. Uppsala: University of Uppsala.

Parzinger, H., 2012. Archäologie und Politik. Eine Wissenschaft und ihr Weg zum kulturpolitischen Global Player. RHEMA Verlag.

Schachtmann, J., et al. (Hg.), 2009. Politik und Wissenschaft in der Prähistorischen Archäologie. Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien. Göttingen: VR unipress.

Swartley, L., 2002. Inventing Indigenous Knowledge. Archaeology, Rural development and the raised field Rehabilitation Project in Bolivia. NY & London: Routledge.

A current example: Mingling of Archaeology & Politics: the current case of the bolivian “Nation Chichas” (Spanish)


Leave a comment

Kunst & Archäologie II: Mumienglanz. Ahnen, Kolonisierung & Raub. Art & Archaeology II: the brilliance of mummies. Ancestors, colonization and robbery.

In der peruanischen Botschaft in Berlin gab es vor einigen Monaten eine Ausstellung namens “Mumienglanz“. Das Plakat an der Tür glänzte derart golden, das es mich fast magisch anzog und da Mumien, Kunst und die künstlerische Vereinigung der Mumien mit all ihren komplexen Konzepten im Kontext heutiger Kunst mich interessierten, ging ich rein. Von der peruanischen und kubanischen Botschaft im Maria-Reiche-Saal der Botschaft ko-veranstaltet, ist die Künstlerin Nancy Torres Kubanerin, und die Ausstellungseröffnung wurde von der kubanischen Botschaft kurz kommuniziert.  “Mumienglanz” verbindet die unterliegenden Konzepte andiner Mumien mit der Ausraubung derselben durch die Spanier – ein Thema, mit dem die meisten Archäologen und Historiker der Region vertraut sind und das nicht nur ein kolonialzeitliches, sondern auch ein aktuelles Problem ist. Trotzdem dreht sich die Ausstellung nicht nur um diese recht nahe liegenden Punkte. Man kann vielmehr Parallelen ziehen zwischen der Ausraubung der Mumien, der vorspanischen Gräber und ihrer Beigaben im Allgemeinen und der kolonialen Ausraubung der gesamten Ressourcen der Anden und der andinen Bewohner im Allgemeinen. Wenn man zum Beispiel der Argumentation folgt, dass der Berg Potosí in den barocken Bilderkanen der Anden eine Darstellung der Jungfrau Maria und damit der (vereinfacht gesagt: Erdgöttin) Pachamama ist, könnte man auch den Bergbau und die immensen abtransportierten Silbermengen als den Raubbau an einem als menschlich empfundenen Körper hierein interpretieren. Diese Interpretation des Berges ist zwar nicht unumstritten aber doch weit verbreitet.

Auf der anderen Seite wäre es auch möglich, ausgehend von den geleerten Mumien, Vergleiche ziehen zur Zerstörung des Glaubens an die Vorfahren selber, und den komplizierten und überaus komplexen Prozess der Aneignung, Überschreibung und Neu-Orientierung des Ahnenglaubens mit dem neuen, christlichen Glauben*. Eine Interpretation, die auch kurz in Irina Podgorny´s Katalogtext anklingt. Mumien sind in Südamerika und besonders den Anden seit dem Formativum (etwa Chinchorro, den ersten sesshaften Gesellschaften Chiles) verbreitet, ich selbst habe ja hier einmal über das Museo de Arqueologia de Alta Montaña  geschrieben*.

?????????????????

Im Gegensatz zum ersten Teil von “Kunst & Archäologie”, der sich mit der Frage nach der sublimen strukturellen Typologisierung von Alltagsgegenständen beschäftigte und eine Brücke baute zwischen dem “Vergangenen” und dem “Heutigen”, geht es in Nancy Torres´ Ausstellung eher um eine politische Aussage, gebunden an vorspanische, also archäologische, Kontexte und Techniken. Laut der Künstlerin und ihren Katalogen arbeitet Frau Torres konkret mit archäologisch belegten Techniken und bindet dabei andine kulturelle Ideen zu Sterblichkeit und Vorfahren ein. Die Mumie als als Stellvertreter-Objekt par exellence für “Archäologie” und “Vergangenes”, verbunden auch mit Angst, Faszination und Terror v.a. in westlichen Kulturen, wird hier übersetzt in eine Anklage gegenüber dem Verschwinden und dem Ausrauben der Vorfahren. Kulturell ist die Wahrnehmung von Mumien sehr utnerschiedlich, in diesem Fall stehen Mumien auch stellvertretend für das Indigene, Alte, Vergangene, Ursprüngliche, auch in einem gewissem Sinne für das “Gute”. Die Gleichsetzung von Mumien mit der vorspanischen Zeit setzt diese Zeitspanne vor der Ankunft der spanischen Eroberer in ein eher positives Licht, und bezieht sich damit auf die Idee der mit dem “Damals” verbundenen “Natürlichkeit” und Ausgeglichenheit wenn es um die Ausbeutung von Rohstoffen geht. Gleichzeitig konzentriert die aufgerissene Mumie die ganze Dramatik des durch die Kolonisierung und den damit verbundehnen Transformationsprozess ausgelösten Risses durch die Zeit und die andine Gesellschaft. Die Transformation der eigenen (jetzt “indigen” genannten) Identität und der Konflikt mit den neu eingeführten kulturellen Werten lässt sich durch das Auf- und Herausreißen der Mumien gut visualisieren.
Ich durfte Nancy Torres persönlich kennenlernen und tatsächlich ist ihre Motivation für die Werke zunächst die Suche nach Identität, übersetzt in die Ideen der Konzeptkunst. Obwohl wir uns von ganz verschiedenen Seiten ihren Werken näherten, war der Ausdruck, die Essenz die Gleiche: die Mumien bilden eine Verbindung in die Vergangenheit, indem sie das Thema der Vorfahren aufgreifen, Wurzeln aufzeigen und symbolisieren und gleichzeitig unsere vielschichtigen Ideen über Vergangenheit, das Zusammentreffen von Kulturen und über Dominanz und Kolonialisierung thematisieren. Unsere Ideen, die genauso vielschichtig sind wie die Mumien, deren diverse Lagen aus Stoff, Objekten, Masken und Knochen immer wieder neue Details offenbaren je länger man sie anschaut. Die Personen in den Mumienbündeln sind nur teilweise sichtbar, nur Teile ihrer Knochen und Schädel. Der Rest ist verdeckt von Stoffen, Masken, Objekten. Dinge, die die Identität der Menschen in den Bündeln überlagern. Und Dinge, die von uns, ihren Nachfahren, dort deponiert wurden und werden.

*Gose, Peter: Invaders as Ancestors.

* Vitry, Christian http://www.antropologico.gov.ar/ninos.htm über Mumienfunde in Argentinien

Alle Fotos: Nancy Torres.

Version en Español

La Embajada del Perú ofreció hace unos meses una exposición llamada „Brillo de Momias“ (“Mumienglanz” en Aleman). El afiche en la puerta brillaba tan dorado que no pude resistir y tuve que entrar. El tema de Momias, Arte y la conexión de ambos en una exposición de arte, contemplando todas las fascinantes facetas culturales e históricas me fascinaron. La exposición fue presentada por la Embajada de Cuba y del Peru, dando espacio a las obras de la artista cubana Nancy Torres en la sala Maria Reiche de la Embajada Peruana.

“Brillo de Momias” combina los conceptos de las momias andinas prehispánicas con el tema del robo de las mismas y su ajuar por parte de los españoles desde la conquista de los Andes en el año 1532.  Este es tambien un tema continuamente debatido entre arqueólogos e historiadores que trabajamos en los Andes, ya que este robo y tambien la veneración de los muertos (antropológicamente hablando: “Los Antiguos”) sigue siendo un tema muy presente en la región. Es especialmente el robo de las momias y sus ajuares que presenta un tema de mayor índole ya que este se trata hoy como un crimen, no solo religioso sino penal. Sin embargo, la exposición no tocaba esta continuidad del robo de las momias y sus ajuares en el pasado y hoy. Mas bien, las obras exploran las paralelas entre el robo de las momias y sus supuestas riquezas en el pasado y el robo, hoy llamado explotación, de los recursos naturales de los Andes y sus habitantes por parte de los Europeos desde el siglo XVI hasta hoy en día.

?????????????????????

Las momias sudamericanas y especialmente las andinas son un fenómeno de largo aliento, conocidos desde el formativo (las primeras sociedades sedentarias) en los Andes, p.e. en la cultura de Chinchorro del Norte de Chile. Las momias incaicas por el otro lado son un eterno tema de debate y de estudio, como mencioné hace unos meses en mi entrada sobre el Museo de Arqueologia de Alta Montaña en Salta, Argentina. En las creencias prehispanicas, el cuerpo momificado y venerado de los ancestros se vuelve parte del medio ambiente, se convierte en una parte del mundo que rodea a sus descendientes. La analogia entre el cuerpo humano y el medio ambiente se plasma en el objeto de la momia.

Para entender la sobreposicion de personajes miticos y detalles geograficos (que para el ojo europeo se considerarían como simples “objetos”) podriamos seguir p.e. la argumentación de entender el Cerro Rico de Potosi como representación de la Virgen Maria en los canones visuales baruecos. Esto lo relaciona a la vez con la representación de la Diosa Tierra, Pachamama, – esta interpretación del cerro es muy comun, aunque debatida – y abre la posibilidad de interpretar la explotación minera del cerro y sus vetas de plata como el robo a un cuerpo casi humano. Por el otro lado sería posible relacionar las momias vaciadas que vemos en la exposición, con la extirpación de las creencias prehispánicas en los antepasados y sus dioses en general, contemplando el proceso sumamente complejo de apropiación, sobreposición y re-orientación entre las creencias prehispánicas y las católicas*. Una interpretación que se discierne tambien por un momento en el catálogo de la exposición, escrito por Irina Podgorny.

Al contrario de la primera entrada en este blog acerca de “Arte & Arqueología” y que tocaba los temas de la tipologizacion sublime y estructural de objetos cotidianos, construyendo un puente entre “el Pasado” y “el Hoy”, el trabajo de Nancy Torres presenta mas bien un enunciado casi político, relacionado con contextos y técnicas prehispánicos y por lo tanto arqueológicos. Segun el catálogo Nancy Torres trabaja con técnicas arqueológicamente probadas e integra ideas culturales andinas acerca de ancestros y mortalidad. La momia como un objeto representante por excelencia que plasma “Arqueología” y el “Pasado”, tambien relacionado con miedo y terror, se traduce en sus obras como una acusación de la desaparición y el robo de los ancestros. La percepción de las momias responde a patrones culturales complejos, sin embargo en este caso se les entiende como como representantes de lo indigena, lo antiguo, lo pasado, lo “original”, en cierto sentido hasta lo “bueno” y “puro”. La equivocación de las momias con el tiempo prehispánico los relaciona tambien con una perecepción positiva de este momento histórico antes de la llegada de los europeos y los traduce a la supuesta “naturalidad” y el equilibrio entre los humanos y su medio ambiente – la momia se vuelve un simbolo de un “tiempo sin mal“. Al mismo tiempo el vientre fisurado y vaciado de las momias de Nancy Torres puede ser entendido como simbolo del desfase colonial con todo el drama implicado. Con el proceso de transformación cultural y la ruptura temporal y cultural en el tiempo y la sociedad andina. La transformación de la identidad propia (ahora llamada “indígena”) y el conflicto con los nuevos valores culturales se simboliza en el objeto de la momia con su vientre abierto, desgarrado y vacio.

Tuve el placer de conocer a Nancy Torres personalmente y resultaba que su motivacion para sus obras es la busqueda de las raices de la identidad – latinoamericana si se lo puede llamar asi, entendiendo a las momias como un simbolo primordial de lo indigena, del pasado “originario”. Ella transforma la busqueda por las identidadas compartidas  usando las ideas del arte conceptual y aunque  nos acercamos a sus obras de puntos de partida muy diferentes, resultó que llegabamos a una esencia comun en la interpretacion de las mismas: las momias sirven como puente hacia el pasado, integrando el tema de los antepasados, simbolizando las raices comunes y al mismo tiempo identificando nuestras ideas multiples sobre el pasado, el enceuntro de diferentes culturas y sobre dominancia y colonizacion. Nuestra ideas que son tan multiples y complejas como las diferentes capas de las momias cuyas capas de telas, objetos, mascaras y huesos dejan ver cada vez nuevos detalles, cuanto mas se los mira. Las personas en los fardos son solo prcialmente visibles, mostrando partes de sus huesos y craneos. El resto esta cubiert por sus ajuares y las telas que los envuelven. Objetos, cosas que solapan sus identidades primordiales. Y que fueron puestos por nosotros, sus descendientes.

ENGLISH VERSION

The Embassy of Peru at Berlin had an exposition some months ago. It was called “The Brillance of Mummies” (“Mumienglanz” in German) and its announcement on the doors of the Embassy shimmered golden all over. I just had to see what these mummies were about. The idea of connecting mummies, art and all the complex concepts in contemporary art attracted me instantly. So I went to see the exposition which had been co-organized by the Cuban and the Peruvian Embassy in the hall “Maria Reiche” in the Embassy of Peru, featuring the work of Nancy Torres, a Cuban artist. “The Brilliance of Mummies” relates the underlying concepts on Andean mummies with the robbing of the mummies on part of the Spaniards after their arrival in Peru. That is something most of the archaeologists and historian working in the Andes are aware of and its also a very contemporary problem because looting and grave robbery continue to be an ongoing phenomenon in the whole area. But the exhibition doesn’t center only on the aspects of robbery although it’s a central one. Instead, there are parallels between the colonial history of robbery of the mummies and grave looting, the prehispanic graves and their grave goods in general, the exploitation of resources in colonial and modern times and the exploitation of the Andean population in general. To put an example: if you follow the interpretation (not undebated but highly popular) of the Potosí mountain as a representation of the Virgin Mary and of the earth Goddess (Pachamama) alike in some baroque paintings, you may interpret silver mining and the exploitation of silver in this mountain as the direct exploitation of an almost human body.

It’s a highly complex theme, symbolized in the treatment of the prehispanic dead, many of them converted into mummies by their cultures and climate alike.

On the other hand there is the option to draw parallels between the void mummies and the destruction of the beliefs in ancestors and the complex processes of adaptation, overwriting and re-orientation of the beliefs in ancestors with the new Christian religion*. That’s an interpretation to be found in Irina Podgorny´s catalogue on the exposition. Mummies are a recurrent phenomenon in the Andes since as early as the Formative period (i.e. in the Chinchorro Culture in the first sedentary societies of Northern Chile) and I have been writing myself on complex issue of exhibiting Inca Mummies in this blog* when it came to the Museum of High Andean Archaeology in Salta. (And there are a lot more, just google “Mummies Peru” and you will get quite a lot of information…).

In contrast to the first part on „Art & Archaeology“ in this blog when the issue was about the sublime structural typology of everyday objects and building a fragile bridge between past and present, Nancy Torres´ exposition is a rather political issue, relating to prehispanic (i.e. archaeological) contexts and techniques. Nancy Torres works with prehispanic techniques while creating the mummies and connects thus Andean cultural ideas about death, mortality and ancestors to her work. The mummy as a representation of “Archaeology” and “The Past”, related to fear, fascination and terror alike in Western Cultures, is being translated into an accusation of the disappearance and the robbery of the ancestors. Culturally, the perception of mummies can be very complex and varied; in this Andean case the mummies represent aspects of the perceived positivity of the prehispanic past, too: the Indigenous, the Old, The Pure, the Past, the Aboriginal and Natural, in some sense even “The Good”. The equalization of mummies with the prehispanic past associates this period before the arrival of the Spaniards with rather positive ways of thought, relating with ideas of “the natural ancient times” and the balance between nature and human being regarding the exploitation of resources in these culturally perceived “Past times”.

At the same time, the open belly oft he mummy exemplifies everything about the dramatic process of European colonization and the processes of transformation associated with it. There is a gap between the prehispanic and the colonial time and this gap divides the whole Andean society. The transformation of the own (now called “indigenous”) identity and the conflict with newly introduced cultural values is being portrayed in the bodies of the mummies ripped open, the cultural gap visualized by the robbed prehispanic golden goods flowing out of their bellies.

I am very glad to have met Nancy Torres personally and it turned out that her motivation for these works had been the quest for identity, translated into the ideas of conceptual art. Although we parted from very different points we reached the same interpretative essence: the mummies are a bridge to the past, taking up the theme of ancestors, showing cultural roots and symbolizing at the same time our multilayered ideas on the Past, the encounters of cultures and on dominance and colonization. Our multilayered ideas are being visualized in the mummies, whose various layers of fabrics, objects, masks and bones offer new details every time you look at them. The persons in the mummy bundles are only partially visible, showing parts of bone and skull. The rest is being hidden by textiles, masks, objects. Objects that superpose the identity of the person behind them. Object that have been placed and are still being placed  in the bundles by ourselves, their descendants.

*Gose, Peter: Invaders as Ancestors.

* Vitry, Christian http://www.antropologico.gov.ar/ninos.htm über Mumienfunde in Argentinien

??????????????????

IMG_1562


3 Comments

Orchideenfächer, Kleine Fächer und ihre Relevanz im “wahren Leben” / Studying Latin American Archaeology im Germany- what for?

Orchideenfächer – oder “Kleine Fächer” wie sie seit 2005 im deutschsprachigen Raum heißen – sind ja seit Alters her die Fächer, die nur an wenigen Universitäten angeboten werden und bei denen nur wenige Studierende eingeschrieben sind. Ich selber habe ein solches Fach studiert – Altamerikanistik. Wurde es zu Beginn meines Studiums Mitte der 90er Jahre noch in Berlin, Bonn und Hamburg angeboten, sind zwei der drei Standorte mittlerweile geschlossen, haben ihren Studiengang mit anderen fusioniert oder sind prinzipiell so nicht mehr vorhanden. Momentan ist Altamerikanistik nur noch an der Universität Bonn zu studieren, die den Fokus des Studiengangs auf einen interdisziplinären Studiengang legen, der Geschichte und Neuzeit miteinander verbinden soll.

Gerade im Zuge der Bolognarefrom und der Reform-, Personal- und Finanzierungsdebatten an den Universitäten seit den 90er Jahren sind die Kleinen Fächer immer winziger worden, wurden abgebaut, zusammengelegt oder ganz geschlossen. Ein Studienprojekt widmete sich (häufig nach der Abwicklung) der “Erforschung” dieser Fächer, kartierte sie und machte sie öffentlich. Und ihre Präsenz (oder Schließung) war immer auch Teil der Mediendebatte um die Frage: Brauchen wir diese Fächer? Und warum? Was bringen uns als Gesellschaft diese Fächer? Einige dieser Artikel machen ganz klar, dass kleine Fächer wichtig sind, wie zum Beispiel dieser Artikel aus der ZEIT. Allerdings sind die dort genannten wie Klimaforschung (Paläontologie) und Studien sogenannter “Schwellenländer” (Indologie) oder “Randgruppen” (Gender Studies) nochmal etwas anderes als ernsthafte “schwere Fälle” wie etwa meinem Studienfach, deren Relevanz wirklich schwer vermittelbar ist.

Im Falle der Altamerikanistik kommen verschiedene Punkte zusammen, die zu einem Aussterben dieses Faches in Deutschland führ(t)en. Zum Einen die aktuell schwer zu vermittelnde Relevanz des Faches. Lateinamerika ist aus dem öffentlichen Bewusststein seit Jahren verschwunden – Russland, China und Indien, vielleicht noch Brasilien, dominieren die Debatte, dazu eventuell einige afrikanische Länder. Der Boom Lateinamerikas in der Medienlandschaft und der Folklore etc. ist jedoch seit den 80er Jahren vorbei und es ist schwierig, Interesse für Studien zu wecken, die sich mit diesem momentan – zumindest in der öffentlichen Meinung – irrelevanten Teil der Welt befassen.

Zum Anderen ist da das koloniale Erbe Lateinamerikas, das es schwierig macht die Relevanz ausländischer Arbeit in der Anthropologie und Archäologie dieses Kontinents zu vermitteln. Warum sollten wir hier Wissen importieren wenn es ausgebildete lokale Kräfte gibt? Archäologie und Anthropologie gelten in der öffentlichen Meinung auch nicht als “Entwicklungshilfe“, bringen also, oberflächlich betrachtet, keine schnelle, konkrete Verbesserung der Lebensverhältnisse vor Ort mit sich. Sue haben keine Vorzeigeeffekt, da sie etwas mit sich bringen, dass zwar essentiell ist, aber nicht messbar: Geschichte. Daher und aufgrund nur unzureichender Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit wirken Archäologie und Anthropologie wie “reine Wissenschaft“, Wissensgewinn für den Wissenschaftler, aber ohne Relevanz für Bevölkerung und Leben. Das Vorhandensein südamerikanischer Kollegen scheint den “Import” deutscher Altamerikanisten zusätzlich sinnlos zu machen.

Zum Dritten gab es strukturelle Probleme innerhalb des Studienganges (die heute in Bonn teilweise versucht werden auszugleichen). Altamerikanistik, als Studium der Anthropologie, Archäologie und Geschichte Lateinamerikas angeboten, bot zumindest in meinen Zeiten, also bis zum Beginn des jetzigen Jahrtausends, nie die Möglichkeit, grundlegende Methoden dieser drei Fächer zu erlernen. Quellenstudium, Forschungstechniken, Interpretationsmöglichkeiten – diese Dinge wurden nur selten angeboten und standen als kleine Minderheit gegenüber Kursen, die zwar einzelne Kulturen, Perioden oder Aspekte der Geschichte Lateinamerikas beleuchteten, aber nicht die Werkzeuge vermittelten, die man als Wissenschaftler/in später selber braucht. Nur die geschickte Auswahl der Nebenfächer führte dazu, dass diese Methoden erlernt werden konnten. Meine Erfahrung mit dem Nebenstudium der Ur- und Frühgeschichte (heute: Europäische Archäologie) war dafür typisch. Kollegen belegten Kurse in Geographie, Geologie, Vermessungskunde, Vorderasiatischer Archäologie, Ethnologie etc. Für mich war die Ur- und Frühgeschichte eine Möglichkeit, mir  ein eher verschultes, informationsgeladenes, strukturiertes Lernen in diesem Studienfach anzueignen, gepaart mit der Möglichkeit, Grabungs- und Analysemethodik zu erlernen. Andererseits erstaunte mich das sehr faktenorientierte Publizieren sehr. Interpretationen waren dünn gesät und mein angloamerikanisch geschultes Interpretationsherz der Altamerikanistik musste damit erst umgehen lernen.Das war definitiv ein großes Manko meines Studiums – ein Manko, das ich bis heute durch Weiterbildung versuche auszugleichen. Allerdings hat das interdisziplinäre Lernen auch einen großen Vorteil: es schärft den Blick für Schwächen und Stärken anderer Fächer. Das Erkennen dieser Unterschiede schult den Blick und das Gleiche gilt für das Zusammentreffen von unterschiedlichen Ideen und Methoden in Lateinamerika selbst.

Trotz der oben genannten Kritikpunkte ist das Aufeinandertreffen von Archäologen der gleichen Fachrichtung, die aber in unterschiedlichen Ländern gelernt haben, sehr inspirierend. Der Austausch unterschiedlicher Terminologien und Methoden ist bereits zwischen Archäologen benachbarter lateinamerikanischer Länder eine Herausforderung und Bereicherung, das gilt noch viel mehr für das Auftauchen außer-amerikanischer Forscher. Die eingesetzten Methoden und Techniken differieren stark und öffnen oft ein Fenster zu neuen Ideen und Interpretationen.

Trotz allem bleibt aber ein großes Problem bestehen: was soll die Relevanz unseres Faches sein? In ganz Deutschland arbeiten (ich schätze jetzt mal und lasse mich gerne korrigieren) noch so an die deutschstämmige  30-40 Altamerikanisten. Von diesen sind (ebenfalls geschätzt, bitte korrigieren falls es jemand exakt weiß) ca. 10-15 Personen mit der Archäologie Südamerikas befasst – wie ich. Was soll also die Relevanz unserer Arbeit sein? “Warum sollte sich ein junger Mensch für dieses Fach entscheiden????” – wie es ein Kollege neulich formulierte. Unter anderem, weil es erst unsere Geschichte ist, die es uns ermöglicht zu sehen wer wir sind, woher wir kommen und welche komplexen Wege die Menschheit geht. Und damit die Basis bildet für ein Verständnis zukünftiger Entwicklungen. Sicher gibt es in Lateinamerika viele gut ausgebildete Archäologen  und ihre Arbeit ist immens wichtig. Aber auch unsere interdisziplinäre und itnerkontinentale Zusammenarbeit kann hier methodologisch und interpretativ produktiv sein, wenn der europäische Blick ohne kolonialistische Ideen daherkommt.

Um das zu erreichen sollten wir jedoch eins nie vergessen: wir sollten unser Wissen vermitteln wo immer es geht. Unser Fach vertreten und es kommunizieren. Aufstehen und sprechen wenn man uns fragt – und auch ungefragt.

Update: Neuer Artikel zu vier “Kleinen FÄchern” in ZEIT online am 28.1.2014: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2014-01/kleine-studiengaenge-studium

besonders interessant: die Kommentare von Studierenden der Kleinen Fächer UNTER dem Artikel!

ENGLISH VERSION

Small academic disciplines or fields of study (called „small studies“ or metaphorically “orchid studies” in German to emphasize the smallness, supposed irrelevance and at the same time the beauty of these studies) are academic disciplines which focus on rather “exotic” and “minor” objects of study; that can be studied at few universities and with only very few students – due to the lack of general interest in these studies. I have studied such a discipline myself: Altamerikanistik, or to give it an English name: Latin-American Archaeology. Although this covers only some part of these studies, because it involved also anthropology, iconography, indigenous languages and the like. While these studies were offered at three universities (Berlin, Bonn and Hamburg) when I began studying around 1995, there is now only one university in Germany which still clings to it: the University of Bonn, which has refocused on Altamerikanistik with a rather interdisciplinary view, connecting archaeology and prehispanic times with a rather anthropological focus on contemporary phenomena in Latin America.

With the declaration of Bologna and many many reform packages on university personnel and financiation from the 90ies onwards, there has been considerable re-organization at German universities. The “small studies” became even smaller, they were fused with other disciplines or completely closed down. A special study was conducted after all this happened, investigating the disposition, development and structure of these small fields of study. Their presence or close-down was always covered in the media, and they raised the question: Do we need these studies? And why? What is the relevance of these studies for our society? Some of the articles made it clear that these small studies are highly relevant to all of us – but the disciplines mentioned are often easier to convey than my own choice. Something like paleontology, related to climate research, Indian studies (Indology) or Gender Studies cover areas of study highly relevant to at least some segments of our society and can thus be communicated far more easily than something like “Latin-American Archaeology”.

Speaking of Latin-American Archaeology, there are several things that led to its almost complete extinction in Germany. For one, there´s the difficulty to explain the relevance of these studies in today´s Germany. Latin America is a region that has almost no lobby in our contemporary society and media – there are Russia, China, India, maybe Brazil too, that keep the headlines and think tanks occupied. The boom of Latin America in German conscience in the 1980ies has long since past. And apart from some folklore group singing at the city square and a headline on Evo Morales´ official plane being involved in the Snowden incident at Vienna there is no public interest in Latin-American matters right now. So why should Latin American Archaeology matter? Why are we studying a part of the world that is almost invisible in German media and thinking right now?

On the other hand there´s the colonial heritage of Latin America, making it difficult to talk about the relevance of European investigation in Latin America. Why should we “import” archaeological knowledge when there are many and well trained local archaeologists? And because archaeology and anthropology seem to be so absolutely irrelevant when living conditions are poor and even water and electricity are lacking, technical development aid seems a much better option when there is money to spend. Archaeology and anthropology seem to have no direct positive effect on living conditions; there seem to be no direct renderings to the local people. But nonetheless: archaeology matters. Because history matters and archaeological results are immaterial but nonetheless overly important. It´s up to marketing and public relations to make this point absolutely clear: history matters. Not only to the scientists who do the research but to local people, too, that’s at least my repeated experience. Its not about investigation and results that only serve me to get a Ph.D. – local people are mostly interested in archaeological work because their history matters to them and local history and archaeological history may be highly relevant to current political agendas.

Thirdly, there were always structural problems in this field of study. Today, the University of Bonn is trying to better these problems, but when I studied 15 years ago, Altamerikanistik implied a wonderful mix of archaeology, anthropology, history, linguistics, sociology and the like. But it never offered some solid methodology to get working. We studied something like a patchwork investigation, taking only the courses that interested us. The study of historical sources, the techniques of investigation during field work, the variability of interpretations – all these were never part of the curriculum. When we realized that we were very short on these substantial bases on archaeological work, we took courses in other disciplines, such as European Archaeology, Geology, Geography and the like. This has been one of the really problematic areas of the discipline, and one which is causing me problems up till today – and I have been trying ever since to balance this with continuing studies.

Nevertheless, the interdisciplinary learning has one big advantage: you learn to see the world and your research through the eyes of other disciplines. I had my own experience studying European Archaeology, a study area characterized by the publication of large amounts of data without little interpretation. It´s just the opposite of Altamerikanistik, where small amounts of data may often lead to exaggerated interpretations. And it’s comparing both disciplines that helped me to understand which way I´d like to choose for my own research. Methods, Data, Interpretation, everything can be differently understood in other disciplines. And the same applies to archaeological research when done by a European in Latin America or a local archaeologist in the same area. We differ in methods, we differ in interpretation and we differ in our way to go about an investigation. This can be very interesting and inspiring and it’s the heart of my claim here.

Because despite all the critic written above, the clash of different “archaeological upbringings” can be very inspiring and may lead to absolutely fascinating new interpretations. The exchange of terminology and methods is already a challenge between archaeologists from different Latin American countries, between Europeans and Latin Americans even more so.  And this leads us to exchange information and enables us to reach new levels of interpretation.

But still, the problem of relevance remains: why does archaeology matter at all? All over Germany, there may be (my guess) about 30-40 persons which studied Latin American Archaeology in Germany and now work professionally in this area. And of these there may be (my guess again) about 10-15 which are working on South American Archaeology as I do – and not on history, anthropology, etc. So the question remains: What’s the relevance of our work? Or, to put it as a colleague did recently: “Why should a young person decide to study as we did?”. I think that it’s the knowledge about our history that makes us see what we are and where we are heading – personally, nationally and on a global scale. To know our history prevents us from being politically blind because it shows us the diversity and subjectivity of history and its interpretations. And to understand where we come from is the basis for every future move we make. Sure, there are many local archaeologists in Latin America and their work is immensely important – for research AND for the sociopolitical implications their work has. But its our interdisciplinary and intercontinental interaction that can focus on new methodological and interpretative ideas, when our European view is free of colonial implications.

And to get there we should do one thing wherever we are: communicate our discipline. Explain why it matters and speak up when we´re asked – and even if we´re not!


1 Comment

Humboldt Lab #3

Neulich war ich endlich im Humboldt Lab #3, denn ich wollte wissen, wie es denn weitergeht nach der ersten tollen Ausstellung, die ich im Mai gesehen hatte. Leider habe ich #2 verpasst, aber gut. Jetzt wieder!
Humboldt Lab 3, noch bis Ende März 2014 im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen, bestand aus insgesamt vier Ideen:
Michael Kraus’ “Fotografien berühren“,
“24 h Dahlem” von Clara Jo,
Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz,
Und “Warum nicht?” an 27 verschiedenen, unerwarteten Stellen des Museums als Intervention der Dauerausstellung.

Prinzipiell muss ich sagen, dass ich die Idee des ersten Humboldt Labs, die Ausstellungen räumlich vor allem im 1. OG zu vereinen, sehr gut fand – besser als die jetzige, sie über das gesamte Gebäude zu verteilen. Nummer drei habe ich zum Beispiel trotz Faltplan nicht gefunden, sie sollte im Untergeschoss sein. Nachdem ich erst im Restaurant und dann im Vortragsraum stand, habe ich aufgegeben. Ich suche zwar gerne, aber doch nicht zu lange im Museum nach etwas, das ich sehen will. Dieser Post als ohne Humboldt Lab “mensch – objekt – jaguar “.
Die erste Ausstellung “Fotografien berühren” beschäftigte sich mit Fotografien südamerikanischer Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Während man im ersten grossen Saal mit überlebensgrossen, ganz leicht animierten Fotografien aus den Sammlungen des Museums konfrontiert wird, gibt Michael Kraus hierzu im zweiten Raum eine sehr persönliche Einführung in die Fotografien und ihre Welt. Vor allem aber spricht er darüber wie diese ihn persönlich bewegt haben. Welche Fragen sie aufbrachten, welche Emotionen. Das war sehr bewegend und hat auch in mir vieles berührt, da Portraitfotografienauch in mir immer die Frage aufbringen, wer diese Personen sind/waren. Was ihre Schicksale, welche ihre Situation während der Aufnahme? Die Beweggründe waren mir also persönlich sehr nahe, und auch die Möglichkeit im zweiten Raum mittels Ipad verschiedene Themen der Aufnahmen durchlaufen zu können, fand ich sehr anregend. Es handelte sich um Themen wie “Körper“, “Kunst“, etc. Auf Bänken standen mehrere Ipads mit Kopfhörern zur Verfügung um sich hier ganz in Ruhe zu informieren, die Fotos und dazu gehörende Originaltexte der Fotografen nebst Erklärungen einer Sprecherin zu hören. Wunderbar. Raum 3 jedoch war unglaublich gross und unglaublich leer. Hier konnte der Besucher selbst mittels Overheadprojekt Folien vieler Fotos an die Wand bringen, die mit den Daten der Fotos (Aufnahmedatum, Fotograf, Name des Menschen auf dem Foto) aufschienen. Vielleicht fehlt mir da ein Nexus, aber das erschloss sich mir nicht wirklich.

Nachdem ich mir viele der Fotografien angesehen hatte, wurde mir auch etwas klarer, was mir fehlte: eine Art Hintergrund zum Kontext in dem diese Fotografien entstanden. Was bedeutete diese Fotografie zur Zeit ihrer Entstehung? Welche sozialen, wissenschaftlichen Kontexte liegen darunter? Dies wurde zwar am Rande angesprochen, blieb mir aber zu sehr im Hintergrund. Es ging darum, sich den Fotografien persönlich zu nähern, diese durch Anfassen und Größe persönlicher zu spüren – ich hätte mir trotzdem ein wenig mehr Input zu diesem so unglaublich vielschichtigen, kontroversen Thema gewünscht. Pronzipiell geht mir dieser persönliche Zusammenhang bei allen Objekten durch den Kopf, v.a. auch bei den archäologischen Scherben, die mich seit langer Zeit begleiten. Man kann diesen persönlichen Bezug nie ausblenden, und ich finde ihn wichtig. Und es ist wichtig, ihn anzusprechen, die Personen hinter den Bildern (oder Objekten) hervorzuholen, soweit möglich. Trotzdem finde ich gerade Fotografie ein Thema, das auch kunst- und wissenschaftsgeschichtlich viel mehr verdient.

Interessant wäre es vielleicht gewesen, diese Ausstellung mit anderen, zeitglcihen Fotoausstellungen im Museum zu verbinden und unterliegende Ähnlichkeiten aufzuzeigen? Denn gleichzeitig gab es eine Ausstellung mit Fotografien junger Europäer im Museum für Europäische Kulturen, die ebenfalls Portraits UND diese in Verbindung mit Karteikarten mit Daten zum Aufnahmedatum, Aufnahmeumständen etc. zeigte. Faszinierend in Verbindung mit der von Michael Kraus´ kuratierten Ausstellung! Es bleibt aber dem Besucher überlassen, hier eine Verbindung zu entdecken. Schade eigentlich.

20131102-215831.jpg

20131102-215906.jpg

20131102-215921.jpg

Die zweite Ausstellung namens “24 h Dahlem” wird in mehreren Teilen geboten. Momentan läuft “Nacht” in einem Raum zwischen der Altamerika- und der Südsee-Ausstellung. Wie der Titel schon andeutet, beziehen sich die Macher auf das grossartige Werk des arte/rbb berlin namens “24 h Berlin” und damit ja auch indirekt auf die Vorläufer aus den 20 er Jahren, á la “Berlin – Sinfonie einer Großstadt” und ähnliche. Angepeilt ist laut dem Pressetext eine Vernetzung mit dem Archivmaterial dieser Produktion. Alleine gezeigt, steht das Projekt jedoch etwas im Regen und entwickelt nicht die gleich Strahlkraft wie das Original. Das Konzept bestand darin, die Nachtschicht des Museums mittels Video und Ton durchs Museum zu begleiten und einige Interviews einzuschneiden. Hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Ich mag die Vorläufermodelle sehr, vielleicht bleibt diese Installation für mich daher im Vergleich dazu sehr zurück. Und vielleicht muss man es wirklich irgendwann zusammen sehen um es genießen zu können.

Schön waren jedoch die Interventionen “Warum nicht?” der Dauerausstellungen in diesem dritten Humboldt Lab. Sie drehten sich v.a. um die Einbringung nicht “passender” Objekte in eine Dauerausstellung – etwa eine Skulptur aus dem Museum für europäische Ethnologie in der Altamerika-Ausstellung. Großartig auch die Verbindung im Museum für Asiatische Kunst, in dem der Bogen zur Nutzung bestimmter Architekturelemente im Berlin des 19. Jahrhunderts gezogen wurde. Das war wunderbar, zum Teil verbunden mit Fragen, die dem Zuschauer zusätzlich verdeutlichen sollten wo Zusammenhänge zwischen den Kulturen und damit den unterliegenden Gedankenstrukturen der Menschheit liegen. Schon strukturalistisch gedacht, aber wer sagt, dass das schlecht ist?  Ich glaube, “Interventionen” entwickelt sich zu meinem Lieblingsthema im Humboldt-Lab!

Deshalb: Ich freue mich jetzt schon auf Humboldt Lab # 4.

Ausgewählte Literatur:

Derenthal, R.D. Gadebusch, K. Specht (2012): Das koloniale Auge – Frühe Portraitfotografie in Indien. Koehler & Amelang, Berlin.

 

 

20131102-215942.jpg

20131102-215956.jpg

20131102-220008.jpg

20131102-220030.jpg

A week ago, I went to the Ethnological Museum Berlin to visit the 3rd presentation oft he Humboldt Lab, the experimental exhibition show case the museum has launched in order to prepare for their new presentations termed “Humboldt Forum” right in the center of Berlin from 2020 onwards.

I had visited the fist Humboldt Lab in May 2013 and wanted to re-visit because every three-four months there are new expositions on show. This time it was:

–          “Touching Photographs” by Michael Kraus,

–          “24 h Dahlem” by Clara Jo,

–          “Human-Object-Jaguar” by Sebastian Mejía & Andrea Scholz,

–          And “Why not?” – interventions in the permanent exhibitions that cause the visitor to stop, pause and think again.

All four exhibitions can be seen until March 30th, 2014.

First, I would like to say that I appreciated the idea to unite all the exhibitions in one place at the museum. That was the idea of the first Humboldt Lab, but this time the exhibitions were distributed all over the building – and I have to admit that I haven’t been able to find the exhibition “Human-Object-Jaguar”. I even had a map where all the locations were shown, but this exhibition was supposed to be in some room in the basement and I couldn’t find it. There´s a limit even for my willingness to search for an exhibition – and I gave up after 15 minutes, sorry. So, this post will be presented without “Human-Object-Jaguar”.

The first exhibition, called „Touching photographs“, was centered on photographs of South American people from the 19th and early 20th century. While the first room presented slightly animated larger-than-life copies of some of the photographs in question, the second room was designated to an explanation by the curator Michael Kraus. He gives a very personal, even emotional introduction to this corpus of photographs which have been taken on a couple of expedition to South America by different scientists or travelers and have been in custody of the Ethnological Museum since then. Mostly, he talks about how these photographs moved him personally when working with them. Moreover, in this room you had personal access to the photographs using I-pads and earphones. The photos have been arranged around central themes like “art”, body” and the like and are presented with an audio introduction on the photos, the situations in which they were taken and even excerpts of the travel diaries.

This section was very emotional to me. I am inclined to see always the background of these photos, thinking about the persons in them, the situations in which they were taken and what became of the people afterwards. So, this was something that took me in from the beginning!

At room #3 you could project photos on a wall by yourself. You would see the photo, the date and some details of the location and the person in it. I don’t know, but I didn’t quite get the idea of this part of the exhibition. The room was really big, and really – empty. There were only the projections on one of the walls – and that was that.

After seeing that many photographs, I felt a little bit dizzy and I had this vague feeling that something was missing from the exposition. Thinking about it, I would have liked more background information about photography as a social, scientific and ideological tool. That’s a field with much information and publications to it and it would haven been great to just have a little introduction into it – just to put a little background to the photographs presented. Photography is such a controversial, multilayered issue, it would have been great to say something about that aspect, too. I really liked the personal approach taken by the curator. Even with “my” ceramic fragments I cant help but wonder about the people who made them, used them, discarded them. And mostly, this personal aspect is often neglected and it seems to me so important to talk about it, make the people behind the objects visible!

Another idea that occurred to me would have been linking to other photo exhibitions in the museum at the same time. There was an exhibition with photos of contemporary European people at the Museum of European Cultures, that worked quite similar to the one curated by Michael Kraus: a presentation of photos and even some notes about the persons and their contexts. It was just fascinating to compare these contemporary pictures to the ones from South America a century ago. But its up to the visitor to discover this link and make the most of it.

The second exhibition, called „24 h Dahlem“ will be presented in different parts. Right now, “Night” is on display in a room between the permanent exhibitions of America and the South Seas. And as the title indicates, its about documenting a whole day at the Museum, making reference to the absolutely spectacular project of Arte / rbb Berlin called “24 h Berlin”, which presented 24 hours of city life, following dozens of persons during their daily (and nightly) activities in real time. It was one of the best things I ever saw on TV and seemingly in the tradition of spectacular works like “Berlin – Symphony of a City” of the 1920ies. According to the press release, “24 h Dahlem” is meant to be included in the database of “24 h Berlin”, but being shown on its own it just doesn’t develop the same power as the “original”. It’s a 15 minute version of a night at the Dahlem Museum – and it didn’t move me as much as it could. Comparing to “24 h Berlin”, this one is just not as imposing, but maybe it will work better once it has been included into the database?

What I really liked at Humboldt Lab # 3 were the interventions, this time titled „Why not?“. They focused on the integration of objects of “foreign” cultures into the permanent exhibitions. Thus, you may find a sculpture from Poland together with objects from ancient Peru or a 20th century baby pram in the North American Indian exhibition. Or, you may find information on the use of  certain architectonical elements from ancient India in 19th century Berlin. That’s great because it opens up a whole filed of questions (which are often presented right beneath the object) about similarity and underlying structures of thought, regarding all human cultures. That quite structuralistic, but well – isn’t that okay? Definitely, “Interventions” is about to become my favorite part of the Humboldt Lab!

So, thats it. I am already waiting for Part 4 of the Humboldt Lab!


Leave a comment

Die Vergangenheit gehört allen?! oder: “Who owns the Past?”

“Who owns the Past?” ist eine Frage, die locker mal 206.000.000 Antworten bei Google erhält. Und das nur im englischsprachigen Netz. Denn das Thema ist genauso gut und vielleicht noch brisanter für Regionen, in denen Vergangenheit durch archäologische Forschungen lange kolonialisiert wurde und in denen die Archäologie als elitäre Wissenschaft regionale Bevölkerungsgruppen geradezu ausschloß. Es sind meiner Meinung nach die Begleiterscheinungen postkolonialer Zeiten, die die Frage „Who owns the Past?“ in diesen Regionen zu einem sensiblen Dauerbrenner gemacht hat.

Post-koloniale Archäologie ist in diesen Ländern und Regionen nicht nur eine von außen herangetragene Idee, dass nun lokale Akteure stärker eingebunden werden sollten, sondern die konkrete Möglichkeit, dass hier neue Wege der Partizipation ausprobiert werden sollten. Es geht um die Ausbildung eigener Archäologen, um das Erarbeiten und Probieren eigener archäologischer Herangehensweisen. Es geht um die Einbindung lokaler Akteure, ihrer Wünsche und Forderungen. Und es geht darum, mit archäologischen Projekten, abgesehen von den wissenschaftlichen Aspekten, Antworten auf Fragen von Identität, Gleichberechtigung und Verbesserung der Lebensumstände zu geben. (siehe hierzu auch für alle spanisch sprechenden Leser die Sonderausgabe der Chungará in der Literaturliste am Ende des Posts).

Diese Form der Archäologie ist natürlich nicht nur in post-kolonialen Regionen der Erde präsent sondern genauso in Europa, wo die Einbindung lokaler Akteure in den letzten Jahren ein wichtiger Teil archäologischer Arbeit geworden ist. Aber der Großteil postkolonialer Archäologie findet eben doch in außereuropäischen Regionen statt. Und ist dort ein sensibles, konfliktgeladenes Thema. „Vergangenheit“ ist ein Thema, dass jeden Menschen berührt, weil jeder eine Vergangenheit besitzt. Und nicht nur seine eigene, sondern durch orale Übermittlung, schulisches Lernen und kulturelles Umfeld auch eine Gruppenvergangenheit. Und diese, selbst empfundene, Vergangenheit kann stark von der von Archäologen präsentierten Variante variieren. Dieses Problem lösen zu wollen bzw. Denkanstöße zu vermitteln ist einer der Ansätze der postkolonialen Archäologie.

Indigenous Archaeology ist ein Zweig der der postkolonialen Archäologie, der daraufhin arbeitet indigene Gruppen ganz gezielt zu integrieren – in die Feldarbeit, in die Archäologie als Studienfach, in die Ausarbeitung der Ergebnisse und v.a. der Vermittlung der Ergebnisse und deren Nutzung für künftige Generationen. Es geht also um eine Interaktion auf gleicher Ebene, nicht von oben nach unten. Und da das vielen Archäologen mittlerweile wichtig ist und sie Aspekte dieser Arbeit in ihre Projekte integrieren, hat sich auch einiges innerhalb der Feldarbeit geändert.

Ich selbst stand, ganz mitteleuropäische Archäologin, vor einigen Jahren ungläubig vor einem Beitrag in einem Sammelband zu postkolonialer Archäologie, in dem eine Archäologin indigener Abstammung beschrieb, wie sie ihre Grabungen nun in runden, statt in quadratischen oder rechteckigen Grabungseinheiten durchführte. Es hatte was mit der anzestralen Idee des runden Hauses in ihrer Ursprungskultur zu tun, wenn ich mich recht erinnere. Und die Frage ist ja: so abstrus mir das vorkommt, wie viel Recht habe ich, ihr diese Idee abzusprechen? Auf welchem Niveau diskutiert man hier? Da kommen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch ganz persönliche Fragen hoch. Und das ist einer der großen Kritikpunkte, die in diesem Blogbeitrag formuliert werden. Der Autor hat durchaus an einigen Punkten in seiner Kritik recht, natürlich ist fast jede „Post“-Richtung sehr politisch. Problematisch ist aber meiner Meinung nach genau die Frage OB es eine Archäologie oder generell Wissenschaft geben kann, die unpolitisch ist. Ich glaube nicht. Jede wissenschaftliche Arbeit ist gewollt oder ungewollt politisch, selbst wenn es der Forscher gar nicht möchte. Auch wenn wir uns GEGEN eine politische Nutzung unserer Arbeiten aussprechen ist schon diese Meinung eine politische Äußerung in ihrer eigenen Art.

Und abgesehen von eher formalen Aspekten postkolonialer und indigener Archäologie wie der Form der Grabungseinheiten – wie gehen wir als europäische oder „weiße“ Archäologen mit dem Thema um? Rassistische Konzepte und soziale Klischees greifen hier auf verschiedenen Seiten. Auch Archäologen, die selber aus postkolonialen Ländern stammen werden z.T. aufgrund ihrer helleren oder dunkleren Hautfarbe in einigen Regionen ihrer Heimatländer NICHT als Gleichberechtigte wahrgenommen. Wie geht man mit diesen problematischen Situationen um? Vorkommnisse aus 500 Jahren Kolonialgeschichte können in einem einzigen archäologischen Projekt sowieso nicht finanziell oder persönlich aufgearbeitet werden. Und: es funktioniert so auch nicht. Aber das ist schwierig zu vermitteln, viel schwieriger als Vergangenheit an sich.

Für mich persönlich als Mitteleuropäerin bedeutet die Arbeit in Südamerika auch viel Selbstreflektion. Natürlich braucht jeder Wissenschaftler Selbstreflektion, auch wenn er/sie im eigenen Land arbeitet, aber wenn zur wissenschaftlichen Arbeit an sich und der Vermittlung dieser Arbeit auch noch koloniale “Rechnungen” hinzukommen, dann verwirrt sich alles noch mehr. Postkoloniale und indigene Archäologie schärfen den Blick für eigene kulturelle Klischees und Wahrnehmungsformen. Und sie öffnen die Augen für andere Wahrnehmungen von Wissenschaft und Vergangenheit. Die Frage ist, wieweit wir diese anderen Wege gehen können und wollen – das muss jeder Archäologe für sich entscheiden. Ich halte es aber für entscheidend sich zunächst über das Problem an sich im Klaren zu sein um dann eine Entscheidung treffen zu können.

Die Frage “Who owns the Past?” wird also in den letzten Jahrzehnten zunehmend und von vielen Personen und Gruppen gestellt. Und sie wird, wie neulich in einem Coursera-Kurs zu Archäologie von den Archäologen selbst sehr sehr zurückhaltend und diplomatisch beantwortet. Es geht um Artefakte, um Erhaltungsmöglichkeiten, um die Einbindung vieler verschiedener Gruppen – wissenschaftlicher, regionaler, ethnischer. Aber es geht nur ganz am Rand bei einigen der Befragten um die implizierten Gruppen – die Wissenschaftler, die lokalen Akteure, die Anwohner. Es ist schwierig die Balance zu finden zwischen unserem archäologischen Herz und dem Wunsch soviele Personen wie möglich in unsere Arbeit und Vermittlung einzubinden. Funde müssen bewahrt werden, aber lokale Anwohner haben eine ganze Vielzahl von nicht-archäologischen Ansichten hierzu. Entwicklung ist etwas, dass sich viele Menschen wünschen, aber Arhcäologie mag nciht immer das richtige Werkzeug sein um sich ein besseres Leben aufzubauen. Undsoweiter.

Meiner Meinung nach lässt sich die Frage denn auch viel einfacher beantworten: Vergangenheit gehört den Menschen im Allgemeinen. Und es gibt auch nicht DIE Vergangenheit, sondern nur immer wieder veränderbare Versionen, die auch nebeneinander existieren können. Zunächst und ganz vorne steht aber die Antwort: Vergangenheit gehört zunächst und vor allem den Menschen der Region, in der wir als Archäologen arbeiten. So wie hier in dieser Reportage Nikolai Grube sagt, als es um die Zukunft der Mayaforschung geht: “Ich würde mir für die Mayaforschung wünschen, dass sie letztlich denjenigen zugute kommt, die die Erben dieser Kultur sind. Das sind die vielen Maya, die heute noch leben (…) und die von ihrer eigenen Geschichte losgelöst und abgekoppelt sind durch die Folgen des Kolonialismus. Ich denke, die heutige Mayaforschung muss den Maya einen Teil ihrer Geschichte zurückgeben und wenn sie das kann, hat sie eigentlich ihr edelstes Ziel erreicht!” (Quelle: “Sternenkriege der Maya”, Teil 2, Minute 41 ff.).

Bücher zum Thema:

C. Smith & H.M: Wobst (Ed.), 2004: Indigenous Archaeologies – Decolonizing Theory and Practice. Routledge. http://www.amazon.de/Indigenous-Archaeologies-Decolonising-Practice-Archaeology/dp/0415589061

J. Lyden & U. Rizvi (Ed.), 2011: Handbook of Postcolonial Archaeology. Left Coast Press.

http://www.lcoastpress.com/book.php?id=299

M. Liebmann (2010): Introduction: The Intersections of Archaeology and Postcolonial Studies. In Liebmann & Rizvi (Ed.) Archaeology and the Postcolonial Critique. Lanham/New York: Altamira Press.

Download on Academia.edu: http://www.academia.edu/1558671/The_Intersections_of_Archaeology_and_Postcolonial_Studies

 Regional bezüglich der Anden: Sonderausgabe Chungará 2003/2 zum Thema Arqueologia Social y Comunidades Indigenas en el Norte de Chile / Sur de Bolivia: http://www.chungara.cl/index.php/vol35-2

Beispiel für ein Symposium zum Thema in Argentinien: http://www.soc.unicen.edu.ar/observatorio/simposio-pueblos-originarios-y-arqueologia.php

Leicht lesbarer, aber ziemlich einseitiger Einblick zum Thema NAGPRA/ USA: J. Benedict: No Bone unturned: The adventures aof a Top Smithsonian Forensic Scientist and the lega battle for Amreicas oldest skeletons.

3 U7SUPER

ENGLISH VERSION

“Who owns the past?” is a question that get´s more than 206.000.000 answers on google. And this is only the English speaking part of the world. Because this question is even more sensible and hotly debated in parts of the world which have a colonial past and where archaeology has long since played the role of an elitist science which excluded the majority of the population. In my opinion that´s part of the aftermath of colonial times and the companion of post-colonial ones and it makes the question “Who owns the past?” an ever burning question in these regions.

Post colonial archaeology in these countries and regions is not an idea that has been imposed to have local protagonists more involved, but this idea represents the possibility to try new ways of scientific participation. It concerns the education of their own “national” archaeologists, the development of their own distinct archaeological approaches. It is about the involvement of local actors and their wishes and demands. It´s about the answers that archaeological projects can give to question concerning identity, equal opportunities and the improvement of living environments. (If you read Spanish, have a look at the special edition of the journal Chungará, cited at the end of this post).

Naturally, this version of archaeology is to be found everywhere around the globe, not only in the post colonial regions of the world. It’s the same in Europe where the involvement of local actors has become an important part of archaeological work during the last years. But a better part of post colonial archaeology is taking place in regions outside Europe. And it presents a highly sensible, emotional theme. “The Past” is something that touches everybody directly, because everybody has a past. And not only a personal past but also, through oral traditions, schooling and community experiences, a community past. And this “felt” past can differ radically from the version of the past that archaeologists present. In my opinion it is one of the main goals of post colonial archaeology to solve these problems or to offer thought-provoking impulses.

Indigenous Archaeology is a branch of post colonial archaeology which works to integrate indigenous groups directly into scientific work – this means during field work, in the study of archaeology at university and most of all, in the procurement of the results of archaeological investigation and their use for future generations. So, it´s about interaction on an equal level between the archaeologist and the local communities and protagonists. This is increasingly important to many archaeologists and has been integrated into many aspects of archaeological investigation – which has led to profound changes in archaeological field work.

As an archaeologist from Central Europe I was confronted a couple of years ago with the work of an archaeologist with indigenous roots, who presented a new form to conduct her excavations. Instead of using the “classical” rectangular spaces and grids of an excavation pit, she worked with circular excavation pits, because this resonated with the ancestral idea of round houses of  her indigenous background. And the question is: I may find this disturbing or even absurd, but do I have the right to reject her idea? On which level are we discussing when it comes to these technical terms? Is it only about certain investigation techniques? Or are there personal factors as well that play an unconscious role? There are many scientific and personal questions arising. And this is also one of the criticisms post colonial archaeology has received. In my opinion, this blog post resumes many of them. Some of these critiques are understandable, especially when it comes to the political dimensions of theoretical currents. But in my opinion the most problematical point is the question if there could be an archaeology or in that case any science that can be apolitical. I don´t think so. Every scientific work is political, and that´s not a matter if the scientist wishes it to be so or not. Even when we take a decision to be AGAINST a political use of our work we are already taking a decision that has a political impact.

And disregarding any formal aspects of post colonial or indigenous archaeology like the layout of our excavation pits mentioned above – how can we deal with this indigenous and post colonial archaeological current, being European or “white” archaeologists? Racist concepts and social clichés are being actively used or at least passively underlying on both sides – by archaeologists and local people alike. Even archaeologists that are native from post colonial countries are known to have been discriminated and badly treated for their lighter or darker skin in some parts of their own country – so this is not exclusively an “1st world” – “3rd world” (or “whatever world”) problem. How do we deal with these problematic situations during fieldwork? It´s simply not possible to rehabilitate 500 years of colonial history during one field season, not in the personal realm and surely not in the financial realm, either. And it doesn´t work like that, anyway. But these details are difficult to communicate, often much more difficult than the archaeological past.

For me as a central European woman working in South America means a lot of self reflection. Of course, every scientist should be self reflective and self conscious when it comes to his/her work, even when working in our home countries. But if our work and the communication of our work present additional layers of (post) colonial meaning and history, everything gets too entangled to be easily solved. Post colonial and indigenous archaeology enable us to get a more detailed view of our own cultural clichés and perceptions, concerning the implications of our work and our own personalities involved in the investigation. They open our eyes for different perceptions of science and the past. The question is how much do we dare to integrate these new views into our work – and that is a question that every archaeologist has to answer for him/herself. But I think it´s decisive to be clear about the existence of this problem to be able to take a decision when the time comes.

So, the question „Who owns the Past?” has been put before us increasingly in the last decades – and it came from a variety of social and scientific groups or protagonists. And the question is being answered only reluctantly and evasively – as was the case, e.g., in the Coursera course on archaeology I attended. The answers were so diplomatic and cautious, they mainly centered on artifacts and the possibilities to maintain and preserve them, they included themes like the inclusion of many different groups of people – scientific, regional, and ethnical. But there were little palpable answers when it came to the actual people involved: THE scientist, THE archaeologist, THE local people. It´s difficult to find the balance between our archaeological heart and the wish to integrate as many people as possible into our work and its communication. Artifacts have to be preserved, but local people may have a multitude of non-archaeological opinion about this. Development is something people want but archaeology may not always be the tool to get a better living.

But besides all these contradictions, in my opinion, the answer to this question still is pretty clear: the past belongs to all people, in general. And there is not one past but a multitude of pasts, interchangeable versions that can coexist. But foremost there is the answer that the past belongs foremost to the people of the region where we actually work as archaeologists. So let´s finish this with a quote from Nicolai Grube in a documentation about Maya archaeology: “I would like the investigation of Maya history to benefit ultimately the people who are the heirs of these cultures. These are all the Maya that live today and that find themselves uncoupled from their own history due to the consequences of colonialism. I think that contemporary Maya archaeology and investigation has to restore a part of history to the Maya and if this can be achieved, then the noblest goal of this investigation has been achieved, too. (Quelle: “Sternenkriege der Maya”, Teil 2, Minute 41 ff.).

related Books:

C. Smith & H.M: Wobst (Ed.), 2004: Indigenous Archaeologies – Decolonizing Theory and Practice. Routledge. http://www.amazon.de/Indigenous-Archaeologies-Decolonising-Practice-Archaeology/dp/0415589061

J. Lyden & U. Rizvi (Ed.), 2011: Handbook of Postcolonial Archaeology. Left Coast Press.

http://www.lcoastpress.com/book.php?id=299

M. Liebmann (2010): Introduction: The Intersections of Archaeology and Postcolonial Studies. In Liebmann & Rizvi (Ed.) Archaeology and the Postcolonial Critique. Lanham/New York: Altamira Press.

Download on Academia.edu: http://www.academia.edu/1558671/The_Intersections_of_Archaeology_and_Postcolonial_Studies

Regarding the South Andes: Special edition of the journal Chungará 2003/2 on: “Arqueologia Social y Comunidades Indigenas en el Norte de Chile / Sur de Bolivia”: http://www.chungara.cl/index.php/vol35-2

Symposium: http://www.soc.unicen.edu.ar/observatorio/simposio-pueblos-originarios-y-arqueologia.php

An easy to read but not well written introductorily book that is clearly partial in its description of the events on NAGPRA/ USA: J. Benedict: No bone unturned. The Adventures of a Top Smithsonian Forensic Scientist and the Legal Battle for America’s Oldest Skeletons.