Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Mini-Museum oder Die Vergangenheit im Getränkemarkt./ Mini-Museum or: History at the Corner Shop

Wann ist ein Museum eigentlich ein Museum? Wenn es mehrere Räume hat? Oder viele Besucher? Oder dauerhaft in der sozialen Gemeinschaft verankert ist? Die ICOM sagt ja: “Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ (ICOM 2006). Ein Ausstellunghaus hingegen: Haus, das im Wesentlichen auf eine eigene Sammlung verzichtet, aber auch keine Verkaufsausstellungen veranstaltet.” Gedenkstätten? Und was ist mit Folgendem:

Im berliner Stadtteil Friedrichshain gibt es ein “Museum”, dass eigentlich nur aus drei Billy-Regalen besteht und das mitten im Getränkemarkt aufgebaut ist. Dort steht es seit Jahr und Tag und jeder Besucher/Käufer kommt dran vorbei. Viele bleiben stehen, schauen, fragen etwas zu den Objekten. Friedrichshain liegt im Osten der Stadt, also im ehemals sozialistischen Gebiet der DDR. Und der Besitzer des Getränkemarktes hat hier Objekte ausgestellt, die nur ein einziges Merkmal eint: sie alle stammen aus der DDR und gehören zur Alltags-Welt dieses vergangenen Staates. Von der Brause (aka Limonade) bis zum Radio ist einiges vertreten und auf Nachfrage erzählte er mir, das alles hätten ihm Kunden vorbeibracht, die Ausstellung ist also im Wachsen begriffen. Warum aber stellt er das hier alles aus? Was ist der Zweck davon und was die Motivation, das alles abzustauben und zu erweitern? Der Besitzer sagte einfach nur: “Wir hatten die Sachen zuhause und denn ham die Kunden da immer ooch ma wat mitjebracht! Und nu steht dit ehm hier!”.

Kleine Museen, wie etwas die Heimatstube in Raddusch, oder eben die drei Billy-Regale im Getränkemarkt gehören ganz sicher zu den “Wilden Museen” *. Ein Museum der Kleinen Leute. Hier steht das Objekt nur für sich, es wird nicht abgegrenzt, es ist kein Bild, Symbol für irgendetwas (Janelli 2012: 28). Nein, es soll uns einfach nur erinnern an etwas das war. Das so nicht mehr existiert, aber in uns noch weiterlebt. Ganz ohne Beschriftung und Erklärung sprechen hier die Dinge für sich selbst. für manche als Erinnerungs-Jogging, für andere als exotisches Ding aus vergangenen Zeiten ohne jegliche Verbindung zu einem selbst. Hier kommen Menschen ins Gespräch – darüber was das für Dinge sind, wofür sie benutzt wurden. Sie erzählen einander davon, wie schwer es war diese Dinge zu bekommen in der sozialistischen Planwirtschaft.

Es ist eine sehr lebendige Sache, so ein Minimuseum im Getränkemarkt. Und es ist nicht so konsumbasiert wie andere Ausstellungen in Einkaufszentren, und auch nicht effektheischend. Es ist eher eine Erinnerung und ein Gesprächsgrund. Lebendige Geschichte – für den, der sich darauf einlassen will.

*A. Janelli, 2012. Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums. Transcript Verlag.

Museum im Getränkemarkt - Sprache der Dinge Blog

Museum im Getränkemarkt – Sprache der Dinge Blog

Foto 3 Foto 2ENGLISH VERSION

When is a Museum a Museum? Is there a minimum size? Or a minimum amount of visitors? Or does it have to be permanently linked to its surrounding society? The ICOM says: “A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.” (ICOM 2007). What about “exhibition buildings” that don’t have their own collections but exhibit? And what about memorial places – “A memorial is a structure built in order to remind people of a famous person or event.”? And what about the following:

In the Berlin neighborhood of Friedrichshain, there’s a museum that consists mainly of three shelves that are placed directly in a small super market. It has been there for some years and every day visitors / clients come along and have a look at it while buying drinks and alcohol. Many of them stop for a minute and start chatting about the things at display, talking to each other, asking the proprietor about his collection or just remembering events related to these objects in their own lives. Friedrichshain is located at the Eastern part of Berlin and belonged to the former socialist GDR. And the proprietor has on display objects from GDR-times. They all belonged to the everyday life of this lost state: starting with lemonade bottles and up to radios there’s almost everything on display and when I asked him how the things got here and if they belonged to him, he told me that clients had started to bring these things over and are still doing it. The collection is growing. But why does he exhibit these objects? What´s his motivation? Where does the energy to preserve these things come from, to look after them and have them cleaned all the time? The only answer I got was: “Well, we had these things at home, then we put them here, the clients started to bring other things around and now they are just here!”.

Small museums, as the typical local museum consisting of one or two small rooms crammed with objects collected by a mostly private person, or these three shelves at the supermarket belong surely to what is called “Wild Museums” or “amateur museums”. Its ” a museum for ordinary people”*. Here, the object represents itself, its not a symbol or a an image of something. It just is itself, reminding us of personal events or memories. Reminding us of something that doesn’t exist anymore – without any explanation the objects speak for themselves, raise questions or curiosity. It´s like memorizing for some people or being an exotic object for others. People get to talk to each other contemplating the objects, because these represent so many different, personal ideas. At the supermarket, people talk about how difficult it was to buy these objects in socialist times, relating very personal stories to strangers. Others wonder about the design or function. Anyway, they make people talk.

It’s a very animated thing, this little museum at the supermarket. And its not centered on consuming things, like the exhibitions in shopping malls and it doesn’t want to get your attention no matter what. Its just living history and living memory. For anybody who likes to join.

*A. Janelli, 2012. Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums. Transcript Verlag.


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Archäologisches Landesmuseum Brandenburg in Brandenburg / Havel – Visiting the Archaeological Museum Brandenburg / Havel

Archäologisches Landesmuseum Brandenburg in th...

Archäologisches Landesmuseum Brandenburg in the historic Paulikloster, in Brandenburg an der Havel, Germany. (Photo credit: Wikipedia)

Bei unserem Besuch in Brandenburg war ja der erste Besuch der im Slawendorf. Da aber am Tag danach auch noch Zeit war, gingen wir ins Archäologische Landesmuseum Brandenburg. Das Stratorama dort wurde gut besprochen und auch die Webseite versprach viel archäologischen Content – und zwar mal ganz abgesehen von spektakulären Objekten, sondern gemünzt auf archäologische Aktivitäten. Ich kannte das Landesmuseum noch von seinem alten Standort in Potsdam-Babelsberg (s. Foto unten) und hatte mich danach noch nicht drum gekümmert, wohin es nun verzogen war. Nun weiß ich: für 15 Millionen Euro Fördergelder wurde es nach Brandenburg verlegt und dort völlig neu konzipiert und eingerichtet. Eröffnung war erst vor einigen Jahren, sodass die Ausstellung und alles andere wirklcih sehr neu und frisch sind. Und das merkt man!

Zufällig war gerade Tag des offenen Denkmals, und da das neue Landesmuseum im ehemaligen Dominikanerkloster eingerichtet wurde, war der Eintritt frei an diesem Tag. Plus, es gab eine kostenlose, lange, informative Führung durch die Gebäude des Klosters, bzw. das was davon noch übrig war und die Restaurierung im Rahmen des Museumsaufbaus. Nach der gut einstündigen Führung durchs Gebäude waren wir erstmal reif fürs Museumscafé. Immerhin hatte unser Fünfjähriger eine wirklich für Erwachsene konzipierte Führung bravourös durchgehalten! Das war ein Eis wert.

Danach, und mit frischen Kräften: auf in die Ausstellung der Landesarchäologie. Diese erstreckt sich über drei Stockwerke und in jedem Stockwerk über 3-4 Säle und deckt alles zwischen Paläolithikum und Moderne ab. Jeder Saal war gespickt mit tollen Exponaten und zusätzlich mit Hörstationen, Videostationen mit tollen, v.a. experimentell-archäologischen, Filmen und in vielen Sälen auch mit Computerbildschirmen, die zur Interaktion einluden und an denen man viele zusätzlich Informationen abrufen und sich etwas informell “treiben” lassen konnte. Das war nicht nur für uns interessant, sondern bot auch die Möglichkeit dass unser Sohn sich ab Stockwerk 2 vor allem damit beschäftigen konnte und auch was vom Museum hatte. Denn für Kinder ist es nun nicht konzipiert – sondern für erwachsene Besucher. Aber die vielen audiovisuellen Angebote machten den Besuch auch für ihn spannend, nachdem das erste große Interesse circa bereits beim Bereich “Stichbandkeramik” abgeflaut war. Das datiert ja so um 4900-4500 vor Christus und ließ dementsprechend noch 7000 Jahre brandenburger Vorgeschichte offen. Wir als Erwachsene haben auch die restlichen 7000 Jahre genossen und das lag nicht nur an der Darbeitung der Exponate, sondern auch an dem extrem zuvorkommenden Museumspersonal.

Bereits beim Eintritt wurden wir sehr freundlich willkommen geheißen und unser Sohn wurde während des Aufenthalts mit Fragen und lieben Kommentaren geradezu bedeckt. Es gipfelte in der Überreichung eines Ausmalbildes “Ritterburg” im Format A3. Im Slawensaal wurde uns der gesamte Saal einmal kurz durch den zuständigen Museumswärter erklärt – und wzar nicht nur uns, sondern jedem Besucher, der dort eintrat. Wir hatten ständig das Gefühl, man freue sich dass wir da seien und wir seien wirklich geschätzte Gäste. Und so ein Gefühl trägt natürlich auch dazu bei, sich sehr wohl zu fühlen!

Besonderer Höhepunkt war durchaus das Stratorama, das man im Internet ansehen kann (Fotografieren ist im Museum verboten). Die tolle didaktische Darstellung einer Siedlungsabfolge war schön gemacht und äußerst detailreich. Sicherlich ein Höhepunkt für viele Schülerführungen! Außerdem fiel mir angenehm auf, dass man im Museum wirklich großartige Repliken prähistorischer Keramikgefäße und Schmuck erstehen konnte, ein nicht selbstverständliches Detail. Auch die Buchauswahl war überraschend groß und v.a. auf Archäologen gemünzt.

Deutsch: Das "Stratorama" ist ein 4x...

Deutsch: Das “Stratorama” ist ein 4×6 m großes Erdschichtenmodell aus Styropor und Styrodur. Es zeigt einen idealen Grabungsschnitt und stellt somit Befunde der verschiedensten Erdschichten dar. (Photo credit: Wikipedia)

Einziger Kritikpunkt meinerseits war: das gesamte Museum, auch die Audioguides, sind auf Deutsch ausgestattet. Es gibt keine englische Webseite, keine englischen Beschriftungen, keine englischsprachigen Informationstafeln. Das fand ich in einem völlig neu konzipierten Museum der Landesliga schon etwas seltsam. Immerhin hatten wir in Brandenburg/Havel auch ausländische Gäste auf den Straßen gesehen, die nicht deutschsprachig waren. Was machen die dann, wenn sie ins Landesmuseum möchten?

Ansonsten aber kann man eigentlich nur eines zu diesem Museum sagen: es ist wunderbar gestaltet und multimedial bestens ausgestattet. Man sollte wirklich viel Zeit mitbringen, denn einfach nur durchlaufen macht keinen Spaß wenn man keine Zeit hat, wenigstens einige der Angebote auch in Ruhe anzusehen.

ENGLISH VERSION

Our visit to Brandenburg/Havel began with the slavic village, but the next day we went to the Archaeological Museum Brandenburg because there was still time to spare. After visiting the website we thought that seeing the stratorama would be quite a thing and aside from a lot of spectacular objects there were many experimental archaeological activities, too, that were presented online. It all sounded good so we decided to take a look for ourselves.

I knew the museum from its previous location in a castle at Potsdam (have a look at the castle at the photo!) and after that I hadn’t bothered to inquire if it was still there or elsewhere. Well, now I know that the museum was transferred to the city of Brandenburg/Havel after having acquired about 15 million Euros from the European Union to accommodate everything in a former monastery, to create a new concept and a new exposition. Now everything is in place and you will see that everything is new and almost shining….

It was the “German Heritage Day”, which means that the entry was free on this day. Perfect! And better still, we got a free tour through the former monastery, and received every possible information about how everything had been restaurated and accommodated for the museum. After the tour, which had lasted about an hour, we were in need of a break at the café. We had son with us and he really deserved an ice cream for doing this tour with us which had been clearly designed for adults.

After our break we visited the exposition. The exhibition covers three floors and in every floor there are about 3 to 4 halls full with really wonderful and spectacular objects. Moreover, there are places to get audio information, to see videos about experimental archaeology or to experiment data and information on computer screens, scrolling through different possibilities and interacting with the data online. These options were not only interesting for us as adults, but also for our son and they helped to keep his attention focused when we reached the end of the ground floor exhibition. We were then reaching the middle Neolithic (about 4.900-4.500 BC) and had still 7000 years of regional history to go. With the audiovisual options that the museum offered we could go on visiting slowly while our son concentrated on the interactive sections of the exhibition. We enjoyed the visit very much, and this was not only due to the exhibition but also to the museum workers.

When we entered the museum we were greeted with emphasis and our son was showered with questions about who he was and if he liked to visit museums. That didn’t end in the entrance hall but went on and on as we proceeded through the different sections of the museum and culminated in a gift when we went outside again. At some points of the exhibition we were asked if we felt okay and if we had any questions, in other parts the museum workers just started to give us a short introduction to the exhibition. It was really unbelievable and was not only limited to us but we saw them do this with many of the visitors. In this way we felt welcome all the way through the exposition and beyond.

A special moment was the visit to the stratorama (have a look at the photo!), an artificial, detailed reconstruction of the archaeological layers which would form a stratigraphy in real life. Didactically speaking, this has to be one of the highlights of every children’s tour through the museum because it shows in a really simple way how archaeology, stratigraphy and the understanding of the deposition processes of artifacts and layers work.

After the visit itself, I was surprised by the quantity and quality of archaeological books that were available at the museum as well as the beautifully made replicas of prehistoric jewelry and ceramics that I haven’t found in that quality in any other museum up to this point.

My only critic after this wonderful experience would be the following: the museum, I think the the audio guides, too, the website – everything is only available in German. There are no informations in English. I found that intriguing because it’s a museum that represents the whole state of Brandenburg on a national level and has been recently designed. I would have expected to find English information included! Moreover, there were international guests in Brandenburg, we met them at the hotel and on the street. People that didn’t speak any German at all. What do they do when they visit the museum?

But anyway: that’s the only thing I didn’t understand. On all other levels, it was a wonderful visit to a beautifully designed museum with a lot of multimedia experiences as well. Please take your time when visiting, because you will like to spend some hours there!

Babelsberg Castle in 2006

Babelsberg Castle in 2006 (Photo credit: Wikipedia)

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