Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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“Loot” – von Sharon Waxman

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Heute möchte ich mal eine Lanze brechen für eine Seite, die mir seit Längerem am Herzen liegt weil sie mir immer wieder gute Vorschläge unterbreitet: Goodreads. Goodreads, als Seite auf der man gelesenen und noch zu lesen wollende Bücher auf Bücherregalen einsortieren kann, macht nämlich auch Folgendes: es schlägt einem aufgrund der gelesenen und bewerteten Bücher neue Bücher vor. Und so kam es auch zum folgenden, großartigen Buch: “Loot” von Sharon Waxman (Paperback 2009, Hardcover 2008).

“Loot” hat eine eigene Website auf der man einiges zum Buch erfahren kann, aber das wusste ich vorher nicht. Und, lasst euch nicht täuschen: Nofretete auf dem Titel bedeutet nicht, dass Nofretete auch INNEN vorkommt. Dafür aber sehr sehr viele andere Dinge, die immens spannend und vielschichtig daher kommen. Denn der Untertitel: “The Battle over the Stolen Treasures of the Ancient World” wird genauso im Buch durchgehalten. Die Autorin präsentiert in einer gut geschriebenen, schnell lesbaren aber trotzdem nicht oberflächlichen Art fast sämtliche Aspekte der Rückgabedebatte der letzten 30 Jahre, mit einem Fokus auf die Jahre ab 1995 – 2007. Es scheint unglaublich, aber die Aufteilung des Buches in vier spektakuläre Rückgabefälle in vier Ländern (Ägypten, Türkei, Griechenland und Italien), verteilt auf vier international bekannte Museen und ihre Mitarbeiter (Louvre, Metropolitan Museum of Art, British Museum, J.Paul Getty Museum) garantieren, dass sie alle Aspekte dieser unglaublich komplexen Debatte abdecken kann. Wirklich alle Argumente, aller Seiten, werden genannt und aufgearbeitet, zumeist an einem Treffen mit einem Vertreter einer bestimmten Ansicht in der Debatte.

Natürlich ist Rückgabe ja auch in Lateinamerika ein riesiges Thema, leider wird die hier nochmal kompliziertere Debatte (Kolonisation, etc.) nicht integriert in das Buch, sondern nur am Beginn kurz angesprochen. Das ist aber der einzige Punkt, den man eventuell kritisieren könnte, ansonsten folgt das Buch einer wahren Tour-de-Force von Argumenten, Gegenargumenten, Einwürfen und Fragen. All das lässt den Leser mit der Idee zurück, dass es in dieser Debatte kaum wirklich “Lösungen” gibt, nur Lösungsansätze. Und es wird klar, wie verhärtet die Fronten auf allen Seiten sind und wieviele Scheuklappen auf allen Seiten noch getragen werden. Es gibt kein Gut und Böse, nur Schattierungen. Und das ist das wirklich Großartige an diesem Buch: das Panorama dieser Debatte lässt erahnen, dass es hier IMMER um viel mehr geht als nur Objekte: sie repräsentieren etwas was allen Beteiligten wichtig ist und was alle anders interpretieren – sie sind Stellvertreter vergangener Zwänge und Kolonisationen; sie sind keine Objekte sondern fast Subjekte. Und sie spielen eine ganz aktive Rolle – ihre Personifizierung emotionalisiert die ganze Debatte und hebt sie auf ein höheres, fast unlösbares Niveau von Emotionen, Stolz und Kränkung, die über sie und durch sie ausgetragen werden.

Und obwohl das Buch nun schon 6 Jahre alt ist, finde ich das es nichts an Aktualität verloren hat, es ist eine echte Leseempfehlung! Und: Gerade als ich dieses Buch las, gab es in der ZEIT diesen kurzen Videobeitrag zu einer Ausstellung von “Looted Art”: http://bcove.me/xr1k5jjr. Check it out!

ENGLISH VERSION

Today I would like to say something about a website that I came to love, actually: Goodreads. That´s mainly because Goodreads offers me propositions for new books to read, based on previously read and rated books on my “bookshelves” at the site. And thus, Goodreads proposed a really inspiring book last month: “Loot” yb Sharon Waxman (Paperback 2009, Hardcover 2008).

Loot” has its own website with informations about the writing of the book, but I didn´t know this beforehand. And don´t be distracted: placing Nofretete on the cover does NOT mean that the Nofretete case will be covered in this book. That´s just the most prominent example of looted artifacts and it served the book well: I bought it (among other reasons) because Nofretete attracted me, because I know she´s here in Berlin at the Museum Island. But it´s not necessary to have Nofretete inside the book as well: Mrs. Waxman covers the theme of the book searching through different museums, different cases of supposedly looted art und covers the subtitle “The Battle over the Stolen Treasures of the Ancient World” to a maximum. She is able to cover all the wide and broad range of questions arising when it comes to looted artifacts, so she writes about the historical context of each of the four selected cases focussing on the years between 1995-2007 from four different countries (Egypt, Turkey, Greece and Italy), about the persons involved and the museums (Louvre, Metropolitan Museum of Art, British Museum, J.Paul Getty Museum) that house these artifacts today. She mainly covers all the details of the controversial discussion on devolution with the description of encounters with different actors in this “game”. And as she has a well written, easy-to-read style, the book is nothing but well resarched and provides so many details on all the controversial aspects of the devolution of art to the countries of origin that nobody who has read this book entirely will ever come up with some easy, supposedly “final” solution to this problem.

Of course, devolution is a major isuue in Latin America, too. And thats almost the only point the book doesn´t cover: the debates on colonization and neo-colonization that haven´t been included into the book but are only mentioned in the introduction. That´s but the the only critique I would like to make because the remainder of the book, a good 200 pages, is a magic voyage through space, time and a whole series of arguments, counter-arguments and again arguments, questions etc.. All this leaves the reader with a profound feeling for the complexity of the problem, the idea that there are no easy solutions. And it makes clear how difficult the debate is, actually. How many cultural ideas are being maintained and there is no “good”, no “bad” in this issue – there only shades of grey, each and every one of them created by arguments and counterarguments. And the great thing about this book is: it makes you realize that the objects in questions are much more than simple Objects. They are representatives of the arguments involved and are being used by every party in their own line of argumentation. They represent restraints of the past, colonization processes, they are no objects but almost subjects in the debate about where and to whom they belong. They are playing an active role in this discussion – their personification is emotionalizing the whole debate, lifting it to a complex level of emotions, pride, rejection. Emotions that are being associated and communicated through the objects in question.

The book is almost 6 years on the market now and it seems that it hasn´t lost anything of its up-to-dateness. Reading this book has been a real pleasure and so I would like to recommend it here. And just as I read it, there was even a teaser about a exposition on “Looted Art”: http://bcove.me/xr1k5jjr. Check it out!

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“A History of the World in 100 Objects” und seine Implikationen – “A History of the World in 100 Objects” and its implications

“A History of the World in 100 Objects “war und ist ja ein wirklicher Bestseller. Übersetzt in viele Sprachen, mittlerweile als Paperback oder als Podcast erhältlich, hat es vermutlich Millionen von Menschen erreicht. Eine eigene interaktive Website begleitet das Projekt der BBC und des British Museum seit seinem Beginn.

Als das Buch relativ neu auf dem Markt war, fiel mir eine englischsprachige Hardcover-Ausgabe für wenig Geld in die Hände und ich fing an zu lesen. Materialität! Objekte! Und das Ganze übersetzt in eine Geschichte der Welt! Das musste gut sein.

Es fing auch sehr gut an und die ersten Objekte, die Steinkeile und mesolithischen Knochenfunde, zeigten eine lange verschwundene Welt. Die Einbindung der Objekte in ihre jeweilige Umwelt, ihre Darstellung als Ausdruck für organische Zusammenhänge einer Gesellschaft, die sich in eben diesem einen Objekt kristallisieren lassen – das war faszinierend. Und tatsächlich schafft es Neil MacGregor, dieses Herauskristallisieren der wesentlichen Charakteristika einer Gesellschaft anhand eines einzigen Objekts durchzuhalten – und die Aussagen eingeladener Wissenschaftler und/oder Künstler zum gleichen Objekt bringen Variabilität in Bezug auf die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten.

Eines aber fiel mir nach ungefähr 30 Objekte immer mehr ins Auge: Abgesehen von den allerersten prä-neolithischen Objekten handelt es sich zunehmend um Objekte, die aus der Elite einer gegebenen Gesellschaft stammen. Die sehen natürlich toll aus und machen natürlich einen Großteil dessen aus, was Museen gerne ausstellen. Sie sind Aufmerksamkeit heischend und attraktiv. Die meisten Menschen mögen diese bunten oder schimmernden Dinge, sie machen einen Großteil der Faszination der Archäologie für die Allgemeinbevölkerung aus.
Als Archäologin würde ich aber sagen: die Faszination liegt gerade darin, dass man eine Gesellschaft eigentlich anhand jedes Objekts wiederauferstehen lassen kann. Es muss nicht schimmern und glitzern, es kann auch ganz schnöde braun, grau und kaputt sein. Wer genügend Wissen über eine Gesellscahft besitzt, kann jedes Objekt nutzen um ein gesellschaftliches, ökologisches, soziales Panorama zu entwickeln. Und die Museumssammlungen bestehen ja zumeist auch nicht aus diesen Dingen der Elite, sondern zunehmend aus Sammlungen unscheinbarer Objekte und/oder Fragmente. Zumindest ist das meine Erfahrung, sowohl in lateinamerikanischen als auch in deutschen Museen.

Welche Sicht der Dinge zeichnet als MacGregor in seinem – eigentlich großartigen – Projekt? Es sieht doch so aus, dass Archäologen und Ethnologen hauptsächlich mit diesen unspektakulären Dingen konfrontiert sind, dass unsere Forschungsarbeit aus der Analyse dieser Dinge besteht und dass die allermeisten Publikationen auf den Daten aus diesen “unscheinbaren” Objekten oder gar Fragmenten bestehen, die uns aber ein immenses Wissen vermitteln können. Sicher, hin und wieder ein Fund der aus einem eher elitären Kontext stammt – aber in meiner Erfahrung sind das vielleicht 1 % des gesamten Fundaufkommens. Wenn man also, wie in “100 Objects” hauptsächlich Dinge präsentiert, die aus einem Elitekontext stammen, zecihnet man genau das Bild nach, das die Öffentlichkeit sowieso schon von Archäologie und Museen hat. Das ist schade, denn es gibt genügend Ideen, Ausstellungen und Forschungen auf Alltagsdinge zu lenken und somit auch den Blick der interessierten Öffentlichkeit auf etwas zu richten, das zum Nachdenken anregt.

Immerhin: die Website zum Projekt der BBC lud dazu ein, dass jedermann Objekte “einreichen” kann, die dann in die Objektserie aufgenommen werden. Hier der Link zur Liste der Objekte von 2000 – 2010, als Beispiel. Das ist ein Anfang, schön wäre es aber gewesen, auch den Fokus des Buches etwas weniger auf Eliteobjekte zu legen und etwas mehr auf alltägliche Dinge, die unsere Welt genauso abbilden, aber einen viel stärkeren Bezug zu unserem “normalen Leben” haben. Denn es ist doch so, dass sich die Alltäglichkeit der Dinge in den letzten Jahren in verschiedenen Erziehungsmethoden (z.B: Stichwort “inquiry learning / enquiry learning” oder “science communication“) durchgesetzt hat. Dazu gehört auch die Abwendung von Dingen, Daten oder Dokumenten die lange Zeit als auswendig zu lernendes Ziel galten – hin zu einer Inklusion von Dingen, Fakten und Dokumenten die einen Bezug unserer eigenen Lebensrealität herstellen können.

Wäre das nicht eine Alternative gewesen?

English version

Cover of A History of the World in 100 Objects...

Cover of A History of the World in 100 Objects, the companion book by Neil MacGregor (Photo credit: Wikipedia)

„A History of the World in 100 Objects” has been and is still an international bestseller. Available in many languages, out now in paperback and as a podcast series, it must have reached out to millions of people world wide. A website had been established since the beginning of this project, that has been started by the BBC and the British Museum.

When the book had been recently released, I got a hard cover copy for a few coins and I started reading it right away. Materiality! Objects! And all this translated into a history of the world! It had to be great.

The book and I, we had a good start. The introduction  gave a good overview on materiality, and the first objects, paleolithic stone tools and Mesolithic bone objects, showed a world long gone. The inclusion of the objects into their own environment, their presentation as an expression of the organic connections of a society which can be crystallized in this object, that was fascinating. MacGregor succeeded in focusing on the relevant characteristics of a society, using the example of an object. The additional statements of related scientists and/or artists gave an idea of the wide range of implications and interpretations an object can represent and its relevance to us today.

But there was one thing that became more and more preeminent during my reading, and that was the fact that apart from the earliest objects, it was an overwhelming majority of elite objects that served MacGregor for being the mirror of a chosen epoch and/or society. Of course, elite objects look good and are mostly what museums like to present to the public. They catch the attention and are attractive. People like these shining or colored things and they are responsible for a big part of the fascination of archaeology to the public.

But as an archaeologist I have to say that the fascination lies more in the possibility of a “resurrection” of a society of the past through every object. It hasn’t to be shiny, it could be plain gray, black and broken. The person who knows sufficient about any given society can use every given object to develop a social, ecological or general panorama of this epoch or society. And the collections of museums? Aren´t they mostly made up with just these supposedly unimposing, unimpressive objects or fragments? Elite objects may form part of these collections, but it is the ordinary things and fragments that make up the big majority – at least this is my experience at Latin-American and European museums.

So, which view is MacGregor taking when he presents mostly elite objects in this – in fact fascinating – project? The reality of archaeologists and anthropologists is the confrontation with unspectacular things and objects, their analysis and the publication of data resulting from these “unimposing” objects and fragments. Publications that contribute to and create an immense knowledge of any given epoch. Without doubt, there may be sometimes elite context finds, but I would estimate that these don´t make up more than 1% of all finds. So, when you represent things that are coming from an elite context as “100 objects” does, you are tracing the picture that the public already HAS of archaeology and museums. And this seems pity to me because there are so many ideas how to develop expositions and investigations that focus on the more mundane, every day objects and to diverge the view of the public onto things that will make us think.

At least the website of „100 objects” includes the possibility to upload objects that can be included into the series of objects presented. Here´s the link to the list of objects from 2000 – 2010, as an example. That’s something, but it would have been nice to include this approach at the book, too. Every day objects, whether prehistoric or contemporary, present a strong link to our “normal life”. And it is a fact that the inclusion of every day life has been the focus of different educational approaches of the last decades (have a look at “inquiry learning / enquiry learning” or “science communication” for instance). This includes a strong focus and inclusion of things, facts and documents that present a relation to our own reality instead of representing things, data or documents that are elite focused. Wouldn’t that have been an alternative for “100 objects” as well?