Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Slawenburg Raddusch sprachederdingeblog


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Freiluftmuseum Slawenburg in Raddusch / Spreewald! – The Slavic Fort of Raddusch in the

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Als das Wetter noch gut war, waren wir mit dem Sohn im Spreewald. Auf der Suche nach Freiluftmuseen hatte dieses mich bestochen: kurze Anfahrt aus Berlin, direkt an einer Bahnstrecke, landschaftlich schön, man kann rundherum wandern und ein Hotel gibts auch. Also perfekte Voraussetzungen für ein verlängertes Wochenende inklusive Rumhängen im Freiluftmuseum. Und über die Slawen weiß ich ebenfalls nicht sehr viel – gerade mal eben dass sie in Brandenburg einwanderten als die Germanen weg waren. Wissensstand: die Pflichtvorlesung Eisenzeit vor 15 Jahren und der Besuch des Brandenburgischen Landesmuseums letztes Jahr. Also, nicht sehr viel.

Die Slawenburg in Raddusch: wiedererbaut nahe einem Kohletagebau, in dessen Umgebung sie ursprünglich lag und wo sie auch ausgegraben wurde. Dann mit Europäischen Fördergeldern wiedererrichtet und zwar so, dass sie einerseits Platz bietet für ein Museum der Archäologie der Lausitz sowie auch für Events, ein Restaurant und einen Museumsshop. Wie das geschafft wurde? Indem man den Innenraum des Ringwalles einfach höhlen-/tunnelartig baut! Die Konstruktion aus Beton & Stahl und den dazugehörigen originalen “Verputzmaterialien” aus Lehm, Holz & Flechtwerk bietet in ihrem Inneren einerseits einen riesigen runden Platz für Events aller Art, der bei unserem Besuch leer war. Im Inneren des Ringwalles dann das Museum, der Museumsshop und das Restaurant. Auf jeden Fall auch ganz großartig ist jedoch das Drumherum der Burg: eine riesige Fläche voller Gras, Wiese, mehreren kleinen Spielplätzen, Picknickmöglichkeiten im Gras und einem Zeit-Wanderpfad. Umgeben von einem sehr hohen Zaun und einem riesigen Tor wirkt es jedoch von außen ebenso burg-artig wie die Burg selbst.

Ich weiß nicht, wieviele Touristen hierhin kommen. Der Parkplatz deutet an: viele. Auch Busse. Die Burg liegt in direkter Nähe der Autobahn und wird auch überall für Autofahrer ausgesschildert. Fußgänger wie wir laufen die letzten 15 Minuten auf einer asphaltierten Zufahrtsstraße – ohne Fußweg, ohne Pfad. Das ist so mittelschön.

Nachdem wir die Tore durchschritten haben, laufen wir über Kiesweg zur Burg. Riesig erhebt sie sich in der Landscahft, wir haben sie schon aus mehreren hundert Metern Entfernung gesehen. Ein riesiges, rundes, erdfarbenes Ding in einer baumlosen Landschaft. Und natürtlich wollen wir zuerst mal ins Museum. Als wir eintreten empfängt uns vor allem Dunkelheit. Das ganze Museum ist ziemlich dunkel gehalten und beginnt mit einem Diorama von Slawen, die eine Burg bauen. Mit Dioramen habe ich eher Probleme, weil ich sie eher als beunruhigend empfinde, aber Kinder mögen sie ja generell ganz gerne. Lieber mochte ich schon das große Profil mit den verschiedenen Schichten, das aber von “nicht archäologischen” Besuchern meist niemanden anspricht, wenn nicht auch Objekte als “Eyecatcher” eingearbeitet sind.

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Dann geht es durch die Zeiten. Von den Jägern & Sammlern und ihren wenigen Hinterlassenschaften hin zu den Germanen, mit einem Ausflug ins Mittelalter. Was sich mir nicht ganz erschließt, ist die Aufteilung der Ausstellung. Sie beginnt mit dem Slawen-Diorama & einer computeranimierten Darstellung der Burgkonstruktion in ihren verschiedenen Phasen. Dann kommt jedoch das Mittelalter? Und erst dann beginnts mit der Altsteinzeit und schreitet zeitlich vorwärts? Dazwischen ein kleiner Ausflug zur Gründung der Fokuszentren brandenburgischer Archäologie “Zentrale Archäologische Orte“? Und noch ein kleiner Ausflug in die Braunkohlenarchäologie und warum und wann hier gegraben wurde? Äh, ja. Das war zwar für mich als Archäologin spannend, aber so mitten in der Ausstellung und unvermittelt habe ich niemanden gesehen, der sich das sonst angeschaut hätte.

=> Ganz generell möchte ich auch zwischenschieben dass zwar das Projekt Zentrale Archäologische Orte spannend klingt, aber auf der Website dazu wird leider überhaupt nicht klar, warum man als Nicht-Archäologe dahin gehen sollte. Die Texte klingen, als hätte sie ein Spezialist für die Lausitzer Kultur verfasst und wieso man das als Tourist besuchen sollte, wird gar nicht angesprochen. Dafür erfahren wir: “Ohne konkreten Hinweis und notwendige Erklärungen findet und erkennt aber kaum ein Laie diese, häufig in der Landschaft verborgenen, archäologischen Fundplätze.” Hm, naja. Die Slawenburg zumindest kann man ja auch als Laie ziemlich gut in der Landschaft erkennen. Und dass die letzte “Aktuelle Veranstaltung” vom Mai 2013 ist, ist auch nicht so toll. Danke fürs Zuhören. <=

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Nun gut. Ansonsten muss ich sagen, dass abgesehen von der leicht verwirrenden Ausstellungskonzeption ich die Darstellung an sich sehr schön fand. Sie war an vielen Stellen interaktiv, enthielt Elemente zum Ausruhen wie etwa Filme mit passenden Sitzgelegenheiten (leider keine Normalität in vielen Museen in denen man Filmchen stehend betrachten darf) und Überraschungsmomente wie etwa die in den Boden eingelassenen Grabkontexte mit Keramiken und Knochen oder kleine Videos in den Vitrinen. Und generell bin ich auch eine Freundin der Ausstellung von Funden in ihrer unübersichtlichen Menge wie etwa bei Keramiken am Ende der Ausstellung oder den ausgestellten Steinfunden, bei denen der Fokus darauf lag, die Entwicklung vom Rohmaterial hin zum fertigen Mikrolith zu zeigen. Die Masse der Dinge regt dazu an, sie mental irgendwie zu ordnen und zwingt einen zum Beschäftigen! Für Menschen, die sich mit dem Thema aber gar nicht auskennen (wovon man ja erst einmal ausgehen muss) ist der Aufbau wirklich verwirrend. Und ob der Sohn verstanden hat, dass hier verschiedene Themen und Zeiten besprochen werden, das möchte ich ganz stark bezweifeln.

 

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Nach dem Besuch des Museums endet man ja (wie meistens) im Museumsshop. In dfiesem Fall ein wirklich schöner, gut ausgestatteter Shop mit nem Haufen Kinder-Spielzeug genauso wie wissenschaftliche Publikationen, Steinzeit-Kochbüchern und Schmuck. Postkarten, Magneten und speziell für Raddusch hergestellte “Überraschungstüten” mit slawenzeitlichem Spielzeug zum Selberbauen. Wunderschön!

Was mich jedoch an der Burg immer wieder in Nachdenken stürzte war, dass die mediale Präsentation (Hinweistafeln an den Straßen, am Bahnhof, Internetauftritt, Karten, Magnete, etc.) sehr professionell gestaltet ist. Es ist sehr touristisch, teaser-artig. Ebenso wie die Burg selbst. Auf den Hinweistafeln erfährt man immer wieder, wer hier alles gefördert hat: die EU; das Landesdenkmalamt, etc. Immer wieder ist von Projekte, Weiterntwicklungen, Förderungen die Rede. Ganz viele große, großartige Worte. Dann aber fallen Dinge ins Auge wie die sehr leere Außenfläche – und man erfährt auf den Tafeln, dass hier ein Slawendorf wiedererstehen sollte, denn natürlich stand die Burg nicht so im luftleeren Raum. Da scheint aber seit Jahren nichts mehr gesehen zu sein! Oder die Zentralen Archäolgoischen Orte. Medial im Netz groß und schön aufgezogen – aber man sieht dann nichts davon. Das lässt eine Diskrepanz zwischen Vermittlung und Realität erwachsen. Ist hier die Förderung abgebrochen? Sind Dinge auf dem Weg (wie etwa hier bei transform )? Es wirkt so, als solle hier etwas werden – aber es wird gerade nichts. Als wäre man irgendwo auf der Mitte steckengeblieben. Ein schönes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Wort & Realität ist etwa der (übrigens sehr hübsche!) Spielplatz auf dem Außengelände der Burg. Zitat der Homepage: “Ein großer Spielplatz greift das Thema „Burgenbau“ auf – ein monumentaler Stier, das Wappentier der Niederlausitz, zieht einen Eichenstamm zur Burg. Wagen verlieren ihre Räder, welche als originelle Spielelemente weiter genutzt werden.” Der Spielplatz ist eigentlich eher klein, und dass er thematisch zur Burg passt, geht völlig verloren da nirgendwo vor Ort darüber informiert wird. Aber im Netz klingts erstmal großartig!

Diese Diskrepanz ist typisch für den Auftritt der Burg & der hier angekündigten Porjekte und der Realität vor Ort (wobei der Besuch wirklich schön war! Nur wurde medial irgendwie viel mehr Erwartung geweckt als dann gestillt werden konnte). Vielleicht bin ich auch zu sehr Wissenschaftlerin und habe einen Blick für die Projektentwürfe mit vielen vielen Teasern und Vesprechungen und dann auf die reelle Einlösung des Ganzen, das ja oft an der Realität der Forschungssituation vor Ort scheitert. Oder an der Finanzierung. Oder einfach an der Zeit.

ENGLISH VERSION

When the weather was still fine, we went tot he Spreewald with our 7-year-old. Looking for open-air-museums had got me to the Slavic fort of Raddusch, about an hour in train from Berlin. And I don’t know anything about the archaeological Slavs, well, if we don’t count my introductory course in German Prehistory about 15 years ago. I knew that they went into Brandenburg County when the Germanic tribes moved out during the Migration period, but that was that. So my knowledge was limited.

The Slavic Fort at Raddusch has been re-erected near an abandoned surface mining where it was originally located and excavated in the 1990ies. It has been re-erected with money from the European Union and offers space for a museum of the Archaeology of Lusatia as well as for events, a restaurant and a gift shop. How did they do this? Just be tunneling the circular earthwork that is the exterior of the fort. And the tunnel provides space for every one of these diverse uses. The hill fort is done in Steel and clad in clay and brushes, giving it an appearance that may be near to the original fort. Inside the ring wall there´s an immense open space, used in the original fort as a place for storage in times of need and war, together with a well for access to drinking water. And the surroundings of the fort offer wide grassy spaces with opportunities to rest, have a pick nick, playgrounds and more information on the place and its development in prehistoric times. All of this is surrounded by a massive fence and a gate, giving the whole area a rather fort-like appearance.

I don’t know how many tourists get there in an average day. The parking lot suggests that there may be many of them. The fort is very near to a highway and there are signs everywhere announcing the Slavic Fort. As we got there on foot, we had to walk the last 15 minutes on an asphalted access road without any implements for a pedestrian which was rather unattractive.

Once past the enormous gate, we walk on a sandy path up to the fort. It´s enormous and has been visible for the last 20 minutes of our walk outside. It loomed in the distance – a gigantic, earth-colored circular building in a tree-less landscape. Once we got there, we wanted to have a look at the museum first and got inside. It´s dark. The whole of the museum is rather dark – that’s because it´s inside the earthwork and because the exhibition works with this darkness. Right at the beginning, there´s a diorama of Slavic people constructing the fort and a big excavation profile with various meters of length, showing the findings at the dig. But that’s something that only seems to appeal to me but to nobody else. It´s not an eye-catcher for anybody without an archaeological background.

After we passed the profile, we dive into the times. From hunters & gatherers up to the Germanic tribes, with a little sidekick in the Middle Ages. What I didn’t understand was the disposition of the exhibition. It begins with a Slavic diorama, and then you get something on the Middle Ages and than back to the Paleolithic. Right in the middle, there´s an excursion on the foundation for “centers of Brandenburg archaeology” (“Central Places”). Than there´s an excursion in the archaeology of open mining with information on when why and where there were digs in this region. Okay….that MAY be of interest to me as an archaeologist, but in this exposition and without connection to the surrounding objects, I didn’t see anybody else having a look at it.

Besides, I would like to mention that the project on “Central Archaeological Places” sounds quite interesting. But the website doesn’t mention why I should visit them if I’m not an archaeologist with a more or less instilled interest for archaeological sites. The texts are like something a specialist in his/her study would write for a scientific public and why should visit it as a tourist doesn’t even get mentioned. On the other hand, the side tells us: “Without any concrete clues and necessary explanations a layman will certainly not be able to trace these hidden archaeological sites in the landscape” (translation mine). Well, ok, at least for the Slavic fort that’s not true, looming like a giant in space. And its also not very inspiring that the last event regarding these “Central Archaeological Places” was at May 2013. But that’s another topic.

Let´s get back to the Fort. Aside from the eclectic disposition of the objects, I liked the museum because it provided diverse forms of presentation of the items: there where places to rest and watch a film, there were objects immersed in the ground that can be seen through glass – spectacular especially for grave contexts complete with ceramics and bones. And there were little videos in the showcases, showing how objects looked in their original contexts or how they were worn or used. And I generally like the exposition of a lot of artifacts in one sole showcase, be it stone implements or pots. Especially the lithics were making you think a lot because they were ordered from raw materials up to complete microliths and other instruments. But for people not accustomed to these presentations and ways of thinking, the exposition seems rather difficult. And I doubt very much that our son understood something about this presentation at all.

After our visit tot he museum we went tot he gift shop. That was a really nice experience with a lot of lovingly selected gadgets, books, scientific publications and jewelry. My favorite were the paper bags with DIY-toys from the Slavic age!

But what made me think a lot was the media presentation of the fort. There were road signs, gigantic photos at the train station, a homepage, cards and so on, which had been designed extremely professional. Its very touristic, like a teaser. And the same applies to the fort itself. You get constant information on who and when the project oft he hill fort had been funded: by the European Union, the German state, you are constantly reminded that there will be ramifications of the current fort into a bigger, more expanded version of it. But when you have a closer look you notice that the empty space around the fort is thought to have a reconstruction of the Slavic village that once surrounded it – and nothing has been done on it. The Central Archaeological Places are being presented spectacularly at the WWW – but there´s nothing real about it. There´s a difference between presentation and reality. Is there no funding anymore? Were there other problems? Are things under way (like on this page at transform)? It seems that there are things to come – but they weren’t realized yet. Like if something got stucked in the middle of nowhere.

There have been expectations created by the media before visiting – and they couldn’t be entirely satisfied with the actual visit. Maybe I think too much as a scientific here, and have developed a sensibility for projects that are being grandly announced but not entirely realized. Maybe that’s due to financiation. Or to the current political situation. I don’t know, but it left me with a rather strange feeling about the Slavic Fort of Raddusch.

 


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Geschichtete lebendige Geschichte – Layered Living History

Berlin, meine momentane Heimat, wirbt in vielen seiner Reisekataloge etc. mit Slogans wie diesem: “An vielen Punkten Berlins, ist die Geschichte zum anfassen nah.” (über die seltsame Zeichensetzung und Orthographie sehen wir mal hinweg….). Meist dokumentiert durch ein Bild der Berliner Mauer oder durch das übliche Checkpoint-Charlie-Bildchen. Tatsächlich scheint sich Berlin durch die Nutzung der Berliner Mauer in den Jahren 1961-1989 als Touristenspektakel den Ruf erworben zu haben, dass man hier sozusagen den “Puls der Geschichte” fühlen könne. Der direkte Blick von einem Wertesystem ins andere – schlicht durch den Blick über die Mauer in den “Osten”, in den Sozialismus. So wie auf diesem Bild hier:

AK_12039192_kl_1(Quelle & Kaufmöglichkeit des Bildes/Postkarte: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

Dass dies jahrzehntelang möglich war, hat wohl dazu geführt, dass Berlin als Stadt gilt, in der Geschichte lebendig wird. Aber ich denke, dass Geschichte auf ganz andere Weise in Berlin lebendig wird. Auf eine Weise, die noch viel intensiver ist und zum Nachdenken anregt. Zum Nachdenken über die kontinuierliche Veränderung von Stadt, Landschaft, Nutzung und Perzeption von Raum. Möglich wird das durch das ständige Anwachsen der Möglichkeiten, die vergangene Geschichts-Schichten ganz direkt in den berliner Alltag integrieren. Nicht nur für Besucher und Touristen, sondern für jeden, der in dieser Stadt täglich unterwegs ist.

Das Konzept von „Living History“, wie es v.a. in den USA gelebt wird, beinhaltet zumeist das Nachstellen historischer Ereignisse oder Lebenswelten (eine anregender Blogeintrag hierzu: Paul Mullins über Re-enactment). In Deutschland ist das wohl weniger verbreitet, dafür gibt es hier eine größere Anzahl von Freilichtmuseen, in denen zum Teil auch der Alltag vergangener Zeiten an bestimmten Tagen „nachgelebt“ wird. Man taucht ein in ein Gefühl vergangener Zeiten und nimmt an alltäglichen Aktivitäten teil: Brotbacken, den Garten hegen, Pfeile herstellen. Und so weiter. Trotzdem sind diese Aktivitäten und Möglichkeiten doch außerhalb unseres eigenen Alltags. Man fährt zu einem bestimmten Ort um dort an diesen Aktivitäten teilzunehmen. Heraus aus unserem eigenen Leben, hinein in ein anderes. „Eintauchen in eine andere Welt“ ist deshalb häufig ein Thema bei diesen Angeboten. Es geht gerade um das Erfühlen eines neuen, ungewohnten, fremden Alltags statt dem der uns tagtäglich umgibt. Und obwohl das natürlich unglaublich spannend und lehrreich sein kann – prinzipiell glaube ich, dass Geschichte und Archäologie uns täglich umgeben und einen Großteil unseres Alltags mitgestalten. Denn obwohl wir nicht immer bewusst daran denken, sind Landschaft und Architektur, die uns umgeben, Teil eines Zeitflusses, der eine ständige Veränderung beinhaltet.

Deshalb ist „Lebendige Geschichte“ im wahrsten Sinne des Wortes für mich die, die ich im Alltag habe, sie oft sehe und fühle. Und hier kommt Berlin wieder ins Spiel. Berlin hat in den letzten Jahren viele Angebote entwickelt, die mit relativ wenig Finanzierung einige Punkte der Stadtgeschichte aus der „Das macht man da mal am Wochenende“ –Ecke herausholt und sie in den Alltag hineinbringt. Und so dazu beiträgt, dass das eigene Leben eine zeitliche Verlängerung erfährt, denn die eigene Gegend, der Kiez, das eigene Haus können dazu gehören.

Ein Beispiel sind etwa die “Geschichtstafeln“, die an einigen Orten der Stadt massiert aufgestellt wurden. Wie zum Beispiel die 39 Tafeln auf einer zwei Kilometer langen Strecke am Baudenkmal Karl-Marx-Allee (auch als Stalinallee bekannt). Man läuft – und liest und steht dabei direkt drin in der Geschichte. Gebäude werden sozusagen lebendig, Menschen und Ereignisse werden direkt mit ihnen oder dem Ort auf dem sie stehen verknüpft.

Ähnlich verfährt das Konzept, dass im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins im letzten Jahr, 2012, entwickelt wurde: durch Markierungen auf den Straßen und Gehwegen kann der Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer Berlins direkt nachvollzogen werden. Die Markierungen sind tatsächlich alle 5 -10 Meter gesetzt und oft noch durch Aussagen in Schablonen-Spray-Weise hervorgehoben, sodass außer der Information, dass hier die Stadtmauer stand, noch Dinge zu erfahren sind aus der Anfangszeit Berlins. Ausstellungstürme ergänzten diese Informationen und brachten zusätzliche Möglichkeiten die Stadtmauer und die frühere (Stadt-)Landschaft nachzuvollziehen. Obwohl die Türme mittlerweile schon weg sind – die Bodenmarkierungen sind immer noch da, wenn auch etwas verwittert und lassen weiterhin Geschichte lebendig werden.

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Ein jetzt umfunktionierter Turm. Erst im Projekt 775 Jahre Berlin – jetzt Aussichtspunkt in die Bauarbeiten der neuen U-Bahn-Linie 5.

Erweitert wurde das Ganze durch einen „Stadtplan“, der auf einer Wiese im Zentrum Berlins nachgebaut wurde. Viertel und Häuser wurden durch übermannsgroße „Stecknadeln“ markiert, die jeweils ein bestimmtes Thema, Menschen oder Ereignis im öffentlichen Raum verorteten. Diese Idee war so erfolgreich, dass immer Dutzende von Menschen die Möglich wahrnahmen, hier Geschichte zu erlaufen und zu erfahren.

Auch die Berliner Mauer ist mit solchen Bodenmarkierungen im Stadtraum präsent. Da von der eigentlichen Mauer nur noch wenige Reste stehen, ist die Markierung des Mauerverlaufs mit einem bronzenen Band eine Möglichkeit, die Präsenz und Geschichte dieser fast 40 Jahre erfahrbar und erfühlbar zu machen.

A "BERLINER MAUER 1961–1989" plaque ...

A “BERLINER MAUER 1961–1989” plaque near Checkpoint Charlie signifying where the wall stood (Photo credit: Wikipedia)

Noch konkreter wird dieses Fühlen in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Gedenkstätte nutzt tatsächlich nicht nur die Tatsache, dass hier mal die Berliner Mauer stand, sondern sie arbeitet mit einem Areal, das einen recht weiten Umkreis der Berliner Mauer abdeckt. So kann man auf dem Gelände der Gedenkstätte die Reste der Mauer sehen: Wachtürme, Mauerstücke selbst. Aber, und das finde ich viel wichtiger, der Radius der Mauer bezog sich ja nicht auf ein Stück Beton und den Todesstreifen. Er hatte Auswirkungen auf alle umliegenden Straßen und Häuser und das wird in der Gedenkstätte sehr plastisch klar. An den umliegenden Häusern sind metergroße Fotoplanen aufgezogen, die genau diese Häuser zu verschiedenen Zeitpunkten des Mauerbaus und während der darauf folgenden 40 Jahre zeigen. Auf dem Pflaster der umliegenden Straßen sind Plaketten eingelassen, die den Darüberlaufenden darauf aufmerksam machen, dass genau HIER, an diesem Punkt, ein Mensch von der Staatssicherheit (dem Geheimdienst der DDR) festgenommen wurde. Der Vorwurf: Fluchtversuch. Der Todesstreifen selbst und die ihn umgebende Mauer wird durch einen breiten Rasenstreifen symbolisiert und durch eine “durchlässige” Mauer aus Stahlpfosten.

Berliner mauer kennzeichnung

Berliner mauer kennzeichnung (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Strelitzer Straße aus Richtung Westen gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Gartenstraße aus Richtung Osten gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Das Projekt Stolpersteine, das in ganz Deutschland aktiv ist, (http://www.stolpersteine-berlin.de/de/berlin) hat in Berlin viele Unterstützer, sodass auch die Zeit von 1933 – 1945 an ganz persönlichen Schicksalen und Namen festgemacht wird, die man beim Gehen immer wieder findet – und über sie stolpert.

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“Stolperstein”

All diese Beispiele zeigen, dass auf diese Art in Berlin an vielen Orten etwas lebendig wird, dass man als Geschichte kennt und vielleicht mal irgendwo gelesen hat. Hier ist es fühlbar, nacherlebbar, selbst ohne Living History, Re-Enactment oder Ähnliches. Und ich denke, diese Art lebendiger Geschichte ist überall machbar – so wie in Berlin auch mit relativ günstigen Mitteln oder, falls möglich, mit etwas mehr Budget. Berlin hat es geschafft, auch ohne große Mittel einige dieser geschichtlichen Momente erlebbar zu machen.

Diese Art lebendiger Geschichte ist natürlich nicht nur im städtischen Kontext möglich und machbar. Während meiner Feldarbeit in den ländlichen Regionen Südamerikas war es immer ein Anliegen, Archäologie und archäologisches Wissen konkret an Mitarbeiter und lokale Anwohner zu vermitteln (in spanischer Sprache: BLOGSPOT PAAS). Dazu reichte teilweise eine Scherbe und viel Hintergrundwissen, denn wenn man dann noch am Fundort selber sitzt, den Blick über die Landschaft schweifen lassen kann und in der Hand eine inkazeitliche Pfeilspitze hält, steht einem intensiven Gedanken- und Wissensaustausch mit wem-auch-immer nichts mehr im Wege. Während Seminare und Workshops zum diesem Thema Wissensvermittlung in einem gesonderten Kontext bearbeiteten, war diese ganz direkte Art von Geschichtserleben etwas sehr Besonderes, das alle Anwesenden berührte. Eine ganz andere, virtuelle Möglichkeit sind z.B. Rekonstruktionen archäologischer Landschaften – wie in diesem Beispiel einer mesolithischen Landschaft, die im Video lebendig erfühlbar wird. Verstärkt würde das natürlich wenn man dieses Video direkt IN der Landschaft zeigen könnte. Die Verwendung von Dioramen oder Landschaftsbildern hat ja eine lange Tradition, aber am stärksten empfindet man sie meiner Meinung nach immer im Vergleich zur tatsächlich vor einem liegenden Landschaft und nicht in einem Museum. Trotzdem hier ein wunderbares konkretes Gegenbeispiel: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

Mit all diesen unterschiedlichen Mitteln zur konkreten Einbindung von Geschichte, Landschaft und Architektur über die Zeit kommen auch Fragen auf. Und genau darum geht es ja auch: sich selbst hinterfragen, den eigenen räumlichen oder persönlichen Kontext interpretieren: Wie funktioniert die Nutzung von Raum und Landschaft? Was bedeutet diese kontinuierliche Änderung von Zuschreibungen von Raum und dessen Nutzung? Es richtet den Blick auf die Jahre und Jahrhunderte, die verflossen sind und etwa die Stadtmauer schleiften, darauf ein (nun abgerissenes, überbautes und nun neu zu bauendes) Stadtschloss setzte und Freiflächen drumherum. Wie stehen wir selbst in diesem Zeitfluss? Was ist unsere eigene Rolle? Wer sind wir im Vergleich zu den Menschen der Vergangenheit?

Direkte Geschichte umgibt uns jeden Tag. Ihre vielen, über die Jahrhunderte gewachsenen Schichten durchdringen unsere Leben und stellen uns in eine zeitliche Reihe mit vielen anderen Menschen, die vor uns gelebt haben. Es ist nicht kostspielig oder unmöglich, einige dieser Geschichts-Schichten uns auch jeden Tag zugänglich zu machen. Es braucht vor allem das Bewusstsein , dass die materiellen Hinterlassenschaften oder ihre virtuelle Anwesenheit vorhanden sind. Wir sollten sie nutzen!

Weiterführende Links:

Tagungsbericht zum Thema „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

Das deutschsprachige Magazin zum Thema Archäologie, Geschichte, Living History: http://chronico.de/magazin/

ENGLISH VERSION

My current home town, Berlin, is presenting itself with slogans like: …on many points of Berlin, history is almost palpable.. This is usually accompanied by a photo of the Berlin Wall or one of the photos of famous Checkpoint Charlie, one of the exchange points where the four occupational sector of Berlin met. Maybe Berlin has come to play this role of “the city of palpable history” through the decades from 1961 to 1989 when thousands of visitors used the Berlin Wall to snatch a glimpse of “the Other” looking over the wall to the Russian (i.e. socialist) sector, feeling the so-called “pulse of history”. The direct view from one economical and ideological system into another, separated by only a few meters of distance! This picture provides an insight into this touristic activity:

AK_12039192_kl_1(Source and Sale of this photo / postcard: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

This “snatch a look of “history” has been possible for decades and led presumably to the idea that Berlin is a city where history can be felt at every step. But I think that history may be palpable in Berlin in many other ways, too. In ways, that is, that are more intense and thought provoking. Thoughts on the continuous change of the city, landscape, and the use and perception of space. This is possible thanks to the growing range of possibilities to include and integrate “past” times directly into the Berlin everyday life. Not only for visitors and tourists but for everyone who lives and walks in the city of Berlin.

The concept of “Living History” as it is known in the United States includes normally a re-enactment of historical events or situations (an inspiring blog entry by Paul Mullins concerning re-enactment). In Germany this is less often seen, but we have a wide range of open air museums that offer the possibility to “live” everyday life of past times on certain days. You dive into the feeling of this particular period of time and take part in everyday activities like bread baking, gardening, making arrows and the like. But after all, these possibilities and activities are situated outside of our own life. You go to a certain place to participate at these activities. You go out of your everyday routine to experience another. “Diving into another world” is often a theme which these museums evolve around, together with “Experience how it really was”, “Making history becoming real” and so on. The getting into an experience that is often diametrically opposed to our own, feeling and experiencing an everyday life so strange and new, that’s the main point of open air museums. And this is awfully interesting and teaches a whole lot of things about the past. But in the end I think that history and archaeology surround us daily and influence a big part of our every day experiences. And this is an internal experience, not something you have to go to in order to participate in some special activity. Because even if we don’t think about it consciously, landscape and architecture are parts of a time river that includes continuous change.

This way „Living History“ is for me the one that I can feel and experience in my everyday life. And that’s where Berlin comes in again. Berlin has developed a lot of possibilities that work without a big financiation but nevertheless they take history out of the “that’s something I would like to do on our weekend” – thing and includes it into the daily life. And this helps to put our own lives into a greater context of time. And your area, your own house may become a part of this.

One example of this are the „history plates” which have been placed massively at some places. Like the 39 panels on the two kilometers of the architectural monument called Karl-Marx-Allee in the Berlin East (formerly known as Stalin Alley). You walk – and read and are getting involved directly in the history of this stretch of stalinist architecture. The buildings come alive as the histories of people and events are being told and tied to the buildings and places around you.

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One of the “history plates” on the Karl-Marx-Allee in East Berlin, offering information and photos in German and English.

In a similar way the concept of “775-years of Berlin”, developed in 2012, works with architectural designs of the medieval part of Berlin which is nowadays almost invisible due to reconstruction, war and socialist re-building. Marks on the ground and pavement indicate the position of the former medieval city walls. These marks have been sprayed in black paint on the pavement and their position every 5 or 10 meters includes additional information about the first years of the City of Berlin. Watchtowers completed this concept, offering information about the position of the city wall and its implications for the space and landscape inside and outside the city. Although the towers are gone by now as the feasts and celebrations of this special date have finished last year, the marks on the ground still persist and help history to come alive while wandering around. The whole concept was completed by a walkable city map which had been on display in a central park of Berlin, pinpointing different areas or even houses on the map and telling their stories in the public space. This idea was so successful that the map was always overcrowded with different people: tourists and locals alike.

The Berlin Wall, the most famous Berlin emblem, is present in the public space. As the actual Berlin Wall is visible only in a very few places, the marking of the position of the wall with a bronce band which has been inserted into the pavement has proved a very good idea to making the wall present at each and every step. Feeling the presence of the Berlin Wall is especially intense at the Berlin Wall Memorial at Bernauer Straße. The memorial uses not only the fact that the Berlin Wall once stood here, but they work with a whole area which surrounded the wall and the implications that the Wall had for this area and the people who lived in this neighborhood. At the memorial you may actually see parts of the original Berlin Wall: watchtowers, parts of the concrete wall. But, and this seems more important to me, there are reminders in the surrounding area about the impact of the Berlin Wall. The wall did not have an impact only at the wall itself. It had impacts on everything around it and this becomes very clear when you see the Memorial. The surrounding houses have been plastered with metre high photos which show these same buildings during the erection and/or existence of the wall. The streets around the Memorial show plates inserted into the ground which read, for example: “at xx.xx.xxxx (date) ON this point X.X. has been arrested for trying to escape the socialist sector”., integrating thus the surrounding areas into the memorial. The wall itself is symbolized by a wide band of grass and a “transparent” wall of steal posts. (see photos above in the German version).

Furthermore, the project (http://www.stolpersteine-berlin.de/en/stolpersteine) which has been active overall Germany, has many supporters in Berlin. The artist who “invented” the project inserts brass stones with the birth and death dates of deported persons into the pavement in front of the house they last lived in, commemorating their life and death circumstances. So, the years between 1933 and 1945 can be tied to personal lives and names and show you the whole impact of National Socialism and its mass deportation system.

All these examples show in which ways Berlin has made history palpable and alive. Facts you may have read in some place become a reality as you walk in and through the city. It’s a direct experience, even without any re-enactment or the like. I think that this version of Living History is viable almost everywhere – and like in Berlin, you don’t need a lot of funding for them, compared to regular museum projects.

Surely, this version of palpable history is not only viable in an urban context. During my fieldwork in rural parts of South America, imparting archaeological knowledge to co-workers and local people always formed part of the project (have a look at it in Spanish: BLOG PAAS). The only thing we needed was a sherd and a lot of background knowledge. If you are sitting right at the archaeological site, looking at the landscape that surrounds it and you have an incaic arrowpoint in your hand – than there´s nothing left to wish for. You can start right away to interchange ideas and knowledge about this archaeological site and its time and culture. Whilst workshops tried to diffuse knowledge in a more scholarly way, this direct approach to impart knowledge worked on a more emotional level which touched all people present. Another, more virtual, possibility is the reconstruction of archaeological landscapes like this Mesolithic one, which becomes almost alive in this video. I think that this feeling would be even stronger if you showed the video in the actual place that today IS this landscape. Using diorames and pictures of landscapes has a long tradition, but the strongest impact may be achieved when used in the actual context of the find or landscape. Still, there´s a wonderful example for a museum diorama at: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

With all this different ways to include history, landscape and architecture into time and space, there will be questions. And that’s just what this is all about. People should question themselves when experimenting these “reminders” of times long gone. Question their personal or spacial context and interpret it: How does the use of space and landscape functions= What does the changing notion of space and its uses mean to me? Your view will be focused on the years and centuries which demolished the city walls to build a castle on it, which in itself has been deconstructed and is right now reconstructed again. Where do we locate ourselves in this flow of time? What is our role? Who are we, comparing ourselves to the people of the past?

The layers of history which have grown over the centuries surround us every day. These various layers permeate our lives and put us in a line with all those people who have lived before us. It´s not impossible nor expensive to make this history come alive, to be accessible. Above all, it needs the awareness that their material remains or even their virtual presence is present. And we should use it!

Links with further information:

One of the latest conference on „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

A German journal on archaeology, history and living history: http://chronico.de/magazin/