Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Frauen ohne Namen – Women without a name: WOMEN TO GO by Mathilde per Hejne.

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Bei meinem letzten Besuch im Berliner Palais Populaire (das ich schon vorher liebte, als es noch nicht das Palais war, aber vor Jahren eine umwerfende Ausstellung von Rachel Whiteread brachte, die mich absolut umgehauen hat und Teile meines Denkens echt revolutionierte) standen da diese Postkartenständer unter der Rotunde. Schöne Fotos, wie ich sie ja eh ansprechend finde: Porträts von Frauen des 19. Jahrhunderts, irgendwo zwischen 1850 und 1910. Vor allem Europäerinnen, aber auch Asiatinnen und Afro/Amerikanerinnen. Cool – ich liebe diese Fotografien, weil ich bei solchen Bildern automatisch ins Denken komme  und mir die Frauen dahinter vorstelle. Ihr Leben und ihre Geschichte. Also ging ich ran und schaute mal nach was das so für Frauen waren – und fand auf der Rückseite längere Biografien mit Namen und Daten. Erst bei der dritten Karte fiel mir auf, dass der Name und die Geschichte irgendwie nicht ganz zum Foto passen konnte – es bildete offensichtlich eine europäischstämmige Frau um 1890 ab – die Geschichte hinten erzählte mir das Leben einer Dakotafrau um 1890. Äh – Moment.

Ich entdeckte, dass das tatsächlich Prinzip hatte und dass alle Postkarten genauso gehalten waren – die Fotografien waren ausschließlich anonyme Frauen ohne Namen und die Biografien auf der Rückseite gehörten explizit NICHT zu den Gesichtern vorne. Frauen ohne Namen sind aus bekannten Gründen in der Geschichte mehr als häufig vertreten und noch öfter hört & kennt man nichts bis wenig von ihnen – das fällt mir nicht nur auf, wenn ich zwar für meinen Großvater die Akten im Wehrmachtsarchiv einsehen könnte, die Ereignisse, die meine Großmutter mit Kleinkind im Bombenhagel der deutschen Großstadt in der sie lebte, hatte, aber nicht mehr nachvollziehbar sind. Sie sind einfach verschwunden. Frauen fallen aus dem Raster, egal wie sehr uns mittlerweile bekannt ist, dass Frauen eben die andere Hälfte der Menschheit sind und auch die Wissenschaft weiß und kommuniziert, dass alles was uns Geschieht nur uns ALLEN geschieht, unter Hilfe von uns ALLEN – nicht aber nur einer Hälfte der Menschheit. Wir haben nicht überlebt, weil die Männer jagten, sondern weil Männer und Frauen Essen heranschafften – auf ihre Weise. Aber offensichtlich setzt sich das nur langsam durch, zumindest fühlt sich das in meinen, mittlerweile sehr frauenrechtlich angehauchten, Kreisen so an.

Was hat die namenlosen Frauen umgetrieben? Wie fühlten sie sich zu Zeiten von rasanter Entwicklung, gesellschaftlichen Umbrüchen, der Zeit der Kämpfe um Frauen- und Bürgerrechte? Sie haben Fotos von sich machen lassen und schauen uns irgendwie ernst und manchmal kraftvoll, manchmal auch irgendwie siegesgewiss an. Sicher interpretiere ich ganz ganz viel. Aber ich denke, sie waren nicht so unterschiedlich von uns wie uns die Mode glauben macht. Sie haben genauso geschuftet, gelitten und geliebt. Und manchmal marschierten sie in ein Fotostudio und ließen sich porträtieren. Manchmal kam ein Fotograf in ihre Gegend und sie posierten. Auf der Straße oder im Studio. Wollten sie das? Bekamen sie Geld dafür? Wars freiwillig? Was ist mit der offensichtlich posierenden Frau auf dem Sofa mit Buch? Was mit der voll verschleierten anonymen Frau aus Kairo? Was hat sie bewegt und was hat sie  bewogen, das Foto machen zu lassen bzw. es zuzulassen dass man sie fotografiert?

Die Geschichten auf der Rückseite reden von allen möglichen Frauen. Wahlrechtlerinnen, Lehrerinnen, Künstlerinnen, Frauen, die irgendwie anders lebten als gemeingesellschaftlich vorgesehen. Auch Frauen, die damals eher unkonventionell lebten, müssen ja nicht unbedingt krasse Sufragetten gewesen sein – wenn ich eins aus meinen Forschungen zu den frühen Archäologinnen gelernt habe, dann das. Die Welt ist nicht schwarz / weiß – sie ist alles das und alles dazwischen. Auch Frauen, die aus heutiger Sicht zu den Kämpferinnen gehörten, die die ersten in ihren Studiengängen waren und alleine lebten, sich gesellschaftlichen Idealen widersetzten, hatten zT sehr negative Meinungen von Frauen, die sich ihrerseits für die Frauenrechte einsetzten und endeten am Ende sehr schnell in Heiraten und Familie. Einige der Biografien auf den Postkarten enden tragisch, wenn die Protagonistinnen sich töten oder “für die Sache” sterben – alle aber sind sehr öffentlich ein Stück weiter gegangen als üblich. Alle standen daher im Licht und die Frauen auf der Vorderseite der Karten nicht. Sie sind für immer “anonyme Frau, ca 1908-1910”. Aber das sind sie eben doch irgendwie nicht . Durch ihre Fotos sind sie immer noch da. Sie können immer noch inspirieren. Und vielleicht ist es mit uns ja genauso. Auch wenn wir nur ganz kleine Schritte tun, sind wir immer noch sichtbar, immer noch Teil eines Ganzen, immer noch auf dem Weg in eine andere Zukunft. Wir sollten nur unsere Schritte sorgfältig setzen. Und immer sichtbarer werden und uns nicht mehr den Mund verbieten lassen. Wenn es sein muss, dann eben stumm auf einem Foto.

Erst durch einen Freund und Recherche konnte ich rausfinden, von wem die Intervention stammt, denn auf der Seite des Palais Populaire konnte ich sie im Nachhinein gar nicht finden. Es ist Mathilde ter Heijne, die an dieser seit 2005 laufenden Intervention arbeitet.

ENGLISH VERSION

At my last visit at the Palais Populaire in Berlin (that I loved even before it became the Palais Populaire because they starred an absolutely mind-whipping exhibition of Rachel Whitehead some years ago), there were these postcards on display at a corner outside the exhibitions. Postcards with 19th century women photographs on them . I love these type of photos and I certainly went there to have a good look at them because they were so many! Women between the years of 1850 – 1910, european women, asian women, aforamerican women. These pictures have me thinking all the time about the persons behind them, I imagine who they were, why they got photographed and what their life may have been like. When I had a better look at them I discovered that they had biographies at the back of the cards – and started to read. It wasn’t until the third postcard that I realized that something was not quite matching…. the photo was of a certainly european woman, but the biography told the story of a Lakota woman. OK – wait.

I discovered that this was not a mistake but the very idea of the photos – they matched one woman with the biography of another completely different one. The photographs were all of anonymous women and the biographies told the stories of others, that had a name, but no photo to match.

Women without names are so often mentioned in passing in History and there are so many cases where we don’t know anything about them, their lives and thoughts. Thats the case for my grandparents – I could look up all the details of may grandfathers involvement in the Wehrmacht-Archives but not the struggles of my grandmother surviving with a toddler in a bomb strewn german city around 1943. These women are practically lost from history – even though we know that one half of mankind are women. Science knows and communicates this fact and also the fact that we are ALL needed for the survival of mankind – but still, women oftentimes fall from all the archives and are not noted.

What moved these nameless women? How did they feel in these times of extremely quick changes that was the 19th century? They had their photos taken and look at us as if defying us. Earnestly, powerful, sometimes as if knowing that they will succeed. I´m surely interpreting much, but they were not so different form us as fashion would make you believe. They toiled as we did, love and lived and sometimes they went to a photo studio to have their portrait taken. Sometimes a photograph came to their area and took photos of them in the street. Did the consent to this? Did they get money for it? What about the woman in veils from Kairo? What about the barely clad woman at the sofa? What did they think when this picture was taken?

The stories at the back tell the lives of women who made a difference in their field of life. Teachers, artists, suffragettes, Lakota woman warriors. Women that lived unconventionally in their times, that overstepped the bounds. But even women that may seem to US unconventional for their times must not have been all extrem women rightists. If I know one thing from my studies on the early female archeologists, its that they, too, had heated opinions about suffragettes and women rightists. The world is never black/white, it is all shades in between as well. Women who were the first to get an Ph.D. in their universities could be absolutely opposed to women rights and went off to marrying and family as soon as possible – never to come back in science, whatever their struggle for university had been before.

Some of the stories at the back end tragically, the women dying  – but everyone of them has gone a little bit farther then usual. All of them have been in the public light at some point – whereas the women at the photos stay completely anonymous, without giving away anything about their lives. They are, forever, “woman anonymous, ca. 1908 – 1910”. But they are, at the same time, not lost to us. They stay with us through their photos, they still have the power to inspire.

And maybe its the same with us. Even if its small steps at a time, we are still visible, still part of the greater family, part of a future. But we should take our steps carefully, be a little bit more visible every day. Never be silenced – if its necessary speaking through a photograph.

With some research and the help of a friend I discovered that the name of the artist is Mathilde ter Heijne and this ongoing intervention is called WOMAN TO GO – it wasn’t even announced at the homepage of the Palais Populaire. Check out her homepage its really worth the while!


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Geschichtete lebendige Geschichte – Layered Living History

Berlin, meine momentane Heimat, wirbt in vielen seiner Reisekataloge etc. mit Slogans wie diesem: “An vielen Punkten Berlins, ist die Geschichte zum anfassen nah.” (über die seltsame Zeichensetzung und Orthographie sehen wir mal hinweg….). Meist dokumentiert durch ein Bild der Berliner Mauer oder durch das übliche Checkpoint-Charlie-Bildchen. Tatsächlich scheint sich Berlin durch die Nutzung der Berliner Mauer in den Jahren 1961-1989 als Touristenspektakel den Ruf erworben zu haben, dass man hier sozusagen den “Puls der Geschichte” fühlen könne. Der direkte Blick von einem Wertesystem ins andere – schlicht durch den Blick über die Mauer in den “Osten”, in den Sozialismus. So wie auf diesem Bild hier:

AK_12039192_kl_1(Quelle & Kaufmöglichkeit des Bildes/Postkarte: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

Dass dies jahrzehntelang möglich war, hat wohl dazu geführt, dass Berlin als Stadt gilt, in der Geschichte lebendig wird. Aber ich denke, dass Geschichte auf ganz andere Weise in Berlin lebendig wird. Auf eine Weise, die noch viel intensiver ist und zum Nachdenken anregt. Zum Nachdenken über die kontinuierliche Veränderung von Stadt, Landschaft, Nutzung und Perzeption von Raum. Möglich wird das durch das ständige Anwachsen der Möglichkeiten, die vergangene Geschichts-Schichten ganz direkt in den berliner Alltag integrieren. Nicht nur für Besucher und Touristen, sondern für jeden, der in dieser Stadt täglich unterwegs ist.

Das Konzept von „Living History“, wie es v.a. in den USA gelebt wird, beinhaltet zumeist das Nachstellen historischer Ereignisse oder Lebenswelten (eine anregender Blogeintrag hierzu: Paul Mullins über Re-enactment). In Deutschland ist das wohl weniger verbreitet, dafür gibt es hier eine größere Anzahl von Freilichtmuseen, in denen zum Teil auch der Alltag vergangener Zeiten an bestimmten Tagen „nachgelebt“ wird. Man taucht ein in ein Gefühl vergangener Zeiten und nimmt an alltäglichen Aktivitäten teil: Brotbacken, den Garten hegen, Pfeile herstellen. Und so weiter. Trotzdem sind diese Aktivitäten und Möglichkeiten doch außerhalb unseres eigenen Alltags. Man fährt zu einem bestimmten Ort um dort an diesen Aktivitäten teilzunehmen. Heraus aus unserem eigenen Leben, hinein in ein anderes. „Eintauchen in eine andere Welt“ ist deshalb häufig ein Thema bei diesen Angeboten. Es geht gerade um das Erfühlen eines neuen, ungewohnten, fremden Alltags statt dem der uns tagtäglich umgibt. Und obwohl das natürlich unglaublich spannend und lehrreich sein kann – prinzipiell glaube ich, dass Geschichte und Archäologie uns täglich umgeben und einen Großteil unseres Alltags mitgestalten. Denn obwohl wir nicht immer bewusst daran denken, sind Landschaft und Architektur, die uns umgeben, Teil eines Zeitflusses, der eine ständige Veränderung beinhaltet.

Deshalb ist „Lebendige Geschichte“ im wahrsten Sinne des Wortes für mich die, die ich im Alltag habe, sie oft sehe und fühle. Und hier kommt Berlin wieder ins Spiel. Berlin hat in den letzten Jahren viele Angebote entwickelt, die mit relativ wenig Finanzierung einige Punkte der Stadtgeschichte aus der „Das macht man da mal am Wochenende“ –Ecke herausholt und sie in den Alltag hineinbringt. Und so dazu beiträgt, dass das eigene Leben eine zeitliche Verlängerung erfährt, denn die eigene Gegend, der Kiez, das eigene Haus können dazu gehören.

Ein Beispiel sind etwa die “Geschichtstafeln“, die an einigen Orten der Stadt massiert aufgestellt wurden. Wie zum Beispiel die 39 Tafeln auf einer zwei Kilometer langen Strecke am Baudenkmal Karl-Marx-Allee (auch als Stalinallee bekannt). Man läuft – und liest und steht dabei direkt drin in der Geschichte. Gebäude werden sozusagen lebendig, Menschen und Ereignisse werden direkt mit ihnen oder dem Ort auf dem sie stehen verknüpft.

Ähnlich verfährt das Konzept, dass im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins im letzten Jahr, 2012, entwickelt wurde: durch Markierungen auf den Straßen und Gehwegen kann der Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer Berlins direkt nachvollzogen werden. Die Markierungen sind tatsächlich alle 5 -10 Meter gesetzt und oft noch durch Aussagen in Schablonen-Spray-Weise hervorgehoben, sodass außer der Information, dass hier die Stadtmauer stand, noch Dinge zu erfahren sind aus der Anfangszeit Berlins. Ausstellungstürme ergänzten diese Informationen und brachten zusätzliche Möglichkeiten die Stadtmauer und die frühere (Stadt-)Landschaft nachzuvollziehen. Obwohl die Türme mittlerweile schon weg sind – die Bodenmarkierungen sind immer noch da, wenn auch etwas verwittert und lassen weiterhin Geschichte lebendig werden.

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Ein jetzt umfunktionierter Turm. Erst im Projekt 775 Jahre Berlin – jetzt Aussichtspunkt in die Bauarbeiten der neuen U-Bahn-Linie 5.

Erweitert wurde das Ganze durch einen „Stadtplan“, der auf einer Wiese im Zentrum Berlins nachgebaut wurde. Viertel und Häuser wurden durch übermannsgroße „Stecknadeln“ markiert, die jeweils ein bestimmtes Thema, Menschen oder Ereignis im öffentlichen Raum verorteten. Diese Idee war so erfolgreich, dass immer Dutzende von Menschen die Möglich wahrnahmen, hier Geschichte zu erlaufen und zu erfahren.

Auch die Berliner Mauer ist mit solchen Bodenmarkierungen im Stadtraum präsent. Da von der eigentlichen Mauer nur noch wenige Reste stehen, ist die Markierung des Mauerverlaufs mit einem bronzenen Band eine Möglichkeit, die Präsenz und Geschichte dieser fast 40 Jahre erfahrbar und erfühlbar zu machen.

A "BERLINER MAUER 1961–1989" plaque ...

A “BERLINER MAUER 1961–1989” plaque near Checkpoint Charlie signifying where the wall stood (Photo credit: Wikipedia)

Noch konkreter wird dieses Fühlen in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Gedenkstätte nutzt tatsächlich nicht nur die Tatsache, dass hier mal die Berliner Mauer stand, sondern sie arbeitet mit einem Areal, das einen recht weiten Umkreis der Berliner Mauer abdeckt. So kann man auf dem Gelände der Gedenkstätte die Reste der Mauer sehen: Wachtürme, Mauerstücke selbst. Aber, und das finde ich viel wichtiger, der Radius der Mauer bezog sich ja nicht auf ein Stück Beton und den Todesstreifen. Er hatte Auswirkungen auf alle umliegenden Straßen und Häuser und das wird in der Gedenkstätte sehr plastisch klar. An den umliegenden Häusern sind metergroße Fotoplanen aufgezogen, die genau diese Häuser zu verschiedenen Zeitpunkten des Mauerbaus und während der darauf folgenden 40 Jahre zeigen. Auf dem Pflaster der umliegenden Straßen sind Plaketten eingelassen, die den Darüberlaufenden darauf aufmerksam machen, dass genau HIER, an diesem Punkt, ein Mensch von der Staatssicherheit (dem Geheimdienst der DDR) festgenommen wurde. Der Vorwurf: Fluchtversuch. Der Todesstreifen selbst und die ihn umgebende Mauer wird durch einen breiten Rasenstreifen symbolisiert und durch eine “durchlässige” Mauer aus Stahlpfosten.

Berliner mauer kennzeichnung

Berliner mauer kennzeichnung (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Strelitzer Straße aus Richtung Westen gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Gartenstraße aus Richtung Osten gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Das Projekt Stolpersteine, das in ganz Deutschland aktiv ist, (http://www.stolpersteine-berlin.de/de/berlin) hat in Berlin viele Unterstützer, sodass auch die Zeit von 1933 – 1945 an ganz persönlichen Schicksalen und Namen festgemacht wird, die man beim Gehen immer wieder findet – und über sie stolpert.

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“Stolperstein”

All diese Beispiele zeigen, dass auf diese Art in Berlin an vielen Orten etwas lebendig wird, dass man als Geschichte kennt und vielleicht mal irgendwo gelesen hat. Hier ist es fühlbar, nacherlebbar, selbst ohne Living History, Re-Enactment oder Ähnliches. Und ich denke, diese Art lebendiger Geschichte ist überall machbar – so wie in Berlin auch mit relativ günstigen Mitteln oder, falls möglich, mit etwas mehr Budget. Berlin hat es geschafft, auch ohne große Mittel einige dieser geschichtlichen Momente erlebbar zu machen.

Diese Art lebendiger Geschichte ist natürlich nicht nur im städtischen Kontext möglich und machbar. Während meiner Feldarbeit in den ländlichen Regionen Südamerikas war es immer ein Anliegen, Archäologie und archäologisches Wissen konkret an Mitarbeiter und lokale Anwohner zu vermitteln (in spanischer Sprache: BLOGSPOT PAAS). Dazu reichte teilweise eine Scherbe und viel Hintergrundwissen, denn wenn man dann noch am Fundort selber sitzt, den Blick über die Landschaft schweifen lassen kann und in der Hand eine inkazeitliche Pfeilspitze hält, steht einem intensiven Gedanken- und Wissensaustausch mit wem-auch-immer nichts mehr im Wege. Während Seminare und Workshops zum diesem Thema Wissensvermittlung in einem gesonderten Kontext bearbeiteten, war diese ganz direkte Art von Geschichtserleben etwas sehr Besonderes, das alle Anwesenden berührte. Eine ganz andere, virtuelle Möglichkeit sind z.B. Rekonstruktionen archäologischer Landschaften – wie in diesem Beispiel einer mesolithischen Landschaft, die im Video lebendig erfühlbar wird. Verstärkt würde das natürlich wenn man dieses Video direkt IN der Landschaft zeigen könnte. Die Verwendung von Dioramen oder Landschaftsbildern hat ja eine lange Tradition, aber am stärksten empfindet man sie meiner Meinung nach immer im Vergleich zur tatsächlich vor einem liegenden Landschaft und nicht in einem Museum. Trotzdem hier ein wunderbares konkretes Gegenbeispiel: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

Mit all diesen unterschiedlichen Mitteln zur konkreten Einbindung von Geschichte, Landschaft und Architektur über die Zeit kommen auch Fragen auf. Und genau darum geht es ja auch: sich selbst hinterfragen, den eigenen räumlichen oder persönlichen Kontext interpretieren: Wie funktioniert die Nutzung von Raum und Landschaft? Was bedeutet diese kontinuierliche Änderung von Zuschreibungen von Raum und dessen Nutzung? Es richtet den Blick auf die Jahre und Jahrhunderte, die verflossen sind und etwa die Stadtmauer schleiften, darauf ein (nun abgerissenes, überbautes und nun neu zu bauendes) Stadtschloss setzte und Freiflächen drumherum. Wie stehen wir selbst in diesem Zeitfluss? Was ist unsere eigene Rolle? Wer sind wir im Vergleich zu den Menschen der Vergangenheit?

Direkte Geschichte umgibt uns jeden Tag. Ihre vielen, über die Jahrhunderte gewachsenen Schichten durchdringen unsere Leben und stellen uns in eine zeitliche Reihe mit vielen anderen Menschen, die vor uns gelebt haben. Es ist nicht kostspielig oder unmöglich, einige dieser Geschichts-Schichten uns auch jeden Tag zugänglich zu machen. Es braucht vor allem das Bewusstsein , dass die materiellen Hinterlassenschaften oder ihre virtuelle Anwesenheit vorhanden sind. Wir sollten sie nutzen!

Weiterführende Links:

Tagungsbericht zum Thema „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

Das deutschsprachige Magazin zum Thema Archäologie, Geschichte, Living History: http://chronico.de/magazin/

ENGLISH VERSION

My current home town, Berlin, is presenting itself with slogans like: …on many points of Berlin, history is almost palpable.. This is usually accompanied by a photo of the Berlin Wall or one of the photos of famous Checkpoint Charlie, one of the exchange points where the four occupational sector of Berlin met. Maybe Berlin has come to play this role of “the city of palpable history” through the decades from 1961 to 1989 when thousands of visitors used the Berlin Wall to snatch a glimpse of “the Other” looking over the wall to the Russian (i.e. socialist) sector, feeling the so-called “pulse of history”. The direct view from one economical and ideological system into another, separated by only a few meters of distance! This picture provides an insight into this touristic activity:

AK_12039192_kl_1(Source and Sale of this photo / postcard: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

This “snatch a look of “history” has been possible for decades and led presumably to the idea that Berlin is a city where history can be felt at every step. But I think that history may be palpable in Berlin in many other ways, too. In ways, that is, that are more intense and thought provoking. Thoughts on the continuous change of the city, landscape, and the use and perception of space. This is possible thanks to the growing range of possibilities to include and integrate “past” times directly into the Berlin everyday life. Not only for visitors and tourists but for everyone who lives and walks in the city of Berlin.

The concept of “Living History” as it is known in the United States includes normally a re-enactment of historical events or situations (an inspiring blog entry by Paul Mullins concerning re-enactment). In Germany this is less often seen, but we have a wide range of open air museums that offer the possibility to “live” everyday life of past times on certain days. You dive into the feeling of this particular period of time and take part in everyday activities like bread baking, gardening, making arrows and the like. But after all, these possibilities and activities are situated outside of our own life. You go to a certain place to participate at these activities. You go out of your everyday routine to experience another. “Diving into another world” is often a theme which these museums evolve around, together with “Experience how it really was”, “Making history becoming real” and so on. The getting into an experience that is often diametrically opposed to our own, feeling and experiencing an everyday life so strange and new, that’s the main point of open air museums. And this is awfully interesting and teaches a whole lot of things about the past. But in the end I think that history and archaeology surround us daily and influence a big part of our every day experiences. And this is an internal experience, not something you have to go to in order to participate in some special activity. Because even if we don’t think about it consciously, landscape and architecture are parts of a time river that includes continuous change.

This way „Living History“ is for me the one that I can feel and experience in my everyday life. And that’s where Berlin comes in again. Berlin has developed a lot of possibilities that work without a big financiation but nevertheless they take history out of the “that’s something I would like to do on our weekend” – thing and includes it into the daily life. And this helps to put our own lives into a greater context of time. And your area, your own house may become a part of this.

One example of this are the „history plates” which have been placed massively at some places. Like the 39 panels on the two kilometers of the architectural monument called Karl-Marx-Allee in the Berlin East (formerly known as Stalin Alley). You walk – and read and are getting involved directly in the history of this stretch of stalinist architecture. The buildings come alive as the histories of people and events are being told and tied to the buildings and places around you.

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One of the “history plates” on the Karl-Marx-Allee in East Berlin, offering information and photos in German and English.

In a similar way the concept of “775-years of Berlin”, developed in 2012, works with architectural designs of the medieval part of Berlin which is nowadays almost invisible due to reconstruction, war and socialist re-building. Marks on the ground and pavement indicate the position of the former medieval city walls. These marks have been sprayed in black paint on the pavement and their position every 5 or 10 meters includes additional information about the first years of the City of Berlin. Watchtowers completed this concept, offering information about the position of the city wall and its implications for the space and landscape inside and outside the city. Although the towers are gone by now as the feasts and celebrations of this special date have finished last year, the marks on the ground still persist and help history to come alive while wandering around. The whole concept was completed by a walkable city map which had been on display in a central park of Berlin, pinpointing different areas or even houses on the map and telling their stories in the public space. This idea was so successful that the map was always overcrowded with different people: tourists and locals alike.

The Berlin Wall, the most famous Berlin emblem, is present in the public space. As the actual Berlin Wall is visible only in a very few places, the marking of the position of the wall with a bronce band which has been inserted into the pavement has proved a very good idea to making the wall present at each and every step. Feeling the presence of the Berlin Wall is especially intense at the Berlin Wall Memorial at Bernauer Straße. The memorial uses not only the fact that the Berlin Wall once stood here, but they work with a whole area which surrounded the wall and the implications that the Wall had for this area and the people who lived in this neighborhood. At the memorial you may actually see parts of the original Berlin Wall: watchtowers, parts of the concrete wall. But, and this seems more important to me, there are reminders in the surrounding area about the impact of the Berlin Wall. The wall did not have an impact only at the wall itself. It had impacts on everything around it and this becomes very clear when you see the Memorial. The surrounding houses have been plastered with metre high photos which show these same buildings during the erection and/or existence of the wall. The streets around the Memorial show plates inserted into the ground which read, for example: “at xx.xx.xxxx (date) ON this point X.X. has been arrested for trying to escape the socialist sector”., integrating thus the surrounding areas into the memorial. The wall itself is symbolized by a wide band of grass and a “transparent” wall of steal posts. (see photos above in the German version).

Furthermore, the project (http://www.stolpersteine-berlin.de/en/stolpersteine) which has been active overall Germany, has many supporters in Berlin. The artist who “invented” the project inserts brass stones with the birth and death dates of deported persons into the pavement in front of the house they last lived in, commemorating their life and death circumstances. So, the years between 1933 and 1945 can be tied to personal lives and names and show you the whole impact of National Socialism and its mass deportation system.

All these examples show in which ways Berlin has made history palpable and alive. Facts you may have read in some place become a reality as you walk in and through the city. It’s a direct experience, even without any re-enactment or the like. I think that this version of Living History is viable almost everywhere – and like in Berlin, you don’t need a lot of funding for them, compared to regular museum projects.

Surely, this version of palpable history is not only viable in an urban context. During my fieldwork in rural parts of South America, imparting archaeological knowledge to co-workers and local people always formed part of the project (have a look at it in Spanish: BLOG PAAS). The only thing we needed was a sherd and a lot of background knowledge. If you are sitting right at the archaeological site, looking at the landscape that surrounds it and you have an incaic arrowpoint in your hand – than there´s nothing left to wish for. You can start right away to interchange ideas and knowledge about this archaeological site and its time and culture. Whilst workshops tried to diffuse knowledge in a more scholarly way, this direct approach to impart knowledge worked on a more emotional level which touched all people present. Another, more virtual, possibility is the reconstruction of archaeological landscapes like this Mesolithic one, which becomes almost alive in this video. I think that this feeling would be even stronger if you showed the video in the actual place that today IS this landscape. Using diorames and pictures of landscapes has a long tradition, but the strongest impact may be achieved when used in the actual context of the find or landscape. Still, there´s a wonderful example for a museum diorama at: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

With all this different ways to include history, landscape and architecture into time and space, there will be questions. And that’s just what this is all about. People should question themselves when experimenting these “reminders” of times long gone. Question their personal or spacial context and interpret it: How does the use of space and landscape functions= What does the changing notion of space and its uses mean to me? Your view will be focused on the years and centuries which demolished the city walls to build a castle on it, which in itself has been deconstructed and is right now reconstructed again. Where do we locate ourselves in this flow of time? What is our role? Who are we, comparing ourselves to the people of the past?

The layers of history which have grown over the centuries surround us every day. These various layers permeate our lives and put us in a line with all those people who have lived before us. It´s not impossible nor expensive to make this history come alive, to be accessible. Above all, it needs the awareness that their material remains or even their virtual presence is present. And we should use it!

Links with further information:

One of the latest conference on „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

A German journal on archaeology, history and living history: http://chronico.de/magazin/