Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Geschichte schmecken? Historisches Kochen. / Savouring History? Historical Cooking.

Heute mal “leichte Kost“! Essen & Trinken im historischen Kontext sind eine hübsche Sache und stehen ganz im Sinne der “Zeitreisen” und Living History. Auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt ist, bringen fremde, “vergangene” Geschmackserlebnisse auch einen ganz kleinen Einblick ins Vergangene. Vor allem wenn man versucht, sie mit den “halbwegs” originalen Zutaten, Zubereitungsarten und Utensilien hinzukriegen. Wer das nicht kann oder möchte und einfach zuhause kocht, kriegt immerhin einen Einblick in die Alltagsgeschichte einer bestimmten Epoche -zumindest dann, wenn er ein ordentliches Kochbuch benutzt und nicht einfach “Paläo-Diät” bei Google eingibt.

FOTO PALÄO

Als multi-sensorisches Erlebnis bietet Essen ganz verschiedene Zugänge: vom Schmecken, Sehen, Hören hin zum Riechen und Anfassen/Tasten. Hier hat sich die Gastrosophie als neuer Untersuchungszweig entwickelt, der all diese sensorischen Aspekte zzgl. der ganzen kulturwissenschaftlichen, archäologischen und ernährungstheoretischen Details abdeckt. Und über die Macht von diversen Gerichten auf unsere Erinnerung muss ich seit Proust ja wohl nix mehr sagen…  Living History & Kochen – auf jeden Fall ist das ein Thema, das nicht allzuviel Vorbereitung braucht und daher vielen Menschen offenstehen kann, auch solchen die sich jetzt nicht ständig oder in größerem Zeitrahmen mit Vergangenheit beschäftigen.

Da gibt es zum Beispiel große Foren in Großbritannien, die sich mit dem passenden Zubereiten von Essen bei Living History befassen: Living history: Eating in the 19th century und Foren in Großbritannien zum Thema Living History / Food & Drink oder Seite auf Deutsch, auf denen der Kochprozess lange & ausführlich dargestellt wird. Der Blog Silvretta schreibt über keltischen Urkäse…( hier bei: Silvretta ) und überhaupt gehört Essen & Trinken zu einer richtigen Zeitreise irgendwie dazu, wie z.B. M. Fenske in ihrem Artikel “Abenteuer Geschichte: Zeitreisen in der Spätmoderne” darstellt.

In den letzten Jahren, nein, eigentlich seit dem Abitur als das Lateinbuch auch das Rezept für Garum und Würstchen mit Honig (kann das wirklich sein?????) enthielt, seitdem habe ich mich hin und wieder mit historischem Kochen beschäftigt – mein letztes sehr konkretes Zusammentreffen damit war beim Familientag in der Arche Nebra, dort mit “Bronzezeitlichem Essen” aus Linsen, Erbsen, Stockbrot & Würstchen oder auf dem “Zeitwanderweg” der Slawenburg Raddusch, der unter anderem auch die Kulturpflanzen vom Neolithikum bis in die Eisenzeit “in freier Wildbahn” zeigte.

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

Und da ich neben Archäologie & Arbeit auch gerne koche, habe ich mir öfter Gedanken darüber gemacht, wie die Gerichte wohl aussahen, die man zu verschiedenen Zeiten dargebracht bekam. Während des Studiums war es dieses Buch von Jens Lüning, das mir eine neue Ideenwelt eröffnete mit seinen Aufzählungen verfügbarer Obst-, Gemüse – & Getreidesorten im Neolithikum Mitteleuropas. Während der Feldarbeit in den Südanden gehörte es für mich immer auch dazu, Essen aufzuspüren, das so oder ähnlich auch in vorspanischer Zeit gegessen worden sein mag. Als Heimat von Kartoffeln (auch gerne als Trockenkartoffeln), Mais, Kürbis & Ananas, Chili & Erdnüssen, Quinoa & Amaranth sowie der immer noch üblichen Zubereitung von Trockenfleisch und -fisch sowie dem gelegentlichen Auftauchen essbarer Ton-Sorten (hier nachlesbar bei Browman & Gundersen) kommt da so einiges infrage, von dem man manches etwa hier einsehen kann: Fixaufdentisch.de Überhaupt ist das Auseinanderdividieren der vor der Entdeckung Amerikas verfügbaren Esswaren in Europa durchaus spannend, wenn man sich wenig oder gar nicht damit beschäftigt. Hirse? Linsen? Äpfel? (Fasizinierende Leküre hierzu: 1493 von Charles C. Mann). http://en.wikipedia.org/wiki/1493:_Uncovering_the_New_World_Columbus_Created

Es ist ein spannendes Thema, da es mittels ungewohnter Geschmäcker nicht nur aus der eigenen Welt weg-transportiert und neue Räume öffnet, sondern auch den Blick schärft für Dinge, die in unseren Küchen heute nur allzu normal sind – aber noch nicht lange sind. Oder auch für Dinge, die wir nicht mehr nutzen, aber die lange die Küche unserer Familien begleiteten. Auch das DDR-Museum bietet ja eine ganzes Restaurant mit DDR-Küche an (nur mit sehr un-DDR-haften Preisen), der beste Beweis dafür, dass eine ganze Gesellschaft und ihre Kultur in der Vergangenheit gelandet ist.

Im Rahmen dieses Interesses für Küche & Kochen in anderen Zeiten habe ich über die Jahre auch immer wieder Kochbücher gesucht, gefunden, verworfen. Living History führt ja auch dazu, dass beliebte Epochen wie das Mittelalter mit einer riesigen Anzahl von Kram vermarktet werden, auch mit Kochbüchern. Hier habe ich einmal die herausgestellt, die sich tatsächlich bewährt haben. Ihre Namen heischen viel Aufmerksamkeit – das müssen sie auch auf dem absolut überfüllten Kochbuch-Markt. Nichtsdestotrotz ist ihr Inhalt großartig und keine Effekthascherei. Sie zeichnen sich durch Vieles aus, v.a. aber dadurch dass sie Gerichte & ihre Kontexte tatsächlich versuchen so darzustellen wie sie gewesen sind oder sein könnten – auch wenn dies unserem Geschmack eher entgegensteht: Kohl mit Zimt & Parmesan aus der Renaissance? Trockenfleisch und gefriergetrocknete Kartoffeln mit essbarem Ton? Seltsame Vorstellungen! Der Probierfaktor geht hier über den Gefall-Faktor. Trotzdem bieten sie auch immer “moderne” Alternativen, um ein Nachkochen oder -schmecken zu erleichtern, falls das gewünscht ist. Diese Kochbücher vereint ausserdem der wunderbare Anspruch, die Gerichte nicht möglichst toll, sondern möglichst unbehandelt zu fotografieren oder kontemporäre Original-Bilder dagegenzustellen.

Alle drei Bücher sind eine wunderbare Möglichkeit um sich mit etwas Zeit in andere Zeiten einzufühlen und einzuschmecken. Und wunderbar, um mit Freunden einfach mal etwas ganz Neues zu probieren – und sich zu fragen warum und wie wir heute essen! Und auch eine andere Frage einmal zu bedenken: wir arbeiten immer mit Objekten, materiellen Dingen der Vergangenheit, oder schriftlichen Dokumenten. Aber was ist mit so immateriellen Dingen wie Geschmack, Geruch, Tastsinn? Wie fühlen sich diese Dinge für uns an, eröffnen sie uns vielleicht ganz andere Zugänge zur Vergangenheit als die üblichen Museums-Glaskästen? Probieren wir es aus!

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Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.

Slavic Fort Raddusch

Slavic Fort Raddusch

 

 

 

 

 

 

 

ENGLISH VERSION

So, today it´s „light fare“! Eating & Drinking in a historical context are a nice thing to do and are completely in line with “Time Traveling” and Living History. Even when it’s a rather eclectic and fragmentary view of it, these strange, “exotic” flavors can give us a glimpse of the past. Especially when you try to cook them with half-decent ingredients, original forms of preparation and / or implements. If you don’t like that or its too much of an effort and you´d just like to proceed to cook it at home as it comes along, then you might still get a glimpse of everyday life and flavors of some time of the past – if you have a decent cookbook at hand and not just enter “Paleo diet at google.

 

FOTO PALÄO

Eating & Drinking are multi sensory events that offer different approaches to the past: smelling, seeing, hearing, touching and overall, savoring something. Gastrosophy has developed as a new discipline that tries to tackle eating & drinking as just this multicomponent event, embedded in a historical – ecological context and offering even archaeological details on eating & drinking. And as to the power of memory a certain dish can emanate: well, I don’t have to say nothing about this after Proust, do I? Living History & cooking: that’s something that doesn’t need too much preparation and is open to a whole bunch of different people and audiences. You don’t need to be heavily interested in archaeology to like a historical meal! You just have to love cooking and have a certain interest in past times to enjoy historical cooking!

There are a lot of forums, especially in great Britain, that offer advice on preparing historical dishes in as-much-as-possible original settings or during Living History events or at this forum! And there are websites in German that offer information on how to create celtic cheese (Here at Silvretta!) and, in general: Eating & Drinking is just part of a “real” time travel, as M. Fenske lays out in her article “Adventure History: Time Travel in the late modern age” (Available only in German, I’m sorry!)

In the last years, or to be true ever since I left high school with a Latin textbook that offered recipes for Garum and Sausages with Honey (can that be ???) as well as translations, since this moment I have been interested in historical cooking. I love cooking in general, but cooking as a glimpse of the past has been always on my mind. The last time I came across it was at Arche Nebra, where we were offered Bronze Age Food during the family day, which included lentils, yellow peas, sausages and bread on a stick or during our walk across the area outside the Slavic fort at Raddusch, where a “Time Hiking Trail” included the crops from the Neolithic up to the Iron Age “in the wild”.

 

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra - Sprache der Dinge Blog

Bronzezeitliches Essen: Linsen im bronzezeitlichen Tontopf! Arche Nebra – Sprache der Dinge Blog

So, in all these years I thought a lot about the dishes served and smelled during the Past. During my university years, it has been this book by Jens Lüning on Neolithic farming that offered me a lot to think with its presentation of fruits & vegetables available during the Neolithic. During fieldwork in the South Andes I alwys tried to find dishes that may have been served similarly in prehispanic times. The South Andes are home to a lot of crops, among them plants like the potatoe (often consumed as dried potatoe or chuño), as well as maize, squash & pineapple, chili & peanuts, quinoa & amaranth and the still thriving business of dried meat (called charque) and dried fish as well as the consuming of edible clays (have a look at this fascinating topic with Browman & Gundersen). In general, its very difficult to separate all these different crops that have mingled since the European discovery of the Americas (Fascinating reading on this topic in a ever readable style: “1493. Uncovering the New World Columbus created” by Charles C. Mann).

It´s fascinating how strange and new flavors can transport you to a new world of experiences, and how it sharpens the view for things that have become totally normal in our current cooking but haven’t been for a long time! Think of new ingredients or new forms of cooking! Or of objects that we don’t use anymore but that have accompanied the cooking of our families for long times. Even the GDR-Museum offers a restaurant with genuine GDR-recipes (but with non-GDR-prices) and it’s the best proof that this German state has perished – it´s past now.

Within this interest for cooking and kitchens in past times I have tried several cookbooks, sought them, rejected most of them. The interest for Living History has led (among the selling of other accessories) to the publication of a whole bunch of cookbooks; there are dozens alone for the middle ages! I have compiled the three that I really love, giving a glimpse of prehistory, the Middle Ages and the Renaissance. Their titles are begging for attention – but well, that’s just necessary on this highly competitive market for cookbooks. What really matters is that their recipes are great. They stand out due to their combination of history and context, trying to present the recipes as they might have been, even if they are contrary to our current ideas of cooking. Cabbage with cinammon & parmesan? Dried meat and dried potatoes? These are strange things to eat….and I have tried some of them at this website: Fixaufdentisch.de !

In these books, trying new dishes is the more important than cooking something similar to what we regularly eat. But these cookbooks offer alternatives as well, when you want to make the dish more similar to something we might be eating today. They give you advice on how or where to find a certain ingredient or how to get a substitute of it. And they share the wonderful idea that photos of these dishes should be presented NOT according to marketing issues, doing a lot of photo-shopping or food-photographing, but insisting on photos of the actual dishes just as they are. Or on pictures of the dishes in contemporary sources like paintings or printings.

All three book offer the wonderful opportunity to feel something of what the Past might have been like and what its flavors were. And they are wonderful to spend time with friends exploring foreign times & sensations – to try something new and to ask ourselves why and how we eat today. And there is another question as well: we always center on objects, on the material world that surrounds us. What about the immaterial issues of sensory impressions? How do they feel, do they open up new entrances to the Past? Other ones than the usual museum exhibitions with objects behind glass?

Lets try it!

P.S. If you have another ideas for cookbooks that might be interesting, let me know! I´m looking forward to it!

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Related Reading:

Browman, D. & J. Gundersen, 2007. Altiplano comestible clays: Prehistoric and historic geophagy of Highland Peru & Bolivia. Geoarchaeology 8 : 5, S. 413-425.

Fenske, M., 2009. Abenteuer Geschichte. Zeitreisen in der Spätmoderne. In Hardtwig & Schig (Ed.): History Sells! Franz Steiner Verlag.

Lutz, P., 2007. Herrenspeis & Bauernspeis. Krumme Krapfen, Olla Potrida und Mamonia. Rezepte aus der mittelalterlichen Burgküche. Fulda: Verlag M. Naumann.  

Lüning, J., 2000. Steinzeitliche Bauern in Deutschland – die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn: Habelt.

Peschke, H.-P. von & W. Feldmann, 2001. Kochbuch der Renaissance. Düsseldorf: Patmos Verlag.

Werner, A. & J. Dummer, 2010. Kochen durch die Epochen. Von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Stuttgart: Theiss.

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Geschichtete lebendige Geschichte – Layered Living History

Berlin, meine momentane Heimat, wirbt in vielen seiner Reisekataloge etc. mit Slogans wie diesem: “An vielen Punkten Berlins, ist die Geschichte zum anfassen nah.” (über die seltsame Zeichensetzung und Orthographie sehen wir mal hinweg….). Meist dokumentiert durch ein Bild der Berliner Mauer oder durch das übliche Checkpoint-Charlie-Bildchen. Tatsächlich scheint sich Berlin durch die Nutzung der Berliner Mauer in den Jahren 1961-1989 als Touristenspektakel den Ruf erworben zu haben, dass man hier sozusagen den “Puls der Geschichte” fühlen könne. Der direkte Blick von einem Wertesystem ins andere – schlicht durch den Blick über die Mauer in den “Osten”, in den Sozialismus. So wie auf diesem Bild hier:

AK_12039192_kl_1(Quelle & Kaufmöglichkeit des Bildes/Postkarte: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

Dass dies jahrzehntelang möglich war, hat wohl dazu geführt, dass Berlin als Stadt gilt, in der Geschichte lebendig wird. Aber ich denke, dass Geschichte auf ganz andere Weise in Berlin lebendig wird. Auf eine Weise, die noch viel intensiver ist und zum Nachdenken anregt. Zum Nachdenken über die kontinuierliche Veränderung von Stadt, Landschaft, Nutzung und Perzeption von Raum. Möglich wird das durch das ständige Anwachsen der Möglichkeiten, die vergangene Geschichts-Schichten ganz direkt in den berliner Alltag integrieren. Nicht nur für Besucher und Touristen, sondern für jeden, der in dieser Stadt täglich unterwegs ist.

Das Konzept von „Living History“, wie es v.a. in den USA gelebt wird, beinhaltet zumeist das Nachstellen historischer Ereignisse oder Lebenswelten (eine anregender Blogeintrag hierzu: Paul Mullins über Re-enactment). In Deutschland ist das wohl weniger verbreitet, dafür gibt es hier eine größere Anzahl von Freilichtmuseen, in denen zum Teil auch der Alltag vergangener Zeiten an bestimmten Tagen „nachgelebt“ wird. Man taucht ein in ein Gefühl vergangener Zeiten und nimmt an alltäglichen Aktivitäten teil: Brotbacken, den Garten hegen, Pfeile herstellen. Und so weiter. Trotzdem sind diese Aktivitäten und Möglichkeiten doch außerhalb unseres eigenen Alltags. Man fährt zu einem bestimmten Ort um dort an diesen Aktivitäten teilzunehmen. Heraus aus unserem eigenen Leben, hinein in ein anderes. „Eintauchen in eine andere Welt“ ist deshalb häufig ein Thema bei diesen Angeboten. Es geht gerade um das Erfühlen eines neuen, ungewohnten, fremden Alltags statt dem der uns tagtäglich umgibt. Und obwohl das natürlich unglaublich spannend und lehrreich sein kann – prinzipiell glaube ich, dass Geschichte und Archäologie uns täglich umgeben und einen Großteil unseres Alltags mitgestalten. Denn obwohl wir nicht immer bewusst daran denken, sind Landschaft und Architektur, die uns umgeben, Teil eines Zeitflusses, der eine ständige Veränderung beinhaltet.

Deshalb ist „Lebendige Geschichte“ im wahrsten Sinne des Wortes für mich die, die ich im Alltag habe, sie oft sehe und fühle. Und hier kommt Berlin wieder ins Spiel. Berlin hat in den letzten Jahren viele Angebote entwickelt, die mit relativ wenig Finanzierung einige Punkte der Stadtgeschichte aus der „Das macht man da mal am Wochenende“ –Ecke herausholt und sie in den Alltag hineinbringt. Und so dazu beiträgt, dass das eigene Leben eine zeitliche Verlängerung erfährt, denn die eigene Gegend, der Kiez, das eigene Haus können dazu gehören.

Ein Beispiel sind etwa die “Geschichtstafeln“, die an einigen Orten der Stadt massiert aufgestellt wurden. Wie zum Beispiel die 39 Tafeln auf einer zwei Kilometer langen Strecke am Baudenkmal Karl-Marx-Allee (auch als Stalinallee bekannt). Man läuft – und liest und steht dabei direkt drin in der Geschichte. Gebäude werden sozusagen lebendig, Menschen und Ereignisse werden direkt mit ihnen oder dem Ort auf dem sie stehen verknüpft.

Ähnlich verfährt das Konzept, dass im Rahmen der 775-Jahr-Feier Berlins im letzten Jahr, 2012, entwickelt wurde: durch Markierungen auf den Straßen und Gehwegen kann der Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer Berlins direkt nachvollzogen werden. Die Markierungen sind tatsächlich alle 5 -10 Meter gesetzt und oft noch durch Aussagen in Schablonen-Spray-Weise hervorgehoben, sodass außer der Information, dass hier die Stadtmauer stand, noch Dinge zu erfahren sind aus der Anfangszeit Berlins. Ausstellungstürme ergänzten diese Informationen und brachten zusätzliche Möglichkeiten die Stadtmauer und die frühere (Stadt-)Landschaft nachzuvollziehen. Obwohl die Türme mittlerweile schon weg sind – die Bodenmarkierungen sind immer noch da, wenn auch etwas verwittert und lassen weiterhin Geschichte lebendig werden.

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Ein jetzt umfunktionierter Turm. Erst im Projekt 775 Jahre Berlin – jetzt Aussichtspunkt in die Bauarbeiten der neuen U-Bahn-Linie 5.

Erweitert wurde das Ganze durch einen „Stadtplan“, der auf einer Wiese im Zentrum Berlins nachgebaut wurde. Viertel und Häuser wurden durch übermannsgroße „Stecknadeln“ markiert, die jeweils ein bestimmtes Thema, Menschen oder Ereignis im öffentlichen Raum verorteten. Diese Idee war so erfolgreich, dass immer Dutzende von Menschen die Möglich wahrnahmen, hier Geschichte zu erlaufen und zu erfahren.

Auch die Berliner Mauer ist mit solchen Bodenmarkierungen im Stadtraum präsent. Da von der eigentlichen Mauer nur noch wenige Reste stehen, ist die Markierung des Mauerverlaufs mit einem bronzenen Band eine Möglichkeit, die Präsenz und Geschichte dieser fast 40 Jahre erfahrbar und erfühlbar zu machen.

A "BERLINER MAUER 1961–1989" plaque ...

A “BERLINER MAUER 1961–1989” plaque near Checkpoint Charlie signifying where the wall stood (Photo credit: Wikipedia)

Noch konkreter wird dieses Fühlen in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Gedenkstätte nutzt tatsächlich nicht nur die Tatsache, dass hier mal die Berliner Mauer stand, sondern sie arbeitet mit einem Areal, das einen recht weiten Umkreis der Berliner Mauer abdeckt. So kann man auf dem Gelände der Gedenkstätte die Reste der Mauer sehen: Wachtürme, Mauerstücke selbst. Aber, und das finde ich viel wichtiger, der Radius der Mauer bezog sich ja nicht auf ein Stück Beton und den Todesstreifen. Er hatte Auswirkungen auf alle umliegenden Straßen und Häuser und das wird in der Gedenkstätte sehr plastisch klar. An den umliegenden Häusern sind metergroße Fotoplanen aufgezogen, die genau diese Häuser zu verschiedenen Zeitpunkten des Mauerbaus und während der darauf folgenden 40 Jahre zeigen. Auf dem Pflaster der umliegenden Straßen sind Plaketten eingelassen, die den Darüberlaufenden darauf aufmerksam machen, dass genau HIER, an diesem Punkt, ein Mensch von der Staatssicherheit (dem Geheimdienst der DDR) festgenommen wurde. Der Vorwurf: Fluchtversuch. Der Todesstreifen selbst und die ihn umgebende Mauer wird durch einen breiten Rasenstreifen symbolisiert und durch eine “durchlässige” Mauer aus Stahlpfosten.

Berliner mauer kennzeichnung

Berliner mauer kennzeichnung (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Strelitzer Straße aus Richtung Westen gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der ...

Deutsch: Gedenkstätte Berliner Mauer, von der Gartenstraße aus Richtung Osten gesehen (Photo credit: Wikipedia)

Das Projekt Stolpersteine, das in ganz Deutschland aktiv ist, (http://www.stolpersteine-berlin.de/de/berlin) hat in Berlin viele Unterstützer, sodass auch die Zeit von 1933 – 1945 an ganz persönlichen Schicksalen und Namen festgemacht wird, die man beim Gehen immer wieder findet – und über sie stolpert.

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“Stolperstein”

All diese Beispiele zeigen, dass auf diese Art in Berlin an vielen Orten etwas lebendig wird, dass man als Geschichte kennt und vielleicht mal irgendwo gelesen hat. Hier ist es fühlbar, nacherlebbar, selbst ohne Living History, Re-Enactment oder Ähnliches. Und ich denke, diese Art lebendiger Geschichte ist überall machbar – so wie in Berlin auch mit relativ günstigen Mitteln oder, falls möglich, mit etwas mehr Budget. Berlin hat es geschafft, auch ohne große Mittel einige dieser geschichtlichen Momente erlebbar zu machen.

Diese Art lebendiger Geschichte ist natürlich nicht nur im städtischen Kontext möglich und machbar. Während meiner Feldarbeit in den ländlichen Regionen Südamerikas war es immer ein Anliegen, Archäologie und archäologisches Wissen konkret an Mitarbeiter und lokale Anwohner zu vermitteln (in spanischer Sprache: BLOGSPOT PAAS). Dazu reichte teilweise eine Scherbe und viel Hintergrundwissen, denn wenn man dann noch am Fundort selber sitzt, den Blick über die Landschaft schweifen lassen kann und in der Hand eine inkazeitliche Pfeilspitze hält, steht einem intensiven Gedanken- und Wissensaustausch mit wem-auch-immer nichts mehr im Wege. Während Seminare und Workshops zum diesem Thema Wissensvermittlung in einem gesonderten Kontext bearbeiteten, war diese ganz direkte Art von Geschichtserleben etwas sehr Besonderes, das alle Anwesenden berührte. Eine ganz andere, virtuelle Möglichkeit sind z.B. Rekonstruktionen archäologischer Landschaften – wie in diesem Beispiel einer mesolithischen Landschaft, die im Video lebendig erfühlbar wird. Verstärkt würde das natürlich wenn man dieses Video direkt IN der Landschaft zeigen könnte. Die Verwendung von Dioramen oder Landschaftsbildern hat ja eine lange Tradition, aber am stärksten empfindet man sie meiner Meinung nach immer im Vergleich zur tatsächlich vor einem liegenden Landschaft und nicht in einem Museum. Trotzdem hier ein wunderbares konkretes Gegenbeispiel: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

Mit all diesen unterschiedlichen Mitteln zur konkreten Einbindung von Geschichte, Landschaft und Architektur über die Zeit kommen auch Fragen auf. Und genau darum geht es ja auch: sich selbst hinterfragen, den eigenen räumlichen oder persönlichen Kontext interpretieren: Wie funktioniert die Nutzung von Raum und Landschaft? Was bedeutet diese kontinuierliche Änderung von Zuschreibungen von Raum und dessen Nutzung? Es richtet den Blick auf die Jahre und Jahrhunderte, die verflossen sind und etwa die Stadtmauer schleiften, darauf ein (nun abgerissenes, überbautes und nun neu zu bauendes) Stadtschloss setzte und Freiflächen drumherum. Wie stehen wir selbst in diesem Zeitfluss? Was ist unsere eigene Rolle? Wer sind wir im Vergleich zu den Menschen der Vergangenheit?

Direkte Geschichte umgibt uns jeden Tag. Ihre vielen, über die Jahrhunderte gewachsenen Schichten durchdringen unsere Leben und stellen uns in eine zeitliche Reihe mit vielen anderen Menschen, die vor uns gelebt haben. Es ist nicht kostspielig oder unmöglich, einige dieser Geschichts-Schichten uns auch jeden Tag zugänglich zu machen. Es braucht vor allem das Bewusstsein , dass die materiellen Hinterlassenschaften oder ihre virtuelle Anwesenheit vorhanden sind. Wir sollten sie nutzen!

Weiterführende Links:

Tagungsbericht zum Thema „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

Das deutschsprachige Magazin zum Thema Archäologie, Geschichte, Living History: http://chronico.de/magazin/

ENGLISH VERSION

My current home town, Berlin, is presenting itself with slogans like: …on many points of Berlin, history is almost palpable.. This is usually accompanied by a photo of the Berlin Wall or one of the photos of famous Checkpoint Charlie, one of the exchange points where the four occupational sector of Berlin met. Maybe Berlin has come to play this role of “the city of palpable history” through the decades from 1961 to 1989 when thousands of visitors used the Berlin Wall to snatch a glimpse of “the Other” looking over the wall to the Russian (i.e. socialist) sector, feeling the so-called “pulse of history”. The direct view from one economical and ideological system into another, separated by only a few meters of distance! This picture provides an insight into this touristic activity:

AK_12039192_kl_1(Source and Sale of this photo / postcard: http://www.ansichtskarten-center.de/zoll-grenze/1000-berlin-berliner-mauer-potsdamer-platz-aussichtspunkt ).

This “snatch a look of “history” has been possible for decades and led presumably to the idea that Berlin is a city where history can be felt at every step. But I think that history may be palpable in Berlin in many other ways, too. In ways, that is, that are more intense and thought provoking. Thoughts on the continuous change of the city, landscape, and the use and perception of space. This is possible thanks to the growing range of possibilities to include and integrate “past” times directly into the Berlin everyday life. Not only for visitors and tourists but for everyone who lives and walks in the city of Berlin.

The concept of “Living History” as it is known in the United States includes normally a re-enactment of historical events or situations (an inspiring blog entry by Paul Mullins concerning re-enactment). In Germany this is less often seen, but we have a wide range of open air museums that offer the possibility to “live” everyday life of past times on certain days. You dive into the feeling of this particular period of time and take part in everyday activities like bread baking, gardening, making arrows and the like. But after all, these possibilities and activities are situated outside of our own life. You go to a certain place to participate at these activities. You go out of your everyday routine to experience another. “Diving into another world” is often a theme which these museums evolve around, together with “Experience how it really was”, “Making history becoming real” and so on. The getting into an experience that is often diametrically opposed to our own, feeling and experiencing an everyday life so strange and new, that’s the main point of open air museums. And this is awfully interesting and teaches a whole lot of things about the past. But in the end I think that history and archaeology surround us daily and influence a big part of our every day experiences. And this is an internal experience, not something you have to go to in order to participate in some special activity. Because even if we don’t think about it consciously, landscape and architecture are parts of a time river that includes continuous change.

This way „Living History“ is for me the one that I can feel and experience in my everyday life. And that’s where Berlin comes in again. Berlin has developed a lot of possibilities that work without a big financiation but nevertheless they take history out of the “that’s something I would like to do on our weekend” – thing and includes it into the daily life. And this helps to put our own lives into a greater context of time. And your area, your own house may become a part of this.

One example of this are the „history plates” which have been placed massively at some places. Like the 39 panels on the two kilometers of the architectural monument called Karl-Marx-Allee in the Berlin East (formerly known as Stalin Alley). You walk – and read and are getting involved directly in the history of this stretch of stalinist architecture. The buildings come alive as the histories of people and events are being told and tied to the buildings and places around you.

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One of the “history plates” on the Karl-Marx-Allee in East Berlin, offering information and photos in German and English.

In a similar way the concept of “775-years of Berlin”, developed in 2012, works with architectural designs of the medieval part of Berlin which is nowadays almost invisible due to reconstruction, war and socialist re-building. Marks on the ground and pavement indicate the position of the former medieval city walls. These marks have been sprayed in black paint on the pavement and their position every 5 or 10 meters includes additional information about the first years of the City of Berlin. Watchtowers completed this concept, offering information about the position of the city wall and its implications for the space and landscape inside and outside the city. Although the towers are gone by now as the feasts and celebrations of this special date have finished last year, the marks on the ground still persist and help history to come alive while wandering around. The whole concept was completed by a walkable city map which had been on display in a central park of Berlin, pinpointing different areas or even houses on the map and telling their stories in the public space. This idea was so successful that the map was always overcrowded with different people: tourists and locals alike.

The Berlin Wall, the most famous Berlin emblem, is present in the public space. As the actual Berlin Wall is visible only in a very few places, the marking of the position of the wall with a bronce band which has been inserted into the pavement has proved a very good idea to making the wall present at each and every step. Feeling the presence of the Berlin Wall is especially intense at the Berlin Wall Memorial at Bernauer Straße. The memorial uses not only the fact that the Berlin Wall once stood here, but they work with a whole area which surrounded the wall and the implications that the Wall had for this area and the people who lived in this neighborhood. At the memorial you may actually see parts of the original Berlin Wall: watchtowers, parts of the concrete wall. But, and this seems more important to me, there are reminders in the surrounding area about the impact of the Berlin Wall. The wall did not have an impact only at the wall itself. It had impacts on everything around it and this becomes very clear when you see the Memorial. The surrounding houses have been plastered with metre high photos which show these same buildings during the erection and/or existence of the wall. The streets around the Memorial show plates inserted into the ground which read, for example: “at xx.xx.xxxx (date) ON this point X.X. has been arrested for trying to escape the socialist sector”., integrating thus the surrounding areas into the memorial. The wall itself is symbolized by a wide band of grass and a “transparent” wall of steal posts. (see photos above in the German version).

Furthermore, the project (http://www.stolpersteine-berlin.de/en/stolpersteine) which has been active overall Germany, has many supporters in Berlin. The artist who “invented” the project inserts brass stones with the birth and death dates of deported persons into the pavement in front of the house they last lived in, commemorating their life and death circumstances. So, the years between 1933 and 1945 can be tied to personal lives and names and show you the whole impact of National Socialism and its mass deportation system.

All these examples show in which ways Berlin has made history palpable and alive. Facts you may have read in some place become a reality as you walk in and through the city. It’s a direct experience, even without any re-enactment or the like. I think that this version of Living History is viable almost everywhere – and like in Berlin, you don’t need a lot of funding for them, compared to regular museum projects.

Surely, this version of palpable history is not only viable in an urban context. During my fieldwork in rural parts of South America, imparting archaeological knowledge to co-workers and local people always formed part of the project (have a look at it in Spanish: BLOG PAAS). The only thing we needed was a sherd and a lot of background knowledge. If you are sitting right at the archaeological site, looking at the landscape that surrounds it and you have an incaic arrowpoint in your hand – than there´s nothing left to wish for. You can start right away to interchange ideas and knowledge about this archaeological site and its time and culture. Whilst workshops tried to diffuse knowledge in a more scholarly way, this direct approach to impart knowledge worked on a more emotional level which touched all people present. Another, more virtual, possibility is the reconstruction of archaeological landscapes like this Mesolithic one, which becomes almost alive in this video. I think that this feeling would be even stronger if you showed the video in the actual place that today IS this landscape. Using diorames and pictures of landscapes has a long tradition, but the strongest impact may be achieved when used in the actual context of the find or landscape. Still, there´s a wonderful example for a museum diorama at: http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/das-museum/dauerausstellung/dioramen/ !

With all this different ways to include history, landscape and architecture into time and space, there will be questions. And that’s just what this is all about. People should question themselves when experimenting these “reminders” of times long gone. Question their personal or spacial context and interpret it: How does the use of space and landscape functions= What does the changing notion of space and its uses mean to me? Your view will be focused on the years and centuries which demolished the city walls to build a castle on it, which in itself has been deconstructed and is right now reconstructed again. Where do we locate ourselves in this flow of time? What is our role? Who are we, comparing ourselves to the people of the past?

The layers of history which have grown over the centuries surround us every day. These various layers permeate our lives and put us in a line with all those people who have lived before us. It´s not impossible nor expensive to make this history come alive, to be accessible. Above all, it needs the awareness that their material remains or even their virtual presence is present. And we should use it!

Links with further information:

One of the latest conference on „Living History in Deutschland“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2171

Wikipedia-Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Living_History#cite_note-13

A German journal on archaeology, history and living history: http://chronico.de/magazin/