Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


Leave a comment

Das Kykladische Museum in Athen / The Cycladic Museum at Athens

Cycladic Museum Athens sprachederdingeblog

Cycladic Museum Athens sprachederdingeblog

 

Athen im Mai 2015 beinhaltete mehrere Tage voller Museen. Und dann nochmal Museen, und dann noch mehr und noch die Fundorte. Ach, und Museen! Wenn an jeder Ecke ein Fundort liegt, bleiben dutzende Museumsbesuche nicht aus.

Das Kykladische Museum  (hier der kurze deutsche Wikipedia-Eintrag dazu) war jedoch ein besonderer Fall, denn dieses Museum basiert nicht auf einem Fundort in oder um Athen, sondern auf dem Inhalt verschiedener privater Sammlungen, die sich unter dem Dach des Kykladischen Museums zusammengeschlossen und durch weitere Ankäufe seit der Gründung in den 1980er Jahren vergrößert haben. Auch der Name ist etwas irreführend, denn es geht nicht um die Kykladischen Kulturen, sondern nur teilweise um diese und dann um das gesamte archaische und klassische Griechenland, bis etwa in die römische Zeit.

Generell: dieses Museum hat vier Stockwerke, voll mit Objekten. und was sofort auffällt: alle Stockwerke sind in einer durchgehend durchdachten Art & Weise eingerichtet und doch hat jedes Stockwerk seinen eigenen Charakter. Gleich im ersten Stock geht es um die Dinge, die dem Museum seinen Namen gaben: die Kykladische Kultur. Wunderbare Statuen, Keramiken und andere Objekte werden in einer sehr zurückgenommenen, dunkel gehaltenen und eleganten Art & Weise präsentiert, es gibt viel Platz um den Objekten nahe zu kommen, sie zu betrachten und die Information zu verarbeiten.

This slideshow requires JavaScript.

Das zweite Stockwerk ist den Archaischen Kulturen Griechenlands gewidmet, das dritte der Bronzezeit und das oberste schließlich der Klassischen Periode – dem, was wir heute häufig als “typisch griechisch/klassisch” erkennen. Jedes Stockwerk ist farblich durchdesigned und v.a. Stockwerk 3 und 4 haben relativ viele technische Zusatz”spiel”möglichkeiten im Programm: Videos, interaktive Bildschirme. Gerade das oberste Stockwerk war zudem so gestaltet, dass hier Objekte und Abbildungen von Vasen oder Reenactment-Fotos sich ergänzen. Dies macht viele Objekte verständlicher, und Videos und Fotos machen das Ganze dann noch plastischer. Allerdings ist hier den Machern doch manchmal etwas die Hand ausgerutscht, denn wenn die Infotafeln gut gemacht sind und weder zuviel noch zuwenig Information hergeben, wurde offensichtlich alles andere in die elektronischen Medien gesteckt, sodass selbst gestandene Mittelmeer-Archäologen an meiner Seite nicht recht wussten, wie sie mit soviel Information umgehen sollten. Interaktive Tafeln für Kinder, die den Mittelmeerverkehr mit Schiffen zeigten, waren zwar auf griechisch und englisch gestaltet, hatten dann aber soviel einander überlagernde Informationen, dass wir nicht mehr wussten, wer wie wohin segelte, warum und was “unser” Schiff gerade anstellte.

Wer, wie ich, wenig Ahnung von archaischer und / oder klassischer Antike in Griechenland hat, lernt hier viel und die zurückgenommene Darstellung der Objekte, und das Herausheben einzelner Objekte in wunderbar ausgeleuchteten Vitrinen  macht es auch zu einem ästhetischen Erlebnis. Die verschiedenen Ausstellungsdesigns der einzelnen Etagen heben die einzelnen Perioden voneinander ab, und ermöglichen es dem Besucher, sich durch eine doch erhebliche Masse von Objekten zu bewegen ohne zu ermüden. Neue Anreize fürs Auge und das Hirn beugen Erschöpfung vor, gleichzeitig sind alle Stockwerke aber immer noch so zurückgenommen im Design, dass man sich trotzdem wohl und nicht überfrachtet fühlt.

Insgesamt war dieses Erlebnis eine sehr relaxte Angelegenheit, wobei die elegante Ausstattung und die zurückgenommene Darstellung einen großen Einfluss hatten. Leider hatte ich dann doch einige Zweifel bezüglich der Herkunft der Objekte, die, wie in vielen anderen Museen in Athen, nie angesprochen wird. Das ist mir ein Rätsel, denn offenes Umgehen mit diesen schwierigen Themen wäre eigentlich angebracht? Hier wird “Herkunft” einfach herausgenommen. Die Objekte stehen im Vordergrund, so wie es auch die Ausstellungsoptik vormacht. Fundgeschichte – inexistent.

Problematiken wie Looting etc werden ausgespart, der Besucher mit schönen Objekten “bombardiert”. Ein offensiverer Umgang mit diesem schwierigem Thema wäre traumhaft, so muss man sich mit einem wunderschönen, durchdesignten Museum begnügen, dass ganz auf die Schönheit des Objekts setzt.

ENGLISH VERSION

Athens in May 2015 consisted mainly in visiting museums. Day after day, I went to other museums, to site museums, archeological sites and the like. Oh, and  – museums! Did I mention the museums?

The Cycladic Museum (see the brief wikipedia entry here) was a special case as this museum is not (even in a broader sense) a site museum, but is based on the contents of different private archaeological collection, that have been united under the roof of the Cycladic Museum, being increased through acquisitions from the 1980s onwards. Even the name is somewhat misleading, as this museum does no ONLY present cycladic art (although it does) but presents objects from all over classical and archaic Greece up to the Roman Period.

This museums has four storeys, full of objects, and even more objects and what comes to mind immediately is: these storeys have been meticulously designed so that each one of them has its own character. The first storey is about the Art that gave the museum its name: Cycladic Art and Cycladic Culture. Wonderful statues, ceramics and other objects are presented in such an elegant way, relaying on dark colors and spotlights, that one is tempted to approach each object as a treasure. There is much space to have a look of each of the objects, to read and pass time with each of the statues and pots.

 

This slideshow requires JavaScript.

The second story is dedicated to the archaic cultures of Greece, the third to the Bronze Age and the fourth and last one to the “classical Greece”, things that even non-archaeologist would recognize as “typically greek”. Each story follows its own color code, and story 3 and 4 present a lot of technical gimmicks: videos and interactive screens. And it was the froth story that presented in addition a presentation where vases and photos of greek vase painting intertwined with photos and videos that depict the scenes from the pottery with actual people. In this way, vases and reenactment intertwine and complement each other – a feature that I liked very much, but my companions found rather dreadful. Unfortunately, the implementation of interactive elements went a little bit far, because information was so overcrowded in these features, that I was unable to follow any of the bits of information found. Even knowledgable colleagues didn’t know how to use these features meaningfully. And besides: most of the interactive features were designed for children, not even for adults. So, if I feel overcrowded with detailed information on the mediterranean shipping traffic in the Bronze Age, than a child of say 6-8 years would be as well, trust me.

People like me, with a limited knowledge on archaic and classical Greece learn a lot due to the presentation of information next to the objects, and the perfect design of the museum makes a visit an aesthetic experience as well. The different exhibition designs create different atmospheres  and the visitor is able to move through a LOT of objects without feeling to overwhelmed. New stimulation for the eye and the mind prevent exhaustion facing dozens and dozens of pots, armours, textiles, stone objects. But even so, each story is at the same time presented in a rather withdrawn way so as not to overpower the visitor.

Generally speaking, this experience was a really relaxed visit to a great museum. But there is a dark side as well. I had rather serious doubts about the provenience of the objects, a fact that is not faced in any Athenean museum. IN the Cycladic Museum, with its roots and history in private collections, this problems seemed even more pressing. I couldn’t understand why this topic is not faced anywhere in the museum, not even in a minuscule information. “Provenience” is not a topic. Full stop. The objects are in the foreground, beautifully presented and cherished. The objects history – inexistent.

So in the end, the visitor is “bombarded” with a most exquisite and beautiful presentation of beautiful objects. But an offensive handling of such a difficult topic would have been great. As it is, we have to content ourselves with a beautifully designed museum, which is putting all its weight on the beauty of objects without a history.

Advertisements


5 Comments

Mini-Museum oder Die Vergangenheit im Getränkemarkt./ Mini-Museum or: History at the Corner Shop

Wann ist ein Museum eigentlich ein Museum? Wenn es mehrere Räume hat? Oder viele Besucher? Oder dauerhaft in der sozialen Gemeinschaft verankert ist? Die ICOM sagt ja: “Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ (ICOM 2006). Ein Ausstellunghaus hingegen: Haus, das im Wesentlichen auf eine eigene Sammlung verzichtet, aber auch keine Verkaufsausstellungen veranstaltet.” Gedenkstätten? Und was ist mit Folgendem:

Im berliner Stadtteil Friedrichshain gibt es ein “Museum”, dass eigentlich nur aus drei Billy-Regalen besteht und das mitten im Getränkemarkt aufgebaut ist. Dort steht es seit Jahr und Tag und jeder Besucher/Käufer kommt dran vorbei. Viele bleiben stehen, schauen, fragen etwas zu den Objekten. Friedrichshain liegt im Osten der Stadt, also im ehemals sozialistischen Gebiet der DDR. Und der Besitzer des Getränkemarktes hat hier Objekte ausgestellt, die nur ein einziges Merkmal eint: sie alle stammen aus der DDR und gehören zur Alltags-Welt dieses vergangenen Staates. Von der Brause (aka Limonade) bis zum Radio ist einiges vertreten und auf Nachfrage erzählte er mir, das alles hätten ihm Kunden vorbeibracht, die Ausstellung ist also im Wachsen begriffen. Warum aber stellt er das hier alles aus? Was ist der Zweck davon und was die Motivation, das alles abzustauben und zu erweitern? Der Besitzer sagte einfach nur: “Wir hatten die Sachen zuhause und denn ham die Kunden da immer ooch ma wat mitjebracht! Und nu steht dit ehm hier!”.

Kleine Museen, wie etwas die Heimatstube in Raddusch, oder eben die drei Billy-Regale im Getränkemarkt gehören ganz sicher zu den “Wilden Museen” *. Ein Museum der Kleinen Leute. Hier steht das Objekt nur für sich, es wird nicht abgegrenzt, es ist kein Bild, Symbol für irgendetwas (Janelli 2012: 28). Nein, es soll uns einfach nur erinnern an etwas das war. Das so nicht mehr existiert, aber in uns noch weiterlebt. Ganz ohne Beschriftung und Erklärung sprechen hier die Dinge für sich selbst. für manche als Erinnerungs-Jogging, für andere als exotisches Ding aus vergangenen Zeiten ohne jegliche Verbindung zu einem selbst. Hier kommen Menschen ins Gespräch – darüber was das für Dinge sind, wofür sie benutzt wurden. Sie erzählen einander davon, wie schwer es war diese Dinge zu bekommen in der sozialistischen Planwirtschaft.

Es ist eine sehr lebendige Sache, so ein Minimuseum im Getränkemarkt. Und es ist nicht so konsumbasiert wie andere Ausstellungen in Einkaufszentren, und auch nicht effektheischend. Es ist eher eine Erinnerung und ein Gesprächsgrund. Lebendige Geschichte – für den, der sich darauf einlassen will.

*A. Janelli, 2012. Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums. Transcript Verlag.

Museum im Getränkemarkt - Sprache der Dinge Blog

Museum im Getränkemarkt – Sprache der Dinge Blog

Foto 3 Foto 2ENGLISH VERSION

When is a Museum a Museum? Is there a minimum size? Or a minimum amount of visitors? Or does it have to be permanently linked to its surrounding society? The ICOM says: “A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.” (ICOM 2007). What about “exhibition buildings” that don’t have their own collections but exhibit? And what about memorial places – “A memorial is a structure built in order to remind people of a famous person or event.”? And what about the following:

In the Berlin neighborhood of Friedrichshain, there’s a museum that consists mainly of three shelves that are placed directly in a small super market. It has been there for some years and every day visitors / clients come along and have a look at it while buying drinks and alcohol. Many of them stop for a minute and start chatting about the things at display, talking to each other, asking the proprietor about his collection or just remembering events related to these objects in their own lives. Friedrichshain is located at the Eastern part of Berlin and belonged to the former socialist GDR. And the proprietor has on display objects from GDR-times. They all belonged to the everyday life of this lost state: starting with lemonade bottles and up to radios there’s almost everything on display and when I asked him how the things got here and if they belonged to him, he told me that clients had started to bring these things over and are still doing it. The collection is growing. But why does he exhibit these objects? What´s his motivation? Where does the energy to preserve these things come from, to look after them and have them cleaned all the time? The only answer I got was: “Well, we had these things at home, then we put them here, the clients started to bring other things around and now they are just here!”.

Small museums, as the typical local museum consisting of one or two small rooms crammed with objects collected by a mostly private person, or these three shelves at the supermarket belong surely to what is called “Wild Museums” or “amateur museums”. Its ” a museum for ordinary people”*. Here, the object represents itself, its not a symbol or a an image of something. It just is itself, reminding us of personal events or memories. Reminding us of something that doesn’t exist anymore – without any explanation the objects speak for themselves, raise questions or curiosity. It´s like memorizing for some people or being an exotic object for others. People get to talk to each other contemplating the objects, because these represent so many different, personal ideas. At the supermarket, people talk about how difficult it was to buy these objects in socialist times, relating very personal stories to strangers. Others wonder about the design or function. Anyway, they make people talk.

It’s a very animated thing, this little museum at the supermarket. And its not centered on consuming things, like the exhibitions in shopping malls and it doesn’t want to get your attention no matter what. Its just living history and living memory. For anybody who likes to join.

*A. Janelli, 2012. Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums. Transcript Verlag.


1 Comment

Humboldt Lab #3

Neulich war ich endlich im Humboldt Lab #3, denn ich wollte wissen, wie es denn weitergeht nach der ersten tollen Ausstellung, die ich im Mai gesehen hatte. Leider habe ich #2 verpasst, aber gut. Jetzt wieder!
Humboldt Lab 3, noch bis Ende März 2014 im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen, bestand aus insgesamt vier Ideen:
Michael Kraus’ “Fotografien berühren“,
“24 h Dahlem” von Clara Jo,
Mensch-Objekt-Jaguar” von Sebastian Mejía & Andrea Scholz,
Und “Warum nicht?” an 27 verschiedenen, unerwarteten Stellen des Museums als Intervention der Dauerausstellung.

Prinzipiell muss ich sagen, dass ich die Idee des ersten Humboldt Labs, die Ausstellungen räumlich vor allem im 1. OG zu vereinen, sehr gut fand – besser als die jetzige, sie über das gesamte Gebäude zu verteilen. Nummer drei habe ich zum Beispiel trotz Faltplan nicht gefunden, sie sollte im Untergeschoss sein. Nachdem ich erst im Restaurant und dann im Vortragsraum stand, habe ich aufgegeben. Ich suche zwar gerne, aber doch nicht zu lange im Museum nach etwas, das ich sehen will. Dieser Post als ohne Humboldt Lab “mensch – objekt – jaguar “.
Die erste Ausstellung “Fotografien berühren” beschäftigte sich mit Fotografien südamerikanischer Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Während man im ersten grossen Saal mit überlebensgrossen, ganz leicht animierten Fotografien aus den Sammlungen des Museums konfrontiert wird, gibt Michael Kraus hierzu im zweiten Raum eine sehr persönliche Einführung in die Fotografien und ihre Welt. Vor allem aber spricht er darüber wie diese ihn persönlich bewegt haben. Welche Fragen sie aufbrachten, welche Emotionen. Das war sehr bewegend und hat auch in mir vieles berührt, da Portraitfotografienauch in mir immer die Frage aufbringen, wer diese Personen sind/waren. Was ihre Schicksale, welche ihre Situation während der Aufnahme? Die Beweggründe waren mir also persönlich sehr nahe, und auch die Möglichkeit im zweiten Raum mittels Ipad verschiedene Themen der Aufnahmen durchlaufen zu können, fand ich sehr anregend. Es handelte sich um Themen wie “Körper“, “Kunst“, etc. Auf Bänken standen mehrere Ipads mit Kopfhörern zur Verfügung um sich hier ganz in Ruhe zu informieren, die Fotos und dazu gehörende Originaltexte der Fotografen nebst Erklärungen einer Sprecherin zu hören. Wunderbar. Raum 3 jedoch war unglaublich gross und unglaublich leer. Hier konnte der Besucher selbst mittels Overheadprojekt Folien vieler Fotos an die Wand bringen, die mit den Daten der Fotos (Aufnahmedatum, Fotograf, Name des Menschen auf dem Foto) aufschienen. Vielleicht fehlt mir da ein Nexus, aber das erschloss sich mir nicht wirklich.

Nachdem ich mir viele der Fotografien angesehen hatte, wurde mir auch etwas klarer, was mir fehlte: eine Art Hintergrund zum Kontext in dem diese Fotografien entstanden. Was bedeutete diese Fotografie zur Zeit ihrer Entstehung? Welche sozialen, wissenschaftlichen Kontexte liegen darunter? Dies wurde zwar am Rande angesprochen, blieb mir aber zu sehr im Hintergrund. Es ging darum, sich den Fotografien persönlich zu nähern, diese durch Anfassen und Größe persönlicher zu spüren – ich hätte mir trotzdem ein wenig mehr Input zu diesem so unglaublich vielschichtigen, kontroversen Thema gewünscht. Pronzipiell geht mir dieser persönliche Zusammenhang bei allen Objekten durch den Kopf, v.a. auch bei den archäologischen Scherben, die mich seit langer Zeit begleiten. Man kann diesen persönlichen Bezug nie ausblenden, und ich finde ihn wichtig. Und es ist wichtig, ihn anzusprechen, die Personen hinter den Bildern (oder Objekten) hervorzuholen, soweit möglich. Trotzdem finde ich gerade Fotografie ein Thema, das auch kunst- und wissenschaftsgeschichtlich viel mehr verdient.

Interessant wäre es vielleicht gewesen, diese Ausstellung mit anderen, zeitglcihen Fotoausstellungen im Museum zu verbinden und unterliegende Ähnlichkeiten aufzuzeigen? Denn gleichzeitig gab es eine Ausstellung mit Fotografien junger Europäer im Museum für Europäische Kulturen, die ebenfalls Portraits UND diese in Verbindung mit Karteikarten mit Daten zum Aufnahmedatum, Aufnahmeumständen etc. zeigte. Faszinierend in Verbindung mit der von Michael Kraus´ kuratierten Ausstellung! Es bleibt aber dem Besucher überlassen, hier eine Verbindung zu entdecken. Schade eigentlich.

20131102-215831.jpg

20131102-215906.jpg

20131102-215921.jpg

Die zweite Ausstellung namens “24 h Dahlem” wird in mehreren Teilen geboten. Momentan läuft “Nacht” in einem Raum zwischen der Altamerika- und der Südsee-Ausstellung. Wie der Titel schon andeutet, beziehen sich die Macher auf das grossartige Werk des arte/rbb berlin namens “24 h Berlin” und damit ja auch indirekt auf die Vorläufer aus den 20 er Jahren, á la “Berlin – Sinfonie einer Großstadt” und ähnliche. Angepeilt ist laut dem Pressetext eine Vernetzung mit dem Archivmaterial dieser Produktion. Alleine gezeigt, steht das Projekt jedoch etwas im Regen und entwickelt nicht die gleich Strahlkraft wie das Original. Das Konzept bestand darin, die Nachtschicht des Museums mittels Video und Ton durchs Museum zu begleiten und einige Interviews einzuschneiden. Hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Ich mag die Vorläufermodelle sehr, vielleicht bleibt diese Installation für mich daher im Vergleich dazu sehr zurück. Und vielleicht muss man es wirklich irgendwann zusammen sehen um es genießen zu können.

Schön waren jedoch die Interventionen “Warum nicht?” der Dauerausstellungen in diesem dritten Humboldt Lab. Sie drehten sich v.a. um die Einbringung nicht “passender” Objekte in eine Dauerausstellung – etwa eine Skulptur aus dem Museum für europäische Ethnologie in der Altamerika-Ausstellung. Großartig auch die Verbindung im Museum für Asiatische Kunst, in dem der Bogen zur Nutzung bestimmter Architekturelemente im Berlin des 19. Jahrhunderts gezogen wurde. Das war wunderbar, zum Teil verbunden mit Fragen, die dem Zuschauer zusätzlich verdeutlichen sollten wo Zusammenhänge zwischen den Kulturen und damit den unterliegenden Gedankenstrukturen der Menschheit liegen. Schon strukturalistisch gedacht, aber wer sagt, dass das schlecht ist?  Ich glaube, “Interventionen” entwickelt sich zu meinem Lieblingsthema im Humboldt-Lab!

Deshalb: Ich freue mich jetzt schon auf Humboldt Lab # 4.

Ausgewählte Literatur:

Derenthal, R.D. Gadebusch, K. Specht (2012): Das koloniale Auge – Frühe Portraitfotografie in Indien. Koehler & Amelang, Berlin.

 

 

20131102-215942.jpg

20131102-215956.jpg

20131102-220008.jpg

20131102-220030.jpg

A week ago, I went to the Ethnological Museum Berlin to visit the 3rd presentation oft he Humboldt Lab, the experimental exhibition show case the museum has launched in order to prepare for their new presentations termed “Humboldt Forum” right in the center of Berlin from 2020 onwards.

I had visited the fist Humboldt Lab in May 2013 and wanted to re-visit because every three-four months there are new expositions on show. This time it was:

–          “Touching Photographs” by Michael Kraus,

–          “24 h Dahlem” by Clara Jo,

–          “Human-Object-Jaguar” by Sebastian Mejía & Andrea Scholz,

–          And “Why not?” – interventions in the permanent exhibitions that cause the visitor to stop, pause and think again.

All four exhibitions can be seen until March 30th, 2014.

First, I would like to say that I appreciated the idea to unite all the exhibitions in one place at the museum. That was the idea of the first Humboldt Lab, but this time the exhibitions were distributed all over the building – and I have to admit that I haven’t been able to find the exhibition “Human-Object-Jaguar”. I even had a map where all the locations were shown, but this exhibition was supposed to be in some room in the basement and I couldn’t find it. There´s a limit even for my willingness to search for an exhibition – and I gave up after 15 minutes, sorry. So, this post will be presented without “Human-Object-Jaguar”.

The first exhibition, called „Touching photographs“, was centered on photographs of South American people from the 19th and early 20th century. While the first room presented slightly animated larger-than-life copies of some of the photographs in question, the second room was designated to an explanation by the curator Michael Kraus. He gives a very personal, even emotional introduction to this corpus of photographs which have been taken on a couple of expedition to South America by different scientists or travelers and have been in custody of the Ethnological Museum since then. Mostly, he talks about how these photographs moved him personally when working with them. Moreover, in this room you had personal access to the photographs using I-pads and earphones. The photos have been arranged around central themes like “art”, body” and the like and are presented with an audio introduction on the photos, the situations in which they were taken and even excerpts of the travel diaries.

This section was very emotional to me. I am inclined to see always the background of these photos, thinking about the persons in them, the situations in which they were taken and what became of the people afterwards. So, this was something that took me in from the beginning!

At room #3 you could project photos on a wall by yourself. You would see the photo, the date and some details of the location and the person in it. I don’t know, but I didn’t quite get the idea of this part of the exhibition. The room was really big, and really – empty. There were only the projections on one of the walls – and that was that.

After seeing that many photographs, I felt a little bit dizzy and I had this vague feeling that something was missing from the exposition. Thinking about it, I would have liked more background information about photography as a social, scientific and ideological tool. That’s a field with much information and publications to it and it would haven been great to just have a little introduction into it – just to put a little background to the photographs presented. Photography is such a controversial, multilayered issue, it would have been great to say something about that aspect, too. I really liked the personal approach taken by the curator. Even with “my” ceramic fragments I cant help but wonder about the people who made them, used them, discarded them. And mostly, this personal aspect is often neglected and it seems to me so important to talk about it, make the people behind the objects visible!

Another idea that occurred to me would have been linking to other photo exhibitions in the museum at the same time. There was an exhibition with photos of contemporary European people at the Museum of European Cultures, that worked quite similar to the one curated by Michael Kraus: a presentation of photos and even some notes about the persons and their contexts. It was just fascinating to compare these contemporary pictures to the ones from South America a century ago. But its up to the visitor to discover this link and make the most of it.

The second exhibition, called „24 h Dahlem“ will be presented in different parts. Right now, “Night” is on display in a room between the permanent exhibitions of America and the South Seas. And as the title indicates, its about documenting a whole day at the Museum, making reference to the absolutely spectacular project of Arte / rbb Berlin called “24 h Berlin”, which presented 24 hours of city life, following dozens of persons during their daily (and nightly) activities in real time. It was one of the best things I ever saw on TV and seemingly in the tradition of spectacular works like “Berlin – Symphony of a City” of the 1920ies. According to the press release, “24 h Dahlem” is meant to be included in the database of “24 h Berlin”, but being shown on its own it just doesn’t develop the same power as the “original”. It’s a 15 minute version of a night at the Dahlem Museum – and it didn’t move me as much as it could. Comparing to “24 h Berlin”, this one is just not as imposing, but maybe it will work better once it has been included into the database?

What I really liked at Humboldt Lab # 3 were the interventions, this time titled „Why not?“. They focused on the integration of objects of “foreign” cultures into the permanent exhibitions. Thus, you may find a sculpture from Poland together with objects from ancient Peru or a 20th century baby pram in the North American Indian exhibition. Or, you may find information on the use of  certain architectonical elements from ancient India in 19th century Berlin. That’s great because it opens up a whole filed of questions (which are often presented right beneath the object) about similarity and underlying structures of thought, regarding all human cultures. That quite structuralistic, but well – isn’t that okay? Definitely, “Interventions” is about to become my favorite part of the Humboldt Lab!

So, thats it. I am already waiting for Part 4 of the Humboldt Lab!


3 Comments

Kunst & Archäologie: wechselseitige Inspirationen. / Art & Archaeology: mutual inspirations.

Vor vielen Jahren sah ich einmal eine kurze Reportage über eine Ausstellung in der Schweiz. Ihr Konzept war für mich derart großartig, dass ich sie nie vergessen konnte und mit ihr hier eine Reihe von Posts eröffnen möchte, die sich mit dem Thema Kunst & Archäologie beschäftigen werden.

Kunst & Archäologie gehen ja in vielen Universitäten immer noch zusammen, v.a. im englischsprachigen Raum ist ein “Art & Archaeology Department” an den Universtitäten gang und gäbe. Kunst und Kunstgeschichte gehen natürlich mit der Archäologie, v.a. der Klassischen Archäologie, Hand in Hand, aber das ist hier nicht das Thema. Mir geht es in den Posts dieser Reihe um die Zusammenarbeit und Inspiration von Archäologie und Kunst. Welche Gedankenexperimente Archäologie und archäologische Funde auslösen, die dann wieder zu Kunst werden. Und welche Gedanken diese Kunst wiederum für den Archäologen anstoßen kann. In gewissem Sinne ist auch der Post über Rachel Whiteread´s “House” in dieser Reihe zu sehen. “Kunst” ist für mich die Möglichkeit, durch eine Fokussierung in einem Kunstwerk einen konzentrierten Blick auf Facetten meines Lebens zu erhalten und so mich selbst, mein Leben und meine Kultur in einem neuen Kontext begreifen zu können. Im besten fall so etwas Neues über mich und meine Umgebung zu lernen.

Hier soll es heute jedoch um eine Ausstellung gehen, die Kunst und Archäologie in einer Weise miteinander verband, die hochgradig relevant gewesen sein dürfte für die Selbstwahrnehmung der Besucher und unsere Vorstellungen von Alltäglichkeit, Kunst und Kulturgut hinterfragte. Es handelte sich um eine Ausstellung von Marcel Biefer im Museum Zug im Jahr 2000, die heutiges Alltagsgut und prähistorisches Alltagsgut miteinander verband und damit die unterliegenden Konzepte beider in Frage stellte. 1Hier ein Foto aus der Ausstellung: archäologische Töpfe und heutige (weitere Bilder auf Biefers Homepage http://www.biefer.com/index.php geben einen guten Eindruck von seinem Werk und dieser Ausstellung im Besonderen). Sowohl das Museum Zug als auch die Arbeiten Marcel Biefers zeigen, wie sehr Ethnologie, Kunst, Archäologie und Museum miteinander verschmelzen und sich befruchten können.

Gerade die Ausstellung heutiger, “alltäglicher” Materialität in einer Vitrine bzw. generell im Museumskontext öffnet den Blick für die Konzepte, die wir mit prähistorischer Materialität verbinden. Was macht ein Ding zu einem musealen Ding, zu einem wert geschätzten Ausstellungsstück? Das Buch “Museologie-knapp gefasst” definiert das folgendermaßen: “Die musealen Ojekte werden indes nicht nur als originale Elemente einer Wirklichkeit selegiert. Sie dienen vor allem als Belege für gesellschaftliche Werte. Deshalb stehen sie im Musealkontext nicht als Ikonen oder Dinge an sich, sondern als Schlüssel zur Erkenntnis und Verstehen.”. Was unterscheidet dann die Töpfe aus der Steinzeit von den Konservendosen der Neuzeit? Welche Ideen stülpen wir den alten Objekten über, die wir neuen Objekten (noch?) absprechen? Ist Alter an sich schon ein Wert? Seltenheit?

In Verbindung mit neuzeitlichen Dosen stellt sich doch die Frage: welchen “Wert”, welche Bedeutung hatten die steinzeitlichen Töpfe für die mit ihnen lebenden Menschen? Waren sie nicht auch ein alltägliches Alltagsgut? Etwas das man schätzte, aber eher in Bezug auf seine Funktionalität und Bequemlichkeit, nicht aber im Sinne heutigen musealen oder wissenschaftlichen Wertschätzens? Und was sagt das über unsere Ideen als Archäologen bezüglich Alltagsgütern vergangener Zeiten? Sollten wir uns nicht bewusst sein, dass, wenn diese vergangenen Dinge für uns ein Mittel zum Verständnis vergangener Gesellschaften sind, das Gleiche auf heutige Dinge genauso anwendbar ist?

5

Als Exkurs muss man sagen, dass dies zu Fragen führt, die viele Archäologen bei der Feldarbeit und danach beschäftigen: wie definiere ich ein Kulturgut? Was ist ein Artefakt? Was tue ich mit neuzeitlichen Funden? Wie wende ich theoretisches Wissen um die Definition in einer konkreten Situation im Feld an? Wie werde ich auch meinen Möglichkeiten der Sammlung, Dokumentation, Aufbewahrung gerecht, wo setze ich Grenzen?

Gerade in meiner Studienregion, Südamerika, endet die Vorgeschichte in der Vorstellung der Archäologen oft genug einfach mit der Ankunft der Spanier. Die kolonialzeitliche Archäologie ist ein relativ neuer Zweig der lateinamerikanischen Archäologie und viele Archäologen dokumentieren Fundorte mit kolonialzeitlichem Material nur wenig oder gar nicht. In jedem Fall aber ist das Kapitel “Kolonialzeit” in Monographien das Kürzeste. Sicher hängt das mit der historisch gewachsenen Wahrnehmung vorspanischer Gesellschaften zusammen, die sich nur langsam ändert. Und auch in Europa wird die Frage neuzeitlichen “modernen” Kulturgutes in der archäologischen Forschung wohl zunehmend verfolgt und diskutiert.

Nun ist das Ausstellen zeitgenössischer, vermutetermaßen alltäglicher Dinge nichts unbedingt Neues, denn verschiedene Museen nutzen und nutzten die Spannung zwischen dem Konzept “Museum=Kulturgut=Hochkultur” und der Ausstellung alltäglicher Gegenstände, um heutige Wertevorstellungen zu verdeutlichen und gleichzeitig zu hinterfragen. So etwa im new yorker Sheila C. Johnson Design Center: Masterpieces of Everyday New York: Objects as a story.  Oder im berliner Museum der Dinge als: “Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks.” Im Zusammenhang mit archäologischen Objekten jedoch war es mir noch nicht begegnet. Und gerade hier entsteht eine starke Reibung, denn neben inherenten Ideen unserer Zeit zum Thema “Museum und Museumsobjekt” werden ja auch andere Kategorien unseres heutigen Lebens offen gelegt: Vergänglichkeit und Kontinuität zum Beispiel. Oder das Wort “Wegwerfgesellschaft”, das gerade im Zusammenhang mit dem Konservendosen aufkommen kann. Auch Umwelt und Umweltschutz könnten dazu gehören wenn heutige Materialien wie Plastik und Metall im alltäglcihen Gebrauch klar machen, wie sehr wir jetzt auf nicht oder nur sehr langsam abbaubare Materialien zurückgreifen. Und: prähistorische Menschen, die ja als Hersteller und Nutzer hinter den ausgestellten Dingen stehen, können einem plötzlich sehr nahe sein, wenn man sieht dass der Eimer, der in der eigenen Wohnung dient, als Form und Gefäß schon vor 3000 Jahren so im Einsatz war – nur aus einem anderen Material. Das Nebeneinanderstellen beider Gefäße verdeutlicht das geradezu übermäßig.

Aber auch, und das ist nun sicher wieder eine sehr archäologische Sicht: das Thema Typologie. Stellt man unsere Gebrauchsgegenstände, gerade alltägliche wie Töpfe, Eimer etc., neben prähistorische, so wird klar, dass unsere archäologischen Typologiekonzepte tatsächlich Realitäten beschreiben die durch 1000ende von Jahren aktuell bleiben. Die Frage stellt sich jedoch: inwieweit werden sie von uns den Dingen aufgestülpt? Inwieweit passen Theorie und Realität zueinander? Typologie-Entwickler haben sich seit Jahrzehnten hierzu den Kopf zerbrochen und immer kleinere Einheiten erstellt um ein Ding möglichst perfekt zu beschreiben und zuzuordnen. Und doch: inwieweit spielt hier unsere eigene Ideenwelt mit hinein? Und inwieweit sind immer kleinteiligere Typologien anwendbar, wenn Zeit und Geld sehr begrenzt, die Fundquantität jedoch sehr groß ist? Dies wird jedoch Thema eines kommenden Blogposts sein, deshalb verweise ich nur auf ein interessantes Buch zum Thema Typologie.

Heute aber, zum Thema Kunst & Archäologie, möchte ich einfach sagen, dass diese Ausstellung tatsächlich Türen öffnet zu neuen Ideen. Das Museum Zug, das ich nur über seinen Internetauftritt & Facebook kenne, stellt Vermittlung von Geschichte ganz weit nach vorne, bereits im Namen: Museum für Urgeschichte(n). Zusammen mit den Arbeiten von Marcel Biefer eine hoch konzentrierte Vermittlungsmöglichkeit, die Geschichte in unser Leben transportiert und es relevanter denn je macht.

Achtung: alle Photos werden mit Erlaubnis des Künstlers publiziert.

Ausgewählte Literatur: 

Typologien? : W. Adams & E. Adams (2007): Archaeological Typology and Practical Reality: A dialectical Approach. Cambridge University Press

Kritik zur Ausstellung “Masterpieces of everyday New York”: http://www.theatlanticcities.com

Waidacher, Friedrich, 2005: Museologie – knapp gefasst. UTB. 

Targa, Juan Garcia, 2009: Arqueologia Colonial Latinoamericana (BAR Series)

Zur Gegenüberstellung schriftlicher Quellen und archäologischer Daten: A. Alzate Gallego: La Arqueologia colonial como herramienta para contrastar la historia escrita. 

Zu einer interessanten kleinen Einführung zu “Kunst” siehe auch Wikipedia.

Klavs Randsborg, 2003: The making of Early Scandinavian History: material Impressions. In M. Hardt, C. Lübke & D. Schorkowitz (Hrsg.): Inventing the Past in North Central Europe, S. 50-69, Frankfurt /Main: Lang.

cropped-p10005431.jpg

ENGLISH VERSION:

Many years ago, I saw a TV trailer about an exposition in Switzerland. Its concept was so extraordinary that I could never forget it and I want to use it as a starting point for a series of posts about art & archaeology.

Art & Archaeology can be found at  many universities where an “Art & Archaeology Department” is usually exists, at least in English speaking countries. Logically, art and art history are going hand in hand with archaeology in many ways but that’s not the topic here. I would like to focus on the cooperation and mutual inspiration that link art and archaeology in different ways. Archaeology and archaeological finds can be inspiring in many ways to art while this (and other) art works are thought provoking in turn to archaeologists. In a sense, the post about Rachel Whiteread can be seen in this context. “Art” means to me a possibility to focus on certain facets of my life and to be able to see myself, my life and culture in a new context or even to understand something completely new about it.

Today´s post is about an exposition that linked art and archaeology in a highly relevant way regarding the autoperception of the visitor and our ideas on the everyday, art and cultural goods. It’s an exposition that Marcel Biefer featured in the year 2000 at the Museum Zug in Switzerland. Here, everyday contemporary objects like plastic buckets and past objects of everyday life (as ceramic vessels) were presented side by side. This co-presentation resulted in an undermining of concepts we might have harbored towards both of them. A photo from this exhibition shows it – you may have a look at other photos at the website of Marcel Biefer (http://www.biefer.com/index.php) which offer a representative impression of his work and the exhibition in particular. The Museum Zug as well as the works of Marcel Biefer show how archaeology, anthropology, art and museum can be potentially intertwined and linked, creating new, fructiferous ideas.

It was especially the exhibition of everyday materiality in a museological context that opened up the possibility to grasp the underlying unconscious concepts we use to focus on prehistoric materiality. What is it that makes an object a museological object, transforming it to a valued exhibition object? The book “Museologie – knapp gefasst” (“A short introduction to museology”- translation mine) defines it as follows (translation mine): “Museological objects are not being selected as original elements of a reality. They work as proofs of societal values. That is why they are not presented in a museum context as icons but as a key to perception and understanding.” So what makes the difference  between a neolithic vessel and the contemporary can? Which ideas are we imposing on ancient objects, which we are (for now?) denying contemporary, new objects? Is age a value? Rareness?

Connecting ancient objects to contemporary ones raises the question of what value, which meaning did ancient vessels have for the people who made and used them? Were they everyday objects? Something that was valued in relation to its use and functionality, but not in the sense of todays scientific or museological value? And what does this say about our ideas as archaeologists in relation to everyday objects of past times? Shouldn’t we be aware that our perception of past objects as keys to understanding past societies could be applied in the same way to our contemporary materiality?

As an excursus I would like to add that this leads to the question that many archaeologists face before, during and after fieldwork: how can I define a cultural asset? What is an artifact? What is my relation to contemporary finds? How do I use theoretical knowledge of these definitions during fieldwork reality? How can I put these into relation to the (economic and spatial) possibilities of collection, documentation, custody? What are my limitations?

Especially in Southamerica, my study region, prehistory ends at the arrival of the Spaniards in 1536 – at least in the minds of most archaeologists. Colonial archaeology is a relatively new phenomenon in Latinamerican Archaeology and many archaeologists document colonial (16th-17th century) or republican sites (18th century) only to a limited extend or not at all. In any case, the chapter on the “Colonial Era” is always the shortest in any monograph I know. I am sure that this is connected to the historical development of the perception of prehispanic societies which is changing and expanding only gradually – but at least it´s changing. In Europe, too, the question regarding the modern era and its cultural goods is being debated in archaeological investigations.

Getting back to the main theme of this post – the exhibtion of contemporary, presumably everyday objects is nothing new. It has been presented in museums before and was used to highlight and question the tension between the contemporay idea of museum= cultural assets = high culture and the presentation of everyday materiality. This was the case at the Sheila C. Johnson Design Center, New York: Masterpieces of Everyday New York: Objects as a story.   or at the Museum der Dinge (Museum of Things) in Berlin:  “Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks.”. But I hadn´t seen anything like that in an archaeological context before. And its here that, in my opinion, a tension is created that centers on the inherent contemporary ideas concerning Museums and museum objects as well as categories of our contemporary life. These comprise continuity and change, for one thing, or the fugacity of cultural ideas for another. The term “throwaway society“ could pop up looking at the cans and ceramics in the photo. Another one could be environment and environmentalism seeing that materials like plastic and metal have replaced perishable materials like ceramics in our contemporary lifestyle. And: prehistoric people, the makers and users of the past objects, can feel very close to us when you notice that the plastic vessel you may have in your flat has just the same shape as a ceramic vessel you see in the museum. Form and Function did serve people 3000 years ago – and they do it now, too. Presenting both vessels side by side puts a finger on this.

And it leads to another, rather archaeological question: typology. When you present basic commodities of our own time together with past ones it becomes clear that our ideas on typology haven’t changed, but have been roughly the same for some thousand years now. Typology describes past realities as well as contemporary ones. And so you may ask yourself: How do reality and typology interrelate? What about the discussion on form and function? In the end: Do objects impose their typology on us, rather than the other way round?

I´d like to end this post on Art & Archaeology with a praise of this exhibition that opened the doors of perception. The Museum Zug, known to me only from their website, is putting the presentation of history on the top of their list, and show this even in their name: Museum for Prehistory(ies). In combination with the works of Marcel Biefer this was a highly concentrated presentation of past times into our contemporary world and makes it relevant to each of us.

Please note: all photos shown here are published with permission of the artist.

Selected Literature:

Typologies? : W. Adams & E. Adams (2007): Archaeological Typology and Practical Reality: A dialectical Approach. Cambridge University Press

Critics to the exhibition “Masterpieces of everyday New York”: http://www.theatlanticcities.com

Waidacher, Friedrich, 2005: Museologie – knapp gefasst. UTB. 

Targa, Juan Garcia, 2009: Arqueologia Colonial Latinoamericana (BAR Series)

An article about the combination of written colonial sources and archaeological finds:  A. Alzate Gallego: La Arqueologia colonial como herramienta para contrastar la historia escrita. 

An interesting introduction on “Art”:  siehe auch Wikipedia.

Klavs Randsborg, 2003: The making of Early Scandinavian History: material Impressions. In M. Hardt, C. Lübke & D. Schorkowitz (Eds.): Inventing the Past in North Central Europe, S. 50-69, Frankfurt /Main: Lang.


Leave a comment

Massendinghaltung in der Archäologie: die Konferenz der TidA 2013

Foto 1Die Tagung der Theorie in der Archäologie (TidA) “Massendinghaltung in der Archäologie” wurde vom 23.-24.5.2013 im Topoi-Gebäude der FU-Berlin abgehalten und am 25.5. durch einen Besuch im Museum der Dinge ergänzt. Topoi gehört zum Exzellenzcluster und besitzt offensichtlich sogar Gadgets wie einen Topoi-Türstopper. Aber das nur am Rande und weil ich es so schön durchdesigned fand.

Die Tagung war kostenlos und sehr gut besucht; so gut, dass der gesamte Saal gefüllt war und sogar freie Plätze gesucht wurden. Einige hatten sich wohl, wie ich, spontan entschlossen, zumal eine verbindliche Anmeldung vorher nicht nötig war, wollte man nicht an optionalen Angeboten wie den Besuchen der Museumsmagazine ö.ä. teilnehmen. Das war für mich sehr praktisch und ist definitiv empfehlenswert! Leider konnte ich nur den ersten Tag wahrnehmen, was mich sehr grämt, immerhin hätte ich doch gerne die Beiträge der diskussionsfreudigen Herren Bernbeck und Raimund Karl am 24.5. gehört und auch die Ausführungen der Referent/innen zum Thema Sammlung, Computer etc., die am 24.5. anstanden. Am 23.5. ging es eher um den philosophisch-theoretischen Unterbau, ein ebenfalls sehr spannendes Thema.

Kurz vorweg gesagt: obwohl ich in meiner Arbeit seit längerem mit den Begriffen der “Materiellen Kultur” arbeite und bislang kontextbasierte Umgangsformen mit Dingen als Interpretationsansatz favorisiere und damit eher einer poststrukturalistischen Idee folge, hatte ich mich bislang nicht sehr eingehend mit dem theoretischen Unterbau dieser Konzepte befasst. Wie man materielle Kultur ausbuchstabiert, wie man sie definiert, wie man die Beziehung zwischen Mensch und Ding definiert und interpretiert und welche Implikationen das hat – das waren für mich neue Fragen, die sich mir erst bei der Durchsicht einiger vorbereitender Texte zur Tagung stellten. Die Einführung von Dan Hicks “The material-cultural turn” war mir sehr hilfreich um einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung dieser Diskussion zu bekommen, und auch einige kürzere Texte der avisierten Vortragenden gaben mir ein Grundgerüst über die hauptsächliche Literatur und die laufenden Diskussionen (Literaturverweise s.u.!).

Allerdings hatte ich bei der ersten Durchsicht des Tagungsprogramms eher gedacht, es ginge um die Problematik der Überpopulation archäologischer Sammlungen durch Dinge, Funde. Und um die Arten hiermit umzugehen, Möglichkeiten des Umgangs und der Interpretation zu finden, neue Fragen an diese Materialmengen zu stellen, eventuell auch eine Reduktion dieser Fundmassen anzugehen. Da meine Arbeiten in Lateinamerika regelmässig Tausende von Scherben umfassten, die ich alleine abarbeitete und da ich mich noch gut an den Besuch bei einer Doktorandin in Bolivien erinnere, die in einer Kammer mit mehreren tausenden Steinabschlägen sass (eine Erfahrung, die mich im dritten Semester sehr geprägt hat und eine mittlere Sinnkrise auslöste), waren diese Fragestellungen für mich sehr interessant. Trotzdem jedoch war das endgültige Tagungsprogramm dann sehr viel theoretischer und grundsätzlicher – zumindest am 23.5.13. Es ging nicht so sehr um die konkreten Ansätze eines UMGANGS mit dem Material als um Definitionsfragen und die Fragen: auf welcher Ebene und aus welchem theoretischen Blickwinkel NÄHERE ich mich dem Material?

So referierte Matthias Jung über das Konzept von Topf und Henkel anhand der Texte von Simmel “Der Henkel” und Ernst Bloch “Ein alter Topf” und damit über seine Suche nach den Vorläufern der Hermeneutik der Kultur. Seine Analyse ging dahin, dass diese frühen Texte, die sich auf verschiedene Arten mit Dingen und Materialität befassten, von der Archäologie nicht oder kaum rezeptioniert wurden – eine Aussage, der das Publikum eher widersprach.

Thomas Meier sprach über seine Kritik an der Erfahrungsperspektive, die davon ausginge dass Dinge ontologisch da seien und eine Existenz aus sich heraus besäßen und damit einen prädiskursiven Kern. Sein sehr philosophischer Vortrag traf auf einige Kritik aus dem Publikum, gerade was die Begrifflichkeit anging. Sein Hauptkritikpunkt richtete sich jedoch darauf, dass auch die heutigen Vertreter dieser Denkart wie Tilley und Latour keine logische Begründung dieser angenommen essentialistischen Materialität der Dinge lieferten. Er verband diese Gedanken mit dem westlichen Bild des Menschen und des Dinges als gegensätzliche Entitäten (verbunden mit dem Cartesischen Dualismus des res cogitans und res externa) und damit auch mit einer Kritik an der Annahme, dass Materialität auf eine bestimmte Art prämiert werde und damit der angesagte “material turn” eher ein rückwärtsgewandtes Gebilde sei, das Ideen des 19. Jahrhunderts fortschreibt.

Nach ihm sprach Stefan Schreiber über ein tatsächlich extrem kontroverses Thema: über die Annahme dass das Konzept des/der Cyborg als posthumanistischer Akteur (nach Haraway), der die Grenzen zwischen Ding, Mensch, Tier, Physikalischem und un-Physikalischem niederreißt, auch in der Archäologie Platz finden könne. Übertragen in die Ur- und Frühgeschichte und die Debatte um Materialität nutzte er diese Idee als mögliches kulturelles Gegenkonzept zur Verdinglichung und Diskriminierung vorgeschichtlicher Akteure jeder Couleur. Für ihn sinnvoll, da er diese Akteure als archäologisch nicht “vorbestimmt” und “zugeschrieben” wahrnahm, sodass die Möglichkeit bestünde alle vorgeschichtlichen Akteure als Cyborgs oder hybridisierende Darstellungen zu verstehen.

Philipp Stockhammer und sein Vortrag über Mensch-Ding-Verflechtungen näherten sich hingegen der archäologischen Realität der Funde mit einem realitätsbezogenen Ansatz: der Ansicht eines Dinges und seiner Verflechtungen (entanglements nach Hodder) mit dem Menschen anhand der Aspekte Materialität, Kontext, räumliche Verbreitung und Bedeutung und Macht. Anhand von einigen Annahmen von Latour bezüglich der Akteur-Netzwerk-Theorie und der Einbeziehung der Wandelbarkeit der Wahrnehmung der Objekte sowie der Objekte selber über die Zeit stellte der Referent dann auch die Frage nach der Wirkung dieser dinglichen Aspekte auf den Menschen und damit nach der Doppelbeziehung zwischen Mensch und Ding.

Am Nachmittag sprach dann Manfred Eggert über Objekte als Teil eines Ganzen (frei nach W.H. Riehl) und die Aura (frei nach W. Benjamin) der Originalobjekte. Vor allem die (Re-)Semiotisierung der Dinge in ihren unterschiedlichen Kontexten und die “unbegrenzte Semiose” waren Thema seines Vortrages, da sich die Dinge dem individuellen Betrachter immer wieder anders darstellen. Gleichzeitig stellte er die Frage nach der Redundanz des archäologischen Materials zumal für ihn im zentralen Mitteleuropa fast nur noch quantitative Materialzuwächse anstünden. Die Frage nach dem “Entsammeln” stellte sich. Und wurde heiß diskutiert – v.a. in den Aspekten der “Aura” des originalen und des “falschen/gefälschten”.

Schließlich sprach Hans Peter Hahn über Sammlungen als eigensinnige Orte. Seine zeitliche Verbindung der Entstehung der großen Sammlungen mit dem Aufkommen der großen Warenhäuser im 19. Jahrhundert und sein Vergleich der Behandlung der Objekte in beiden Orten stieß auf großen Diskussionsbedarf. Allerdings war sein Vergleich des Verlustes der Unmittelbarkeit der Dinge an beiden Orten überzeugend, verbunden mit einer kulturellen Definition des entsprechenden Objektes. Er sah Sammeln als tierische und menschliche Grundform und sprach ihm zu, dass Sammlungen Macht und Einfluss auf unser Weltbild haben – und als aktive Teilnehmer an der Schaffung von Weltbildern gelten können. Diese zeitlich und kontextuell wechselnden Interpretationen der Objekte stehen in Zusammenhang mit unserer eigenen Neubestimmung der Identität, wodurch Objekte (in ihrer Beziehung zum Sammler) durchaus auch eine Machtbeziehung entwickeln können. Durch die Festschreibung des “Andersseins” wird Alterität konstruiert, sodass auch ein Fremdbild kreiert wird, das wiederum mit unserem eigenen Selbstbild in Bezug steht. dies war für mich definitiv der entscheidende Part seines Vortrags, der noch einige andere Aspekte der Beziehung zwischen Sammler & Sammlung aufnahm.

Im Ganzen gesehen war es für mich so etwas wie eine Mega-Crash-Einführung in das Thema Materialität und seine theoretischen Grundlagen. Natürlich fehlte mir hier und da ein Nexus, dafür gab es sehr viel Input, Überlegungen und es hat sich einiges angesammelt, das begrifflich geklärt und nachgeschlagen sein will und Literaturverweise, die zumindest ansatzweise verfolgt werden wollen. Und ein Überblick über die Debatte über Materialität in der deutschsprachigen Archäologie.

Da meine Forschung bislang in Lateinamerika stattfand, wo eine völlig andere Fundlage herrscht als in Mitteleuropa, waren einige der angesprochenen Themen für mich fast völlig neu. Das Thema “Entsammeln” etwa – in meiner kaum erforschten Studienregion fast unglaublich, da jede neue Scherbe, jeder neue Fundort neue Aspekte und Interpretationen eröffnet. Weitere für mich spannende Schlagworte war etwa die Semiotisierung und Semiose, auch wenn diese hier in der Konferenz v.a. für den Museumsbereich angesprochen wurde.

Literatur, die ich weiterverfolgen werden:

Hodder: Entangled: an Archaeology of the relationships….

Heidrich, H.: SachKulturforschung

H.P. Hahn: Materielle Kultur u.a.

D. Miller: Der Trost der Dinge.

20130524-210904.jpg