Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences

Jochen Gerz "Rufen bis zur Erschöpfung"


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Wie ich in die Magical soup geriet und an zwei Dingen klebenblieb – How I happened to fall into the magical soup and got stuck there at two installations

Im Hamburger Bahnhof läuft momentan und noch bis 03.01.2021  „Magical Soup“, eine Reihe von Video & Soundinstallationen. Obwohl ich da eher zufällig reinstolperte, da eine Freundin mit mir die Fotografien im Obergeschoss sehen wollte, blieben wir beide direkt an einem der ersten ausgestellten Dinge kleben:

Cyprien Gailards Artefact (Babylon).

Wir sind beide ehrlich gesagt direkt hypnotisiert, einerseits von dem untergelegten kurzen Songfragment und dann von den Bildern. Da wir irgendwo auf der Hälfte der langen Installation reinstolpern, erwischt es uns sozusagen ohne Anfang und Ende: Bilder von Architektur im Mesopotamien-Stil, Gis in der Wüste, Ruinenstädte, Artefakte die in die Kamera gehalten werden. „Einheimische“, die Dinge zeigen. Wir bleiben locker 15 Minuten dabei, es kommt mir unendlich lang vor. . Ich habe versucht, weder vorher noch nachher Dinge über die ausgestellten Installationen zu lesen, sondern mich einfach beeindrucken zu lassen – im Sinne von :; was spricht zu mir, was nicht? „Artefact“ sprach Bände. Die Kombination der US-Truppen gegen die auf altertümlich gemachte Architektur einer offenbar modernen Stadt (Bagdad?), die damit getroffenen Aussagen über Macht, und den Clash zweier Kulturen, die Rückverweise auf die jahrtausendealte Kultur in Mesopotamien und dieses Gefühl, dass da nun total faszinierte aber auch ahnungslose GI´s drüberlaufen, Scherben hochheben, sich alles zeigen…. Und über allem dieses unglaubliche Licht der Wüste am Abend. Die Mischung aus Militär und Kultur, das Gefühl, dass hier Militarisierung und Eroberungen verhandelt werden, damals und heute. Die Gleichsetzung des Irak mit der mesopotamischen Geschichte, die ständig in den Architekturbildern angedeutet wird und davor die USamerikanischen Truppen, das Aneignen fremder, zeitlich und / oder räumlich entfernter  Kulturen – es ist ein seltsames, anrührendes und gleichzeitig sehr surreales Gebilde. Hypnotisch.

Nicht nur aufgrund des sehr konkreten Bezugs zur Archäologie war das ein Werk, das mich enorm angesprochen hat – vor allem deswegen, weil es immer wieder vorkommende Prozesse von Aneignung und Übereignung für mich angesprochen hat. Ich bin mit so vielen Ideen und Gedanken rausgegangen, es war ein sehr besonderer Moment.

Der zweite besondere Moment, vor allem sicher  coronabedingt und den dadurch geschaffenen emotionalen Ausnahmezustand, war Rufen bis zur Erschöpfung“ von Jochen Gerz (1972). Es steht sehr sehr abgelegen und fast versteckt am Fuße einer abgelegenen Treppe zum Keller. Und dort ruft er und ruft. Bis zur Erschöpfung und so laut, dass man ihn mehrere Räume weit hören kann. Warum ist er dort so alleine, warum hört ihn niemand? Zumindest sind wir ihm die Treppe entgegen gelaufen, und das Werk hat mich sehr berührt. Dieses Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung und Vergeblichkeit. Ich war froh, in meinem Leben mittlerweile besser Gehör zu finden und doch hat das verzweifelte Rufen viel Wut und Mitgefühl ausgelöst.

English Version

At the Hamburger Bahnhof Berlin there is currently (and will be until January 3rd 2021) an exposition called Magical Soup  – an array of video-Sound-Installations from different artists. And although I happened to stumble into it when we were on our way to a photo exhibition upstairs, we were directly stuck with an installation by Cyprien Gailard: Artefact (Babylon).

We were both, to be honest, hypnotized by this work, by the short loop that underlay the installation (Babylon by David Grey) and by the incredible mixture of pictures and video snippets. We happened to get into it at some point at the middle of the installation and it got to us without beginning or end: videos of architecture in the Mesopotamian style in a seemingly modern world, artefacts being held into the camera, cities in ruins, both antique and modern, “indigenous people” holding artefacts for GIs. We stayed for some 15 minutes and it seems incredibly long to me. I tried to not read anything about the installations before or after the exhibition, because I always like to experience the works without knowledge, so that they can “speak” rather freely to me – or not. Artefacts talked a lot to me. The combination of US troops with the seemingly “old styled” architecture in a modern city (Baghdad?), the reminiscence s of antiquity used for modern power plays, the feeling that fascinated but clueless GIs are walking on grounds that are thousands of years old. They lift up parts of ceramics, show things to each other – and above all there is this almost otherworldly light of the desert in the evening. The mixture of military and culture, the feeling that militarization and conquests are being talked, then and now. The reminiscence of the current Iraq with antique Mesopotamia that is being shown in the architecture and then the US American troops, the appropriation of cultures that are both geographically and/or temporally distant – it’s a work that speaks a lot, its strange, moving, surreal and hypnotic.

And not only because of its very direct relation to Archaeology did it move me a lot – it was all these thoughts about appropriation and transfer that made me think a lot. It was an inspiration, a very special moment.

The second special moment in this exposition was the work of Jochen Gerz called „Rufen bis zur Erschöpfung” (Calling until exhaustion) (1972). Maybe it’s the special emotional situation of Corona but this work, that was located at the foot of some stairs to the basement, moved me terribly. The installation was calling and calling and calling – you couldn’t almost see it, it was so hidden, but you heard it several rooms away. It was desperate to hear – for me. Why is he so lonely, why cant anybody hear him? We went down the stairs and were moved by this feeling of loneliness and desperation and exhaustion. I became so happy and aware that I am heard in my own life by now but the calling of this installation really made me feel heartbroken.