Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


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Die Rabattschlacht oder: wie wir uns selber devaluieren. / Discount battle or: how we devaluate ourselves

 

Cornelius Holtorf "Archaeology is a brand"

Cornelius Holtorf “Archaeology is a brand”

Anlass für diesen Post ist ein Erlebnis das ich neulich auf Arbeit hatte. Ich arbeite bei einem großen berliner Kulturveranstalter, der wie fast alle berliner Kulturveranstalter (zumindest im Bereich klassische Musik, Theater, Oper) Rabatte für Studenten anbietet. An diesem Tag kamen zwei nette junge Leute zu mir und kauften Karten für unser Kulturereignis. Sie bekamen sie zu einem sehr niedrigen Preis – sie waren ja Studenten. Der Preis lag ungefähr bei 90 % unter dem, was die Karte für einen “Normalkäufer” gekostet hätte. Als sie gingen, sah ich dass einer der beiden eine riesige Einkaufstüte trug – darin ein nagelneuer Karton mit Schuhen von Riccardo Cartillone. Ich besitze selber genau ein Paar dieser Schuhe & sie kosten eine niedrige 3-Stellige Summe – das Doppelte oder Dreifache dessen, was eine der besten Karten unserer Einrichtung kosten würde.

Ziemlich lange Einleitung – aber das war für mich der Anlass jetzt wirklich mal etwas zu diesem Thema zu sagen, bzw. einfach Fragen zu stellen. Fragen, zu denen ich nicht immer Antworten habe.

Kultur & Geisteswissenschaften sind ja immer wieder “zu teuer”. Angeblich möchten die Menschen nicht viel Geld für diese Dinge ausgeben, sei es für wissenschaftliche Forschung oder Kulturerlebnisse im klassischen Sektor (Freizeitparks, Zirkusse u.ä. ausgenommen). Es sei den Menschen nicht zu vermitteln, dass man hier soviel Geld bezahlen müsse, da sei kein Mehrwert erkennbar. Diese Argumente höre ich immer wieder auf der Arbeit von den Kollegen, die sich um die Preise kümmern. Mit einer gewissen Resignation, aber genauso stehen sie dann im Raum, die Aussagen. Statt einen vollen Preis bieten wir als Wissenschaftler und Kulturschaffende dann einen Rabatt an. Einen Preis “zum Anfüttern“, wie es auch gerne genannt wird. Wer einmal was für wenig Geld bekommen hat, wird beim nächsten Mal für die gleiche Qualität unserer Arbeit gerne mehr zahlen! So die Idee. Volontariat mit 800 € Monatslohn für Menschen mit Promotion? Aber gerne! Karten für 10,- € – aber sicher doch!

Wer auch nur ein einziges Marketingseminar besucht hat (ich hab das letztes Jahr mal online gemacht) stellt fest: zum Thema Rabatte gibt’s eine sehr sehr diverse Diskussion. Und das o.g. Argument ist sehr sehr kontrovers. Wenn es nämlich zu lange zu viele Rabatte gibt, dann kauft niemand mehr zum vollen, (auch nur halbwegs) gerechten Preis.

Menschen (nicht nur Studenten, sondern auch berufstätige Erwachsene), die bei mir aber Karten zu einem Spottpreis erwerben und noch nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken mehr dafür auszugeben, haben offensichtlich überhaupt kein Problem damit, große Mengen Geldes für Konsumgüter auszugeben. Reisen, Schuhe, Häuser, Kleidung, Essen. Aber gerne doch, aber bitte sehr. Hochpreisig, qualitätsvoll.  Aber Kultur & Geisteswissenschaft – das kriegt man sicher günstiger. Da ist doch immer jemand, ders billiger macht. Nur Riccardo Cartillone oder Butter Lindner, die geben keine Rabatte auf ihre Qualitätsprodukte.

Vor einigen Monaten las ich das großartige Buch “Archaeology is a Brand” von Cornelius Holtorf.  Es dreht sich um die Rolle der Archäologie in der heutigen Gesellschaft, ihre Vermarktung und die Wurzeln dieser Faszination dafür. Hier möchte ich aber nur ein winziges Detail aufgreifen, das mich zunächst eher rätseln hat lassen: An den unteren Seitenecken taucht eine Zeichnung eines Männchens auf, der offensichtlich alte Töpfe anbietet. “Töpfe: 1 Pfund” liest man da. Über Seiten hinweg will niemand diese alten Dinger. Auf einmal setzt er den Preis herauf: 100 Pfund. Wenn man das ganze Buch durchgelesen hat, verkauft er seine Töpfe plötzlich für 100 Pfund und alle sind weg. Verkauft.

Das ist, in graphischer Form, eine Zusammenfassung dessen, was ich in der Realität immer wieder erlebe: wenn ich für meine Arbeit einen gerechten Betrag fordere und nicht die Hungerbeträge mancher Stipendienanbieter oder gratis Arbeit ausschließe – dann bekomme ich meist auch den geforderten Betrag und/oder mehr Respekt. Und genau dieses Phänomen erlebe ich auch in der Kultur. Für hochpreisige Angebote findet sich immer mehr Respekt.

Natürlich, da gibt’s jetzt ganz viele Gegenargumente. Zum Beispiel den Bildungsauftrag der Kultur & Wissenschaft. Oder das Dazusein-Haben auch für Menschen mit geringem Einkommen. Oder die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft von Wissenschaft und Kultur. Ich frage mich nur: warum müssen Geisteswissenschaft und Kultur für die Gesellschaft dasein, kriegen aber nix dafür? Oder nur nach langem Ringen und dann in minimaler Form? Der Bildungs- und Forschungsauftrag  werden auf die Rücken derer geladen, die sie ausführen. Sie werden dafür aber nicht honoriert, weder monetär noch emotional.*

Es ist nicht mehr vermittelbar, dass in unserer monetär geprägten Gesellschaft etwas, das wenig Geld kostet, AUCH einen Wert hat! Oder Bedeutung & Relevanz! Was wenig kostet – ist wenig wert. So der gesellschaftlich anerkannte Tenor, den man genauso vom Aldi in die Geisteswissenschaften übersetzen kann. Einen höheren, gerechten, Preis zu fordern sagt auch: ICH BIN ES WERT. Da kann man dem kapitalistischen System gegenüber stehen wie man will, es ist momentan doch so: Wer mehr kostet, bietet (gefühlt) mehr Qualität. Und bekommt mehr Respekt zurück.

Seit ein-zwei Jahren halte ich es ebenso wie Ricardo Cartillone. Meine qualitätsvolle Arbeit in den Geisteswissenschaften biete ich nur noch, wenn man mir dafür einen gerechten, meine Kosten deckenden UND ein Gehalt zahlenden Betrag anbietet. Das bedeutet, dass ich manche Dinge nicht mehr tue. Und mich auf manche Stipendien nicht mehr bewerbe. Es bedeutet, dass ich zurückstecke und meine wissenschaftliche Karriere nicht so verfolge wie es andere tun und stattdessen andere Arbeiten annehme. Gratis-Arbeiten nehme ich nur an wenn mir ein Thema wirklich am Herzen liegt und auch dann nur in geringem Umfang. Aber ich will es nicht mehr und ich kann es auch nicht mehr. Meine Familie & ich sollen von meiner Arbeit leben können.

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*Das kann man jetzt genauso auch in die Bildungsdebatte übertragen: auch hier wird ja nichts “geschaffen”. Nur junge Menschen werden geformt, für ihr Leben. Aber das zählt natürlich nichts, weswegen man Erzieher & Lehrer gerne bezahlen kann wie Tagelöhner.

Literatur zum Weiterlesen: http://artanddebt.org/artist-as-debtor/

ENGLISH VERSION

The reason for this post is something I experienced at work some time ago. I work for one of the big cultural institutions at Berlin, which offers (like almost very other big cultural player in this city) special discounts for students. At this particular day two young people came to buy tickets and paid a very verly low fee for them. They were students and thus the price was about 90 % lower than the regular price. When they went away I saw that they were carrying a big shopping bag, containing a brand new pair of shoes by Riccardo Cartillone. I own a pair of these and I can tell you that they cost about a low three-digit sum, two or three times the price of the best tickets of our institution, paying the regular price.

Now, that was a rather long introduction – but it was the trigger to say something about this topic, or at least to ask some questions. Questions, that I can´t always answer.

The Humanities and Cultural Sciences are always “too expensive”. Presumably people won´t pay money for these things, be it scientific investigations or cultural experiences in the classical sense (excluding circus, leisure parks and the like). Presumably it can´t be communicated to “the people” to pay so much money, because there is –presumably – no added value. These arguments are being put forth by many of my colleagues that are in charge of making prices. With some resignation, but just so, these statements are made. And instead of demanding the full price we as scientists or persons engaged in the cultural sector charge reduced fees. We offer dicsounts. A price “to bait” the public so that they come back and pay the full price next time beacuse we showed them the great value of our work. A person who bought something off us for a reduced price might come back the next time and give us a higher price. At least thats the idea. Voluntary service for people with a Ph.D. for 800 € / month? Sure! Tickets for 10,- € each? Definitely!.

If you attend just one tutorial on marketing (which I did online twice) learns: there is a big, a huge discussion involving discounts. And the argument above mentioned is being debated very very controversially. Because if you offer discounts too long, nobody´ll want to buy anything at the regular price.

People (not only students, working people as well) who buy tickets at a ridiculous price don´t think about paying just one cent more, but they obviously have no problem whatsoever with spending huge amounts of money on other goods. Travelling, shoes, houses, clothes, food. With pleasure! Please, let it be high quality, high price items! But culture and humanities – no, there is surely some discount to be had. There´s always somebody who will offer the same service for a lower price. But Riccardo Cartillone and Galerie Lafayette – they don´t offer discoutns on their high quality products.

Some months ago I read a fantstaic book by Cornelius Holtorf: “Archaeology is a Brand”. It centers on the role of archaeology in todays society, its marketing and the roots of popular fascination with archaeology. But the detail I want to present here is something that had me baffled for some time when reading the book. On the lower corners of the pages was the image of a small figur selling old pots. “Pots: 1 Pound” it reads. For pages and pages, nothing changes in this image. Suddenldy, the price is higher: “Archaeology: 100 Punds”! And when you finish the book, all pots have been sold – at 100 Punds each.

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That is, in a graphic form, a summary of something I experience again and again: when I charge a fair price for my work and not the ricidulous wages of some institutions or even work for free- that´s when I normally get the price I ask for and/or I get more respect. And its the same in the cultural sector. When something costs more, you get more respect for it. Of course, there are a lot of counterarguments. There is, p.e., the educational function of culture & humanities. Or the necessity to garantee the equal participation of people with low incomes at the cultural life of our society. But I do ask myself: why do we have to provide for the society but won´t get anything in return? Or only after insisting and long ardous battles and than there are only minimal amounts of money to be had? The educational function and the research assignments have been saddled on the people who are doing the works related to these functions. But they won´t be rewarded for it, either monetary nor emotionally.

Its difficult to place in our monetary society that something that doesn´t cost much money can although have value. Or relevance and meaning! If it costs little, its worth little. Thats common place in our society, and can be transferred directly from the supermarket to the Humanities. To charge a higher, a fair price, has another meaning to it, too: I AM WORTH IT. You may think about capitalism whatever you like, currently the situation reads like this: if you charge more, you are higher quality. And you get more respect. Since last year I act like Riccardo Cartillone. My high quality work at the Humanities is only to be had if I get an amount that covers my expenses AND includes a fair wage. That means, that I don´t do some things anymore. And there are grants that I don´t apply to anymore. It means that I don´t do as everybody else and offer myself at ridiculous wages, hoping to get a proper career someday. And I only do projects for free if I really love the topic. I won´t do it anymore and I can´t, either. My family & I should be able to live off my work. And I charge what is necessary for this aim.

Suggested Reading: http://artanddebt.org/artist-as-debtor/

 

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Von der Schließung bedroht

ArchaeoNow

In Saarbrücken steht die Archäologie an der Universität des Saarlandes vor dem Aus! Zwei Petitionen wollen für den Erhalt kämpfen. Die Vor- und Frühgeschichte und die Klassische Archäologie bitten beide um Unterzeichnung und Verbreitung:

Zur Petition der Klassischen Archäologie geht es hier.

Zur Petition der Vor- und Frühgeschichte geht es hier.

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2014 has been a busy year…. thanks for reading!

I have been publishing at Language of Things for a good 18 months now – a year and a half. I´ts been busy and it´s been a challenge to find new themes, to get the background to write on some of them, and others have been on my mind for a long time, just waiting to be written down. In 2015, there are some changes that are likely to come. Changes in my professional life, if I´m lucky. My desk is full of application forms and I will be sending them soon. I will be present at re:publica in May 2015 in Berlin and still thinking if I should propose as a speaker or if I will merely listen….

So, there´s much to come and I will be happy to share it with you. Readers came from all over the world to this blog, from 74 countries if WordPress doesnt lie….

Thanks to everybody for reading, posting, commenting, inviting. I have met some fabulous people in this year thanks to this blog and I hope that this will stay that way! The most spectacular outcome has surely been my participation at Doug Rocks-MacQueen & Chris Webster´s e-Book “Blogging Archaeology”, which may be downloaded here:

https://dougsarchaeology.wordpress.com/2013/11/05/blogging-archaeology/

I am so proud to have been part of this! Thanks to everyone!


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Kurz in eigener Sache: Pressemeldung der DGUF zum Thema Archäologie in NRW

Über folgenden Link bei Archäologie Online kann man einsehen, was die Gesetzesänderung in NRW vor einem Jahr bewirkt hat. Welche Probleme sind aufgetreten? Wo ist wohl gemeintes Ändern-Wollen bestehender Probleme in nun noch problematischere Zustände umgeschlagen? Ich kann sowohl die Lang- als auch die Kurzfassung des Artikels, der die Auswirkungen des Ganzen innerhalb eines Jahres beleuchtet, nur empfehlen.

 


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Art & Archaeology III: Das Große im Kleinen und die Fühlbarkeit des Vergangenen

Sprache der Dinge: "Scherben" Museum der Dinge

Sprache der Dinge: “Scherben” Museum der Dinge

 

Heute der nächste Teil von “Kunst & Archäologie“. In letzter Zeit bin ich auf einige Ausstellungen gestoßen, die sich auf künstlerische Art mit dem Thema “Krieg” beschäftigen. Mit Archäologie hängen diese Ausstellungen meiner Meinung nach insofern zusammen dass sie den Krieg in einer Alltagssituation wieder “heraufbeschwören”, mit fragmentarischer materieller Kultur – ähnlich der die wir bei archäologischen Projekten finden und analysieren. Materielle Kultur als Erinnerungs- und Emotionsansatz, sozusagen.

Die Ausstellung “Scherben” im Museum der Dinge ist zunächst einmal eine der wechselnden Kunstinstallationen, die das Museum als Kontrapunkt und Gegensatz zur Dauerausstellung bietet. Hier möchte ich die Ausstellung aber noch einmal getrennt betrachten, denn auch außerhalb dieses Kontextes fand ich sie aus verschiedensten Gründen faszinierend.

Scherben” (hier ein Link zur Beschreibung im berliner Tagesspiegel) besteht aus verschiedenen runden und eckigen Tischen auf denen sorgsam mit Spots beleuchtete Scherben liegen – Fundstücke aus den berliner Trümmerbergen, die wir heute als Parks und Naherholungsgebiete kennen. In völliger Stille und dunklem Ambiente. Die beiden Künstler Sonya Schönberger und Christof Zwiener haben diese Stücke dort gesucht und gefunden und nun liegen sie hier: in Reihen auf Tischen, die wie Esstische wirken. Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen: einer Präsentation von vollständigen, aber verrosteten und kaputten Objekten wie Lampen oder Schreibmaschinen, im Verband mit einem Foto aus den späten 1940er Jahren: Menschen schauen sich Porzellangeschirr an, das in einem provisorischen Laden in einer Ruine verkauft wird.

Der zweite Teil besteht aus den genannten Scherben in Reih und Glied, deren ruhige, dunkle Präsentation in völliger Stille mich in den Bann zog. Während die vollständigen Objekte in einem hellen Kontext auf weißem Stoff wie ganz besondere, ausgewählte Dinge dargeboten werden und viel Licht auf sie fällt, sind die einzelnen Scherben auf den Tischen in ihrer Masse gefangen – gleichzeitig ist jede besonders, denn die Reihung gibt jeder ihren eigenen Platz. Es ihre Fragmentierung, die den Effekt des Fehlens hervorruft – als hätten hier Menschen Dinge verlassen. Die Präsentation auf Esstischen wirkt, als wäre das Geschirr nur zerschlagen worden, aber diese Dinge hatten einmal ein Heim. Sie gehörten zum Alltag, sie wurden vermutlich oft benutzt – jetzt sind sie nur noch Scherben.

Ganz ähnlich mit der Ausstellung “ausgegraben” von derkleinenfraubraun: auch hier werden Dinge, Objekte, Fragmente, als Stellvertreter der Ganzen angenommen. Ihre Berührbarkeit, ihre noch heute mögliche Zugänglichkeit und Erreichbarkeit machen das Fremde, Vergangene greifbar. So wie bei “Scherben” die Objekte von noch heute frei zugänglichen Arealen stammen, sind die Knöpfe von derkleinenfraubraun auf allen Flohmärkten such- und erwerbbar. Ganz im Unterschied zur Archäologie, deren Objekte, auch fragmentarisch, in den Museen und Archiven verschwinden, und deren Sammeln durch Nicht-Archäologen als negativ betrachtet wird  (hier ein wunderbarer Artikel von Jutta Zerres bei Archaeologik hierzu, oder auch ein recht frischer Artikel von Raimund Karl: “Unseres? Deins? Meins?”). Hier, in diesem Kontext der neueren und neuesten Geschichte, sind Archäologie und Emotion ganz öffentlich verbunden. Objekte sind zugänglich, sie stehen für Menschen, die uns selbst noch zeitlich nah stehen, deren Zeit wir zu kennen und zu verstehen glauben. Tun wir das wirklich?

Und genau hier liegt für mich eben doch der Bezug zur Archäologie. Zwar betrachten wir als Archäologen Scherben und Fragmente zunächst einmal als wissenschaftliche Objekte, die uns Informationen über Herstellung, Kontext, Nutzung geben können. Und Objekte mit mehren hundert oder gar tausend Jahren Alter betrachten wir anders als Scherben, die wir in einem Park finden können und deren Alter sicher nicht mehr als 50-60 Jahre beträgt. Warum eigentlich? Auch diese Frage stellt sich hier, ganz im Verbund mit Fragen zur Abgrenzung von Archäologie und Ethnologie. Wann ist etwas archäologisch? Wann ist es bewahrenswert? Wann ist es sammelnswert? Ab wann ist etwas “Wissenschaft”?

Aber was in der Archäologie sehr selten zum Zuge kommt und doch die Faszination unserer Arbeit ausmacht ist ja dieses: dass all diese Scherben aus den Grabungen und Begehungen eben AUCH von Menschen gemacht wurden. Ihr Kontext, soweit wir ihn erfahren können, macht sie zu Zeugen einer Epoche. Und genau das ist auch das Anliegen der Künstler: materielle Fragmente der Vergangenheit als Zeugen und Emotions-/ Denk-Trigger. Aber eben nicht nur das: sie stehen auch ganz konkret immer für Personen. Unbekannte, die sie hergestellt haben und deren Leben und Fühlen uns fremd ist und bleiben wird. Die schiere Masse der Objekte in den archäologischen Labors, v.a. bei Scherben oder Steinabschlägen, lässt uns das häufig vergessen. Wir denken an Analysen, Chemie, Alter, Dekoration, wir denken an unterliegende Symbolsysteme. Trotzdem sind sie von Menschen gemacht, die bei der Herstellung in einem Kontext lebten, der uns verborgen bleibt. Ihre Gedanken und Gefühle sind für uns nicht mehr nachvollziehbar.

Und: die Scherben, die wir als Archäologen bearbeiten, werden so gut wie nie ausgestellt. Warum eigentlich nicht? Archäologische Museen zeigen ganze Gefäße, nicht das Klein-Klein der Analyse. Bei “Scherben” und “ausgegraben” bekommen Fragmente eine Plattform, ein Gesicht, und ihre Fragmentierung zeigt vor allem eines: welche Masse von Objekten da aus der Vergangenheit auf uns kommt. Und wieviel Persönlichkeit diese Dinge und Fragmente besitzen. Die hier beschriebenen Ausstellungen öffnen die Augen für die Frage nach der Persönlichkeit der Dinge, nach ihrer Beziehung zu uns und nach unseren Gefühlen die mit diesen Dingen bewusst oder unbewusst verbunden sind. Genau das, was archäologische Materialien auch mit uns tun. Der Bezug zum Krieg macht es nur noch eindringlicher, weil Tod und Zerstörung, uns bekanntes Leid damit verbunden sind. Die Emotionen, die diese Stellvertreter-Dinge da aufwühlen sind dann noch eimal intensiver und machen den Blick noch schärfer für die fühlbare Relevanz der Dinge.

ENGLISH VERSION

Today the next part of „Art & Archaeology“ is due! In the last months I have encountered different expositions that have been artistically related to the theme of “war and remembrance” – the link to archaeology came through the connection to material culture and its representation in the fragments – as related to the fragmentary material culture encountered by archaeologists.

The exposition “Sherds” at the Museum of Things was one of the alternating artistic expositions that frame the permanent exposition of the museum and serve as a counterpoint and contrast to it. In this article I would like to regard this temporary exposition in its own regard, because it was fascinating on its own.

Shards“ (see the link to the exposition in a Berlin newspaper here) consisted of multiple tables, equipped with meticulously aligned spots that shine on the shards that have been laid out on the tables. Shards that come from the various “mountains of debris” (“Trümmerberge”) that can be found all over Berlin, dating from the late 1940ies and 1950ies when big parts of the city lied in ruins and all the detritus that couldn’t be used in any other way was transported away from the rebuilding areas to form real mountains in different parts of the central Berlin neighborhoods. Most of these mountains have now been converted into parks and are presently covered by woods and shrubs, and are used as recreation areas.

The artists Sonya Schönberger and Christoph Zwiener have walked these mountains, gathering shards and objects from the war time not unlike an archaeological survey. The exposition consists of two parts: one is the exhibition of broken fragments of china and ceramic, the other one is the presentation of still whole but completely corroded objects like lamps or typewriters. These objects are related to a photo behind them, showing people looking at china and everyday objects in a provisory shop that has been set up between ruins of buildings and mountains of debris.

The encountered fragments have been assembled on the tables at dark areas at the museum, and are presented in a quiet, peaceful way. The objects are lined up but not ordered in any recognizable way. The light resembles the warm shine of kitchen lamps, shining onto a family dinner table at a harmonious evening. And there they are: the fragments, presented in a formal, orderly way. They lay in the quiet light, silence surrounds them. The completed objects were presented on white linen, rather as jewels than like corroded waste, surrounded by a strong white light. The shards are quite the opposite: enclosed in their multitude, not one is able to stand out. And at the same time each one is unique because not one is like the other. It´s their fragmentation that creates an idea of absence: as if people had just left these tables and objects behind. The presentation on regular dining tables evokes thought of abandonment, too: china has been broken, but these plates and cups once had a home. They belonged to someone, they were used frequently – but now they are only fragments.

A similar exposition was presented at Gallery Kurt im Hirsch at Berlin-Prenzlauer Berg: „Excavated“ („Ausgegraben“) by diekleinefraubraun. Here, too, Things, Objects, Fragments, serve as representations of a whole. The artist shows photos of ordinary people, men, women, children, from the 1st and 2nd World War as well as from the war in former Jugoslavia in the 1990ies. These are combined with real buttons, the same as can be seen on the clothing of the people in the photos. The buttons are acquired on flee markets and serve as a possibility to touch the Past, feel it, make the alien, the Past tangible again. Just like „Shards“ they come from areas that are freely accesible today, they can be acquired or found everywhere with a bit of luck.

And that’s were the connection to archaeology chimes in: as archaeologists we see shards and fragments as scientific objects that can answer our questions on production, context, use. And objects that have 100 or even several 1000 years of antiquity are seen differently than objects that are just 50 or 60 years old. But why is that so? What´s the difference between these two groups of fragments? Which is the point when something gets “archaeological”? When is it worth collecting and preserving? When is something “scientific”?

Apart from these questions there is another point that seems to me worth mentioning: the fascination of archaeology with past objects. All the fragments encountered by us during survey, excavation or in the depots of museums have been made by men and women of the past. Their context, as far as its known to us, makes them a testimony of their time – and this is just the point that Schönberger and Zwiener are trying to get across, too: objects as reminders, objects as representants of past times, as emotional triggers.

In archaeology, objects found in archaeological investigations disappear into museum deposits and their collection by non-archaeologists is regards rather negatively by the scientific community (have a look at an excellent article by Jutta Zerres on this or in an interesting new article by Raimund Karl: “Ours? Yours? Mine? To whom do archaeological finds belong?” ). In the context of these expositions the scientific connection has been erased. The objects serve as emotional reminders, the represent people that we think we know – but do we know them? Is this not rather an idea that we entertain, instead of a real fact? World War II – this seems so near to us, just some 70 years away. But the fragments remind us that this time is also an alien period to us, just like the rather “alien” past of remote times.

And there is something quite intriguing to these objects: they are testimonies of their makers and users. They represent people that once touched these objects, unknown persons whose lives and work will always remain alien to us. The sheer mass of objects in the archaeological laboratory, especially when it comes to ceramics and lithics, makes us forget that they had a relation to actual people. We think of analysis, categories, chemistry, age, decoration. But they were made by persons that lived in a context that remains unknown to us.

And: the shards that we work on, are almost never on expositions. Museums show whole pots, not the pettiness of archaeological everyday work. In these expositions fragments are being shown in their own regard and their fragmentation represents the masses of things that are coming to us from a remote past. And the personality of these things. The expositions I wrote about open our eyes to questions on the personality of material things, their relation to us then and now and on our emotions that are related consciously or unconsciously with them. The objects or fragments presented in the exposition trigger questions and emotions that archaeological fragments do, too. It´s just the link to War that makes these fragments even more emotional and intriguing because we associate Death and Destruction with them, mirrored in the seemingly innocent everyday objects. The emotions that the contrast between the things and their context stirs up is even more intense and sharpen our view on the relevance of things.

Dank an Kleine Frau Braun für das Zur-Verfügung-Stellen der offiziellen Photos ihrer Ausstellung!

 


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It’s the Content, Stupid

It seems that I will have to be eternally thankful to Doug for putting thoughts into words. Words that couldn´t be any clearer or more logical. Doug, you´re absolutely right and I loved your example with cuneiform tablets!
It´s the Content, Stupid.

Doug's Archaeology

Conversations 5,ooo miles apart have converged in the last few days to lead me to scream at the top of my lungs, it’s the content, stupid.

Bill, on his blog, was summing up the SAA conference, which took place last week, and in his post he mentioned something that caught my attention.

“Archaeology blogging is in a maturation phase that will take a while to sort out. The archaeology blogosphere has exploded in the last five years to the point that long-time archaeology bloggers can barely keep up with all the new content. Blog posts are increasingly cited in books and archaeology articles, another indicator of their increasing legitimacy and presence. We all need to “chive on” while we wait for academia and CRM to slowly recognize the power of blogging and the value it adds to archaeological practice.

I added the emphasis because I think this was part…

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Blogging archaeology, ed. by Doug Rocks-Macqueen & Chris Webster

Cover Image

In the last few weeks this blog has been a little bit quieter than usual and now the reason for this can be seen on the net: blogging archaeology is out!

Thanks to Dougs and Chris´ invitation I wrote an article called “Why archaeological blogging matters: personal experiences from Central Europe and South America” for their online publication “Blogging Archaeology”, based on an earlier draft on “What are the goals of archaeological blogging?“. The book has been presented officially on Saturday at the session “Archaeological Blogging” at the SAA in Austin, Texas. It consists of different contributions, from rather scholarly papers to personal experiences, but what unites us is the belief that blogging archaeology, in all its different versions, is relevant to our discipline, the public and to all of us who wish to promote archaeology to an ever wider audience, using the web and social media.
I am very proud to be part of this publication and invite all of you to read it, there are a lot of blogs to be checked out and to be followed! Thanks to our editors Doug Rocks-Macqueen and Chris Webster, who made this possible!

The book has been published under the common license and can be copied and cited freely. Please do so and feel free to publish the link on your own websites and blogs.

Blogging Archaeology (Full PDF Version)

or on Issuu: http://issuu.com/digtechllc/docs/2014_blogging_archaeology_ebook/3?e=8289633/7618852 (thanks to Chris Webster).