Sprache der Dinge – Language of Things

Materialität, Realität und Konfliktivität in Museologie, Archäologie und anderen dinglichen Wissenschaften / Materiality, reality and conflictivity in museology, archaeology and other material sciences


Leave a comment

MOOC & Archäologie? Ja! aber…. / MOOC´s and Archaeology? Yes! but….

Vor einiger Zeit begann ich auf Coursera einen Kurs zum Thema Universal Heritage. Da lagen schon mehrere gute Kurse zum Thema Vorgeschichte, Museum etc. hinter mir: Natürlich Archaeologys Dirty Little Secrets der unglaublichen Sue Alcock der Brown University und die MOMA-Moocs “Art & Inquiry. Museum Teaching Strategies for your Classroom” , zum Beispiel.

Recovering the Humankind´s Past and Saving the Universal Heritage” wurde von der Sapienza Universität Rom angeboten und versprach eine Einführung zum Thema Heritage und Archäologie in der heutigen Zeit sowie das Erlernen digitaler Techniken in Forschung und Bewahrung archäologischer Funde. Das klang mehr als verlockend, denn geht es nicht darum, uns als Wissenschaft neu zu positionieren, eine Stellungnahme anzubieten zum Thema Geschichte, Vorgeschichte, Relevanz? Und das alles in einem MOOC! Großartig. Ich war dabei. Und dachte an Themen wie Indigene Archäologien, Heritage für alle, das Zugangs- und Bestimmungsrecht über Geschichte und die Debatten darüber, was Heritage sein sollte und wo die Grenzen liegen – sei es in Deutschland wie im Fall der dresdner Brücke oder vielleicht in Lateinamerika wo Heritage auch eine Frage von Abstammung und Recht ist.

Leider stellte sich bereits sehr schnell heraus, dass es hier nicht um die brennenden Eisen der Geschichtswissenschaften gehen würde. Ein älterer Professor brachte statisch sitzend und besonders langsam sprechend sowie unterlegt mit powerpointartigen Photos echte Gemeinplätze zum Thema Heritage vor. Schon die Einführungswoche mit dem Thema Was ist Archäologie, wo kommt sie her etc. zeigte, dass ich meine wenige Zeit eventuell doch anders verbringen sollte als mit diesem Seminar. Denn in diesem Kurs kamen gleich am Anfang Aussagen wie diese: “Archäologische Objekte können nie eine Aussage an sich sein”. Ach, tatsächlich? Objekte sind also stumme Zeugen, denen nur der Archäologe etwas entlocken kann? Ich glaube, ich habe die letzten Jahre einfach die falschen Bücher zum Thema Materialität gelesen. Dass Objekte und Materialität ein ganz eigenes, mit dem unseren verwobenes “Leben” haben – ich dachte, DAS wäre mittlerweile ein Gemeinplatz. Ist es aber wohl nicht. Deshalb möchte ich hier noch einmal Leseempfehlungen aussprechen:

Hahn, H.-P., 2014: Materielle Kultur. Eine Einführung. Reimer Verlag.

Hodder, I., 2012: Entangled. (Habe hier drüber geschrieben.)

Hodder, I. (Hrsg), 2011: The Meanings of Things.Material culture and symbolic expression. Revised edition. Routledge.

Oder, wenn es ganz schnell gehen soll, gerne auch nur die wenigen Seiten in der letzten Auflage von Eggerts “Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden.”, 2012, Seite 305 – 318.

Wer Materielle Kultur als schweigendes Zeugnis ansieht, bei dem kann auch Heritage und all die komplexen Fragen hierbei nicht wirklich schwierig vorkommen. Logisch, oder? Da restauriert man und gibt es zurück an die Menschheit. Fertig ist die Laube! (Entschuldigung, ich verkürze und pointiere natürlich.)

Ganz ähnlich, aber auch ganz anders erging es mir mit dem MOOC zu Paläoanthropologie, der schick gemacht und sehr spannend war. Reisen nach Südafrika, in Labore, viele Interviews mit Forschern zum Thema und besonders wichtig, wie ich fand: WARUM machen diese Menschen, diese Forscher, das? Warum haben sie sich dafür entschieden, wie sind sie dazu gekommen und warum sind sie dabei geblieben? Brennende Fragen, denn sie rühren ja an das Grundthema von Wissenschaft: Warum mache ich das? Warum nehme ich viel Arbeit, und ja, auch Entbehrungen auf mich? Es war sehr spannend, Intervierws dazu zu hören. Mit Wissenschaftlern, mit Studierenden.

Wie sich in den Interviews herausstellte, war der Abenteuerfaktor ein großes Thema. Dass es so toll wäre, rund um die Welt zu reisen und spannende Dinge zu tun. Und ich bin mir ganz sicher, dass das für uns alle ein großer Faktor ist. Aber es gibt auch andere Gründe. Gründe, die unsere Forschung für viele Menschen zu einem Thema machen (können). Gerade bei der Erforschung der ersten Menschen steckt soviel drin! Hier kam es leider sehr wenig zur Sprache, bzw. es wurde wenig nachgefragt und hinterfragt. Ebenso wie das möglicherweise kontroverse Thema „Nordamerikanische Forschung in einem afrikanischen Land“. Interviewt wurden nämlich fast ausschließlich weiße, nordamerikanische Forscher. Die dann in Südafrika eine Forschung durchführen. Also, selbst als Laie würde ich sagen, da steckt einiges an Konfliktpotential drin, selbst wenn man mal Themen wie Kreationismus und Bibelgläubigkeit oder Koranfestigkeit außer acht lässt, die sicher auch kontroverse Debatten zum Thema „Hominiden“ bieten.

Ich war doch erstaunt war, dass diese Themen komplett ausgespart wurden. Das war allerdings auch schon bei ADLS aufgefallen und ich frage mich: lassen die Universitäten hier Themen aus? Gibt es Themen, die ausgespart werden, weil sie zu kontrovers sind? Oder ist es eine Art Selbstzensur der beteiligten Wissenschaftler? Wer als Forscher*in in Ägypten, Jordanien, der Karibik zu tun hat, dem glaube ich nicht, dass da keine Erfahrungen sind. Und Meinungen. Diskurse.

Und darum finde ich mittlerweile: MOOCs und Archäologie – unbedingt. Bitte! Viel davon, in verschiedensten Facetten! Aber bitte, nicht die schwierigen, kontroversen Fragen aussparen. Finanzierungen, Streits um Deutungshoheit, all das sollte auch mal vorkommen dürfen. Hier möchte ich ganz deutlich sagen, dass ich es immer wieder und immer noch sehr wichtig finde, dass wir auch diese Themen, die sich ja aus unserer Geschichte und Forschungsgeschichte ergeben, auch angehen. Dass wir sie erwähnen und die momentan dazu im Raum stehenden kontroversen Ideen erklären und weiterführen. Das ist unangenehm und es kann sehr sehr anstrengend sein – gerade wenn die Gegenseite, Laien, indigene Gruppen, werauchimmer, darauf auch kontrovers antworten und tatsächlich eine MEINUNG zu unserer Forschung haben. Aber genau darum geht es: um Kommunikation. Und das ist keine Einbahnstraße.

MOOCs zum Thema Archäologie und angrenzenden Gebieten in den letzten 12-15 Monaten:

Sapienza University of Rome on Coursera: Recovering the Humankind´s Past and Saving the Universal Heritage

University of Buckingham on Iversity: Stonehenge.

ZEIT-Akademie: Archäologie

University of Wisconsin on Coursera: Human Evolution: Past and Future.

Brown University on Coursera: Archaeology´s Dirty Little Secrets

 ENGLISH VERSION

Some time ago, I started a course on the topic of Universal Heritage at Coursera. This was at a point when  I had already passed through several good MOOCs on the topic of prehistory, museums and archaeology.: of course Archaeologys Dirty Little Secrets of the incredible Sue Alcock of Brown University, and the MOMA-Moocs “Art & Inquiry. Museum Teaching Strategien for your classroom”.

This specific MOOC, “Recovering the Humankind´s Past and Saving the Universal Heritage”, was presented by the Sapienza University of Rome and promsied to be an introduction on the topic of Heritage and Archaeology in modern times as well as tools for learning digital techniques in the investigation and preservation of archaeological finds. That sounded very promising. All these topics together in one MOOC: Heritage, preservation, techniques, prehistory. What came to my mind was: Indigenous Archaeology, Heritage for everybody, the access and interpretation of Prehistory and the debates about what heritage exactly is and what it could or should be. And what its limits are – be it in Germany in the case of the bridge in Dresden or maybe in Latinamerica where Heritage includes questions of descendance and birthright.

Unfortunately, I never made it to the “technical” section of the MOOC because the first sessions started with an introduction held by an elderly professor who stated, slowly speaking and with a background of powerpoint-y photos such common place enunciations about arcaheology and heritage that I decided to leave it right there. Because of phrases like: “Archaeological objects can never be a statement in themselves”. Oh, really? Objects are silent witnesses, then, and only an archaeologist might get something out of them? It seems that I´ve read the wrong books on materiality lately. That objects and materiality lead their own life, intertwined with ours, I thought that would be common place. Seems, it is not. And who sees material culture as silent witness, perceives heritage and all the complex issues associated with it as one simple thing: restaure it (HOW? WHY?), give it back (To WHOM?) – and that´s it! (I am sorry, I really DO abbreviate here.).

Similarly, although in a different way, was the experience with the MOOC on Paleoanthropology, offered by the University of Wisconsin, that was very well made and included a wide range of fascinating topics. Travelling to South Africa, visits to excavations, interviews with actual paleoanthropologists! Information on the evolution of humans! Laboratory time! And, what impressed me most was: the MOOC put an emphasis on personal experiences. Why do all these people work as paleoanthropologists? What lead them to choose this career? Why did they go on? Arduent questions because they touch the bases of scientific research: Why do I do this? Why do I spend so much time and energy on it? It was absolutely fascinating to go through these interviews with scientists and students. In the end, it turned out that the “adventure factor” was a major topic for all of them. That it´s so great to travel round the wourld and do exciting, adventurous things. And I am sure that this is a major thing for all of us. But there area other reasons as well. Reasons that (can) make our investigation a relevant topic to many other people. And the evolution of humanity is such a fascinating topic! But I would have been happy to see other subjects covered as well.

In all these interviews, as in all other MOOCs as well, controversial topics were ignored. This focus on rather “pleasant” topics in a MOOC has been present in every single one of them. Controversial subjects are being left out completely. Is this part of the official idea of doing a MOOC? Are the universities involved or is it the scientists themselves that exclude these topics in order to create a more “harmonious” MOOC? I assume that investigators working in countries like Egypt, Jordan, South Africa or the Caribbean have some opinions on controversial archaeological subjects in their study regions?! There have to be experiences, opinions, discourses? And that is why I came to think about MOOCs and Archaeology as a complicated subject.

Archaeology & MOOCs – great! But please, don´t exclude controversial topics. Let´s be more open about the subjects that concern scientists and other people alike. Let´s face difficult questions on participation as well, not only the nicer, more adventurous subjects. Problems of financiation, the power and access to interpretation – all these should have their own space in the MOOCs as well, among others. These topics, that accompany Archaeology for as long as it exists should have a right to appear and to be discussed in MOOCs. Especially there, because of their open and interactive online nature! Why don´t discuss the controversial ideas as well as the “harmonious” ones? Yes, this can be more unpleasant and time consuming than just talking about our latest adventure in the jungle, but it may be more fructiferous, as well. Many people have opinions on archaeology. And we can learn how to listen to them and interact. Because this is the point: communication! This is not a One-Way Road.

MOOCs on Archaeology and similar topics in the last 12-15 months, partially covered in this blog:

Sapienza University of Rome on Coursera: Recovering the Humankind´s Past and Saving the Universal Heritage

University of Buckingham on Iversity: Stonehenge.

ZEIT-Akademie: Archäologie

University of Wisconsin on Coursera: Human Evolution: Past and Future.

Brown University on Coursera: Archaeology´s Dirty Little Secrets

 

 

 

Advertisements


Leave a comment

Rezension: D. Mölders & S. Wolfram (Hrsg.) “Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie”

Der Waxmann Verlag war so freundlich mir ein Exemplar des 2014 erschienenen Sammelbandes “Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie” zuzusenden, herausgegeben von Doreen Mölders & Sabine Wolfram. Vielen Dank an den Verlag, dass Sie auch Internetpublikationen als so wertvoll betrachten dass Sie mich kontaktieren! Aufgrund von Zeitbeschränkungen und der generell unbezahlten Arbeit für diesen Blog kann ich nicht immer alles rezensieren, was mir angetragen wird, sondern beschränke mich auf die Publikationen, die es mir wirklich wert sind. So auch im Fall dieses (es sei vorab gesagt!) großartigen Buches.

Alleine der Titel klang so, dass ich mir vorstellte hier gebündelte, aktuelle Informationen zu erhalten, in einer kurzen, übersichtlichen Fassung. Genau das Richtige um während einer wissenschaftlichen Arbeit kurz nachzuschlagen, weiterführende Literatur vorgeschlagen zu bekommen und einen ersten Eindruck eines Schlüsselbegriffes mitzunehmen. Soweit meine Idee. Dass die Reihe “Tübinger Archäologische Taschenbücher“, aus der das Buch stammt, von Manfred K.H. Eggert mit herausgegeben wird war ein zusätzlicher Pluspunkt, da ich seine Arbeiten generell sehr schätze. Da ich aber keine Deutschland-zentrierte Forscherin bin, sind mir die Diskurse und Ideen der Prähistorischen Archäologie zwar bekannt, aber ich bin nie ganz up to date, da Diskurse in Lateinamerika noch einmal andere sind als hierzulande. Dazu der fachspezifische und persönliche Forschungsfokus – schon ist man in vielen Debatten nur am Rande dabei, und nur in sehr wenigen wirklich drin. Um so wichtiger ist es zu wissen wo man fundierte, kurz gehaltene Informationen bekommen kann wenn man in ein Thema tiefer einsteigen will.

Als das Buch vor mir lag war schnell klar, dass es noch viel besser war als gedacht. Alleine die Liste der Autoren für die einzelnen Schlüsselbegriffe las sich für mich wie ein Who-is-Who aktueller Themen mit denen ich in den letzten ein-zwei Jahren immer wieder zu tun hatte:

Sebastian Brather, zum Thema Ethnos. Stefan Schreiber, zum  Thema Materielle Kultur. Stefanie Samida, Manfred K.H. Eggert, Cornelius Holtorf, Miriam Senecheau, Susan Pollock, Reinhard Bernbeck und Julia Koch, um nur die zu nennen von denen ich schon Publikationen kannte und schätzte. Auch die gewählten zentralen Schlüsselbegriffe bilden einen Mikrokosmos der momentanen Debatten in der archäologischen Forschung – und damit meine ich nicht nur die deutsche, sondern auch die englischsprachige und zum Teil auch die lateinamerikanische. Vieles davon deckte sich mit Themen, die hier im Blog schon öfter auftauchten: “Archäologie und Kunst”, “Archäologie und Öffentlichkeit”, “Archäologie und Politik”. “Materielle Kultur”, “Postkoloniale Archäologie”, “Strukturalismus”, “Kulturbegriff”. “Lebensbilder”, “Landschaftsarchäologie”, “Ethnos”. Dazu die eher klassischen, von mir erwarteten: “Analogie”, “Archäologie(n)”, “Klassifikation”, “Gräberanalyse”, “Typologie”, “Weltsystem”, “Stratigraphie” und so weiter. Also wichtige, grundlegende methodische Begriffe und dazu Themen, die von vielen mitdenkenden Menschen und Wissenschaftlern dieser Tage immer wieder besprochen werden. Insgesamt eine großartige Auswahl von 57 Themen und Schlüsselbegriffen.

Jeder einzelne wird von einem, in Einzelfällen auch zwei, Autoren bearbeitet und auf 3-4 Seiten kurz vorgestellt. Am Ende stehen 3-5 essentielle Literaturvorschläge, alle weiteren finden sich in einem extensiven Literaturverzeichnis am Ende des Buches, sodass auch noch mehr weiterführende Recherchen möglich sind, wenn man das gerne möchte.

Da ich das Buch gerne zeitnah besprechen wollte, gebe ich gerne zu dass ich nicht alle Beiträge gelesen habe, sondern eher die Hälfte. Davon bezog sich ein Großteil auf Themen, die interdisziplinäre und eher konfliktive Themen betreffen (“Postkoloniale Archäologie”, “Archäologie & Medien”, etc.). Aber auch eher sehr fachspezifische wie “Typologie”,  “Zentralort” oder “Weltsystem” waren dabei. Jeder Schlüsselbegriff wird zunächst kurz (im Bezug auf die Archäologie und ihre Nachbarwissenschaften oder für sich allein) definiert, dann historisch aufgearbeitet und am Ende in einer kurzen kritischen Betrachtung zusammengefasst. Die Texte sind durchdrungen mit kritischen Bewertungen der jeweiligen forschungsgeschichtlichen Nutzung des Begriffes oder des Beziehungsgeflechtes (wenn es z.B: um Themen wie “Archäologie und …..” geht) und enthalten immer wieder weiterführende Literaturangaben zu zentralen Werken die mit dem Begriff in Beziehung stehen sowie auf andere Schlüsselbegriffe im Buch selber, sodass man kreuzlesen kann.

Obwohl ich sonst sehr kritisch bin, ist es mir schwergefallen an diesem Buch etwas Negatives zu finden. Natürlich erlaubt es die Kürze der Beiträge nicht, besonders intensive detaillierte Auseinandersetzungen mit den Begriffen anzubieten – das ist ja auch nicht das Anliegen. Manchmal wollte ich mehr wissen, mehr lesen, mehr erfahren – aber die Autor/in bot eben einen kurzen Anschnitt des Themas und kein ganzes Buch dazu. Das ist auch gut so, denn meine Zeit erlaubt es eigentlich nicht zu jedem Begriff ein ganzes Buch zu lesen. 3-4 Seiten sind dagegen perfekt! Was mich an manchen Stellen etwas störte war die Konzentration von Leseempfehlungen auf Publikationen des Autors selber. Allerdings kam dies nur selten vor und konnte durch Blättern im Literaturverzeichnis am Ende auch umgangen werden – immerhin werden dort alle genannten Publikationen noch einmal aufgelistet.

Ein weiterer positiver Punkt für mich war die Bezugnahme auf Schlüsselbegriffe der englischsprachigen Archäologie, die mittlerweile auch nach Deutschland hinübergreifen. In vielen Texten kamen auch die englischen Schlüsselbegriffe vor, sodass ein schneller Einblick in diese Debatten ebenfalls möglich ist.

Prinzipiell ist es also ein großartiges Buch, das viele Themen aufgreift die absolut notwendig sind und den Blick schärft für ihre historische Entstehungsgeschichte und Zusammenhänge mit politischen, sozialen oder interdisziplinären Gegebenheiten. Gleichzeitig ist es ein Grundlagenbuch das jedem Studenten der Archäologie eine kurze Einführung in essentielle Begriffe des Faches anbietet, ohne dabei langatmig oder verschwurbelt daher zu kommen. Kurze Erklärung, kurzer Kontext, kurze Zusammenfassung + Literatur. Punkt. Und daher anders als die anderen Einführungswerke in die Prähistorische Archäologie der letzten 15 Jahre, die ich zwar auch mag, aber die eben genau dieses Kurze meist nicht bieten. Oder die zwar eine Einführung bieten, aber interdisziplinäre Themen rauslassen oder nur kurz angehen. Gerade diese finde ich aber immens wichtig weil sie die Lebenswirklichkeit des Faches mitbestimmen. Insofern finde ich gerade die Zusammenstellung der Themen immens wichtig und genau richtig. Wir müssen wissen was eine Typologie ist, aber wir sollten uns auch mit dem Thema “Archäologie und Medien” befasst haben – wenigstens am Rande! Diese Mischung von fachinternen Begriffen und in die Gesellschaft hinüberreichenden Themen ist es, die dieses Buch für mich absolut herausragen lässt.

Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie

Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie


Leave a comment

Spezialisierung vs. Allrounder oder: Europa vs. Südamerika // Specialization vs. Allrounder or: Europe vs. South America

Immer öfter sehe ich im Fernsehen Reportagen, die uns Archäologen zeigen, wie wir – medial gesehen – GANZ neue Forschungsmethoden anwenden. Man sieht Archäologen beim Satellitenbild auswerten, beim DNA-Erforschen, beim Zeichnen von Keramik mittels Computern.  Auch der Coursera-Kurs von dem neulich die Rede war, zeigt wieviele Spezialisten natürlich in einem Projekt zusammenarbeiten und welche Arbeiten man auslagert um möglichst gute Ergebnisse zu erhalten: sämtliche Analysen (Keramik, Stein, Knochen), viele statistische Arbeiten, nicht-invasive geologische Forschungen, etc. Es gibt sehr viele Spezialisten, die nötig sind um eine archäologische Arbeit aus möglichst vielen Blickwinkeln zu betrachten und zu interpretieren. Soweit – sogut, nur: dieses Bild stimmt nur für einen kleineren Teil der archäologischen Welt. Und zwar für Europa und Nordamerika und vielleicht noch für Gebiete die seit Jahrhunderten erforscht werden, wie etwa Ägypten.

Meine eigene Erfahrung ist jedoch völlig diametral zu diesen. Obwohl ich in Deutschland studiert habe, konnte mein Orchideenfach mir kaum praktische Archäologiekenntnisse vermitteln. Dazu musste ich mich im Nebenfach in die Ur- und Frühgeschichte einschreiben, wo ich aus Zeitgründen weniger Kurse belegen konnte als ich gewollt hätte. Meine praktische Erfahrung stammt aus Bolivien, wo ich in verschiedenen Projekten Grabungs- und Analyseerfahrung sammelte.

Und dort gelten völlig andere Regeln. In gut 90 % der dortigen Projekte ist man als Archäologe für Prospektion, Grabung und Analyse der Keramik zuständig. Möglichst auch noch für die Steinartefakte. Lediglich Knochen (tierische und menschliche) werden durch Spezialisten analysiert – wenn man sich die Dienste leisten kann und vorausgesetzt, der Einzige im Land Verfügbare hat Zeit. Zeichnungen und geographische Karten werden ebenfalls vom zuständigen Archäologen erstellt, eventuell (mit etwas Glück) unter Mitarbeit der geographischen Fakultät einer Universität. Luftbilder werden ebenfalls von ihm ausgewertet.

Als ich begonnen habe, in diesen bolivianischen Projekten auch größere Aufgaben zu übernehmen oder schließlich eigene Projekte zu leiten, gab es weder finanzielle noch personelle Kapazitäten um Aufgaben auszulagern. Von der Planung bis zur Keramikanalyse und dem Zeichnen und Fotografieren für die Publikation wurde alles durch eine Hand ausgeführt. Natürlich bleiben dabei viele spezielle Wissensmöglichkeiten auf der Strecke. Oft wählen wir beschreibende Methoden, um nicht durch falsche Analysen das Interpretationsbild zu verzerren. So habe ich seit Jahren einen beschreibenden Ansatz in der Keramikanalyse gewählt, da die Analyse mit einer Lupe mit 10 X und wenigen geologischen Kenntnissen dazu führt, dass man möglichst gut beschreiben sollte – um dann ausgewählte Stücke vielleicht zum Dünnschliff z.B. nach Argentinien weiterzuleiten (was ein größeres bürokratisches Vorgehen verlangt), sofern das möglich ist. Da man aber bis dahin auch publizieren und kommunizieren muss, beschränke ich mich auf beschreibende Ansätze. “Weiße weiche Einschlüsse” hilft da mehr als die selbst verzapfte Aussage “Quarzeinschlüsse” wenn man sich nicht sicher ist.

Wir beschränken uns auch bei der Beschreibung von Steinartefakten auf sichtbare Merkmale, da von einer Analyse von Mikrospuren noch nicht einmal ansatzweise ausgegangen werden kann und eine solche Analyse auch nicht viel Sinn machen würde, wenn man noch nicht mal weiß was in 50 Kilometer Entfernung an Steinartefakten vorliegt. Unsere Publikationen bilden das ab, was man als “Grundlagenforschung” beschreiben könnte. Wir betreten Gebiete, die noch nie einen Archäologen gesehen haben. Das hat auch Vorteile – man sieht manchmal unglaubliche Dinge und Funde. Und die Nachteile: wir sind darauf angewiesen, selber soviel wie möglich machen zu können. Denn Zeit, Geld und Personal lassen es gar nicht zu, dass man einige der anliegenden Aufgaben abgibt.

Heute werden auch in Südamerika viele neue Labore gebaut, die sich ausschließlich etwa mit der Analyse von Steinartefakten beschäftigen. Ist schön, sieht super aus und die Studenten finden es spektakulär. Aber: ist das wirklich sinnvoll? Wenn 80 % eines Landes noch nicht einmal ansatzweise archäologisch dokumentiert sind? Wäre es nicht wichtiger, rauszugehen und zu forschen? Zu prospektieren, zu sondieren, zu graben. Zu analysieren und zu publizieren. Die Mikroanalyse der 50 Steinabschläge aus Fundort XY? Bringen vielleicht interessante Ideen zum Gebrauch der Artefakte an diesem einen Ort. Der sehr wahrscheinlich als erforschter “Leuchtturm” in einem 1000 Kilometer-Umkreis steht. Besser wäre es doch eventuell, diese Ressourcen in flächendeckende Forschung zu stecken, bevor die umliegenden Fundorte weggepflügt sind oder unter der neuen Straße verschwinden.

Europa ist, wie es Manfred Eggert einmal sagte “so gut erforscht, dass nur noch quantitative Sprünge, aber keine qualitativen mehr zu erwarten sind“. Da ist eine Spezialisierung logische Folge, denn sie weitet das Untersuchungsgebiet aus. Schade ist aber, dass die Medien dies darstellen als wäre es die generelle archäologische Realität – es ist aber nur eine Momentaufnahme eines kleinen Teiles der archäologischen Welt.

English Version

Increasingly, there are documentals on TV that show an archaeological reality that uses (at last in the media´s view) completely new methods of investigation. I have seen archaeologists studying aerial photographs, I have seen them “deciphering the DNA” of Oetzi, I have seen them drawing ceramic sherds with and on laptops. At the Coursera course that I have recently presented there has been special emphasis on the team work that archaeologists do. How necessary it is to include a lot of specialists: on bones, on ceramics, on lithics, on flotation, for statistical works, for non invasive geological investigation etc. There are so many specialists that are necessary to get an archaeological investigation going and, over all, going on successfully. This may be true – but only for a certain part of the archaeological world: for Europe, North America and maybe some of the regions of the world which have a long term history of archaeological investigation, such as Egypt.

But my own experience is so far from this, so diametrally opposed that I wanted to write about it, at least here. Although I studied in Germany, my field of study didn´t offer any practical archaeological skills, so I had to inscribe to courses from other studies. Anyway, I spent my vacations mostly in Bolivia, where I was gathering practical experiences on excavation and analysis in archaeological projects. And the rules were completely different from the ones I learned at my university in central Europe. As an archaeologist, you are responsible for the survey, excavation and analysis of ceramic and (if possible) lithic material. Only bones are an exception to the rule and are submitted to specialists for their analysis. But this applies only if you have enough funds to pay some specialist for this analysis or if the only specialist available in the country has time to do it. You do all the drawings and most of the maps, if you are lucky there is some faculty of Geography involved in the project so you may get assistance on that field. The analysis of aerial photo is also the duty of the archaeologist and not of some external specialist.

So when I began to participate in these bolivian projects on a larger scale and, at last, to direct my own projects, there were no resources to rely on, there were no funds to get specialists involved. From planning the project to getting the ceramics analyzed, from photographing the finds to drawing finds for publication – it was all done by one person. Logically, you will only get somewhat fragmentary results this way. The specialists knowledge can never be replaced!  And so we select more descriptive methods in order to avoid wrong itnerpretations. This is in my case especially true for ceramic analysis, because the analysis of sherds with a 10 % augmented device and limited geological knowledge is not comparable to a thin section done by a specialist. This will maybe be done in our case if we get the funds and the permits to ship some sherds to Argentina. But you have to be able to communicate your finds and even publish them before it ever comes to sending this samples, so a sentence like: ”the sherd has white smooth inclusions” is more helpful than bloating out about Quarz inclusiosns when maybe they could also be – volcanic glass, p.e.

IN the case ot lithic artifacts we remit ourselves to a mere description and documentation because a micro analysis is completely out of thinking. And what would be the sense of doing these analysis if you don´t know what you may be finding in a 50 kilometer radius? Our publications show what may be called “basic investigation”. We investigate regions that haven´t been documented before. And there are advantages and disadvantages to this. You see sometimes incredible things and this makes you feel special. But we are absolutely pressed to do as many aspects of archaeological work by ourselves as we can. Because the restrictions of time, money and people impede that you delegate parts of your work.

Today, there are many new labs being funded in South America. There may be, p.e., laboratories working especially on lithic micro wear. That’s great and the students love it. But is it really meaningful? If you have a big section of a country not even remotely known in archaeological terms, wouldn’t it be better to investigate first? Document what´s left? Wouldn’t it be important to go out and do field work instead of investigating on the microscopical scale in a lab? To publish what´s out there? If you have the micro analysis of say, 50 lithics or sherds from a particular site and you publish these data when there are no other data available for a whole region of 1000s of km² – then how relevant are these data you got from the laboratory? I aprt form the idea that it would be preferable to invest the scarce funds archaeology gets in regional investigations and afterwards go for the special analysis. And this should be done before these regions have been covered by roads and houses or the archaeological sites have been destroyed by agricultural activities.

Europe has been, as Manfred Eggert once said, “so intensily archaeologically investigated that we can only expect quantitative leaps, but no qualitative ones.” For this reason, a specialization is a logical outcome because these are the fields where we may expect new data and new ideas. But I regret the fact that this picture is the one that the media present as a overall reality. It is not – it is only the partial reproduction of the archaeological world.

 


Leave a comment

Massendinghaltung in der Archäologie: die Konferenz der TidA 2013

Foto 1Die Tagung der Theorie in der Archäologie (TidA) “Massendinghaltung in der Archäologie” wurde vom 23.-24.5.2013 im Topoi-Gebäude der FU-Berlin abgehalten und am 25.5. durch einen Besuch im Museum der Dinge ergänzt. Topoi gehört zum Exzellenzcluster und besitzt offensichtlich sogar Gadgets wie einen Topoi-Türstopper. Aber das nur am Rande und weil ich es so schön durchdesigned fand.

Die Tagung war kostenlos und sehr gut besucht; so gut, dass der gesamte Saal gefüllt war und sogar freie Plätze gesucht wurden. Einige hatten sich wohl, wie ich, spontan entschlossen, zumal eine verbindliche Anmeldung vorher nicht nötig war, wollte man nicht an optionalen Angeboten wie den Besuchen der Museumsmagazine ö.ä. teilnehmen. Das war für mich sehr praktisch und ist definitiv empfehlenswert! Leider konnte ich nur den ersten Tag wahrnehmen, was mich sehr grämt, immerhin hätte ich doch gerne die Beiträge der diskussionsfreudigen Herren Bernbeck und Raimund Karl am 24.5. gehört und auch die Ausführungen der Referent/innen zum Thema Sammlung, Computer etc., die am 24.5. anstanden. Am 23.5. ging es eher um den philosophisch-theoretischen Unterbau, ein ebenfalls sehr spannendes Thema.

Kurz vorweg gesagt: obwohl ich in meiner Arbeit seit längerem mit den Begriffen der “Materiellen Kultur” arbeite und bislang kontextbasierte Umgangsformen mit Dingen als Interpretationsansatz favorisiere und damit eher einer poststrukturalistischen Idee folge, hatte ich mich bislang nicht sehr eingehend mit dem theoretischen Unterbau dieser Konzepte befasst. Wie man materielle Kultur ausbuchstabiert, wie man sie definiert, wie man die Beziehung zwischen Mensch und Ding definiert und interpretiert und welche Implikationen das hat – das waren für mich neue Fragen, die sich mir erst bei der Durchsicht einiger vorbereitender Texte zur Tagung stellten. Die Einführung von Dan Hicks “The material-cultural turn” war mir sehr hilfreich um einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung dieser Diskussion zu bekommen, und auch einige kürzere Texte der avisierten Vortragenden gaben mir ein Grundgerüst über die hauptsächliche Literatur und die laufenden Diskussionen (Literaturverweise s.u.!).

Allerdings hatte ich bei der ersten Durchsicht des Tagungsprogramms eher gedacht, es ginge um die Problematik der Überpopulation archäologischer Sammlungen durch Dinge, Funde. Und um die Arten hiermit umzugehen, Möglichkeiten des Umgangs und der Interpretation zu finden, neue Fragen an diese Materialmengen zu stellen, eventuell auch eine Reduktion dieser Fundmassen anzugehen. Da meine Arbeiten in Lateinamerika regelmässig Tausende von Scherben umfassten, die ich alleine abarbeitete und da ich mich noch gut an den Besuch bei einer Doktorandin in Bolivien erinnere, die in einer Kammer mit mehreren tausenden Steinabschlägen sass (eine Erfahrung, die mich im dritten Semester sehr geprägt hat und eine mittlere Sinnkrise auslöste), waren diese Fragestellungen für mich sehr interessant. Trotzdem jedoch war das endgültige Tagungsprogramm dann sehr viel theoretischer und grundsätzlicher – zumindest am 23.5.13. Es ging nicht so sehr um die konkreten Ansätze eines UMGANGS mit dem Material als um Definitionsfragen und die Fragen: auf welcher Ebene und aus welchem theoretischen Blickwinkel NÄHERE ich mich dem Material?

So referierte Matthias Jung über das Konzept von Topf und Henkel anhand der Texte von Simmel “Der Henkel” und Ernst Bloch “Ein alter Topf” und damit über seine Suche nach den Vorläufern der Hermeneutik der Kultur. Seine Analyse ging dahin, dass diese frühen Texte, die sich auf verschiedene Arten mit Dingen und Materialität befassten, von der Archäologie nicht oder kaum rezeptioniert wurden – eine Aussage, der das Publikum eher widersprach.

Thomas Meier sprach über seine Kritik an der Erfahrungsperspektive, die davon ausginge dass Dinge ontologisch da seien und eine Existenz aus sich heraus besäßen und damit einen prädiskursiven Kern. Sein sehr philosophischer Vortrag traf auf einige Kritik aus dem Publikum, gerade was die Begrifflichkeit anging. Sein Hauptkritikpunkt richtete sich jedoch darauf, dass auch die heutigen Vertreter dieser Denkart wie Tilley und Latour keine logische Begründung dieser angenommen essentialistischen Materialität der Dinge lieferten. Er verband diese Gedanken mit dem westlichen Bild des Menschen und des Dinges als gegensätzliche Entitäten (verbunden mit dem Cartesischen Dualismus des res cogitans und res externa) und damit auch mit einer Kritik an der Annahme, dass Materialität auf eine bestimmte Art prämiert werde und damit der angesagte “material turn” eher ein rückwärtsgewandtes Gebilde sei, das Ideen des 19. Jahrhunderts fortschreibt.

Nach ihm sprach Stefan Schreiber über ein tatsächlich extrem kontroverses Thema: über die Annahme dass das Konzept des/der Cyborg als posthumanistischer Akteur (nach Haraway), der die Grenzen zwischen Ding, Mensch, Tier, Physikalischem und un-Physikalischem niederreißt, auch in der Archäologie Platz finden könne. Übertragen in die Ur- und Frühgeschichte und die Debatte um Materialität nutzte er diese Idee als mögliches kulturelles Gegenkonzept zur Verdinglichung und Diskriminierung vorgeschichtlicher Akteure jeder Couleur. Für ihn sinnvoll, da er diese Akteure als archäologisch nicht “vorbestimmt” und “zugeschrieben” wahrnahm, sodass die Möglichkeit bestünde alle vorgeschichtlichen Akteure als Cyborgs oder hybridisierende Darstellungen zu verstehen.

Philipp Stockhammer und sein Vortrag über Mensch-Ding-Verflechtungen näherten sich hingegen der archäologischen Realität der Funde mit einem realitätsbezogenen Ansatz: der Ansicht eines Dinges und seiner Verflechtungen (entanglements nach Hodder) mit dem Menschen anhand der Aspekte Materialität, Kontext, räumliche Verbreitung und Bedeutung und Macht. Anhand von einigen Annahmen von Latour bezüglich der Akteur-Netzwerk-Theorie und der Einbeziehung der Wandelbarkeit der Wahrnehmung der Objekte sowie der Objekte selber über die Zeit stellte der Referent dann auch die Frage nach der Wirkung dieser dinglichen Aspekte auf den Menschen und damit nach der Doppelbeziehung zwischen Mensch und Ding.

Am Nachmittag sprach dann Manfred Eggert über Objekte als Teil eines Ganzen (frei nach W.H. Riehl) und die Aura (frei nach W. Benjamin) der Originalobjekte. Vor allem die (Re-)Semiotisierung der Dinge in ihren unterschiedlichen Kontexten und die “unbegrenzte Semiose” waren Thema seines Vortrages, da sich die Dinge dem individuellen Betrachter immer wieder anders darstellen. Gleichzeitig stellte er die Frage nach der Redundanz des archäologischen Materials zumal für ihn im zentralen Mitteleuropa fast nur noch quantitative Materialzuwächse anstünden. Die Frage nach dem “Entsammeln” stellte sich. Und wurde heiß diskutiert – v.a. in den Aspekten der “Aura” des originalen und des “falschen/gefälschten”.

Schließlich sprach Hans Peter Hahn über Sammlungen als eigensinnige Orte. Seine zeitliche Verbindung der Entstehung der großen Sammlungen mit dem Aufkommen der großen Warenhäuser im 19. Jahrhundert und sein Vergleich der Behandlung der Objekte in beiden Orten stieß auf großen Diskussionsbedarf. Allerdings war sein Vergleich des Verlustes der Unmittelbarkeit der Dinge an beiden Orten überzeugend, verbunden mit einer kulturellen Definition des entsprechenden Objektes. Er sah Sammeln als tierische und menschliche Grundform und sprach ihm zu, dass Sammlungen Macht und Einfluss auf unser Weltbild haben – und als aktive Teilnehmer an der Schaffung von Weltbildern gelten können. Diese zeitlich und kontextuell wechselnden Interpretationen der Objekte stehen in Zusammenhang mit unserer eigenen Neubestimmung der Identität, wodurch Objekte (in ihrer Beziehung zum Sammler) durchaus auch eine Machtbeziehung entwickeln können. Durch die Festschreibung des “Andersseins” wird Alterität konstruiert, sodass auch ein Fremdbild kreiert wird, das wiederum mit unserem eigenen Selbstbild in Bezug steht. dies war für mich definitiv der entscheidende Part seines Vortrags, der noch einige andere Aspekte der Beziehung zwischen Sammler & Sammlung aufnahm.

Im Ganzen gesehen war es für mich so etwas wie eine Mega-Crash-Einführung in das Thema Materialität und seine theoretischen Grundlagen. Natürlich fehlte mir hier und da ein Nexus, dafür gab es sehr viel Input, Überlegungen und es hat sich einiges angesammelt, das begrifflich geklärt und nachgeschlagen sein will und Literaturverweise, die zumindest ansatzweise verfolgt werden wollen. Und ein Überblick über die Debatte über Materialität in der deutschsprachigen Archäologie.

Da meine Forschung bislang in Lateinamerika stattfand, wo eine völlig andere Fundlage herrscht als in Mitteleuropa, waren einige der angesprochenen Themen für mich fast völlig neu. Das Thema “Entsammeln” etwa – in meiner kaum erforschten Studienregion fast unglaublich, da jede neue Scherbe, jeder neue Fundort neue Aspekte und Interpretationen eröffnet. Weitere für mich spannende Schlagworte war etwa die Semiotisierung und Semiose, auch wenn diese hier in der Konferenz v.a. für den Museumsbereich angesprochen wurde.

Literatur, die ich weiterverfolgen werden:

Hodder: Entangled: an Archaeology of the relationships….

Heidrich, H.: SachKulturforschung

H.P. Hahn: Materielle Kultur u.a.

D. Miller: Der Trost der Dinge.

20130524-210904.jpg